Heilbronn - März 1945 Hinrichtung 4 deutscher Soldaten durch Standgericht

  • Werte Mitglieder und Spezialisten, nach langer Zeit habe ich wieder eine Frage:
    Am 28. März 1945 wurden in meiner Heimatstadt Heilbronn vier deutsche Soldaten in einem Waldstück ("Zabelhölzle") bei Heilbronn-Sontheim durch ein Urteil des Standgerichts Heilbronn hingerichtet.
    Dieser Fall ist in den Akten des Stadtarchivs (Kriegsgräber/Friedhofsdokumente) zu finden. Eine Veröffentlichung darüber gab es nicht, ebensowenig sind die Gründe der Hinrichtung bekannt. Die Stadt
    war durch Bombenangriffe schwer zerstört, und die Amerikaner standen sozusagen "vor der Haustür", aber erst am 2. April 1945 begannen die Kämpfe um Heilbronn. Die Stadt war praktisch noch in
    deutscher Hand. Daten und Grablagen der 4 Soldaten sind bekannt. Die WASt/Berlin hat die 4 in den Akten, aber keine Erkenntnisse zum Urteil. Zu dieser Zeit befanden sich viele "zusammengewürfelte"
    Einheiten in und um Heilbronn, ein klares Bild der Befehlsstruktur zur Verteidigung der Stadt und des Neckar-Überganges ist in den wenigen Berichten nicht zu ermitteln.
    Soweit die Übersicht. - Gibt es weitere Möglichkeiten der Suche? - Hat jemand Informationen zu diesem Fall?
    Grüße
    sendet
    Klaus F.

  • Hallo Klaus,

    du meinst aber nicht die Hinrichtungen, die von Kreisleiter Drauz verfügt wurden?

    https://de.wikipedia.org/wiki/Richard_Drauz

    Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges
    wurde Drauz immer gewalttätiger, versuchte auch den absurdesten
    Befehlen Hitlers zu folgen und wollte in der schon beinahe vollständig
    zerstörten Stadt Heilbronn „verbrannte Erde“ hinterlassen, was ihm mit
    seiner Order zum Abzug der noch vorhandenen Feuerwehrspritzen auch
    teilweise gelang. Am 3. April 1945 ließ er den stellvertretenden Ortsgruppenleiter von Heilbronn-Sontheim, den 57-jährigen Karl Taubenberger, standrechtlich erschießen, weil der den Abbau einer Panzersperre
    nicht verhindert hatte. Drauz ließ den Leichnam Taubenbergers 24
    Stunden lang auf der Straße liegen. Ein Schild mit der Aufschrift „Ich
    bin ein Volksverräter“ wurde dem Toten umgehängt.[6]

    Am 6. April machte Drauz sich mit Begleitern auf, die bereits umkämpfte Innenstadt in Richtung des Gaffenbergs
    zu verlassen. In der Schweinsbergstraße am Stadtrand hingen weiße
    Tücher aus fünf oder sechs Häusern, darunter auch das Haus des Stadtrats
    Karl Kübler, seit 1. April Amtsverweser des zum Volkssturm
    eingezogenen Oberbürgermeisters Gültig. Die Bewohner hatten die Fahnen
    auf Anraten durch- und abziehender Wehrmachtssoldaten gehisst, die zuvor
    von der Übermacht der näher rückenden Amerikaner berichtet hatten.
    Drauz ließ anhalten und befahl seinen Begleitern ohne jegliche
    Untersuchung: „Raus, erschießen, alles erschießen!“ Drei seiner
    Begleiter schossen daraufhin wahllos auf jeden, der sich am Fenster
    zeigte oder die Tür öffnete. Küblers Ehefrau Anna, die sich schützend
    vor ihren Mann stellte, wurde ebenso erschossen wie Kübler selbst, der
    72-jährige Pfarrer Gustav Beyer und die 46-jährige Elsa Drebinger.
    Mehrere weitere Anwohner wurden ebenfalls beschossen, aber nicht
    getroffen. Milchhof-Direktor Karl Weber (1904–1984), der nur knapp dem
    Kugelhagel entkommen war, berichtete später, dass der zum Volkssturm
    eingezogene Oberbürgermeister Gültig seinem Vertreter Kübler nahegelegt
    hatte, die Stadt kampflos zu übergeben, Kübler jedoch gegenüber
    Kreisleiter Drauz kein Gewicht mehr hatte: „Drauz war zu mächtig und
    wollte keine Übergabe. Er hatte alles in der Hand.“

    LG

    Edited once, last by Flo (December 3, 2017 at 5:44 PM).

  • Hallo Flo,
    die Sache mit dem Kreisleiter Drauz (meine entfernte Verwandtschaft) meine ich nicht, mit der militärischen Führung und Verteidigung der Stadt hatte er während der
    Kämpfe nichts mehr zu tun, obwohl er es immer wieder versuchte, sich in den Vordergrund zu stellen. "Seine" Volkssturmleute und Hitlerjungs waren, soweit es überliefert ist
    nie unter seiner "Regie" im wirklichen Kampfeinsatz. Es wird und wurde allerhand über diesen Fanatiker geschrieben, doch nicht alles ist für bare Münze zu nehmen.
    Hier kurz die Daten der 4 füsilierten Soldaten:
    1) Grenadier August Gruschka aus Königshütte/Oberschlesien, * 17.08.1906, - gilt als gefallen am 02.-12.04.1945 in Heilbronn. Grablage: Heilbronn-Böckingen, 25/26/22.
    2) Füsilier Reinhold Harsch, geboren in Freudental/Odessa, * 10.03.1912, wohnhaft in Potsdam-Eiche, - als gefallen 02.-12.04.1945 im Gewand "Zabelhölzle" Heilbronn-Sontheim.
    Grablage: Heilbronn-Sontheim, 3/1/3.
    3) Soldat Adolf Edelberg, geboren am 08.12.1927 in Konotopa bei Warschau (Polen) - als gefallen am 12.04.1945 in Heilbronn-Sontheim. Grablage: Heilbronn-Sontheim, 3/1/4
    4) Johann Stich, ohne Angabe des Dienstgrades, geboren am 20.12.1926 in Weiden/Oberpfalz - (Angabe der WASt/Berlin: Todestag: 30.03.1945 - Erschießung nach standgerichtlichem Urteil.
    Das Urteil liegt hier nicht vor). Grablage: Heilbronn-Böckingen, 25/26/25. Stich galt einige Zeit als "Unbekannter Soldat", wurde dann aber durch Rotes Kreuz und WASt nachermittelt.
    Diese Daten habe ich aus den Kriegsgräberlisten-Heilbronn (Januar 1954), den Akten (B 38/...) des Friedhofamtes Heilbronn, beides aus dem Stadtarchiv Heilbronn und der WASt in Berlin.
    Vielen Dank für Dein Interesse, und einen angenehmen Rest-Advent
    wünscht
    Klaus Fischer

  • Hallo,

    ... 2) Füsilier Reinhold Harsch, geboren in Freudental/Odessa, * 10.03.1912, wohnhaft in Potsdam-Eiche, - als gefallen 02.-12.04.1945 im Gewand "Zabelhölzle" Heilbronn-Sontheim.
    Grablage: Heilbronn-Sontheim, 3/1/3 ...

    vielleicht noch von Interesse, für den genannten Reinhold Harsch ist anscheinend im Rahmen des Lastenausgleichs bei dem damaligen Lastenausgleichsamt in Wiesbaden ein Antrag gestellt worden:

    Quelle: Bundesarchiv/Invenio

    Gruß, J.H.


    ZLA 1/13404115

    Harsch, Reinhold

    Bestandsbezeichnung: Lastenausgleichsbehörden - Positiv beschiedene Feststellungsakten nach dem Feststellungsgesetz (FG) und Reparationsschädengesetz (RepG)

    Aktenzeichen/Registriernr.: 550201-88436

    Geburtsdatum: 10.3.1912

    Funktion: unmittelbar Geschädigter

    Schaden: Landwirtschaftsvermögen

    Staat: Sowjetunion / Russland

    Kreis: Odessa

    Gemeinde: Freudental

    Produzierendes Amt: Wiesbaden, Stadt

    Unterlagenart: Sachakte

    Benutzungsort: Bayreuth

  • Hallo Johann Heinrich,

    herzlichen Dank für die Daten zu Harsch, Reinhold.

    Gibt es eine Möglichkeiten weitere Informationen zu dem oben genannten zu erhalten?

    Ostergrüße sendet Klaus Fischer

  • Hallo,

    Gibt es eine Möglichkeiten weitere Informationen zu dem oben genannten zu erhalten?

    das kommt wohl u.a. auch darauf an, welche weiteren Informationen Du suchst? Zu dem Bestand im Lastenausgleichsarchiv in Bayreuth kann man Dir dort auf Anfrage bestimmt weiteres mitteilen.

    Gruß, J.H.

  • Hier kurz die Daten der 4 füsilierten Soldaten

    Hallo Klaus,

    das sind ja schon deutliche Abweichungen bei den "offiziellen" Sterbedaten zu den tatsächlichen Sterbedaten...

    Wie kommt das zustande? Hast du Unterlagen, die sonst niemandem zur Verfügung stehen?

    Viele Grüße, Uwe

  • Hallo Uwe,

    ja, das ist richtig, hat mich auch gewundert! Ich habe die Aussagen des Pfarrers Wolfram Gestrich als Teilnehmer bei der Exekution (am 30.03.1945) für die als richtige Sterbezeit der vier Soldaten angenommen.

    Im Anhang sind einige Daten aufgeführt, in denen die unterschiedlichen Todeszeiten vermerkt sind:

    Stadtarchiv Heilbronn - Friedhofsamt, Akte B038-4, B038-5 und B038-19 (erstellt 22. Mai 1945 und weiter)

    Stadtarchiv Heilbronn - Friedhofsamt, Grabstellen im Stadtkreis Heilbronn, lfd. Nr. 106-109 (B038-4) vom 10.01.1946

    Friedhofsverwaltung Heilbronn, Meldung und Handskizze über den Exekutionsort (Brief vom 25. Mai 1946) durch Herrn Wildermuth (ex Fallschirmjäger) bestätigt

    Standesamt Heilbronn an das Württ.-Rote Kreuz vom 30.09.1946 - Exhumierung der 4 erschossenen deutschen Soldaten

    Stadtarchiv Heilbronn, Exhumierungslisten vom 15.-20.04.1947 (Angaben: erschossen am 28.03.1945)

    Stadtarchiv Heilbronn, Akte B038-5 Friedhofsamt Heilbronn-Böckingen (Kopie) Seite 2 und 3, erschossen am 28.03.1945

    Stadtarchiv Heilbronn, Akte B038-33 Grabstätten außerhalb der Friedhöfe (erstellt am 21.Mai1949)

    Stadtarchiv Heilbronn-Sontheim Kriegsgräberliste vom 26.01.1954 (3 Soldaten am 28.3.45 erschossen, 1 Soldat (Stich, Johann) am 30.03.1945.

    Stadtarchiv Heilbronn-Böckingen Kriegsgräberliste vom 10.02.1954 wie oben

    Stadt Heilbronn Sterbebuch 1946 und 1947 - Harsch, 2.-12.4.1945 im Gewand Zabelhölzle gefallen und Gruschka am 2.-12.1945 bei den Kämpfen in Heilbronn gefallen

    Deutsche Dienststelle vom 21.11.2017, Harsch, Edelberg und Gruschka am 2.-12.04.1945 gefallen, Stich, Johann am 30.03.1945 Exekutiert.

    Landesarchiv Baden-Württemberg, Kriegsgräberlisten EL 20/1... Edelberg und Harsch am 2.-12.04.45, Gruschka am 12.04.1945 gefallen, Stich, Johann am 30.03.45 im Zabelhölzle gefallen (?)

    Bundesarchiv Berlin, - Anfrage zu Gestrich, Wolfram, am 08.12.2022 (damaliger Zeitzeuge, bei der Exekutionam 30.03.1945 als Pfarrer anwesend.) Briefe sind vorhanden!

    Am 27. März 2023 brachte die Heilbronner Stimme über dieses Ereignis im März 1945 einen Artikel mit dem Titel "Die vier toten Soldaten vom Zabelhölzle".

    Im Lauf der Zeit kamen doch einige Unterlagen zusammen, über 60 Seiten bis jetzt.

    Grüße sendet

    Klaus Fischer