Zivilverwaltung Litzmannstadt

  • Hallo zusammen,


    meine Großeltern (aus dem Schwäbischen bzw. aus dem Rheinland kommend) waren um 1941/1942 in der Zivilverwaltung in Litzmannstadt beschäftigt. Sie haben sich dort kennengelernt und auch dort geheiratet.
    Wie muß man sich einen Einsatz dort vorstellen? Meine Großmutter war sicher keine gelernte Verwaltungsbeamtin. Sie war eine Dienstmagd aus einfachen bäuerlichen Verhältnissen. Wurde sie mit einem attraktiven Angebot für einen Einsatz heimatfern im annektierten Warthegau gewonnen? Oder konnte man sich um eine Stelle im Osten bewerben oder wurde man dorthin versetzt?


    Für Hinweise dankt Euch
    Isabell

    isabell

  • Oder konnte man sich um eine Stelle im Osten bewerben oder wurde man dorthin versetzt?


    Hallo Isabell,


    über den Aufbau der zivilen Verwaltung im neugeschaffenen "Reichsgau Wartheland" gibt es ein sehr interessantes Buch mit dem Titel "Wartheländisches Tagebuch 1941/42". Darin schildert der Reichsdeutsche Verwaltungsbeamte Franz Heinrich Bock (unter dem Pseudonym Alexander Hohenstein) seine Versetzung als deutscher Amtskomissar/Bürgermeister nach Poddembice (in der Nähe von Lodz/Litzmannstadt) im Jahr 1941. Bock beschreibt in dem Buch auch sehr ausführlich die Lebensumstände der Bevölkerung im Warthegau:
    http://www.amazon.de/Warthel%C…el%C3%A4ndisches+tagebuch


    Auf der Grundlage dieses Tagebuchs wurden später die beiden Dokumentarfilme mit den Titeln "Er nannte sich Hohenstein" und "Drei Frauen aus Poddembice" produziert und auch wiederholt im TV gesendet, der erste Teil ist mittlerweile in voller Länge auch bei YouTube zu finden:



    Meine Großmutter war sicher keine gelernte Verwaltungsbeamtin. Sie war eine Dienstmagd aus einfachen bäuerlichen Verhältnissen


    Der "Warthegau" war eine überwiegend ländliche Region ohne industrielle Ansiedlungen, d.h. außer in der landwirtschaftlichen Produktion gab es dort nur wenig Arbeit. Nach der Besetzung Polens wurden viele polnischstämmige Einwohner und die dort ansässigen Juden von ihren Bauernhöfen aus dem Warthegau vertrieben und deportiert, als Ersatz wurden dann deutschstämmige (sog. Volksdeutsche) Landwirte aus Wolhynien, Galizien dorthin umgesiedelt. Zusätzlich versuchte man auch sog. Reichsdeutsche Familien aus dem Reichsgebiet dorthin zu locken, indem man ihnen die Übernahme der nun herrenlosen, ehemals polnischen Bauernhöfe anbot. Dies diente u.a. auch zu Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion, da man dringend die deutsche Lebensmittelherstellung steigern musste.


    Edit: Vielleicht ist dieser Forumsbeitrag noch für Dich interessant: http://www.forum-der-wehrmacht.de/index.php/Thread/44740-Urgroßvater-Jakob-S/
    Gruß, J.H.

    Nett kann ich auch - bringt nur nix!

    Edited 5 times, last by Johann Heinrich ().

  • Hallo,


    in Litzmannstadt war eine groé deutsche Verwaltung des Warthegaus und Regierungsbezirks, von der Stadtverwaltung ganz zu schweigen.


    Leute meldeten sich entweder freiwillig oder waren auch als dienstverpflichtete dorhin entsandt worden.
    Gerade für das Warthegau, in dem ja eine komplette deutsche Verwaltung aus dem Nichts aufgebaut werden musste, gibt es verschiedene Möglichkeiten, hinzukommen.


    Himmler als Chef der Polizei hat schon 1940 einen Erlass herausgegeben, dass die Dienststellen nicht nur die schlechtesten Leute, die man loswerden wollte, ins Warthegau schicken sollen, sondern im Gegenteil,. die besseren.


    Wurde im Bundesarchiv einmal nachgefragt, ob es Unterlagen zu den beiden gibt?
    Es gibt im Bestand R 70 Polen glaube ich noch ein paar Splitter zu Litzmannstadt und evtl. auch in Ludwigsburg.


    Gruß
    Marcus

    Suche ALLES zu Polizei-Bataillonen aus dem Wehrkreis VII und dem Einsatz in Slowenien sowie zur PV. Litzmannstadt
    "Wer die Freiheit aufgibt um Sicherheit zu gewinnen, wird am Ende beides verlieren." (Benjamin Franklin)

  • Danke, Johann Heinrich für den Hinweis auf den Film. Er war sehr gut als Einstieg in die Thematik.


    Eine Nachfrage zu Marcus' Hinweis:
    Was bedeutet R70 Polen?


    Irgendwie finde ich mich auf der Webseite des Bundesarchivs nicht zurecht. Habt Ihr einen kurzen Hinweis welchen Pfad ich brauche?


    Wie immer: danke!


    Isabell

    isabell

  • Guten Tag ans Forum und an die Aufragende,


    R 70 Polen ist eine Bestandssignatur der Abteilung R (Deutsches Reich) des Bundesarchivs (BA).
    Dieser Bestand ist wohl nicht digitalisiert.
    Es ist übrigens ein Bestand über deutsche Polizeidienststellen in Polen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs.
    Den Bestand wird man beim BA in Berlin-Lichterfelde einsehen können, bzw. Kopien von Einzelseiten daraus über den genannten
    Dienstort bestellen können.
    Eine Recherche im Bestand R 70 Polen macht aber nur dann Sinn, wenn die Großeltern bei einer deutschen Polizeidienststelle
    in Litzmannstadt beschäftigt waren.
    Geht aber aus den bisherigen Personen-Informationen nicht wirklich hervor.


    Mit freundlichen Grüßen aus der Normandie


    Peter

    (PH)