Die Bilderbuchkarriere des Reinhard Heydrich

  • Hallo,


    bei den Minutenprotokollen zu den Trauerakten Heydrichs fielen mir zwei Dinge auf:


    1. Während durchgängig W-SS, Polizei, Heer und Luftwaffe bei den einzelnen Stationen der Trauerfeiern vertreten waren, findet die Marine nur zweimal bzw. dreimal Erwähnung, ist also deutl. unterrepräsentiert.
    Keine Ahnung ob das eine Bedeutung hatte.


    2. Es wird immer von Nationalhymnen, also Plural, geschrieben, da zu unterstellen ist, dass die Verfasser dieses Protokolls wussten was sie schrieben, frage ich mich welche Nationalhymnen intonisiert wurden.


    Heydrich war das, was man heute als Alpha-Tier bezeichnet, er wollte führen und mächtig sein, die allgemein anerkannte Führerideologie, seine charismatischen Charakterzüge und seine dem damaligen Schönheitsvorstellungen entsprechende Erscheinung halfen bei der Karriere. Die beiden wichtigsten Komponenten aber, die es Heydrich ermöglichten Karriere zu machen, war seine Skrupellosigkeit gegenüber den simpelsten Konventionen und das Fehlen gesellschaftlicher Institutionen, die ihn hätten einbremsen können.


    Nikolaus Wachsmann in seinem Buch Die Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager (München, 2015) unterscheidet sehr deutlich zwischen dem Konzentrationslagersystem der SS in Deutschland und den "Todesfabriken" der SS im Osten. Die letzteren wurden zwar von der SS betrieben, operierten aber getrennt vom KL-System. Die einzige Ausnahme bildete Ausschwitz, es bildete die Schnittmenge zwischen KL und Todesfabrik. Insgesamt wurden rd. 2,3 Mio Menschen in Konzentrationslagern inhaftiert, von denen etwa 1,7 Mio ermordet wurden, rd. 2/3 davon in Ausschwitz.


    Paul Celan schreibt in seiner Todesfuge: Der Tod ist ein Meister aus Deutschland.
    Und dieser Heydrich war der personifizierte Meister.


    Gruß


    Paul


    G-W-G'

    Edited once, last by Paul Spohn ().

  • Hallo Paul,
    direkt nach der 1. Strophe des Deutschlandliedes wurde ohne Übergang die 1. ( und 4. Strophe?) des Horst Wessel- Liedes intoniert.
    Beste Grüsse
    Ingo

  • Hallo,
    warum die Marine beim Staatsbegräbnis von Heydrich unterrepräsentiert war, liegt für mich auf der Hand. Nachdem seine Entlassung durch das Ehrengericht unter Raeder erfolgte, wird Heydrich mit der Marine nicht mehr viel am Hut gehabt haben. Das war den Machthabern im 3. Reich bekannt.
    MfG Wirbelwind

  • Hallo Wirbelwind und Interessierte,
    das mit der Marine erscheint mir klar. Raeder selbst hatte ja letztenendes die Entlassung Heydrichs aus der Reichsmarine entschieden, und er war zum Zeitpunkt des Begräbnisses nach wie vor Oberbefehlshaber der Kriegsmarine.
    Abgesehen davon war die Marine sicher derjenige Truppenteil, der mit den späteren Funktionen und Tätigkeiten Heydrichs am wenigsten zu tun hatte, bzw. am weitesten davon entfernt gewesen ist.
    Anders die Luftwaffe, denn dort hatte er ja, wie erwähnt wurde, im Krieg selbst noch Einsätze gehabt.


    Herzliche Grüße
    Eberhard


    Edit: Zudem glaube ich, dass man im Rahmen des Staatsaktes das Thema "Marine" in Heydrichs Lebenslauf möglichst kurz und knapp abhandeln wollte, auch in seinem Sinne.
    Himmler hat das in seiner Rede, wie ich finde, auch ziemlich elegant bewerkselligt.

    Suche alles über die 101. Jägerdivision.

    Edited 2 times, last by rebelau ().

  • Hallo Eberhard,


    mein voriger Beitrag zielte nur auf die Frage, ob es - evtl. in Zusammenhang mit der Wannsee-Konferenz - Spannungen gab zwischen Heydrich und Himmler, wie es ja auch zuvor schon mal im Thread angedeutet wurde.
    Ob also möglicherweise die Karriere Heydrichs - unabhängig vom Attentat - ihren Höhepunkt schon überschritten hatte und wenn ja, worin genau diese Differenzen bestanden. Diese Frage hatte ich aus Berts Beitrag aufgreifen wollen.


    man hat zehntausende Menschen befragt und zehntausende Dokumente durchleuchtet. Und nicht den Hauch einer Spur oder ansatzweise einen Verdacht gefunden.
    Warum ist bei dir schon fast das Messer in Himmlers Rücken gelandet? Geb es zu, du hast eine kleine Vorliebe für rhetorische Fragen und Verschöwrungstheorien die sonst die täglichen Doku-Soaps bereichern?


    Viele Grüße
    Malte

    Edited once, last by MaltePe ().

  • Hallo Malte,
    mein allzeit scharf analysierender Kritiker,


    nein, leider habe ich bisher noch nie
    1) eine Verschwörungstheorie entwickelt und
    2) eine Doku-Soap kreiert oder auch nur "bereichert"...
    Fehlanzeige, Du musst woanders suchen....


    Herzliche Grüße
    Eberhard

    Suche alles über die 101. Jägerdivision.

  • Guten Abend zusammen,


    ein dolles Thema,
    warum muss es immer und immer wieder diese "Zwischentöne" geben?


    Quote

    Geb es zu, du hast eine kleine Vorliebe für rhetorische Fragen und Verschöwrungstheorien die sonst die täglichen Doku-Soaps bereichern?


    Malte,
    ich verbitte mir solche Anwürfe, Infos zum Thema gut, Richtigstellungen gern gesehen,
    aber:

    Quote

    man hat zehntausende Menschen befragt und zehntausende Dokumente durchleuchtet.


    wer waren diese zehntausende Menschen und welche zehntausende Dokumente waren das, wo finde ich die?
    Und bitte nicht einfach Archive, NARA oder BArch....


    Ich gebe jetzt meine Meinung wieder, gebildet durch das Lesen von vielen Büchern und Akten verschiedener Archive:


    Heydrich wäre nie an Himmler vorbei gekommen, wollte er auch gar nicht, hatte nie die Absicht.
    Himmler ermöglichte dem gescheiterten Marineoffizier eine Laufbahn bei der SS, in der man einen Dienstgrad, militärähnliche Strukturen vorfand,
    eine Uniform tragen konnte. Gut für Heydrich, einhergehend mit Lohn und Brot.
    Das Beste, was dem Heydrich passieren konnte, er war Himmler dankbar,
    ausser Loyalität habe zumindest ich nichts anderes in, wie gesagt, Büchern oder all den bisher von mir gelesenen Dokumenten, feststellen können.


    Heydrich muss ja nicht immer der gleichen Meinung wie Himmler gewesen sein, vielleicht konnte er auf die himmlerischen Hirnideen Einfluss nehmen,
    wahrscheinlich sogar,
    aber mir ist nichts von Spannungen bekannt.


    Von daher,
    keine Verschwörungstheorien, es sei denn, jemand wartet mit Belegen dafür auf.


    Grüße Thomas

  • Hallo,
    was mich noch immer umtreibt, dass Heydrich sozusagen ,,Karriere" bei der Luftwaffe machen konnte, indem er sich als Jagdpilot betätigte und jederzeit damit rechnen musste, abgeschossen zu werden, was ja dann auch geschah.Er hatte Bärendußel, dass er unversehrt die dt. Linien erreichte. Wußte von all dem Himmler nichts? Nicht auszudenken für das 3. Reich, wenn Heydrich den Russen in die Hände gefallen wäre.
    MfG Wirbelwind

  • Hallo,


    es gibt nichts was darauf hinweist, dass Himmler von von diesem "Abenteuer" in Russland wußte. Mich wundert allerdings, dass jemand so lange seine Dienststelle verlassen konnte, ohne dass sich das herumgesprochen hat.


    LG

    Edited once, last by Flo ().

  • Tag allerseits,


    die "Jagdfliegerei" Heydrichs beweist uns wohl in gewisser Weise, dass dieser in den letzten Jahren seiner Tätigkeit versuchte, sich von Himmler "etwas zu lösen". Man kann nicht so ohne weiteres in der Funktion, die Heydrich
    inne hatte, aus seiner Dienststelle verschwinden, ohne Himmler als den unmittelbaren Vorgesetzten zu informieren. Da muss Heydrich ziemlich raffiniert gewesen zu sein. Wahrscheinlich hatte er in seinem Umfeld auch
    "Helfer", die seine Abwesenheit bewusst verschleierten. Das Selbstbewusstsein Heydrichs nahm sicherlich um einiges zu, als er nach seiner Ernennung zum stv. Protektor jederzeit persönlichen Kontakt zu Hitler aufnehmen
    konnte. Man "wächst eben mit seinen Aufgaben" - damals wie heute.


    Gruß
    Bert

  • Hallo Bert,


    dass dieser in den letzten Jahren seiner Tätigkeit versuchte, sich von Himmler "etwas zu lösen". Man kann nicht so ohne weiteres in der Funktion, die Heydrich
    inne hatte, aus seiner Dienststelle verschwinden, ohne Himmler als den unmittelbaren Vorgesetzten zu informieren


    Tägliche Medlung bei Himmler vom Flugplatz aus ist ein seltsames Lösen. Handschriftlich noch mit "Ihr getreuer und dankbarer Reinh. Heydrich" ?
    http://www.geschichtsforum.de/…on-reinhardt.24562/page-2


    Da muss Heydrich ziemlich raffiniert gewesen zu sein.


    Tatsächlich raffiniert. Aber nur ein einziges Mal laut Nachruf von Himmler:


    "Im Jahre 1940 flog er dann in den Niederlanden und in Norwegen als Jagdflieger und erwarb sich dort
    die bronzene Front-Flugspange und das Eiserne Kreuz II. Klasse. Damit war er jedoch nicht zufrieden.
    Im Jahre 1941, am Anfang des Russenfeldzuges, flog er dann, ohne mein Wissen, und dieses, das kann
    ich mit stolzer Freude bekennen und feststellen, war die einzige Heimlichkeit in den elf Jahren unseres
    gemeinsamen Weges, die er vor mit hatte
    "
    Zitat Quelle
    http://www.israel-nachrichten.org/archive/27878


    Viele Grüße
    Malte

  • Hallo Malte,
    Dein Verweis auf das Geschichtsforum im Zusammenhang mit R. Heydrich ist für mich insofern auch interessant, da dort in einem Beitrag erwähnt wird, dass der Leibarzt von Hitler nach dem Krieg ausgesagt hat, dass Heydrich die Auswirkungen des Attentates nicht überleben sollte, sprich seine Blutvergiftung, ohne einen Quellennachweis zu benennen. Die Frage, die sich mir stellt, was ist an dieser Aussage dran? Vetrete ja selbst die These, dass Heydrichs Tod mancher Größe im 3. Reich nicht ungelegen kam, ohne es knallhart beweisen zu können.
    Übrigens muss Dein Zitat,,Ihr getreuer und dankbarer Reinh, Heydrich" in Bezug auf Himmler nicht wirklich bedeuten, dass dies aus tiefsten Herzen kam. Heydrich war ein Machtmensch, wie wir wissen, der noch einiges vor hatte. Seine Karten vorzeitig auf den Tisch zu legen, wäre unklug gewesen.
    MfG Wirbelwind

  • Tag allerseits,


    Heydrich war ein Machtmensch. In letzter Konsequenz hätte er sich von seinem Vorgesetzten Himmler immer mehr abgesetzt. Er wollte ja nicht mehr der "Mülleimer der Reichs sein" - als stv. Protektor.


    Geschönte Grabreden beweisen im Übrigen gar nichts.


    Gruß
    Bert

  • Hallo,


    ass Heydrich die Auswirkungen des Attentates nicht überleben sollte,


    In dem Buch zu Hitlers Leibarzt," Prof.Dr. med. Morell", Autor: Katz, steht nichts von dem bzw. habe ich nichts gefunden ( 400 S.) Heydrich ist nicht einmal im Personenregister erfasst.


    Gruß Karl

  • Moin liebe Freunde,


    sind wir richtig davor, hier die Analyse eines Massenmörders im industriellen Maßstabs durchzuführen? Heydrich war - das ist unbestritten - einer der übelsten todbringenden Akteure der Nazizeit. Wer an seinem Lebenslauf interessiert ist, seine Verantwortung für den Holocaust nachlesen will, findet hinreichreichend schwer verdauliche Literatur. Interessant ist auch, wie die Bundesrepublik Deutschland mit seiner auf Fehmarn lebenden Witwe finanziell umgegangen ist.


    Genießt das Wochenende, ich komme gerade von einer Radrundreise aus Polen (Oderbruch) zurück.


    LG Horst

  • Grüß Dich Horst,


    natürlich wissen wir alle, welche Aktivitäten von Heydrich ausgingen. Wir wollen in der Tat diese Dinge nicht analysieren. Das vorgegebene Thema sieht dies auch nicht vor!
    Interessant an Heydrich ist eben, dass er fast aus dem Nichts auf der "Bildfläche" erschien und eine Karriere hinlegte, die auch in der Zeit des NS-Staates unüblich war.
    Und in dieser Richtung wurde das Thema weitgehend "abgearbeitet."


    Grüße
    Bert