Deutsche Handgranaten im II. Weltkrieg: Arten, Verwendungszweck und ihre Verwendung im Einsatz

  • Hallo,


    hier im Forum wurde das Thema Handgranaten schon verschiedentlich behandelt, abgehandelt und entsprechende Anfragen und Beiträge beantwortet.
    Allerdings wurde das Thema nie in einer gewissen Bandbreite, sondern meist nur marginal oder eben in Beantwortung einer gezielten Frage abgehandelt.


    Eine Abfrage des Forums am 04.07.17, 15.00 Uhr, ergab folgendes Bild:


    Suchbegriff:
    Handgranaten = 240 Beiträge, 81 - 200 Ergebnisse
    Deutsche Handgranaten = 109 Beiträge, 1 - 20 Ergebnisse
    Deutsche Handgranaten im II. Weltkrieg = 15 Beiträge, 1 - 15 Ergebnisse.


    Auch glaube ich, dass die Tatsache, dass während des II. Weltkrieges 75 Mio. Stielhandgranaten des Typs 24 und 43
    hergestellt worden sind, dieses Thema abzuhandeln rechtfertigt.


    Mein Vorschlag wäre das Thema in zwei Komplexen abzuarbeiten:


    I. Arten und Verwendungszweck der deutschen Handgranaten im II. Weltkrieg ( Aufzählung und Erläuterung)


    II. Einsatz der deutschen Handgranaten im II. Weltkrieg ( Forschungs - und Erfahrungsberichte/ Einsatberichte etc.)


    (Eine Beantwortung der beiden Themenübersichten ist in dieser Reihenfolge auch in einem Thread möglich)


    Grundsätzlich werden Handgranaten in vier Kategorien unterschieden:

    1. Offensiv = Sprenghandgranaten
    2. Defensiv = Splitterhandgranaten
    3. Chemisch = mit Chemikalien gefüllte Handgranaten( Nebel etc.)
    4. Ausbildungs und Exerzierhandgranaten *


    Die beiden Grundtypen der Wehrmacht waren die Stielhandgranate und die Eihandgranate ( Fälschlicherweise oft als Eierhandgranate bezeichnet), wobei das Schwergewicht auf die Druck - und nicht Splitterwirkung ( dünnwandige Metallbehälter) gelegt wurde. **
    (Daraus folgere ich, dass es sich also überwiegend um offensive Handgranaten gehandelt hat.)
    Nach russischem Vorbild wurden dann, wie vorstehend angeführt, Splitterringe, die um den Handgranatentopf gelegt wurden, gefertigt.


    Eine Besonderheit bildeten die geballten und gestreckten Ladungen mit Handgranaten.



    Manche Waffen - und Sprengstoffspezialisten/Autoren unterscheiden nur 3 Kategorien, z. B. Dathan " Waffenlehre")
    ** Hahn "Waffen und Geheimwaffen"
    >Für Anregungen und/oder eine Themenergänzung bin ich aufgeschlossen.<


    :!: Ich hoffe nun auf eine rege Beteiligung und viele sachliche und zu diesem interessanten Thema weiterführende Beiträge. :!:



    Grüße von Karl

  • Hallo Karl !!


    Zu deinem Thema kann ich leider nichts beitragen, hoffe aber das mein Foto aus dem Museum in Diekirch,Luxemburg, die Diskussion etwas voran bringt.
    Die Eihandgranate fehlt auf diesem Bild.






    Gruß Gregor

  • Hallo Karl,


    zu empfehlen ist das entsprechende Waffen-Arsenal Band 174 "Deutsche Handgranaten 1914 - 1945" von Wolfgang Fleischer.


    Viele Grüße


    Bertram

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    • WA---174.gif

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  • Hallo Gregor und Bertram,


    guter Anfang, vor allem das Waffenarsenal Bd. 174, wer es denn hat, sehr informativ.
    Als weitere Literatur empfehle ich Pawlas: "Waffen Lexikon/ Revue" (Diverse Beiträge in verschiedenen Heften, Inhaltsverzeichnis im FdW abfragbar; im Gesamtregister: 1801 bei Pionierwaffen ).


    Gruß Karl


    SIEHE bitte auch die beiden Beiträge von Bergahorn zur Stielhandgranate 24 und Eihandgranate 39 in:
    " Taschen Tafeln/Wehrsport- Tafeln für den Truppengebrauch".

  • Hallo,


    I. Arten und Verwendungszweck der deutschen Handgranaten im II. Weltkrieg ( Aufzählung und Erläuterung)


    Ab Juni 1940 wurden deutsche Eihandgranaten auch mit einem 1 sec. Zünder und rotem Kopf ausgeliefert.
    Diese wurden bei Rückzügen ( auch bei örtlichen/taktischen Zurücknahmen) zurückgelassen und detonierten sofort, wenn ein gegnerischer Soldat diese benutzen wollte.


    II. Einsatz der deutschen Handgranaten im II. Weltkrieg ( Forschungs - und Erfahrungsberichte/ Einsatzberichte etc.)


    Ein verst. Veteran hat mir erzählt, dass man bei Späh - und Stoßtruppunternehmen im Winter in Rußland vor allem Handgranaten, bevorzugt Eihandgranaten, in die herausragenden Ofenrohre der russischen Bunker warf um eine besonders "gute" Wirkung zu erzielen.


    Bei einer Hdgr. Wurfübung blieb die scharfe Granate im Wurfstand an der Schulterklappe des werfenden Soldaten hängen und fiel in den Stand. Glücklicherweise war der Aufsichtführende im Wurfstand schnell genug, nahm die Granate auf und warf diese vor den Wurfstand.
    Dies hat ein aufsichtführender, ehem. Oberfelwebel der Pioniere bei der Belehrung vor dem Wurf erzählt.


    Gruß Karl

  • Hallo Karl,


    Quote

    1. Offensiv = mit Sprengstoff gefüllte Handgranaten, Splitterhandgranaten
    2. Defensiv = Sprenghandgranate


    kann ich leider so nicht unterschreiben. Dt. Handgranaten wirkten im Normalzustand durch ihre Sprengwirkung, weniger durch Splitter. Dies hatte zum einen den Sinn, die Hgr. vielfältiger Nutzen zu können, als geballte Ladung, zum Beseitigen von Sperren usw, zum anderen, die Wirkung kalkulierbar zu machen, d.h. der Wirkungsradius ist relativ klar definiert und liegt unterhalb der Wurfreichweite.


    Bei der Verwendung als reine Defensivhandgranate wurde ein Splittermantel oder Splitterring aus Thomasstahl über den Topf gestülpt, der die Splitterwirkung stark erhöhte. Damit war aber nur noch ein Einsatz aus der Deckung heraus möglich, weil der Splitterradius größer war als die Wurfreichweite und so der Werfer / eigene Truppe gefährdet werden konnte. Den gleiche Effekt erzielte man mit "Mörser zu Fuß", bei dem die Hgr. in eine Konservendose gesteckt und mit Steinen, Schrauben usw. verfüllt wurde. Hierbei war der Wirkungsradius aber völlig unkalkulierbar.


    Es gab das SS-Modell, im Prinzip eine Kopie der sow. RGD 33 erkennbar am geriffelten Mantel, und das Heereswaffenamts-Modell mit glattem Mantel. Das SS-Modell erzeugte mehr, aber dafür kleinere Splitter, das Heeresmodell größere mit höherer Durchschlagskraft.


    Grüße
    Thilo

    Suche alles zur Lehrtruppe Fallingbostel und zum Einsatz des NSKK in der Ukraine 1941

  • Hallo Thilo,


    :!: HABE ICH VERWECHSELT :!:


    wobei das Schwergewicht auf die Druck - und nicht Splitterwirkung ( dünnwandige Metallbehälter) gelegt wurde. **
    (Daraus folgere ich, dass es sich also überwiegend um offensive Handgranaten gehandelt hat.)


    Habe ich ja oben selbst geschrieben, aber verwechselt.


    Wenn Du Zugriff hast, bitte korrigieren; einfach 1 mit 2 vertauschen. Danke.


    Herzliche Grüße von Karl

  • Hallo Karl,


    ich habe Deinen Beitrag entsprechend abgeändert.


    Unten ein paar Dokumente zum Splitterring. Zur Erklärung: Das mit Rinker bezeichnete Modell ist das Heeresmodell, gefertigt von der Richard Rinker GmbH.in Menden Kreis Iserlohn. Außerdem geht eindeutig daraus hervor, daß der Splitterring nicht -wie oft behauptet- aus Gußeisen bestand.


    Das letzte Bild zeigt das Heeresmodell mit glattem und das SS-Modell mit geriffeltem Splitterring.


    (Bildquelle: bergflak.com)


    Grüße
    Thilo

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    Suche alles zur Lehrtruppe Fallingbostel und zum Einsatz des NSKK in der Ukraine 1941

  • Hallo Thilo,


    besten Dank. :thumbsup:


    Ich hab nach dem Krieg eine Ausbildung an der Handgranate "A" erhalten. Diese hatte einen Aufschlagzünder. Gab es Handgranaten mit Aufschlagzünder schon im II. WK ?
    Vielleicht weiß das jemand?


    Gruß Karl

  • Hallo Karl,


    Quote

    Ich hab nach dem Krieg eine Ausbildung an der Handgranate "A" erhalten. Diese hatte einen Aufschlagzünder.


    das war das spanische Modell, das bei der Bundeswehr POMI genannt wurde? Der Zünder könnte als Aufschlag-, Verzögerungs- oder Abreißzünder verwendet werden, bei der Verwendung aus Aufschlagzünder sollte ein sich im Flug abwickelndes Bändchen eine gewisse "Rohrsicherheit" bieten.


    An Hgr. mit Az der Wehrmacht fällt mir nur die Panzerwurfmine L ein sowie div. Brand - und Blendkörper, wobei diese genaugenommen nur durch Zerbrechen zur Wirkung kamen, ohne einen Aufschlagzünder im engeren Sinn.


    Grüße
    Thilo

    Suche alles zur Lehrtruppe Fallingbostel und zum Einsatz des NSKK in der Ukraine 1941

  • Hallo zusammen,


    > 1941 wurde für die Eihandgranate 39 der "Brennzünder neuer Art" mit Flügelschrauben eingeführt. Dadurch entfiel der Schlüssel ( Beim Fertigmachen -Auf - und Zuschauben).
    > Verfügung OKH vom 23.5.42 wurde ein Ring am unteren Ende der Eihandgranate zum Herstellen geballter Ladungen, befestigen an zu sprengenden Gegenständen und Transport angebracht
    > Verfügung OKH vom 19.09.1944 Einführung eines Splittermantels für Eihandgranaten.
    ( Sh. Dokument Beitrag Thilo).


    Veranlasst wurde die Einführung der Splittermäntel ursprünglich durch Himmler, dem die russische Stielhandgranate GDD 33 mit Splitterring zugeleitet worden war und der zunächst deren Nachbau forderte. (Letztlich erfuhr dieser Splittermantel eine geringfügige Änderung um die Gefährdung des Werfers zu begrenzen).


    Lt. Pawals Waffen Revue/ Waffen Lexikon, Heft 29, 1801-100 -3, wurden von Himmler als Mannschaftsdienstgrade eingesetzte Offiziere damit beauftragt bei der Fronttruppe, insbes. bei der SS - Div. " Wiking" neue, gegnerische Waffen exemplarisch zu beschaffen.


    Gruß Karl

  • Hallo,


    I. Arten und Verwendungszweck der deutschen Handgranaten im II. Weltkrieg ( Aufzählung und Erläuterung)


    Jetzt habe ich doch noch eine deutsche Stielhandgranate mit Aufschlagzünder gefunden, Name: "August".Es wurden 200.000 Stück hergestellt, Produktion wegen großem Aufwand aber nicht fortgeführt.*



    II. Einsatz der deutschen Handgranaten im II. Weltkrieg ( Forschungs - und Erfahrungsberichte/ Einsatzberichte etc.)


    Der Transport der Handgranaten, insbesondere der Stielhandgranaten in größeren Mengen erfolgte überwiegend in Säcken, der Zeltplane, der Packkiste oder anderen geeigneten Behältnissen.
    Richtungsweisend ließ der Div. Kdr. der 9. Inf. Div. für Stoßtrupps von der Truppe in Eigenarbeit einen sog. Hdgr. Sturmtornister aus dem Hdgr. Packgefäß und Tornistertrageriemen herstellen.**


    Nach diversen Angaben in der Fachliteratur konnten die Eihandgranaten weiter geworfen werden wie die Stielhandgranaten. Auch waren diese leichter zu transportieren. Das Herstellen geballter und gestreckter Ladungen dürfte dafür etwas schwieriger gewesen sein.
    TROTZDEM frage ich mich, warum man nicht auf die Stielhandgranaten gänzlich verzichtete? ( Fürdie Eihandgranate gab es auch ab 9/44 einen Splittermantel).


    *,Pawlas "Waffen Revue, Waffen Lexikon 1801-100-11, Heft 112.
    **Pawlas "Waffen Revue, Waffen Lexikon 1800 - 100 - 4, Heft 92"





    Gruß Karl

  • Guten Abend zusammen,


    zum Stichwort Verwendung der Handgranate hier einmal die Stielhandgranate 24 als Teil einer Drahtschlingen-Falle aus der "Pionier-Fibel".


    Gruß
    Yannik

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  • Hallo,


    Nach diversen Angaben in der Fachliteratur konnten die Eihandgranaten weiter geworfen werden wie die Stielhandgranaten


    Nun habe ich im Netz irgendwo einen Beitrag gesehen, der durch praktische Übungen belegen soll - ein Video scheint das zu beweisen -,
    dass Stielhandgranaten, bedingt durch den Stiel, weiter geworfen werden können als Eihandgranaten.
    Da ich dies als keine fundierte Untersuchung betrachte, bleibt die Frage ob es hierzu irgend welche Unterlagen, z. B. vom Heeres - Waffenamt gibt.
    Durchgesetzt haben sich aber in der heutigen Zeit die Eihandgranaten.
    Bedenken muss man auch, dass Stielhandgranaten nicht nur
    > aufwendiger herzustellen
    > unhandlicher beim Transport
    > es können mehr Handgranaten bei gleichem Volumen transportiert werden
    > komplizierter in der Handhabung
    > und die Verwendung im Busch - und Waldgelände durch den Stiel eingeschränkt ist.


    Bei der Wehrmacht und HJ gab es sportliche Wettbewerbe im Handgranatenweitwurf.


    Eine duale Lösung war die Einführung der Stielhandgranate 43 in der Wehrmacht.
    Diese konnte mit oder ohne Stiel geworfen werden, da der Zünder im Handgranatenkopf angebracht war.


    Gruß Karl

  • Hallo Karl,


    Quote

    Bei der Wehrmacht und HJ gab es sportliche Wettbewerbe im Handgranatenweitwurf.


    Keulenweitwurf war auch später noch eine leichtathletische Disziplin.


    In einem Bericht (mglw. aus dem 1. Wk., weiß ich nicht mehr) habe ich gelesen, daß der Vorteil von Stielhandgranaten darin besteht, daß sie zielsicherer zu werfen sind und weniger dazu neigen, vor der Detonation in Trichter u.ä. zu rollen und dadurch an Wirkung zu verlieren.


    Mal kucken, ob ich den noch finde.


    Grüße
    Thilo

    Suche alles zur Lehrtruppe Fallingbostel und zum Einsatz des NSKK in der Ukraine 1941

  • Hallo Thilo,


    Vorteil von Stielhandgranaten darin besteht, daß sie zielsicherer zu werfen sind und weniger dazu neigen, vor der Detonation in Trichter u.ä. zu rollen und dadurch an Wirkung zu verlieren.


    Ich glaube diesem Argument kann man sich auch ohne Quellenangabe nicht verschließen.


    Gruß Karl

  • Servus,
    Vielleicht von Interesse: ein Erfahrungsbericht der H.Gr. Mitte 1942 über den Einsatz von Blendkörpern. So wie ich den Text verstanden habe, wurde ein Blendkörper in der Form einer Handgranate getestet. Darum stelle ich den Bericht hier ein.
    LG
    Norbert

  • Hallo Norbert,


    dein Beitrag ist hier vollkommen berechtigt, denn neben den Blendkörpern, Nebelmitteln, z.B. Nebelkerzen, gab es verschiedene Nebelhandgranaten.
    Nun kann ich den von Dir eingestellten Bericht nicht einer bestimmten Waffe/ Granate zuordnen, aber ich möchte hier richtungsweisend folgende Nebelhandgranaten anführen:
    >Nebelhandgranate 39
    > Nebelhandgranate 39 B
    > Nebelhandgranate 41.
    Diese wurden offensichtlich alle zu den Handgranaten gezählt. Sie wurden auch als Stielhandgranaten oder eben nur der Topf derselben als eine Abarte der Eihandgranate verwendet..


    Interessant ist ferner, dass unter Ziffer 1. gleich diese Ausführung des Blendkörpers als Eihandgranate gefordert wird.
    Ein sicheres Zeichen dafür, dass Eihandgranaten bei der Truppe bliebt waren.
    Danke für Deinen Hinweis zu den Nebelhandgranaten.


    Gruß Karl