Diskussionen zu Zahnärzte im Nationalsozialismus

  • Moin,


    unter der Überschrift "Das Projekt kommt vergleichsweise spät" wurde in den "Zahnärztlichen Mitteilungen" (ZM), Heft 13/2016, übrigens auch offizielles Mitteilungsorgan der Bundeszahnärztekammer, folgender Artikel veröffentlicht:



    Wie man sieht, wird sich also auch diesem Thema intensiv ,ernsthaft und vor allem öffentlich gewidmet werden. Ich werde hier gerne weitere Artikel einstellen, um die Seriösität des Forums in Hinblick auf die Beschäftigung mit Zahnärzten in der Wehrmacht, SS, Polizei oder anderen Organisationen des Dritten Reiches zu untermauern.


    LG Justus

  • Hallo Justus,


    nachdem auch andere Institutionen (Auswärtiges Amt, Firmen usw.) so weit sind,
    sich mit unserer Vergangenheit auseinanderzusetzen, denke ich, dass das der richtige
    Weg ist:
    Ermitteln, aufarbeiten, öffentlich machen und bewahren (!) und nicht verschweigen, vertuschen
    oder gar "in Sack und Asche gehen" ! Das bedeutet für mich, Verantwortung für das unsägliche
    Geschehen während der NS-Zeit zu übernehmen.


    Gruß und Danke !
    Rudolf (KINZINGER)

  • Hallo Justus


    ich halte es für eine gute Idee.
    Hier stellst Du bitte alle Veröffentlichungen usw ein, Diskussionen finden in einem separaten Thema statt.
    Darum werde ich die letzten beiden Beiträge gleich in ein zweites Thema verschieben.

  • Tag allerseits,


    wenn wir uns mit solchen durchaus sensiblen Themen befassen, dann haben alle nach 1930 Geborenen die "Gnade der späten Geburt".


    Die Gnade der späten Geburt ist ein von dem deutschen Bundeskanzler Helmut Kohl in den Jahren 1983/1984 geprägter Ausspruch, der zum Ausdruck bringen sollte, dass die Deutschen, die nach 1930 geboren worden waren, im Nationalsozialismus nicht schuldig (d. h. nicht zum Täter oder Mitläufer) werden konnten. Sie waren so „spät“ geboren worden, dass sie sich nicht selbst und bewusst für oder gegen den Nationalsozialismus entscheiden mussten.


    Dass wir uns mit solchen Themen hier auseinandersetzen, das ist Ausfluss unserer gewachsenen Demokratie. Uns persönlich kann aber keine Verantwortung für die unsäglichen Geschehen der NS-Zeit angelastet werden. Und da kann man Helmut Kohl in seiner Auffassung nur zustimmen.



    Gruß
    Bert

    Edited 2 times, last by Jahrgang39 ().

  • Tag allerseits,


    mit den gleichgeschalteten Standesorganisationen versuchte der NS-Staat eine geradezu strategisch ausgelegte Politisierung aller möglichen Berufsgruppen herbeizuführen. Das war so bei den damaligen Beamten im öffentlichen Dienst, bei der Ärzteschaft und bei den Zahnärzten. Angestrebt war vom NS-Staat, möglichst viele Parteimitglieder aus den jeweiligen Berufsgruppen zu gewinnen. Besonderen Wert legte man dabei vor allem auch auf Akademiker. Und so war es nicht verwunderlich, dass es der NSDAP z. B. gelang, runde 50 % der damaligen niedergelassenen Ärzte bis 1945 als PGs zu gewinnen. Die Entwicklung bei den niedergelassenen Zahnärzten dürfte ähnlich verlaufen sein. Mit der politischen Vereinnahmung ganzer Berufszweige war es dann
    sicherlich nicht mehr besonders schwierig, nichtarische Zahnärzte aus dem Verkehr zu ziehen und Grundsätze der Rassenhygiene zum Prinzip der "Neuen deutschen Zahnheilkunde" zu machen.


    Grüße
    Bert

    Edited once, last by Jahrgang39 ().

  • Uns persönlich kann aber keine Verantwortung für die unsäglichen Geschehen der NS-Zeit angelastet werden.


    Hallo Bert,


    sicherlich geht es nicht um "angelastet werden" ! Aber so, wie ich versucht habe, es oben
    zu erläutern, haben wir durchaus eine Verantwortung. Und die besteht darin, das, was
    geschehen ist, nicht vergessen zu machen oder "unter den Teppich zu kehren" !
    (Wenn man den Umfragen glauben darf, dass ein Teil der heutigen Jugend bereits
    die DDR und ihre Mauer für eine Inszenierung von Walt Disney hält, was soll dann erst
    mit dem "Vermächtnis" der NS-Zeit passieren ?)


    Gruß
    Rudolf (KINZINGER)

  • Grüß Dich Rudolf,


    mir schien der Hinweis jedenfalls wichtig, vor allem weil es noch immer international eine Mindermeinung dazu gibt, dass die Deutschen wegen der Verbrechen der Nazizeit mit einer Art Erbsünde behaftet sind. Wir sollten, wie von Dir vorgeschlagen, von einer Verantwortung der Deutschen sprechen, dass "nichts unter den Teppich gekehrt wird".


    Das Thema Geschichte war im Westen und im Osten geradezu ein politisches Problem. Bis zum Ende der 50er-Jahre vermied man im Geschichtsunterricht im Westen bewusst gewisse Dinge zu behandeln. Man hörte meist mit der Weimarer Republik auf und dann war Schluss. Die damaligen Lehrer waren zumeist noch alte PGs und wollten über "DAMALS" nicht reden.
    Im Osten unterrichtete man Geschichte in den Schulen "lückenlos" - aber vielfach verfälscht im Sinne des Kommunismus.


    Über den Geschichtsunterricht der heutigen Zeit möchte ich mich überhaupt nicht auslassen. Wer an historischen Dingen kein Interesse hat, lernt auf Schulaufgaben, ohne das Ganze überhaupt zu verstehen und danach vergisst man den ganzen "Kram" wieder. So war es vor 40 Jahren und heute ist es auch nicht anders!


    Grüße
    Bert

    Edited once, last by Jahrgang39 ().

  • Hallo Justus,


    das ist ja witzig, gerade habe ich das Thema mit der Intention angeklickt auf das Forschungsthema an der RWTH hinzuweisen. ;)
    Tolle Sache, die die Kolleginnen und Kollegen da machen. Das Projekt dort läuft schon seit Ende 2016 und war vorher auch schon angekündigt.
    Von Zeit zu Zeit habe ich genau deshalb die verlinkte Seite immer mal wieder besucht. Alle Forschungsthemen dort sind extrem spannend.


    https://www.ukaachen.de/klinik…e-forschungsprojekte.html
    Beste Grüße


    Felix

  • Guten Abend,


    ich habe das erstmal ins Sub Sonstiges verschoben,
    dazu habe ich den Ausgangspost von Justus vorangestellt, macht Sinn.


    Ein Thread mit seinen kommenden Erweiterungen, unbehelligt, die Diskussionen, Fragen dazu hier.


    Beste Grüße Thomas

    Alle sagten immer das geht nicht, dann kam jemand, der das nicht wusste, und hat es einfach gemacht!

  • Guten Abend,


    ich freue mich über das Interesse. Felix kann es besser beurteilen als ich, aber Dominik Groß hat einen exzellenten Ruf. Seine Ergebnisse werden sicherlich lesenswert sein.


    Mir lag daran, gerade heute und hier einen qualifizierten Einwurf zu machen. Ich freue mich über die Diskussion, auch mit Nicht-Magistern.


    Lg Justus


    P.S.
    Lieber Uli, lieber Thomas: herzlichen Dank für die Mühe, den Thread und die Diskussion zu trennen (und damit "mein" Thema zugänglich zu halten). Ich weiß das zu schätzen.

  • Tag allerseits,


    man kann sich also auch als Nicht-Magister an der Diskussion beteiligen, das ist in der Tat erfreulich. Die Masse der Mitglieder in diesem Forum besteht gegenwärtig ohnehin aus Nicht-Magistern. Bei der zunehmenden Flut von Studierenden wird aber die Schichtung dieses Forums, sofern es in 20 Jahren noch bestehen sollte, erheblich akademischer ausgerichtet sein.


    Herzliche Grüße
    Bert

  • Bei der zunehmenden Flut von Studierenden wird aber die Schichtung dieses Forums, sofern es in 20 Jahren noch bestehen sollte, erheblich akademischer ausgerichtet sein.


    . . . was aber keinen Rückschluss auf eine (möglicherweise) gesteigerte Qualität
    zulässt, denn der Hauptschul-Abschluss von gestern ist das Abitur von heute und/oder
    morgen !


    Gruß
    Rudolf (KINZINGER)


    P.S. . . . und nicht den "Bachelor" vergessen !

  • Lieber Bert,


    Das

    Quote

    Diskussion, auch mit Nicht-Magistern.

    war ein (keineswegs auf Dich oder andere treue Forumsmitglieder gemünzter) kleiner nahezu unvermeidlicher Seitenhieb. Ich nehme an, Du hast den entsprechenden Thread verfolgt.


    Lieber Rudolf,


    was ist dann der Hauptschulabschluß von heute? Baumschulexamen von gestern?


    LG Justus

  • was ist dann der Hauptschulabschluß von heute? Baumschulexamen von gestern?


    (. . . ist ja eigentlich OT:)
    Der Hauptschulabschluss von heute ist abgewertet, politisch verteufelt
    und jeder, der ihn ernsthaft anstrebt, wird "schräg angesehen". Das war
    das Potential, aus dem das Handwerk früher seinen (geeigneten) Nachwuchs
    rekrutieren konnte.


    Gruß
    Rudolf

  • Tag allerseits,


    wir bewegen uns etwas weg vom Thema, aber das ist kein Beinbruch. Wenn man die Nachkriegsjahre betrachtet, wer machte da schon Abitur oder Mittlere Reife: WENIGE. Viele Familien hatten damals als Flüchtlinge oder Ausgebombte große wirtschaftliche Probleme und so war es auch notwendig, dass der Nachwuchs möglichst bald eine Lehre nach der Volksschule begann.
    Da blieben damals in den Volksschulen wahre Begabte hängen, die später ihren Weg machten. Da gab es Schüler, die hatten nur Einser und paar Zweier. Solche Volksschüler wurden damals problemlos von Sparkassen als Lehrlinge genommen. Und Automechaniker konnte damals jeder Volksschüler werden. Heute verlangen die Vertragsländer von AUDI, DAIMLER-BENZ und Co. für solche Lehrberufe den Realschulabschluss! Und die Volksbanken und Sparkassen verlangen vom Nachwuchs Abitur oder mindestens Fachabitur!


    Neulich sah ich eine FS--Sendung über einen Prominentenfriseur, der verlangt von seinen Lehrlingen im Mindestfalle Realschulabschluss aber lieber noch Abitur.....


    Aber er scheint tatsächlich so zu sein, dass das heutige Abitur nicht mehr das Gelbe vom Ei ist. Bei angehenden Juristen bemerken die Hochschullehrer bei den ersten Klausuren massive Rechtschreibmängel. Es soll schon Unis geben, die auf die Schnelle versuchen, eine Art Nachhilfe in Orthografie zu organisieren....


    Man fragt sich, wer ist schuld an dieser Misere? Die Lehrpläne? Oder gar die überstudierten Pädagogen? Oder insgesamt der Run auf die Gymnasien - als ausgesprochen inflationäre Entwicklung?


    Herzliche Grüße
    Bert

  • Tag allerseits,


    was eigentlich interessieren würde, gab es in den KZs einen zahnärztlichen Dienst für das Personal und die Häftlinge?


    Himmlers SS war jedenfalls sehr darauf bedacht, dass bestimmte Tätigkeiten nicht vom Wachpersonal oder deutschen Häftlingen erledigt wurden. Die Goldgewinnung in den Lagern sollen damals ungarische Häftlinge erledigt haben. Die Beschreibung dieser menschenunwürdigen Maßnahmen findet man im Internet, so dass man hier das Ganze nicht auszubreiten braucht!


    Gruß
    Bert

  • Moin,


    zum schulischen Abschluss mit anschließender Berufswahl sei zum Thema angemerkt, dass bis 1955, also auch vor 1945(!), eine zweigleisige zahnmedizinische Berufsausbildung existierte: einerseits die FH-Ausbildung zum Dentisten, eher praxisorientiert mit großem Zahntechnik-Anteil. Zum anderen das Universitätsstudium mit eher akademischen Schwerpunkten.


    Heutzutage bzw. Seit gut 25 Jahren ist Zahnmedizin ein NC-Fach, in den letzten Jahren deutlich stärker von Frauen belegt (etwa zwei Drittel!)


    lg Justus

  • Tag allerseits,


    in Süddeutschland gab es in den Nachkriegsjahren noch viele praktizierende Dentisten, die vielfach ihre Praxis auf dem flachen Land hatten. Das bäuerliche Volk kannte einigermaßen den Unterschied was Dentisten und Bader betraf. Und so wurde der Dentist vom Landvolk als "Herr Doktor" begrüßt, worauf die Dentisten durchaus freundlich reagierten. Der Baderberuf
    wurde noch 1950 in Süddeutschland ausgeübt. Aber man ließ sich damals schon lieber vom Dentisten einen Zahn ziehen und so nahte das Ende des Baders....


    Und noch etwas: 1957 konnte sich noch fast JEDER erlauben, sich für einen etwas maroden Zahn eine Goldkrone zu leisten. Die kostete damals 90 DM, davon zahlte die gesetzliche KV
    80 DM und fast lächerliche 10 DM blieben für den Patienten übrig. Wenn ich heute z.B. als Privatversicherter mir so etwas leiste, dann geht das nur extrem "HÖHER" und man kommt dann eine Rechnung mit dem 3,5 fachen Satz "wegen starken Speichelflusses". Kein Wunder, die privaten KVs erhöhten massiv....


    Man erkennt heute die standesmäßige Zuordnung von Menschen ziemlich genau am Zahnstatus. Eine solche Entwicklung ist bedauerlich!


    Solche Dinge darf man sicherlich am Rande erwähnen!


    Gruß
    Bert

    Edited 6 times, last by Jahrgang39 ().

  • Hi allseits,


    habe den Hinweis auf ein wohl kürzlich erschienenes Buch gefunden:


    Quote

    Zahn-Medizin in der NS-Zeit
    Gebiss als Gradmesser für "Entartung"
    Jahrzehntelang hat Dr. Wolfgang Kirchhoff sich mit der Geschichte seines Fachs im
    Nationalsozialismus auseinandergesetzt. Jetzt ist sein neuestes Buch zum Thema
    erschienen.


    Artikel lesen: klick.


    Gesucht hatte ich nach einer Veröffentlichung, wie es sie für Chirurgen gibt:
    Chirurgenverzeichnis, Arthur Hübner (Hg.), 4. Aufl. Springer, Berlin Heidelberg 2013.
    Ist da jemandem etwas bekannt?



    In diesem Chir.-Verzeichnis hatte ich zwei Chirurgen gefunden, die in Berlin im
    Staatskrankenhaus der Polizei gearbeitet hatten; also fiel mir Herr Dr. P. - "unser
    Zahnarzt" ein mit der Idee ... s.o.


    Grüße, Kordula