Christen gegen Nazis in der Wehrmacht: was berichten Helmut Schmidt, Dr. Manfred Schick, Theodor Groppe und andere Soldaten dazu?

  • Hallo Bodo,


    natürlich meine ich die nach dem Krieg aufgezeichneten Erinnerungen ehemaliger Soldaten und nicht Tagebuchaufzeichnungen im Geschehen verfasst und dann veröffentlicht. Ich ging davon aus, dass sich einige Dinge von selbst erklären und keiner länglichen Definitionen und Abgrenzungen bedürfen.

    Aber vielleicht sind Deine ergänzenden Erklärungen für den einen oder anderen hilfreich.


    Gruß


    Paul

    G-W-G'

  • Hallo Rudolf,

    traurig zu sehen, dass Du als gedienter Zeitsoldat ein Fürsprecher von sachverstandslosen Unterstellungen (Pamperrien)

    und sensationserheischender Täterforschung (Römer) bist. Beidesamt nach Publicity gierende Werke der Kategorie "In Zorn und Eifer",

    die uns das Kopfschütteln und Mitleid von ausländischen Militärhistorikern garantieren.


    Ich halte 500 sandwichessende U-Boot Kommandanten in Übersee, die man bereits 1941 aus dem Atlantik gefischt hat,

    für ein absolut nicht represäntatives Sample der Wehrmacht. Im Vergleich zu drei Jahren an der Ostfront kämpfenden Offizieren und Soldaten

    sind mit französischem Wein und spanischen Orangen abgefüllte U-Bootfahrer eine hochgradig unsinnige Vergleichsgruppe.

    Erst abgeschieden in einer kleinen Metallröhre und dann fernab der Heimat ließ es sich ungestört vom nahenden Endsieg träumen oder um selbigen unbeschwert trauern.


    Bodo hat auf höfliche Art aber mit messerscharfer, analytischer Brillanz beide Werke ad absurdum geführt, sein Können und das hohe fachliche Niveau

    sucht seinesgleichen und ist ein Glanzlicht im Forum. Durchaus publikationswürdig, wie sich manche Privatperson fernab des sich ständig wiederholenden Einheitsbreis

    durch vergangene Zeiten kämpft.


    ZDF-Dokus und populärwissenschaftliche Werke werden kein Interesse haben, sich mühsam durch die Literatur- und Zeitzeugenlandschaft zu kämpfen

    um sich mit dem Ausleuchten von gegenläufigen Meinungen den Zorn des linken Zeitgeistes einzufangen. Letzendlich garantieren nur fanatische Durchhaltenazis die Auflagenstärke und Einschaltquote.

    Selbst jüngste Forschungsliteratur zum Thema* ist zwar gründlich nach Aktenlage, verweigert aber jede Aussage zum Dunkelfeld der Führertreue.

    Hilflos wird auf die hohe Parteizugehörigkeit verwiesen, wobei diese dann im Kleingedruckten nur aus wenigen Jahren Hitlerjugend mit Lagerfeuer besteht.

    Ob das reichen mag, um massenhaft überzeugte braune Soldaten zu bekommen?


    * Wehrmacht und Niederlage: die bewaffnete Macht in der Endphase der ...,Buch von Andreas Kunz

    Volksgemeinschaft am Ende. Gesellschaft und Gewalt 1944/45 Buch von Keller Sven.



    Von daher genieße Bodos edlen Wein, der sollte hier nicht mit billigem Glykol verpanscht werden.



    Gruß

    Rüdiger


    PS

    Aber vielleicht sind Deine ergänzenden Erklärungen für den einen oder anderen hilfreich.

    Ich habe dem Post zwei hilfreiche Bilder hinzugefügt, um die von Bodo erwähnte vorsätzliche Geschichtsfälschung durch Römers Werk leichter zu erkennen.

    Ein Bild zeigt mehr oder weniger überzeugte bzw. führergläubige Soldaten der Wehrmacht, zum besagten Untersuchungszeitraum 1944. Das andere Bild zeigt wehrmachtsfremde

    Soldaten von 1941 mit Wein, Weib und Gesang. Wovon man dann in Überseegefangenschaft neben dem Endsieg immer noch träumte und die Quote der skeptischen feldgrauen Fußläufer enorm verfälschte...

  • Hallo Tac/ Rüdiger,


    was soll der Blödsinn mit den Fotos? Ausserdem und ansonsten mal wieder ein atemloses polemisches Geschreibe abgeliefert, eine Aneinanderreihung dünner Zuspitzungen. Aber jeder wie er mag.


    Hallo Bodo,


    ich frage Dich nochmals und unter ausdrücklicher Berücksichtigung Deines Eingangs-Threads: was willst Du mir sagen. Ich kenne es so, dass ich Zitate bringe, um meinen Ausführungen zu einem Thema eine gewisse Beweiskraft geben. Du aber versuchst hier mit einer Anhäufung von Zitaten und wenigen dürren eigenen Überleitungen Argumentationsketten aufzubauen mit denen Du irgendetwas beweisen willst. Soweit kann ich Dir noch folgen, aber selbst wenn ich alles ein zweites Mal lese, kommt bei mir kein Erkenntnisgewinn zustande, eher tritt das Gegenteil ein. Mir ist schon klar, dass ein Forum nicht unbedingt der Platz für weitschweifende wissenschaftliche Erörterungen ist. Allerdings mit Deiner Aneinanderreihung von Zitaten, wirst Du dieses, quasi intrinsische Manko eines Forums, nicht abstellen können. Ich halte es für besser, wenn Du uns zu Beginn eines neuen “Kapitels” zunächst in einigen Sätzen wissen lässt zu welchen Erkenntnissen Du gelangt bist oder welche Gedanken Dich umtreiben und dies dann mit Zitaten, möglichst kurz und prägnant, untermauerst. Du hast doch hoffentlich den Anspruch gelesen, verstandenen zu werden und evtl. zu überzeugen. Bei Dir liegt die Verantwortung, dass aus diesem interessanten Thema eine fruchtbare Diskussion wird.


    Beste Grüße


    Paul

    G-W-G'

  • Hallo zusammen,


    ich war nun wirklich der Meinung, im allerersten Beitrag alles Wichtige geschrieben zu haben.

    Die Überschrift lautet doch "Christen gegen Nazis in der Wehrmacht: was berichten Helmut Schmidt, Dr. Manfred Schick, Theodor Groppe und andere Soldaten dazu?"

    Helmut Schmidt und Theodor Groppe als Beispiele für Berufssoldaten, Manfred Schick und mein Vater als eingezogene Wehrpflichtige.


    Also, um etwas weiter auszuholen: während man sich früher zumindest in Westdeutschland dagegen verwahrte, Wehrmacht und SS auf die gleiche Anklagestufe zu stellen, was den Holocaust und Kriegsverbrechen betrifft, sieht das heute gänzlich anders aus. In dem erwähnten Buch "Kameraden" von Felix Römer wird ja als ein typisches Beispiel für die "Wehrmacht von Innen" sinnigerweise der SS-Kriegverbrecher Fritz Swoboda lang und breit mit seinen selbst geschilderten Untaten "gewürdigt". Dabei war Swoboda als Scharführer der Waffen-SS nie Angehöriger einer Wehrmachtseinheit.


    Als Beispiel für früher siehe z.B. hier:

    Ges. f. christl.-jüd. Zusammenarbeit u. a. (Hrsg.) Die SS - Ein 4. Wehrmachtsteil? 1979, Vorwort von Gerhard Schröder


    Der Zeithistoriker Thomas Kühne hat in einer Rezension für H-Soz-Kult zum Römer-Werk "Kameraden" 2013 offen zugegeben, dass er und andere einflussreiche Forscher (inklusive Römer) die Wehrmacht von oben bis unten durchgehend als eine NS-Kriegsverbrechertruppe mit Völkermordambitionen ansehen:

    "Kontrovers diskutiert wird hingegen, in welchem Größenverhältnis sich diese unterschiedlichen Gruppen gegenüberstanden, und vor allem der Stellenwert von Genozid und Kriegsverbrechen für das Gesamtbild der Wehrmacht."

    Das entspricht seltsamerweise exakt den Ausführungen des von Stalin nach Nürnberg entsandten sowjetischen Chefanklägers General Rudenko

    (der laut Wikipedia selbst an "zahlreichen Todesurteilen während des Großen Terrors 1937" in der SU und Nachkriegs KZ beteiligt war).


    Der bekannte Holocaust-Forscher Dieter Pohl hatte im Unterschied dazu in seiner Habilitationsschrift festgestellt:


    "Unterschiede zum SS- und Polizeipersonal sind deutlich erkennbar.

    In den Kernbereichen existierte bei letzterem eine homogene Rekrutierungspolitik,

    die Extremisten, die in der Wehrmacht von Fall zu Fall an den entscheidenden Stellen zu finden waren,

    dominierten bei SS und Polizei durchweg."

    (Dieter Pohl, Die Herrschaft der Wehrmacht. Deutsche Militärbesatzung und einheimische Bevölkerung in der Sowjetunion 1941-1944, München 2009, S. 115.)


    Diese von Pohl erwähnten "Extremisten" an wichtigen Befehlsstellen der Wehrmacht interpretiere ich als überzeugte, teils fanatische Nazis.

    Ein Knackpunkt ist dann meiner Ansicht nach das (gescheiterte) Attentat auf Adolf Hitler 1944. Welcher Soldat traute sich, etwas Positives dazu zu äußern

    und wer hatte davor und/oder danach unter Nachstellungen bzw. Denunziationen durch gläubige Hitler-Gefolgsleute zu leiden?

    Zitat aus dem Eingangspost:

    Ich würde gerne wissen, wie prominente und weniger prominente deutsche Soldaten die Nachricht vom Putschversuch 1944 erlebt und für sich eingeordnet haben.
    Und welche Konflikte es vorher und danach mit überzeugten Nazis in Wehrmachtsuniform gab.

    Wenn ihr dem Verlauf des Themas bis hierhin gefolgt seid, habt ihr sicher bemerkt, dass ich mich zuletzt mit Büchern zu Priestersoldaten und anderen Geistlichen in der Wehrmacht beschäftigt hatte. Ganz einfach, weil diese, wie ich feststellen musste, in einigen Fällen von Anfang an bei ihren

    Vorgesetzten, die Nazis waren, verdächtig erschienen.

    Dass einige Soldaten mit katholischem Berufsethos (Studenten, Theologen, Priester) aber sogar für die fernere Zukunft mit Verfolgung und Mord bedroht wurden

    (ganz im Sinne von Goebbels bedrohlichem Tagebucheintrag vom 4. März 1944), hatte ich nicht erwartet zu lesen:


    "Auch die Pfaffenfrage hat Stalin auf diese Weise gelöst. Er kann es sich heute leisten, eine Kirche wieder zu genehmigen,

    die absolut in seinen Diensten steht. Die Metropoliten fressen ihm aus der Hand, weil sie Angst vor ihm haben und genau wissen,

    daß sie, sobald sie gegen ihn opponieren, den Genickschuß bekommen.



    Wir haben auf diesem Gebiet noch einiges nachzuholen. Aber der Krieg ist dazu die ungeeignetste Zeit.

    Nach dem Kriege werden wir uns sowohl der Frage der Offiziere als auch der Frage der Pfaffen annehmen.

    Heute müssen wir gute Miene zum bösen Spiel machen."

    Ralf Georg Reuth (Hrsg.), Joseph Goebbels. Tagebücher Band 5: 1943-1945, München 2003, S. 2009-2010.


    Diese Ansicht war unter fanatischen Parteigenossen offenbar verbreitet.

    Martin Bormann, Hitlers einflussreichster Staatsminister und Leiter der NSDAP-Parteikanzlei, schrieb schon am 22. Februar 1940

    an den NS-Chefideologen Alfred Rosenberg:

    “[...] Nicht durch einen Kompromiß zwischen Nationalsozialismus und christlicher Lehre werden die Kirchen überwunden,

    sondern nur durch eine neue Weltanschauung”.

    (Zitiert nach Johannes Güsgen, Die Katholische Militärseelsorge in Deutschland zwischen 1920 und 1945, Köln 1989, S. 427.)


    Im Tagebuch des späteren Berliner Kardinals Alfred Bengsch bin ich vor kurzem auf ein weiteres Beispiel für eine solche lokale

    NS-Verfolgungsdrohung gestoßen.


    Quote

    "Tagebuchaufzeichnungen des verstorbenen Berliner Kardinals Alfred Bengsch aus dem bewegten Jahrzehnt, in dem er sich als Student und Soldat auf seinen Dienst als Priester vorbereitete. Eine Erinnerung an den großen Bischof und Kardinal der Weltkirche, vor allem aber ein Zeugnis dafür, daß die Hoffnung und das Leben stärker sind als Tod und Vernichtung. Diese Hoffnung war die Kraftquelle des angehenden Priesters, sie war Leitmotiv seines Lebens als Christ und Bischof. Über ihren geistlichen Gehalt hinaus sind diese Tagebuchnotizen eine Kostbarkeit von zeitgeschichtlicher Bedeutung."


    Leo Bernhard (Hrsg.), Alfred Bengsch: Die Hoffnung darf nicht sterben. Tagebuch 1940-1950, München 1981.


    Nach der Einberufung zur Wehrmacht erhielt Alfred Bengsch seine militärische Grundausbildung im Infanterie-Ersatz-Bataillon 71 in Erfurt.

    Dort wurde er bei der medizinischen Hauptuntersuchung vom Stabsarzt gleich mit einer Verfolgung durch die Nazis nach einem möglichen Kriegsende bedroht.

    Bengsch hat das Gespräch anschließend Wort für Wort in seinem Tagebuch notiert:


    "(Erfurt) 13. 3. 41






    Hauptuntersuchung.



    Stabsarzt: "Sie sind Theologe?"



    "Ja." (Das militärisch richtige "Jawohl" war mir noch nicht so geläufig; er sah es mir nach.)



    "Welcher Konfession?"



    "Katholisch."



    "Ich hörte letztens einen Vortrag in Gießen. Da behauptete der Redner, daß nach dem Kriege die Konfessionsfrage gelöst werden sollte.

    Entweder ist man dann guter Christ oder guter Nationalsozialist. Beides zusammen wird es dann nicht geben.

    Der Staat aber kann nur gute Nationalsozialisten gebrauchen.



    Na, das sind Zukunftsfragen..."


    Später der Unteroffizier auf der Stube:

    "Was sind Sie von Beruf?"

    "Theologiestudent."

    "Katholisch?"

    "Jawohl, Herr Unteroffizier!"

    "Woher stammen Sie?"

    "Aus Berlin."

    "Ich hätte nicht gedacht, daß von dort noch ein Theologe kommt, dazu noch ein katholischer!" -

    Aber keiner auf der Stube hat "gelästert"."


    Leo Bernhard (Hrsg.), Alfred Bengsch: Die Hoffnung darf nicht sterben. Tagebuch 1940-1950, München 1981, S. 22.

    Vermutlich meinte der Arzt mit seiner Drohung Einweisung ins KZ oder sogar die Ermordung nach Kriegsende, die der Parteiredner ansprach?

    “Der Staat aber kann nur gute Nationalsozialisten gebrauchen. Na, das sind Zukunftsfragen...”


    Zum Schluss muss ich noch auf einen Schreibfehler hinweisen, der mir letztes Mal beim Stauffenberg-Zitat unterlaufen ist.
    Stauffenberg hat natürlich über Hitler 1938 gesagt "der Narr macht Krieg", vielleicht könnte ein netter Moderator oder Moderatorin

    das Zitat noch korrigieren. geändert...Huba


    Beste Grüße

    Bodo

    "Die Historiker verfälschen die Vergangenheit, die Ideologen die Zukunft." (Zarko Petan, slowenischer Schriftsteller und Aphoristiker)

  • Hallo Bodo,


    jetzt ist es bald zuviel des guten, der Argwohn über dein Sammelsurium steigt täglich und schon bald dürfte man dich offen Identitärer Umtriebe beschuldigen.

    Hier ist doch eher der Ort, um mit geneigtem Haupte noch die ein oder andere Grabstelle zu lokalisieren, statt sich mit Detailverliebtheit den Aussagen verstorbener Zeitzeugen zu widmen.

    So fängst du dir den Zorn von Wächtern der historischen Deutungshoheit ein, die verlieren bald ihre Geduld.

    Der Soziologe Niklas Lohmann fand ganz passende Worte für den sich hier anbahnenden Diskurs -

    "Die Unterstellung von Absichten erleichtert die Perspektive des Beobachters"


    Vielleicht fehlt auch vielen das notwendige Semester Statistik, um zu erkennen, was bei den Abhörprotokollen für eine Heißluftakrobatik mit Zahlen betrieben wird.
    Mittlerweile ist das Stakkato der Publikationen dazu nicht mehr überschaubar, eine ganze Schar Junghistoriker wurden von Herrn Neitzel oktroyiert,

    die Aktenberge mit sinnfreier Interpretation und Exploration zurechtzubiegen, bis ein brauchbares Wunschergebnis zur Verfügung steht.


    Mein letzter Kenntnisstand:

    - Kameraden: Die Wehrmacht von innen (Römer)

    - Soldaten: Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben (Neitzel)

    - Unter Nazis? (Hoerkens)


    Seriöse Historiker halten sich gottlob von diesem dubiosen Quellenmaterial und deren statistischen Aufbereitung fern.

    Auch ist deren persönliche Meinung dazu immer wieder erhellend. Wenn sie auch gegenüber Kollegen in Rezensionen die Form wahren müssen,

    so erkennt man dennoch den diplomatisch geschickt formulierten Verriß zwischen den Zeilen haargenau heraus.

    Besonders lesenswertes Beispiel wäre hier die Rezension von Dr. des. Christian Packheiser (IfZ München),

    der mit mathematischer Präzision die Anaylsen des Junghistorikers Hoerkens zerlegt. So, als würden die Zaubertricks von David Copperfield entlarvt:
    Alexander W. Hoerkens: Unter Nazis?

    http://www.sehepunkte.de/2015/12/27070.html


    Aber wieder zurück zum Thema, einen letzten Beitrag will auch ich zum Besten geben, bevor hier die Entrüstung offen zu Tage tritt.

    Die dämonische Seite im Naturell der Deutschen scheint ja selbst vor der Geschichtsschreibung und vor Foren keinen Halt zu machen,

    Man gedenke der Worte des irischen Dramatikers George Bernard Shaw:

    "Die Deutschen haben eine Besessenheit, jede Sache so weit zu treiben, bis eine böse daraus geworden ist."



    1. Was schrieb einer der renommiertesten Gynäkologen dieses Landes über seine Kriegserfahrungen 1943/44 an der mittleren Ostfront:



    2. Als überragenden Musterchristen empfehle ich die späten Reflexionen des Hochschullehrers Heinz Eduard Tödt. Kriegsbedingt im "ersten Leben" leider nur autodidaktischer Überflieger, Artillerieoffizier und Ritterkreuzträger der 30. Infanterie-Division, später dann nach Theologiestudium eine über alle Zweifel erhabene Professur (Sozialethik) in Heidelberg. Man muss der Witwe Ilse Tödt dankbar sein, dass sie 2012 die Erinnerungen ihres verstorbenen Mannes in den Druck gebracht hat. Hier schreibt sehr tiefsinnig unter Zuhilfenahme seines damaligen Tagebuchs ein humanistisch geprägter Offizier über seine Kriegs- und Gefangenschaftsjahre in Russland. Beiläufig und ohne jeglichen Pathos erfährt man aus technischer Sicht enorm viel über den Kampf der Artillerie, wie man selbst in den heiklen Rückzugsjahren mit ausgedünnten Schützenreihen der feindlichen Übermacht trotzen konnte. Stets schwarz geführte Bestände an Munition, das Gespür für mögliche Durchbrüche an der Frontlinie und mit guten Beobachtern ausgestattet, konnte fast jeder Angriff abgewiesen werden. Wahre Blutbäder mit hunderten gefallenen Rotarmisten richteten dabei Schüsse in Baumkronen der Wälder und der Einsatz von Abprallern an

    Aber jetzt zum christlichen Teil:




    3. Als lesenswert und sehr ergiebig zum Thema erweist sich auch die Dissertation von Martin Röw (Siehe Literaturanhang). So betreibt er keinesfalls reinste Täterforschung

    sondern reichert sein Werk mit einer Vielzahl von Auszügen aus Nachkriegserinnerungen an (was ihm prompt der linke Zeitgeist übel nimmt),

    Er differenziert in vielen Kurzbiografien der untersuchten Personen sorgsam zwischen nationalsozialistischer Überzeugung und einer Lebenseinstellung mit nationalistischen Tönen.

    Insgesamt angenehm klassisch verfasst, dieses Werk, wie es sich für einen zeitgeistfreien, konservativen Historiker gehört.




    Mehr oder weniger kann man diese Schilderungen wohl als Standardfall für überzeugte Christen ansehen, eine Personengruppe, welche oftmals schon in junge Jahren der Hitlerjugend kritisch gegenüberstand und sich ihr verweigerte. Musste man in seiner vertrauten Stammeinheit an der Ostfront dann schon verdammt weit reiten, um auf einen echten überzeugten Nazi zu treffen. Und in fremden, bunt zusammengewürfelten Haufen hatte man besser zu schweigen.

    Zum Schluß noch der Hinweis, alle Angaben ohne Gewähr und ohne Gültigkeit für 1942 eingefangene U-Boot Kommandanten in der Sonne von Texas. Die beiden erwähnten Zeitzeugen, hochangesehen wegen ihrer humanistischen Ansichten und dem enormen Lebenswerk könnten trotz ihrer herausragenden Persönlichkeit und dem scharfem Sachverstand im hohen Alter die Unwahrheit gesagt haben. Sie könnten am Lebensende die Nachwelt mutwillig beschissen haben. Ich hoffe, Wächter Paul ist mit diesem Passus zufriedengestellt.



    Gruß

    Rüdiger



    1. Der Igel auf der Klinke: Erinnerungen des Arztes Josef Zander / Josef Zander († 2007)


    2. Wagnis und Fügung / Heinz Eduard Tödt († 1991)


    3. Militärseelsorge unter dem Hakenkreuz. Die katholische Feldpastoral 1939 - 1945 (Krieg in der Geschichte) / Dr. Martin Röw

    -> Google Books Link


    Edited once, last by primas1944 ().

  • Tag allerseits,


    ganz allgemein: Der große Hasser in Sachen Religion war Stalin. Aber 1941 wurde es anders, er versöhnte sich mit dem Patriarchen der russ. orthodoxen Kirche. Stalin war damals der Ansicht, er brauche

    wohl in gewisser Weise auch den Beistand der Kirche um im "Großen Vaterländischen Krieg" bestehen zu können.


    Im NS-Staat lief es ähnlich. Es gab im frontnahen Bereich immer wieder Feldgottesdienste. Selbst wenn mancher Obernazi ein Kirchengegner war. Die Kirchen waren in den letzten Kriegsjahren stets

    gut besucht und Geistliche beider Konfessionen kümmerten sich um die Bestattung gefallener Soldaten im Feindesland. Hitler trat im Übrigen nie aus der Kirche aus. Wäre der Kampf Christen gegen Nazis

    besonders ausgeprägt gewesen, hätte es bis Kriegsende keine Geistlichen bei den Stäben der Divisionen mehr gegeben.


    Was Theologiestudenten betraf, die hätte man ohne Weiteres "verheizen" können. Da tat man bei der Wehrmacht regelmäßig nicht. Sie wurden meist im Sanitätsdienst eingesetzt!


    Grüße

    Bert

  • Hallo Rüdiger, sehr interessante Literaturauszüge (einen kritischen Zeitungsartikel von Martin Röw können wir vielleicht ein andernmal besprechen).


    Hallo Bert,


    danke für Deinen Beitrag zu den Glaubensfragen auf beiden Seiten der Ostfront. Ich glaube aber, Du meinst die Priestersoldaten in der Wehrmacht,

    die nicht "verheizt" werden sollten (bei Stalin gab es ja keinerlei Geistliche in der Armee, die meisten Kirchen waren bis 1941 als Lager oder KfZ-Schuppen zweckentfremdet). Hier vielleicht noch ein Zitat aus einer wissenschaftlichen Gesamtdarstellung von Professor Norman Davies.


    Quote

    "In der UdSSR verhinderte der Einmarsch der Deutschen 1941, dass die russisch-orthodoxe Kirche vollständig ausgelöscht wurde. Nach zwei Jahrzehnten der Verfolgung und Unterdrückung waren auf sowjetischem Gebiet nur noch ganz wenige Kirchen in Betrieb.

    Stalin wurde jedoch dazu gezwungen, nachzugeben.

    Kirchenführer kamen aus dem Untergrund, und in den von den Deutschen besetzten Gegenden blühten die russisch-orthodoxe und die ukrainische Kirche wieder merklich auf. Im Jahre 1943 stellte Stalin das orthodoxe Patriarchat von Moskau wieder her."


    (Norman Davies, Die große Katastrophe. Europa im Krieg 1939-1945, München 2009, S. 616.)


    Es stimmt schon, die Priestersoldaten durften laut Kirchenvereinbarung zwischen NS-Staat und Vatikan nur im Sanitätsdienst verwendet werden.

    Sie konnten sich aber bei entsprechender Empfehlung ihres militärischen Vorgesetzten zu Militärseelsorgern bzw. Kriegspfarrern mit Offiziersrang ausbilden lassen.


    Dagegen waren die Theologiestudenten überall einsetzbar. Der von mir zuletzt genannte Kardinal Alfred Bengsch war ja im Krieg noch Student.

    In seiner Frontdienstzeit bis kurz vor Stalingrad (ungefähr 16 Monate bis er schwer erkrankte) wurde er als Meldegänger bei der Infanterie

    oft in den schlimmsten Kugel- und Granatenregen eingesetzt. Im Lazarett traf er dann ganze 7 Priestersoldaten (alles Kapläne) als Sanitäter an.

    Diese gefährlichen Einsätze waren offenbar keine Seltenheit.


    Es gibt eine anschauliche Schilderung aus der Sicht eines katholischen Priesters, der 1941 als Student sogar eine Offiziersausbildung absolvierte.

    Er berichtet von zahlreichen "ganz vorn" gefallenen katholischen Theologiestudenten.


    Mitten in seinem Lehrgang kam die Anweisung der NS-Führung, dass katholische Theologiestudenten keine Offiziere mehr werden durften:


    "Studiendirektor i.R. Ludwig Petz erinnert sich an den Rußlandfeldzug

    Eine Rückschau nach 50 Jahren


    "Auf einem Vorbereitungskurs für die Offiziersschule in Jüterbog - das war Januar 1941, ich wurde auch dazu abgestellt - fragte uns ein hoher Offizier nach Namen und Beruf. "Meine Herren", sagte er, "Sie haben gehört, daß zwei Theologiestudenten dabei sind, ein evangelischer und ein katholischer. Ich komme vom Rußlandfeldzug zurück, ich habe nur gute Erfahrungen mit den Theologiestudenten gemacht."


    Es war ja Nazizeit. Dies mußten wir Theologiestudenten auf der Waffenschule in Jüterbog bald spüren. Von höchster Stelle war die Weisung gekommen, daß katholische Theologiestudenten nicht mehr Offizier werden konnten. Wenn wir unterschrieben hätten, daß wir nach dem Krieg nicht mehr Theologie studieren würden, hätten wir dabeibleiben können.


    Keiner unterschrieb. Viele unter uns waren in einer großen Gewissensnot. Wir ahnten, wohin uns der Nationalsozialismus unter Hitler führen würde. [...]"

    (Eine Rückschau nach 50 Jahren. Studiendirektor i.R. Ludwig Petz erinnert sich an den Rußlandfeldzug, in: Hermann Mors, Priesterweihe im Wehrmachts-Sonderurlaub Heiligabend 1940 im St. Antoniushaus in Augsburg. Der ungewöhnliche Weg von Sanitäts-Soldaten im 2. Weltkrieg, Dillingen 1991, S. 30.)


    Und weiter:


    Wäre der Kampf Christen gegen Nazis

    besonders ausgeprägt gewesen, hätte es bis Kriegsende keine Geistlichen bei den Stäben der Divisionen mehr gegeben.


    Aber Bert, das war doch gerade das langfristige Ziel des NS-Regimes! Im Hintergrund wurden schon die ideologischen Messer gewetzt von Gestapo, SS, SD.

    Der Historiker Ulrich von Hehl hat in seinem Standardwerk "Priester unter Hitlers Terror" über den bedrohlichen Kirchenkampf im Nazi-beherrschten Deutschland einleitend geschrieben:


    "Den Bischöfen entging denn auch nicht, daß es nur eine Frage der Zeit, der politischen Taktik war, bis das Regime darangehen würde,

    "alle Machtmittel des totalitären Staates zur Durchführung seines christentumsfeindlichen Programmes" einzusetzen.

    Seit Beginn seiner Herrschaft sucht es den kirchlichen Wirkungsbereich durch eine aus Terror und administrativer Unterdrückung gespeiste Politik

    zu begrenzen. In diesem Kirchenkampf war die Kirche die Angegriffene, nicht der Angreifer, und sie wurde - diese Erhebung zeigt es tausendfach - vor allem dort angegriffen, wo sie am verwundbarsten war, nämlich in ihren Dienern."

    (Ulrich von Hehl, Priester unter Hitlers Terror. Eine biographische und statistische Erhebung, Mainz 1985, S. LXI-LXII.)


    Und weiter heißt es:


    Wenn ich das Buch richtig in Erinnerung habe, gerieten Tausende Priester in die Fänge der Gestapo oder mussten sogar im KZ um ihr Leben fürchten.

    (Siehe dazu u.a. das Buch von Christian Frieling Priester aus dem Bistum Münster im KZ. 38 Biographien)


    Abschließend möchte ich noch einen Blick auf die Seite der Katholischen Militärseelsorge empfehlen.

    Dort gibt es einen kurzen, aber anschaulichen Artikel von Monica Sinderhauf über die Anweisungen der NS-Führung, um die christlichen Militärseelsorger

    nach und nach zu marginalisieren und schließlich ganz abzuschaffen:



    Und abschließend schreibt Frau Dr. Sinderhauf:


    "Seit Oktober 1942 schließlich wurden keine weiteren Militärgeistlichen mehr eingestellt (Verbot weiterer Neuernennungen von Kriegspfarrern). Eine Verfügung Heinrich Himmlers aus dem Jahre 1944 bestimmte, dass die Planstellen für Kriegspfarrer bei den Volksgrenadierdivisionen aus „Einsparungsgründen“ nicht mehr besetzt werden sollten. Es bestand die Absicht, allmählich alle Infanteriedivisionen in Volksgrenadierdivisionen umzuwandeln. Für die Militärseelsorge hätte die konsequente Durchführung dieser Absicht über kurz oder lang deren Wegfall bedeutet. Soweit ist es dann jedoch nicht mehr gekommen.

    [...]

    Manche der Kriegspfarrer teilten mit den Mannschaften das Schicksal der Kriegsgefangenschaft, die in den Verhältnissen und der Dauer ganz unterschiedlich sein konnte. Andere konnten auf Grund der Beachtung der Genfer Konventionen durch einen Teil der Siegermächte sehr bald wieder in ihre Heimatdiözesen zurückkehren, wo sie sich allerdings erst wieder in die Zivilseelsorge einfinden mussten."

    https://www.katholische-milita…hichte/zweiter-weltkrieg/


    Also nochmals Danke für eure kritischen Anmerkungen und Ergänzungen. Leider ist meine Antwort wieder länger geworden, als ich gewollt hatte.

    Ich hoffe, meine Fundstellen können bei offenen Fragen zum Thema ein wenig weiterhelfen.


    Beste Grüße

    Bodo

    "Die Historiker verfälschen die Vergangenheit, die Ideologen die Zukunft." (Zarko Petan, slowenischer Schriftsteller und Aphoristiker)

  • Tag allerseits,


    was heute alles über die Verfolgung der Kirchen im NS-Staat geschrieben wird, ist auch nicht immer das Gelbe vom Ei.


    So gab es recht unterschiedliche Verhältnisse an der Front und in den Kirchengemeinden. Das richtete sich auch danach, welche Einstellungen z.B. Divisionskommandeure oder ein Regimengtskommandeure

    hatten. In den Kirchengemeinden gab es mitunter NS-Bürgermeister, die nach wie vor der Kirche als Christen verbunden waren. Und in solchen Gemeinden konnte sich z.B. ein katholischere Gemeindepfarrer

    auch recht kritische Bemerkungen bei seinen Predigten erlauben. In meiner damaligen Wohngemeinde gab es einen "solchen Fall". Der Gemeindepfarrer wusste zwar, dass Lauscher in der Kirche saßen, die

    im NS-Staat Spitzeldiensten nachkamen. Ihm passierte nichts, keine Strafe. Nur einmal versuchte man ihn zu verwarnen. Dass das alles so lief, lag auch an der schützenden Hand des NS-Bürgermeisters.


    Die "Christenverfolgung" im NS-Staat hatte also zahlreiche Facetten und in einigen Bereichen gab es sie eigentlich gar nicht.


    Grüße

    Bert

  • Hallo Bert,


    ich stimme Dir vollauf zu, wenn Du schreibst, dass es auf den jeweiligen Einzelfall ankam (welcher vorgesetzte Offizier, welcher Bürgermeister usw. vor Ort war

    und seine schützende Hand über christliche Priester halten konnte).


    In dem von mir neulich genannten Buch "Priester aus dem Bistum Münster im KZ. 38 Biographien" von Christian Frieling werden auch u.a. katholische Hilfspolizisten

    und Dorfpolizisten genannt, die aus Solidarität Strafprozesse gegen Priester erfolgreich verzögern konnten. Auch Richter weigerten sich anfangs öfters, von der Exekutive konstruierte Anklagen weiterzuverfolgen.


    Die "Christenverfolgung" im NS-Staat hatte also zahlreiche Facetten und in einigen Bereichen gab es sie eigentlich gar nicht.

    Insgesamt kann Frieling für das Bistum Münster sehr plausibel verschiedene Verfolgungswellen der Nazis gegen katholische Würdenträger rekonstruieren.

    Vieles lässt sich dann auch auf das übrige Reichsgebiet übertragen.

    Fasst man Frielings Analyse zusammen, kann man sagen, immer dann, wenn das NS-Regime sich in seiner Machtvollkommenheit sicher fühlte, ging es radikaler gegen die Priester vor (man denke z.B. an die reichsweite Auflösung und Beschlagnahmung von Klöstern 1941).


    Ich zitiere mal aus seinem Verfolgungsüberblick

    "Das NS-Regime, die Katholiken und ihre Priester im Bistum Münster 1930-1945":


    Quote

    Die im KZ Dachau inhaftierten Priester waren Opfer der Auseinandersetzungen zwischen Nationalsozialismus, Katholiken und Kirche, die um 1930 begannen und 1945 mit dem Zusammenbruch des 'Tausendjährigen Reiches' endeten.


    Dieser Konflikt verlief nicht gleichförmig, sondern in sehr unterschiedlichen Phasen, wobei die äußeren Bedingungen, Formen und Inhalte wechselten. Wird diese Entwicklung nicht beachtet, fällt der Zugang zu den Ereignissen oft schwer.


    "In der Tat begannen Partei, Justiz und Gestapo, nachdem sie freie Hand erhalten hatten, seit dem Sommer 1935 verstärkt Material gegen Geistliche zu sammeln und eine Vielzahl von Strafverfahren einzuleiten - und doch kam es bis zum Kriegsausbruch im Jahre 1939 zwar zu zahlreichen Verhören, Haussuchungen, Verwarnungen und Verboten, Religionsunterricht zu erteilen, aber nur zu einer deutlich niedrigeren Anzahl von Verurteilungen vor Gericht, meist mit geringeren (Geld)strafen.

    [...]

    Für die Tatsache, daß es dennoch bis 1939 - gemessen an der Zahl der eingeleiteten Verfahren - nur wenige Verurteilungen gab, sind zwei Gründe ausschlaggebend: Erstens hatte schon der Göring-Erlaß betont, es müsse zwar hart vorgegangen, aber gleichzeitig durch sorgfältige Vorbereitung vermieden werden, Märtyrer zu schaffen.

    [...]

    Zweitens blieb die Zahl der Verurteilungen relativ gering, weil das Justizministerium am 13. 7. 1936 aus innen- und außenpolitischen Gründen (Olympiade) anordnete, Strafverfahren mit 'religionspolitischem' Hintergrund oder gegen Geistliche einzustellen. Diese Anordnung wurde am 7. 4. 1937 wieder aufgehoben - als Reaktion auf die Enzyklika 'Mit brennender Sorge" Papst Pius. XI., die eine massive Verurteilung des Nationalsozialismus enthalten hatte -, aber schon im Juli 1937 wieder erneuert.

    Hitler bereitete sich von nun an auf das Ausgreifen nach Osteuropa [Sudetenland und Tschechei] und damit auf einen militärischen Konflikt vor - innenpolitisch war deshalb Ruhe geboten, einer offenen Konfrontation mit den Katholiken und der Kirche ging man möglichst aus dem Wege.

    Das Problem sollte in Zukunft geräuscharm gelöst werden.

    [...]

    Die Abfolge der Einlieferung der münsterischen Priester ins KZ entspricht in etwa der Intensität des 'Kirchenkampfes' während des Krieges.

    Wenige Monate vor Ausbruch des Krieges war am 3. 5. 1939 das seit Juli 1937 bestehende Verbot aufgehoben worden, Verfahren gegen Geistliche und Ordensangehörige durchzuführen - freilich auch weiterhin unter Berücksichtigung des Grundsatzes, eine Beunruhigung der Bevölkerung zu vermeiden.

    Damit war klargestellt, daß die Sicherheitsorgane wieder verstärkt gegen Priester durchgreifen konnten.


    Wurden nun 1940 erst vier münsterische Priester im KZ inhaftiert, so schnellte die Zahl 1941 auf fünfzehn hoch, 1942 kamen nochmals zwölf hinzu, 1943 zwei, 1944/45 folgten noch fünf.

    Tatsächlich hielt sich die NS-Führung 1939/40 mit Maßnahmen gegen die Katholiken und ihre Kirche zurück, im Jahre 1941 aber, auf dem Höhepunkt der äußeren Machtentfaltung des Dritten Reiches, verschärfte sich der Druck erneut, als überall Klöster beschlagnahmt wurden."


    (Christian Frieling, Priester aus dem Bistum Münster im KZ. 38 Biographien, Münster 1993, S. 5-9.)


    Quote

    "Parallel erreichte das Verhältnis von Katholiken und NS-Regime einen absoluten Tiefpunkt, als Clemens August Graf v. Galen mit seinem Protest gegen die Euthanasie an die Öffentlichkeit ging. Bekanntlich wurde die Abrechnung mit dem münsterischen Bischof von der nationalsozialistischen Führung auf die Zeit nach dem Kriege verschoben.

    In welchem Umfang die hohe Zahl der KZ-Deportationen des Jahres 1941 eine Reaktion auf seine Predigten war, ist nur schwer abzuschätzen. Sie nahmen im ganzen Reich zu, und die Verfolgung im Bistum Münster wurde bereits in der ersten Jahreshälfte intensiviert, um nach den Predigten ihren Höhepunkt zu erreichen."


    (Christian Frieling, Priester aus dem Bistum Münster im KZ. 38 Biographien, Münster 1993, S. 9-10.)


    Bischof von Galen war für die NS-Führung eine Hassfigur, weil sie auch wegen seiner öffentlichen Verurteilung der Euthanasie ihr Mordprogramm vorerst aussetzen musste. Wichtig finde ich den wiederholten Hinweis auf die "Abrechnung mit dem münsterischen Bischof...nach dem Kriege"

    oder "Das Problem sollte in Zukunft geräuscharm gelöst werden."


    Das entspricht dem, was ich bisher zu den Erfahrungen einiger geistlicher Soldaten mit NS-gesinnten Vorgesetzten in der Wehrmacht geschrieben hatte.

    Größere Mordaktionen gegen "Volksgenossen" wollten die Nazis demnach überwiegend auf die Zeit nach einem (für sie) erfolgreichen Kriegsende verschieben.


    Ganz im Sinne der bekannnten Äußerungen von Propagandaminister Goebbels am 4. März 1944:
    "Nach dem Kriege werden wir uns sowohl der Frage der Offiziere als auch der Frage der Pfaffen annehmen.

    Heute müssen wir gute Miene zum bösen Spiel machen."

    Ralf Georg Reuth (Hrsg.), Joseph Goebbels. Tagebücher Band 5: 1943-1945, München 2003, S. 2009-2010.


    Diese "gute Miene [der Nazis] zum bösen Spiel [des gesellschaftlichen Widerstands in Deutschland]" hat Bert in seiner Aufzählung wohl gemeint.

    Nach dem Krieg wollten Hitlers Gefolgsleute dann ihre "Biedermann-Maske" fallenlassen zu einem "Röhm-Putsch" hoch Zehn.


    Gruß

    Bodo

    "Die Historiker verfälschen die Vergangenheit, die Ideologen die Zukunft." (Zarko Petan, slowenischer Schriftsteller und Aphoristiker)

  • Hallo zusammen,


    zum vorigen vielleicht noch einmal die (übereinstimmende) Einschätzung zum geplanten verschärften "Kirchenkampf" der Nazis nach Kriegsende

    durch den bekannten Schweizer Historiker Walther Hofer (1920-2013, zuletzt Universität Bern):


    "Der Kirchenkampf ging in diesen heftigen Formen weiter, bis der von Hitler entfesselte Krieg ihm wenigstens äußerlich ein Ende machte.

    Der deutsche Diktator hatte jetzt kein Interesse mehr an dieser Auseinandersetzung und trachtete danach, alles zu vermeiden, was geeignet war,

    die geschlossene Kampfgemeinschaft des deutschen Volkes zu gefährden.


    Nach siegreicher Beendigung des Krieges gegen die äußeren Feinde gedachte Hitler dann mit den inneren Feinden endgültig abzurechnen,

    und da standen die christlichen Kirchen an der Spitze.

    Im Stillen ging der Kampf jedoch weiter. Die einschränkenden Maßnahmen konnten jetzt sehr bequem mit Kriegsnotwendigkeiten begründet werden.


    In der Reichskanzlei wurden Pläne vorbereitet, um den Kampf nach Kriegsende verschärft weiterzuführen. Im Schatten Hitlers wuchs jetzt die Figur Martin Bormanns empor, der wohl der schärfste Antichrist unter den Führern des Regimes gewesen ist.

    Die Kirchen hatten auch während des Krieges genügend Anlaß, dem Regime entgegenzutreten; denn die Herrschaft Hitlers entpuppte sich ja erst jetzt in ihrer ganzen Brutalität und Unmenschlichkeit. [...]"


    (Der Nationalsozialismus. Dokumente 1933–1945. Hrsg., eingeleitet und dargestellt von Walther Hofer. Fischer Bücherei, Frankfurt am Main 1957; überarbeitete Neuausgabe, Frankfurt am Main 1982, S. 125.)


    Ich hatte ja neulich schon einmal Martin Bormann, Hitlers einflussreichsten Staatsminister und graue Eminenz der NSDAP, mit einem Brief vom Februar 1940 an Rosenberg zitiert, Stichwort "Überwindung der Kirchen durch die NS-Weltanschauung".


    Im Buch von Walther Hofer ist als Dokument ein geheimes Rundschreiben Bormanns vom 6. Juni 1941 enthalten (Dokument [88], S. 160)

    (an NS-Parteifunktionäre, Gauleiter etc.?).


    Darin schreibt Bormann gleich als ersten Satz:


    "Nationalsozialistische und christliche Auffassungen sind unvereinbar.

    [...]

    Zum ersten Male in der deutschen Geschichte hat der Führer bewußt und vollständig die Volksführung selbst in der Hand.

    Mit der Partei, ihren Gliederungen und angeschlossenen Verbänden hat der Führer sich und damit der deutschen

    Reichsführung ein Instrument geschaffen, das ihn von der Kirche unabhängig macht.

    Alle Einflüsse, die die durch den Führer mit Hilfe der NSDAP ausgeübte Volksführung beeinträchtigen oder gar schädigen könnten,

    müssen ausgeschaltet werden. Immer mehr muß das Volk den Kirchen und ihren Organen, den Pfarrern, entwunden werden. [...]"


    Gut möglich, dass die hier im Thema bisher aufgetauchten radikalen Nazis in der Wehrmacht (der Kompaniechef im Tagebuch von Pfarrer Hans Steffens, der Stabsarzt beim damaligen Theologiestudenten und angehenden Pfarrer Alfred Bengsch) diese Auffassung der NS-Parteiführung kannten und in ihren Vernichtungsphantasien gegen Andersgläubige radikalisiert wurden. Bis hin zur Androhung von Gewalt nach Kriegsende. Das wäre meine Vermutung.


    Beste Grüße

    Bodo

    "Die Historiker verfälschen die Vergangenheit, die Ideologen die Zukunft." (Zarko Petan, slowenischer Schriftsteller und Aphoristiker)

  • Hallo zusammen,


    heute möchte ich noch einmal auf das Tagebuch des späteren Berliner Kardinals Alfred Bengsch zurückkommen.

    Er ist (nach dem bedrohlichen Stabsarzt als Rekrut bei der Eingangsuntersuchung) in seinem mehr als einjährigen Ostfronteinsatz noch ein weiteres Mal mit Nazi-Ideologie konfrontiert worden und das gleich in doppelter Ausführung (zwei Kompaniechefs seines Bataillons).


    Bei Interesse findet man unter diesem Link näheres zur Person des damaligen Theologiestudenten Bengsch:


    "Alfred Kardinal Bengsch (* 10. September 1921 in Berlin-Schöneberg; † 13. Dezember 1979 in Ost-Berlin) war römisch-katholischer Bischof von Berlin.

    [...] Bengsch studierte nach dem Besuch des Gymnasiums 1940/1941 Katholische Theologie in Fulda.

    1941 wurde er Soldat der Wehrmacht und war 1944–1946 in amerikanischer Kriegsgefangenschaft. [...]"

    Link:

    https://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Bengsch


    "Unterschiede zum SS- und Polizeipersonal sind deutlich erkennbar.
    In den Kernbereichen existierte bei letzterem eine homogene Rekrutierungspolitik,
    die Extremisten, die in der Wehrmacht von Fall zu Fall an den entscheidenden Stellen zu finden waren,
    dominierten bei SS und Polizei durchweg."

    (Dieter Pohl, Die Herrschaft der Wehrmacht. Deutsche Militärbesatzung und einheimische Bevölkerung in der Sowjetunion 1941-1944, München 2009, S. 115.)
    Diese von Pohl erwähnten "Extremisten" an wichtigen Befehlsstellen der Wehrmacht interpretiere ich als überzeugte, teils fanatische Nazis.


    Die von mir und anderen Mitgliedern bisher zitierten christlich und/oder humanistisch gesinnten Soldaten trafen in der Wehrmacht

    ja nicht nur auf die oben genannten Nazi-"Extremisten" mit bedrohlichem Einfluss, sondern weit häufiger auf "Gesinnungsnazis".

    Diese anscheinend weniger fanatischen Nazis hofften wohl, die übrigen "andersgläubigen" Kameraden erziehen oder wenigstens im Sinne ihres "Nazi-Geistes" beeinflussen zu können.


    Noch einmal der Lothringer Albert Schoeb: "Ich hatte überhaupt den Eindruck, daß in der ganzen Wehrmacht ein anderer Geist war, nicht der Nazigeist. Es war der Geist vom Vaterland." (Zitat aus Steinhoff u.a. (Hrsg.), Deutsche im Zweiten Weltkrieg. Zeitzeugen sprechen, S. 187.)


    Dieser "Nazigeist" trat aber punktuell bei vorgesetzten Offizieren durchaus in Erscheinung, wie eine Reihe von Tagebucheinträgen bei Alfred Bengsch zeigt.


    Bei seinen Kameraden ist Bengsch von Anfang an beliebt ("Ich habe den Eindruck, daß ich gern gelitten bin"), sein Gruppenführer nennt ihn später in einer dienstlichen Beurteilung nach den ersten acht Monaten an der Ostfront einen "sehr guten Kameraden", der sogar Reserveoffizier werden könnte:



    Einige Wochen später erlebt "Schütze Bengsch" (er wurde bewusst viel später als die Kameraden zum Gefreiten befördert) schwere Abwehrkämpfe.

    Das zeigt das Tagebuch auch:



    Und dann lernt er die Nazi-Gesinnung seines Kompaniechefs kennen, der ihn als Burschen (eine Art Leibdiener des Offiziers) zu seiner Verfügung

    kommandiert. Der Oberleutnant und Kompaniechef "ist ein alter SS-Mann", "(aber nicht in der Waffen-SS!)".

    Wahrscheinlich (das ist meine Vermutung) war er ihm als plichtbewusster Soldat aufgefallen, und er wollte ihn nun in seiner

    christlichen Überzeugung auf die Probe stellen (Studenten sind noch leichter zu beeinflussen als etwa fertige Priester):


    "Seit dem 3. 5. bin ich Bursche beim Kompaniechef. Was hat den bewogen, mich dazu auszuwählen? Ich weiß es nicht. Für mich ist das kein Leben.

    Er wohnt noch mit einem anderen Offizier in der Behausung. Dessen Bursche ist das Muster eines "Organisationstalents", sonst aber ein reichlich ungehobelter Patron. Die Lage hat sich in der einen Woche so verschoben, daß ich fast noch den Putzer dieses Burschen mache.


    Der Chef pflegt sich zackig zu geben. Das verlangt er (ausgerechnet!) auch von mir. Forschheit, Strammheit, das zeige den inneren Wert usw.

    Ich habe schon einige Belehrungen von ihm erhalten. Diese kastenmäßige Beschränktheit, aus der er wohl nicht herauskann. Es scheint ihn zu befriedigen, wenn man sich wie ein Mensch zweiter Güte vorkommt. Ich bin außerordentlich unzufrieden und glaube, daß er es merkt (was ihn aber nicht zu stören scheint).


    Schlimmer: Ich kann das noch nicht einmal aus christlicher Sicht zur Selbstverleugnung, zur Demut zuordnen. Hilf mir, Herr, der Du so gedemütigt wurdest und Dein Kreuz zur Richtstätte tragen mußtest! -


    Noch etwas macht mir Sorge. Der Chef ist ein alter SS-Mann (aber nicht in der Waffen-SS!), hat Beziehungen zu allen möglichen Stellen - und kennt sich auf religiösem Gebiet sehr gut aus. Über die übliche Polemik ist er erhaben. Was er kritisiert, sind tatsächliche Fehler. Er ist mir an Allgemeinbildung und dialektischem Können überlegen (er ist 15 Jahre älter als ich).

    Ein ernstzunehmender Mann, trotz seiner Vorliebe für Äußerliches und militärisches Gehabe. -

    [...]"

    (Leo Bernhard (Hrsg.), Alfred Bengsch: Die Hoffnung darf nicht sterben. Tagebuch 1940-1950, München 1981, S. 48-51.)


    Danach wird Bengsch auch noch mit der Nazi-Gesinnung des zweiten Offiziers, einem Leutnant und Chef der Nachbarkompanie,

    konfrontiert. Dieser Leutnant lebt mit Bengschs Oberleutnant in derselben Unterkunft.

    Nachdem eine ältere russische Frau beim Reisigsammeln in der deutschen Stellung unter Spionageverdacht festgenommen wurde,

    bekommt Bengsch von diesem zweiten Nazi-Offizier den Befehl, die Frau zu erschießen:



    Drei Tage später lassen die beiden Nazi-Offiziere auch Bengsch wieder gehen; seine Kommandierung als "Putzer" und Bursche ist beendet.

    Allerdings bekommt Bengsch in der letzten Nacht vor seiner erneuten Frontversetzung noch eine Belehrung im "Nazi-Glauben".

    Die Einzelheiten hat er im Tagebuch festgehalten:


    "16. 5. 42


    Schluß der Kommandierung. Heute gehe ich wieder in die Stellung zurück. Darüber bin ich froh. -

    Gestern saßen wir - einschließlich Leutnant - bis nachts um 1/2 2 zusammen.

    Thema dann auch: Theologiestudent in unserer Zeit.


    Leutnant: "Sie können mir leid tun!"

    Ich: "Weshalb, Herr Leutnant?"

    Leutnant: "Deutschland ist unsere Religion! Sehen Sie, was Japan mit einer volksgebundenen Religion leistet. Das Christentum hat abgewirtschaftet, seine salbungsvollen Priester haben jede Führungsberechtigung verscherzt.

    Jesus - hat nicht mehr geleistet, als ein deutscher Soldat heute leistet, der unter Schmerzen für sein Volk stirbt. Heiraten Sie, schaffen Sie Nachkommen, alles andere ist Unsinn!"


    Für ein tieferes Gespräch, für ein Eindringen in die religiösen Bereiche gab es keine Möglichkeit. Er wiederholte sich und verkündete seine "Religion". -


    [...]

    Was mich traurig stimmt: Vieles an der Gestalt der Kirche kann mit Recht kritisiert werden. Die Gegner lügen durchaus nicht immer. Sie sehen nun einmal das Menschliche. Und nur danach vermögen sie zur urteilen.

    Das sind keineswegs nur solche Phrasendrescher wie der Leutnant mit seiner "Deutschland-Religion"."


    (Leo Bernhard (Hrsg.), Alfred Bengsch: Die Hoffnung darf nicht sterben. Tagebuch 1940-1950, München 1981, S. 48-51.)


    Diese Tagebucheinträge sind vielleicht ganz interessant um nachzuvollziehen, wie die Auseinandersetzung zwischen Nazis und Nicht-Nazis

    innerhalb der Wehrmacht auch aussehen konnte.


    Gruß

    Bodo

    "Die Historiker verfälschen die Vergangenheit, die Ideologen die Zukunft." (Zarko Petan, slowenischer Schriftsteller und Aphoristiker)

  • Hallo Bodo,


    keine Ahnung was Dich in Deinem letzten Beitrag zu der Einsicht bringt, die beiden Offiziere / Kompaniechefs von Bengsch wären "Nazi-Ideologen" und "Gesinnungs-Nazis" gewesen, nur weil sie eine kritische Haltung gegenüber dem Christentum im Allgemeinen und deren Kirchen im Besonderen an den Tag legten und in Diskussionen diese kirchenkritische Position auch vertraten. Natürlich sind viele ihrer Argumente nationalsozialistisch konnotiert, entspringen aber im Kern einer zur damaligen Zeit besonders im urbanen Milieus weitverbreiteten antiklerikalen und sogar atheistischen Grundauffassung; und dies, was zu betonen ist, über alle politischen Positionen hinweg. Der Oberleutnant (bei dem Bengsch als "Putzer" dient) wähnt Bengsch zunächst eher seiner eigenen Klasse zugehörig; Abitur, Student, gebildet, hier wird, weil im Denken "kastenmäßig beschränkt " vom Oberleutnant Korpsgeist vermutet, abgefordert und von Bengsch enttäuscht. Also zurück in den Graben.


    Als Anekdoten von Kriegsteilnehmern erzählt, habe ich solche oder ähnliche Vorkommnisse zig-mal gehört, aber daraus im Nachhinein (1981) so etwas wie christlichen Widerstand gegen "Nazi-Offiziere" zu drechseln besitzt schon so etwas wie die Charakteristik des verhöhnten "salbungsvollen Priester"-s


    Ich wiederhole mich gerne mit meiner Mahnung. Bei allen Lebenserinnerungen ehemaliger Kriegsteilnehmer ist es immer ratsam, deren zum Zeitpunkt der Niederschrift gesellschaftlich-politische Position und ihre gesellschaftliche Akzeptanz bzw. die Suche danach, zu berücksichtigen. Die jeweils augenblickliche objektive Situation des Verfassers beeinflusst im hohen Maße die subjektive Erinnerung vergangener Ereignisse.


    Beste Grüße


    Paul

    G-W-G'

  • Hallo Paul,


    leider kann ich Deiner Kritik nicht ganz folgen.


    Als Anekdoten von Kriegsteilnehmern erzählt, habe ich solche oder ähnliche Vorkommnisse zig-mal gehört, aber daraus im Nachhinein (1981) so etwas wie christlichen Widerstand gegen "Nazi-Offiziere" zu drechseln besitzt schon so etwas wie die Charakteristik des verhöhnten "salbungsvollen Priester"-s

    ...

    Bei allen Lebenserinnerungen ehemaliger Kriegsteilnehmer ist es immer ratsam, deren zum Zeitpunkt der Niederschrift gesellschaftlich-politische Position und ihre gesellschaftliche Akzeptanz bzw. die Suche danach, zu berücksichtigen.


    Ein Tagebuch ist doch eben schlicht und einfach ein Tagebuch. Aus der Kriegszeit. Zeitgenössisch. Hatte ich alles bereits geschrieben. Der damalige Student und spätere Kardinal Bengsch hat meines Wissens nach keine "Lebenserinnerungen" hinterlassen. Ich habe jedenfalls ansonsten nur religiöse Glaubensschriften gesehen (siehe auch verlinkten Wikipedia-Artikel).


    Das von mir in Auszügen zitierte Tagebuch wurde aus dem Nachlass heraus veröffentlicht (Todesjahr 1979, Tagebuch erschien 1981, Herausgeber Leo Bernhard).

    Hier kann ich nichts Retrospektivisches oder "im Nachhinein" Erdichtetes erkennen (siehe Wikipedia-Artikel "Quellenkritik":


    https://de.wikipedia.org/wiki/Quellenkritik

    "Die Quellenkritik versucht festzustellen, unter welchen Umständen eine Geschichtsquelle entstanden ist, insbesondere wer sie wann hergestellt hat und mit welcher Motivation. Damit ist sie eine zentrale Aufgabe von Historikern."


    Aus dem bereits neulich von mir zitierten Umschlagtext:

    Quote

    "Tagebuchaufzeichnungen des verstorbenen Berliner Kardinals Alfred Bengsch aus dem bewegten Jahrzehnt, in dem er sich als Student und Soldat auf seine Dienst als Priester vorbereitete.

    [...]

    Über ihren geistlichen Gehalt hinaus sind diese Tagebuchnotizen eine Kostbarkeit von zeitgeschichtlicher Bedeutung."


    Außerdem weiß ich nicht, warum Du dem Kompaniechef, einem "alten SS-Mann" (d.h. vor 1933 in die SS eingetreten),

    und dann noch mit "Beziehungen zu allen möglichen Stellen" (gemeint sind wohl NSDAP-Parteistellen)

    unbedingt die Nazi-Gesinnung absprechen willst. Wenn man den Tagebuch-Auszug liest:

    "Noch etwas macht mir Sorge. Der Chef ist ein alter SS-Mann (aber nicht in der Waffen-SS!), hat Beziehungen zu allen möglichen Stellen - und kennt sich auf religiösem Gebiet sehr gut aus. Über die übliche Polemik ist er erhaben. Was er kritisiert, sind tatsächliche Fehler. Er ist mir an Allgemeinbildung und dialektischem Können überlegen (er ist 15 Jahre älter als ich).

    Ein ernstzunehmender Mann, trotz seiner Vorliebe für Äußerliches und militärisches Gehabe. -

    [...]"

    (Leo Bernhard (Hrsg.), Alfred Bengsch: Die Hoffnung darf nicht sterben. Tagebuch 1940-1950, München 1981, S. 48-51.)

    Der zweite Kompaniechef, der Leutnant der Nachbarkompanie, ist doch eindeutig ein Gesinnungsgenosse.

    Beide wohnen in einer Unterkunft (Gefechtsstand). Eigentlich ungewöhnlich, aber hier eindeutig "Gleich und gleich gesellt sich gern".


    Seine "Deutschland-Religion" ist doch ein häufiges NS-Topoi ("Du bist nichts, Dein Volk ist alles" usw.)

    Dann verlangt der Leutnant auch noch von Bengsch, die holzsammelnde Frau zu erschießen (ohne jede Untersuchung),

    weil er weiß, dass der angehende Priester an das Gebot "Du sollst nicht töten" glaubt.


    Das folgende verstehe ich auch nicht so ganz:

    Als Anekdoten von Kriegsteilnehmern erzählt, habe ich solche oder ähnliche Vorkommnisse zig-mal gehört, aber daraus im Nachhinein (1981) so etwas wie christlichen Widerstand gegen "Nazi-Offiziere" zu drechseln besitzt schon so etwas wie die Charakteristik des verhöhnten "salbungsvollen Priester"-s


    Es geht doch im Fall Alfred Bengsch nicht um "Widerstand". Es geht, wie ich mehrfach geschrieben habe, zunächst

    um eine vom Nazi-Glauben abweichende Gesinnung. Egal ob christlich, humanistisch, atheistisch, oder was auch immer.

    Alle Abweichler waren für die Nazis eine Provokation. Nach dem Krieg wollten sie auch unter den deutschen "Volksgenossen"

    gründlich aufräumen, wie ich schon mehrfach zitiert hatte. KZ, Hinrichtung, Arbeitslager, alles war für die oberste NS-Führung denkbar.


    Wenn man die TAGEBUCHNOTIZEN liest, erkennt man jedenfalls, dass die beiden Offiziere Bengsch demütigen wollten

    (ständige Ermahnungen des Vorgesetzten, er musste sogar noch den Putzer für den Burschen des Leutnants machen!)


    Schlimmer geht es doch eigentlich nicht.


    Gruß

    Bodo

    "Die Historiker verfälschen die Vergangenheit, die Ideologen die Zukunft." (Zarko Petan, slowenischer Schriftsteller und Aphoristiker)

  • Hallo zusammen,


    heute möchte ich noch einmal an das Thema Nazi-Vorgesetzte von katholischen Theologen anknüpfen.

    Diesmal, um den Unterschied deutlich zu machen, zuerst mit einer rückschauenden Betrachtung des Wehrdienstes.


    Im Gegensatz zum damaligen Studenten Alfred Bengsch war Paul Nordhues, der spätere Weihbischof im Erzbistum Paderborn, im Krieg bereits Priester und daher als Sanitätssoldat im Einsatz gewesen. Dort lernte er u.a. Hans Scholl und Alexander Schmorell (Widerstandsbewegung Weiße Rose) kennen.


    Zum Hintergrund des Bischofs hier auf Wikipedia:

    "Paul Heinrich Nordhues (* 8. Februar 1915 in Dortmund; † 30. Juni 2004 in Paderborn) war ein katholischer Theologe und Weihbischof im Erzbistum Paderborn."

    https://de.wikipedia.org/wiki/Paul_Nordhues


    Quote

    "Obschon unser Kompaniechef mit seiner Nazi-Gesinnung in der Ärzteschaft, ebenso in der Kompanie, ziemlich allein dastand, schuf er fortwährend Konflikte."


    (Paul Nordhues ,"Es ging für alle um das Überleben", in: Katholisches Militärbischofsamt (Hrsg.), Hans Jürgen Brandt (Hrsg.), Priester in Uniform. Seelsorger, Ordensleute und Theologen als Soldaten im Zweiten Weltkrieg, Augsburg 1994, S. 318-324, hier S. 320.)


    Leider hat Bischof Nordhues meines Wissens nach keine Einzelheiten zu den Konflikten mit dem Nazi-gesinnten Kompaniechef geschildert. Und das dieser Chef "ziemlich allein" dastand bedeutet ja auch, dass es wie bei Kardinal Bengsch mindestens noch einen Nazi-Gesinnungsgenossen in der Sanitätskompanie gegeben haben muss.


    Ein gegenteiliges Beispiel hat jedoch der frühere Sanitätsunteroffizier Georg Braunbeck in seinem Bericht über das Feldlazarett in Smolensk genannt. Hier war der Chef ein besonders fürsorglicher Arzt, während ein neu hinzugekommener Sanitäter den übrigen Soldaten durch Nazi-Äußerungen auffiel. Deshalb wurde dieser baldmöglichst "Heim ins Reich" wegversetzt:


    "Ein weiterer Sanitäter des Feldlazaretts war Georg Braunbeck.

    "Ich war Sanitätsunteroffizier bei der Einheit 606 und kam als Kurierfahrer viel in der Stadt Smolensk herum. Ich musste für die Abteilung Befehle und die Post holen. Sonst war ich Sanitäter z.b.V. und brauchbar für jeden Einsatz, auch auf Station. Im Winter 1941/42 wurde ich eine Zeitlang auf der Station festgehalten, weil wir Fleckfieberverdächtige hatten und außer mir nur zwei Leute die entsprechende Impfung hatten. Ich arbeitete dort gern mit Stabsarzt Dr. Höhr zusammen, einem sehr gewissenhaften Arzt. [...]"


    Quote

    "Dr. Theisinger war ein menschlicher Chef, ein guter Organisator, wirklich beispielhaft, eine Autoritätsperson. Wie sollte er sonst so eine Einheit führen?

    Nazis gab es bei uns auch nicht: Da kam z. B. ein Sanitäter, der war vielleicht ein Nazi. Als der Winter vorbei war, kam ein Befehl, von allen Einheiten solle 1 Prozent aus Russland herausgezogen werden. Da haben wir natürlich zuerst den Nazi-Verdächtigen fortgeschickt, weil wir ihn deshalb nicht behalten wollten, so dass er nicht lange bei uns war."


    (Reinhold Busch (Hrsg.), Elsi Eichenberger. Als Rotkreuzschwester in Lazaretten der Ostfront. Schweizer Ärztemissionen im II. Weltkrieg - Teil 3. Smolensk, Kriegswinter 1941/42, ein Erlebnisbericht, Berlin 2004, S. 187-191.)


    Paul Nordhues gehörte zu den von mir neulich bereits erwähnten Priestersoldaten, die in vielen Wehrmachtseinheiten Gottesdienste halten durften. Offiziell war das aber nur im Notfall, z.B. bei einer Erkrankung des amtlichen Divisionspfarrers, erlaubt.


    Generell waren die Feldgottesdienste innerhalb der Wehrmacht den NS-Behörden wie der Gestapo und dem Sicherheitsdienst der SS ein Dorn im Auge. Vielleicht wird der verbale Konflikt zwischen Alfred Bengsch und seinen Nazi-Vorgesetzten (meine vorherigen Posts) dadurch etwas nachvollziehbarer.


    Der bekannte Wissenschaftler Johannes Güsgen hat in seinem Standardwerk "Die Katholische Militärseelsorge in Deutschland zwischen 1920 und 1945, Köln 1989", dazu folgendes eindrucksvolles Beispiel gleich vom ersten Kriegsjahr zitiert:


    “”Die Meldungen aus dem Reich” vom 11. Dezember 1939 verzeichneten “verstärkte Bemühungen der Kirche um die Frontsoldaten”.

    [...]

    Der von der GeStaPo [Geheime Staatspolizei] zitierte Feldpostbrief stellt die Wirksamkeit der Feldseelsorge in den ersten Kriegsmonaten eindeutig dar:


    “Es ist betrüblich sagen zu müssen, daß die Partei [NSDAP] und unsere Weltanschauung schwer ins Hintertreffen geraten! Wenn das so weitergeht, verlieren wir täglich an Boden und die Vertreter der Kirchen, die als beamtete Divisionsgeistliche den Rang von Stabsoffizieren einnehmen, können allein den Acker bestellen.


    Die Vertreter der Kirchen überschwemmen die Truppenteile mit Flugschriften, die sehr geschickt auf die Psyche der Frontsoldaten eingehen. Schon die ganzen Umstände der Front schaffen den katholischen und evangelischen Divisionspfarrern vor.

    Die Predigten in den Feldgottesdiensten, die außerordentlich gut besucht werden, tun die Hauptsache. Den Feldpfarrern stehen Autos zur Verfügung, mit denen sie täglich zu den Truppenteilen hinauseilen und jeden einzelnen Mann bearbeiten können.


    Man unterschätze diese Dinge nicht in ihrer Auswirkung!

    Der Gegenstoß gegen unsere Weltanschauung ist mit aller Macht und mit zweifellosem Erfolg eingeleitet worden. Was tut die Partei dagegen?”"


    (Johannes Güsgen, Die Katholische Militärseelsorge in Deutschland zwischen 1920 und 1945, Köln 1989, S. 442-443.)



    Auch der von mir die letzten Male schon zitierte spätere Kardinal Alfred Bengsch hat so einen Feldgottesdienst an der Front in Russland in seinem Tagebuch beschrieben (eigentlich waren es zwei, erst evangelisch, dann der katholische Gottesdienst zu Ostern 1942):



    Der Historiker Johannes Güsgen hat zu diesen ökomenischen Erfahrungen von geistlichen und anderen Soldaten geschrieben:


    "Waren auch an der Schwelle des Krieges die Entwicklungsmöglichkeiten der Militärseelsorge so gut wie abgeschnitten und ging es in der Tag bestenfalls noch um die Erhaltung eines nirgendwo genau definierten “status quo”, so zeigten sich unter den Bedingungen der Front neue Möglichkeiten, weil Religion und Kirche manchem Soldaten in neuem Licht erschienen.”


    "Johannes Güsgen, Die Katholische Militärseelsorge in Deutschland zwischen 1920 und 1945, Köln 1989, S. 443.)


    Gruß

    Bodo

    "Die Historiker verfälschen die Vergangenheit, die Ideologen die Zukunft." (Zarko Petan, slowenischer Schriftsteller und Aphoristiker)

  • Hallo Bodo,


    ein Detail, was mir nach Jahren erst jetzt richtig bewusst wurde, will ich dir und dem Thema nicht vorenthalten.

    Tausende Fotos von Feldgottesdiensten in Russland gibt es, aber hätte man nicht zur kalten Jahreszeiten die Kirchen nutzen können oder müssen?

    Wieso sieht man keine Gottesdienste mit Soldaten in der Kirche?

    Es gibt tatsächlich einen Grund dafür, denn nach und nach strangulierten die Nationalsozialisten mit immer neuen Verboten

    die Arbeit der Feldgeistlichen, dies hatte dann auch negative Auswirkungen für die religiösen Bedürfnisse der Bevölkerung.

    Die mit Geistlichen unterversorgte Bevölkerung wandte sich anfangs mit Wünschen an Taufen, Eheschliessungen, Kommunion und Ölung

    an die Feldgeistlichen, die diesen Wünschen oftmals nachkamen. Und sie nahmen oft am Gottesdienst der Kriegspfarrer teil.


    Schon ab Herbst 1941 begann dann eine wahre Flut an Verboten


    - Keine Teilnahme am Wehrmachtsgottesdienst für die Bevölkerung Gleiches galt für Taufen, etc. (leider undatiert, August 41?)

    - 12.09.41 gleiche Verbote auch für Volksdeutsche

    - 12.09.41 Verbot einer Aufbauhilfe für zerstörte Kirchen durch Organe der Wehrmacht

    - 12.09.41 Verbot von Gottesdiensten der Wehrmacht in russischen Kirchen (nur noch Feldgottesienste)

    - 27.11.41 Hitler gibt auch bei extremer Kälte die Gotteshäuser nicht für Wehrmachtsgottesdienste frei (Eintrag KTB Halder)


    Man hat dann stellenweise eigenmächtig Bautruppen eingespannt, die einige Holzkirchen anfertigen konnten.

    Hier begann dann eine kleine Form von "Widerstand". Konnte die Ausführung von Hitlers Befehl an einem Ort kontrolliert werden,

    wurde in Wohnhäuser, Scheunen, Kinos oder ins Freie ausgewichen.

    War man unter sich und bestand Einigkeit zwischen Kommandeuren und Kriegspfarrer, wurde der Befehl ignoriert und der Gottesdienst in

    russischen Kirchen abgehalten(1)!


    Generell ist die unten aufgeführte Literatur mit Vorsicht zu genießen, sehr alt und sie verwendet viele womöglich beschönigte Erinnerungen.

    Leider sind nirgends weiter Belegstellen erwähnt, dass trotzdem die Bevölkerung an Wehrmachtsgottesdiensten teilgenommen hat.

    Standen die dann jeweils etwas abseits, um den Befehl und die Form "zu wahren"?



    MfG

    Tac


    Quelle

    (1) Männer im Feuerofen, Ernst Ufer

    Interkonfessionalismus in der deutschen Militärseelsorge von 1933 bis 1945, Georg May S. 204 ff.

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  • Hallo,


    man sollte nicht vergessen, welche Bedeutung die unterschiedlichen christlichen Konfessionen gerade auch in der Sowjetunion hatten.

    In der deutschen Wehrmacht gab es doch kaum orthodoxe Gläubige, ganz zu schweigen von orthodoxen Geistlichen.

    Die römisch-katholischen Christen, Mennoniten und evangelischen Gläubigen waren unter Stalins Herrschaft gnadenlos verfolgt worden.

    Sie waren zum Zeitpunkt des Russlandfeldzugs kaum noch anzutreffen.


    Die russischen und ukrainischen christlich-orthodoxen Kirchen hatten demgegenüber im Untergrund und in manchen ländlichen Gebieten rudimentär weiterexistieren können. In den russischen Großstädten unter strenger staatlicher Kontrolle mit wenigen geöffneten Kirchen.

    Hierzu die damalige Einschätzung eines Religionsfachmanns, dem auch heute in Russland (durch Ausstellungen) sehr bekannten Arzt und Theologen Kurt Reuber, der als Maler der Madonna von Stalingrad bekannt geworden ist.


    Er war neben seiner medizinischen Tätigkeit auch evangelischer Pfarrer.


    Quote


    Zunächst seine Lebensdaten aus der Wikipedia:

    Kurt Reuber (* 26. Mai 1906 in Kassel; † 20. Januar 1944 im Kriegsgefangenenlager Jelabuga) war ein deutscher Arzt, evangelischer Pfarrer und bildender Künstler, der durch die Stalingradmadonna bekannt wurde.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Kurt_Reuber


    In der überlieferten Briefkorrespondenz mit dem Religionswissenschaftler Friedrich Heiler wird seine Verzweiflung über die unerwartet schlimme Christenverfolgung in der Sowjetunion deutlich, hier ein Brief vom Spätsommer 1941:



    Kurt Reuber hat dem Religionswissenschaftler Friedrich Heiler auch persönliche Erlebnisse mit Gläubigen und Popen berichtet:


    "Neulich wurde ich in eine Elendshütte an das Krankenbett einer Russin gerufen. Ich bekam heraus, daß ich mich im "Versteck der Gläubigen" befand, in dem sich die übriggebliebenen Gläubigen gegenseitig halfen. Ein alter, verkommener Pope, den man

    [d.h. Stalins Geheimpolizei NKWD] "vergessen" hatte, war zugegen.


    Kaum zu schildern, was ich dort an Leid erfuhr. Eine anwesende deutschstämmige Katholikin gab mir über alles Aufschluß.

    Die Gläubigen schauten pessimistisch auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

    Sie sprachen überzeugt von der Schuld der Kirche:

    (man hört es immer wieder), übelstes, geldgieriges, genuß- und trunksüchtiges Popentum, primitivster Aberglaube.

    Man erkennt das Gottesgericht an der Kirche als zutreffend an.

    So ist die breite Masse, namentlich der jüngeren Generation, für die Religion verloren…

    Anzeichen für eine wirkliche Erneuerung sind nicht vorhanden.


    (Erich Wiegand, Kurt Reuber. Pfarrer, Arzt und Maler, Kassel 2004, S. 96.)


    Reuber glaubte auch nicht an eine wirkliche Erneuerung des Christentums in Russland und der Ukraine, solange Stalin seinen Einfluß auf alle Lebensbereiche behielt (Zitat "die Straße ist deutsch, die Macht sowjetisch", Sebastian Stopper):


    Quote

    "Man hat in Deutschland viel von einer Katakombenkirche Redens gemacht. Auch hinter der angeblichen russischen Mystik soll nicht viel stecken. Hier und da, wo wir das Land besetzt haben, öffnen sich Kirchen und füllen sich wieder. Sogar Jüngere kommen, teils aus Neugier für das nie Gekannte. In den abseits liegenden Bauernhäusern hängen die Ikonen noch oder wieder, früher hatte man sie verbrannt oder versteckt, um gut kommunistisch zu erscheinen. Heute hängt man sie wieder auf, um nicht als Jude oder Bolschewist zu gelten…"

    (Erich Wiegand, Kurt Reuber. Pfarrer, Arzt und Maler, Kassel 2004, S. 96.)


    Als Überblick zur Religionspolitik der Bolschwiki seit Lenin und deren Folgen bietet sich Wikipedia an.

    Hier zunächst ein Lenin-Zitat, das die von der Staatsspitze betriebene Religionsverfolgung gut illustriert:


    „Je mehr Vertreter des reaktionären Priesterstands und der reaktionären Bourgeoisie an die Wand gestellt werden, desto besser für uns. Wir müssen all diesen Leuten unverzüglich eine solche Lektion erteilen, daß sie auf Jahrzehnte hinaus nicht mehr an irgendwelchen Widerstand denken werden“.

    https://de.wikipedia.org/wiki/…ch_Lenin#Religionspolitik

    Quote

    "Dieses Vorgehen führte im ganzen sowjetischen Staatsgebiet zu staatlich gelenkten Pogromen gegen Gläubige, Priester und religiöse Einrichtungen. Die Zahl der geöffneten orthodoxen Gotteshäuser fiel von rund 80.000 auf 11.525. Über 14.000 orthodoxe Geistliche, Nonnen und Laien wurden dabei von staatlichen Organen erschossen. Auch die katholischen, jüdischen und muslimischen Minderheiten des Staates waren davon betroffen. Auf Lenins Initiative wurde der einflussreiche Patriarch von Moskau, Tichon, per Politbürobeschluss inhaftiert."

    https://de.wikipedia.org/wiki/…ch_Lenin#Religionspolitik


    So kann es nicht überraschen, daß vor allem ältere Einheimische die unter der Herrschaft der Wehrmacht erlaubten orthodoxen Gottesdienste besuchten. Reuber schreibt, diese neue alte Kultausübung sei "eine seelische Befreiung" für die alten Russen und Ukrainer gewesen:


    "Was ich bisher an “Restaurierung” der Kirche beobachtete, hat nichts mit Erneuerung zu tun, ist mechanische Fortführung der unterbrochenen Tradition des Alten - so, wie man freudig vom Kollektivwesen wieder zum Privateigentum übergeht. Nach allem Terror aber bedeutet die neue, alte Kultausübung für die Alten eine seelische Befreiung, der man auch materielle Opfer bringt….


    Die Ostkirche hat mich in ihrer Praxis auf dem Balkan und hier sehr enttäuscht.

    Primitivster Paganismus und Versagen der Geistlichkeit (Entsittung, Unbildung usw.) stehen im Vordergrund. “An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.” Die Ostkirche sei die Kirche der Auferstehung. Aber man sucht nach Auferstehungskräften vergeblich.”

    [...]"

    (Erich Wiegand, Kurt Reuber. Pfarrer, Arzt und Maler, Kassel 2004, S. 96.)


    Grüße,

    Bodo

    "Die Historiker verfälschen die Vergangenheit, die Ideologen die Zukunft." (Zarko Petan, slowenischer Schriftsteller und Aphoristiker)

  • Hallo zusammen,


    ich möchte zum Teilaspekt des Themas "Wehrmachtsgottesdienst in Russland unter Teilnahme der russischen Zivilbevölkerung" noch einen Bericht des bekannten militärhistorischen Autors Hans Schäufler einstellen (unten im Anhang sein Buch zum Panzerregiment 35,

    außerdem ein Foto des Autors in Panzeruniform von einer polnischen Geschichtsseite).


    Schäufler war als früherer Offizier selbst Kriegsveteran und hatte Weihnachten 1941 ein besonderes Erlebnis.

    Nach dem Zusammenbruch der deutschen Ostfront und dem Rückzug in Eis und Schnee von Moskau nach Orel

    hatte Schäufler mit dem Rest seiner Panzerabteilung ohne Panzer (Panzerregiment 35) der 4. Panzer-Division

    Ende Dezember 1941 die russische Stadt Kromy erreicht.


    Laut Wikipedia ist "Kromy (russisch Кро́мы) eine Siedlung städtischen Typs und nun eine ehemalige Stadt in der Oblast Orjol in Russland mit 6733 Einwohnern (Stand 14. Oktober 2010)."

    https://de.wikipedia.org/wiki/Kromy_(Orjol)


    Ein als Zivilisten getarnter Kampftrupp der Roten Armee (vermutlich Kosaken) hatte sich unter die Gottesdienstgemeinde in der Stadt Kromy gemischt und sollte die abgekämpften deutschen Truppenreste aus dem Hinterhalt angreifen. Das war sogar von Schäuflers Vorgesetztem per Funk mitgeteilt worden. Aber es kam glücklicherweise anders. Das gemeinsam mit den russischen Zivilisten und Soldaten erfahrene Christentum rettete den deutschen Soldaten in dieser schwierigen Situation das Leben. Man könnte (wegen der zelebrierten Weihnachtsmesse) sogar von einem “Weihnachtswaffenstillstand“ zwischen deutschen und russischen Soldaten sprechen:

    Christnacht von Kromy

    Alle Jahre wieder, wenn es Weihnachten wird und ich ein paar Tage Zeit für mich selbst habe, blättere ich in einem Stoß vergilbter Schulhefte. Es sind meine Tagebuchaufzeichnungen aus dem Zweiten Weltkrieg. Immer wieder erlebe ich dann jene seltsame Christnacht, die erfüllt war vom geheimnisvollen Zauber des Weihnachtsevangeliums.


    Ich war damals Nachrichtenoffizier einer Panzerabteilung. Nach wochenlangen, verlustreichen Kämpfen wurde diese von der Übermacht sibirischer Truppen, die die Kälte gewohnt waren, vor den Toren Moskaus aufgerieben.

    Nur etwa 100 Mann unserer Einheit hatten diesen erbarmungslosen Winterkrieg lebend und gesund überstanden.

    Wir, die wir übrig geblieben waren, hatten den Auftrag, uns zu unserer Ausgangsstellung zurückzukämpfen und uns in Kromy, einem Städtchen südwestlich von Orel, zu sammeln.


    Hier erwartete uns die Feldpost. Die Päckchen und die Briefe von zu Hause, die uns in den Wochen zuvor nicht erreicht hatten, wurden verteilt. Hier sollten wir unser erstes Weihnachten in Russland feiern. Der Divisionspfarrer war bei uns, um das Fest der Geburt des Herrn mit uns zu gestalten.


    Abseits des tief verschneiten Städtchens stand auf einem flachen Hügel eine halb verfallene russische Kirche. Es war ein orientalisch anmutender Bau, mit fünf seltsam gewundenen Zwiebeltürmen. Die Kommunisten hatten 1917 bei der Oktoberrevolution das Gewölbe gesprengt. Später wurde das Gotteshaus als Getreidespeicher verwendet.


    Der Schnee lag kniehoch im Innenraum, Eiszapfen hingen aus den leeren Fensterhöhlen und Raureif bedeckte die zerschundenen Wände. Wir stellten in dem verschneiten Kirchenrund, direkt unter dem grauen Schneehimmel von Russland, zwei Fichten auf und schmückten sie mit Kerzen und Lametta aus den Weihnachtspäckchen von unseren Lieben. Aus rohen Brettern zimmerten begeisterte junge Soldaten einen klobigen Altar und eine primitive Kommunionbank. Während wir hämmerten und sägten, kam ein aufgeregter Melder und händigte mir einen “dringenden Funkspruch” aus.


    Dieser lautete: “Kosakenregimenter im Anmarsch auf Kromy - rege Partisanentätigkeit in der Stadt - laut Agentenmeldung bereiten reguläre russische Truppen, in Zivil verkleidet, Angriff vor und leiten ihn von hier aus.”


    Hart und doch irgendwie feierlich hallten die dumpfen Hammerschläge durch das zum Himmel geöffnete Kirchenschiff. Sollten alle diese Vorbereitungen umsonst gewesen sein? Wenn ich den Funkspruch jetzt an meinen Kommandeur weitergab, dann mussten wir unverzüglich die Stellungen vor der Stadt besetzen, um den angekündigten Angriff in der Heiligen Nacht abzuwehren. Nein! Ich wollte, ich konnte nicht glauben, dass die Russen gerade in den nächsten zwei Stunden kommen sollten. Das durfte ich meinen Kameraden, die sich mit mir so sehr auf diese eine besinnliche Stunde freuten, nicht antun. So drängte ich alle Bedenken zurück und steckte wortlos den Funkspruch ein. Mein ehemaliger Kommandeur möge mir heute verzeihen.


    Früh kam die Nacht. Wir stellten Posten rund um die Kirche auf, um vor Überraschungen sicher zu sein. Die übrig gebliebenen 80 Mann verloren sich in dem weiten rund der russischen Kirche. Andächtig lauschten wir der Heiligen Messe. Es bot sich uns ein eigenartiges Bild.

    Angestrahlt von den flackernden Kerzen der beiden Christbäume stand unser Feldgeistlicher am schmucklosen Altar. Lautlos schwebten die Schneeflocken durch das zerrissene Kirchengewölbe und legten sich behutsam auf die Schultern der feldgrauen Ministranten, auf das Messgewand des Priesters und auf die Zweige der geschmückten Fichten. Als ich mich einmal umdrehte, um in die Gesichter der wenigen Soldaten zu schauen, glaubte ich meinen Augen nicht zu trauen.


    Kopf an Kopf standen die Einwohner von Kromy hinter uns. Es waren bärtige Männer mit Rindensandalen an den mit Lumpen umwickelten Beinen, Frauen in abgeschabten Schafpelzen und dunklen Kopftüchern. Aber noch nie in meinem Leben hatte so schöne, so gläubig verklärte Gesichter gesehen. Wie lange mochte es schon her sein, dass diese gequälten Menschen an einem Gottesdienst hatten teilnehmen können?


    Diese Männer und Frauen von Kromy konnten die Worte des Weihnachtsevangeliums, das von einem Kameraden mit fester Stimme vorgetragen wurde, wohl kaum verstehen. Dennoch hörten sie die frohe Botschaft heraus. Tränen rannen über ihre besorgten, von Hunger und Krieg gezeichneten Gesichter.


    Das “Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden” leuchtete aus ihren Augen. Mein Blick glitt von Gesicht zu Gesicht.

    Da entdeckte ich plötzlich in einer dunklen Ecke eine Gruppe von jungen russischen Männern. Sie hatten trotzig die Pelzmützen auf dem Kopf und lehnten, ohne Teilnahme an dem heiligen Ritual, an der Wand. Ich sah in Augen voll unheimlichen Hasses, Augen, wie man sie nie mehr vergisst.

    Ich bemerkte eine hohe, schlanke Gestalt mit scharf geschnittenem Gesicht und intelligentem Blick. Wie ein Blitz fuhr es mir durch den Kopf - der Funkspruch!

    Glühend heiß rann es mir den Rücken hinunter. Unentwegt musste ich den auffälligen Mann inmitten der Gruppe, die nicht zu dieser Stunde passte, ansehen. Er musste der Anführer dieser Leute sein.


    Ein Mütterlein mit schneeweißem Haar, den Rücken von der Last der Jahre gebeugt, kniete bei der Wandlung aufschluchzend im Schnee und schlug mit zittriger Hand das Kreuzzeichen. Die jungen Russen standen immer noch im Halbdunkel, aber mir schien es fast, als blickten die Gesichter nicht mehr so teilnahmslos. Als wir dann paarweise von der Kommunionbank zurückschritten, sah ich auch das spöttische Lächeln nicht mehr. Dann geschah etwas Seltsames. Der Feldgeistliche erteilte den Segen. Er schlug das Kreuz des Erlösers mit klammen Händen über die im Schnee kniende Schar, über Russen und Deutsche, über Freunde und Feinde.


    Da nahm der auffallende Mann in der Mitte der Gruppe (da alle knieten, konnte ich jetzt sehen, dass er gut geschnittene Offiziersstiefel unter dem unförmigen Pelzmantel trug), umständlich die Pelzmütze ab und senkte den stolzen Kopf. All die jungen Männer folgten seinem Beispiel, zwar zögernd, doch ohne Ausnahme.


    Zwei Mundharmonikas stimmten das Weihnachtslied an. “Stille Nacht, Heilige Nacht” hallte es wider von den schneeglitzernden Wänden. Der Wind trug die innige Melodie durch das offene Kirchengewölbe hinaus zu den Kameraden, die dort auf Wache standen. Eine Wolke weißen Atems stand über der festlichen Menge und verlor sich im dunklen Gewölbe. Langsam leerte sich das Gotteshaus. Ich verließ es als letzter.


    Draußen trat mir der Mann mit den Offiziersstiefeln entgegen. Er war allein. Er sah mir lange schweigend in die Augen. In seinem Blick war ein eigenartiger Glanz. Dann sprach er in holprigem Deutsch, mehr zu sich selbst als zu mir, feierlich und bedächtig, wie man einen Eid spricht: “Christ ist geboren!”


    Dann küsste er mich, wie es im alten Russland Weihnachtsbrauch war, auf beide Wangen. Wir drückten uns fest und lange die Hand. Ich verstand ihn, obwohl er kein Wort mehr sagte. Dann ging er sicheren Schrittes hinaus in die Nacht. Er nahm nicht den ausgetretenen Pfad zum Ort, nein, er ging mitten durch den knietiefen Schnee. Er bahnte sich einen eigenen Weg. Schritt für Schritt stapfte er geradeaus, ohne sich umzuschauen, hinein in das Dunkle, einem Licht entgegen.”

    ................................................................................................................................................................................................................................


    (Quelle: Hans Schäufler, Christnacht von Kromy, in: Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. (Hrsg.), Stille Nacht, Heilige Nacht. Weihnachtsgeschichten aus schwerer Zeit, Kassel o.J., S. 58-61.)



    Grüße,

    Bodo

  • Hallo zusammen,


    als Ergänzung zum oben geschriebenen Tagebuchbericht von Hans Schäufler möchte ich noch einen weiteren Bericht

    des evangelischen Divisionspfarrers der 16. Infanterie-Division (mot.) Dietrich Baedeker zitieren.

    Darin geht es gleich um mehrere Aspekte der Religionsausübung im Krieg gegen Sowjetrussland. Herausgeber des Berichts ist das Evangelische Kirchenamt für die Bundeswehr Bonn (hier nur ein kleiner Auszug zum Thema der unterschiedlichen christlichen Konfessionen) .


    Baedeker hatte enge Kontakte zum militärischen Widerstand gegen Hitler, sein früherer Lehrer Hermann Kaiser aus dem Oberkommando des Ersatzheeres wurde von den Nazis im Januar 1945 als Mitverschwörer hingerichtet. Badeker überbrachte in seinem Auftrag u.a. geheime Briefe aus Berlin für in die Verschwörung eingeweihte Generäle an der Front:


    "Hermann Kaiser (* 31. Mai 1885 in Remscheid; † 23. Januar 1945 in Berlin-Plötzensee) war ein deutscher Studienrat, Offizier und Beteiligter des Attentates vom 20. Juli 1944."

    https://de.wikipedia.org/wiki/Hermann_Kaiser


    Überblick über Divisionspfarrer Baedekers Wirken an der südlichen Ostfront 1942/43

    Baedekers Einheit 16. I.D. (mot.), wo er Divisionspfarrer war, hatte im Sommer 1942 die Stadt Woronesch mit eingenommen. Dort gab es ein sogenanntes "Gottlosenmuseum", in dem die Sowjetmacht zahlreiche konfiszierte kirchliche Artefakte und antireligiöses Propagandamaterial zur Schau gestellt hatte. Die deutschen Soldaten führten den Inhalt dieses Museums als Kriegsbeute mit. Der Teil mit den antichristlichen Ausstellungsstücken war wohl von NS-Propagandaminister Joseph Goebbels direkt angefordert worden. Diese Teile wurden für Berlin zur Auswertung durch NS-Behörden reserviert:

    "Da fuhr auch schon der Spieß dazwischen und schimpfte:

    "Das ist doch nicht für den Herrn Pfarrer, sondern für den Propagandaminister Goebbels in Berlin, den interessiert dieser Kram.""


    Die aus orthodoxen Kirchen und Klöstern stammenden kostbaren christlichen Artefakte (mit Gold, Silber und teils mit Edelsteinen) übergaben die Soldaten dagegen ihrem Divisionspfarrer Baedeker "zur persönlichen Verwahrung". Er wollte sie aber auf jeden Fall noch in den besetzten Gebieten einer russischen Kirchengemeinde übergeben:


    "Ich habe mich natürlich sehr gefreut und bedankt. Dann aber bat ich um eine große leere Munitionskiste, um die kirchlichen Geräte darin zu verstauen und sie bei passender Gelegenheit einer Kirchengemeinde in Rußland zu übergeben, denn Bücher mit biblischen Texten seien zum Lesen da und nicht zur Dekoration.


    Die Männer brummten etwas enttäuscht, eine Kirchengemeinde hätten sie bisher in Rußland noch nicht gefunden. Aber sie packten dann doch alles nach meinem Wunsch in eine Kiste, die zum Troß des Divisionsstabes gebracht und dort mitgeführt wurde.

    Im Frühjahr 1943, also ein dreiviertel Jahr später, kam die Gelegenheit, den Inhalt der Kiste zur rechten Verwendung zu bringen."


    Wie Dietrich Baedeker den orthodoxen Popen ausfindig machte (dieser war unter der sowjetischen Verfolgung als Briefträger untergetaucht) und wie er zusammen mit seinem katholischen Divisionskollegen die örtliche Holzkirche (die aus leeren deutschen Munitionskisten mit Hilfe deutscher Soldaten erbaut worden war!) für Wehrmachtsgottesdienste benutzen konnte, ist ebenfalls Teil des sehr interessanten Berichts.

    Wichtig finde ich eine Passage, die zeigt, wie stark die sowjetische Propaganda auch bei einheimischen Stalingegnern wirkte:


    "Ich gab ihm die kultischen Gegenstände aus dem Museum in Woronesch. Die Kompanie, die sie "erobert" hatte, war dabei natürlich anwesend.

    Der Pope blieb voll Mißtrauen. Sogar die beiden Evangelienbücher mit den kostbaren Silberbeschlägen konnten ihn nicht von unserem Christsein überzeugen. Dabei hatte er sein Evangeliar in der Verfolgungszeit unter einem Misthaufen verstecken müssen, wodurch es unbrauchbar geworden war. Jetzt hatte er deren zwei."

    Erst die gemeinsame Abendmahlsfeier zum Osterfest bewirkte eine Verbrüderung der verschiedenen christlichen Religionsvertreter des evangelischen, katholischen und orthodoxen Glaubens:


    "Als bei solch einem Gottesdienst mein russischer Bruder den Kelch mit Wein und die Patene mit Brot auf dem Altartisch sah, begann sein Gesicht zu strahlen. Nach dem letzten Amen unserer Liturgie war er nicht mehr zu halten.

    Er umarmte, küßte und segnete mich mit dem Kreuzeszeichen und rief als ein von Zweifeln Erlöster immer wieder: "Christos woskresse!" - Christus ist auferstanden! - Woistinu woskresse!" war dann nach der Sitte der Ostkirche in der Osterzeit meine Antwort. - Er ist wahrhaftig auferstanden! - Es war eine große Freude auch bei den Soldaten, dies zu erleben: Das Abendmahl ist das eigentliche Kennzeichen des Gottesdienstes der Christen."

    (Evangelisches Kirchenamt für die Bundeswehr Bonn (Hrsg.), Das Volk, das im finstern wandelt. Dietrich Baedeker. Stationen eines Militärpfarrers 1938-1946, Hannover 1987, S. 59.)


    Auszüge aus dem Bericht von Dietrich Baedeker im Zusammenhang:

    Quote

    16. Infanterie-Division (mot.)

    "Nach der Einnahme von Woronesch wurde ich von einer Kompanie gebeten, einen Gottesdienst zu halten. Woronesch war damals schon eine Großstadt mit annähernd 500 000 Einwohnern. Es gab eine Menge von kleineren Parkanlagen in dieser Stadt. In einem solchen Park, der geziert war mit den Einheitsbüsten von Lenin und Stalin, biwakierte die Kompanie, die mich gebeten hatte, einen Gottesdienst zu halten. Man hatte schon allerlei Vorbereitungen dafür getroffen, Tische und Bänke aufgestellt und sogar eine Dekoration fertiggebracht. Einige Zweige von dem für die südrussische Landschaft typischen Akazienbaum zierten den Altartisch. Mit Freude hielt ich diesen Gottesdienst.

    (Evangelisches Kirchenamt für die Bundeswehr Bonn (Hrsg.), Das Volk, das im finstern wandelt. Dietrich Baedeker. Stationen eines Militärpfarrers 1938-1946, Hannover 1987, S. 56.)


    "Als ich mich verabschieden wollte, bat mich der Kompaniechef, noch zu bleiben. Die Soldaten wollten sich bedanken, sagte er, weil ich sie im Winter so oft besucht hätte. Sie wollten mir ein Geschenk überreichen.


    Sie führten mich an einen großen Tisch, auf dem rote Fahnen, Spruchbänder und Bilder mit Karikaturen von Priestern lagen. Auch ein Bild von Christus mit einer Gasmaske und dem Stahlhelm am Kreuz war dabei. Ich war erstaunt.

    Da fuhr auch schon der Spieß dazwischen und schimpfte: "Das ist doch nicht für den Herrn Pfarrer, sondern für den Propagandaminister Goebbels in Berlin, den interessiert dieser Kram."


    Sie brachten mich dann zu einem zweiten Tisch mit kultischen Geräten:

    Kelche, Patenen, eine Bischofsmütze, Leuchter und Bücher.

    Auf meine erstaunte Frage, woher sie denn diese recht verschiedenen Dinge hätten, kam die Antwort: "Aus einem Museum der Gottlosenbewegung. Das hatten wir zu besetzen und kurze Zeit als Quartier. Da waren alle diese Sachen ausgestellt."


    Offenbar sollte mit der Ausstellung in diesem Museum massive antireligiöse Propaganda betrieben werden: einmal mit den Karikaturen und Spruchbändern; dann aber sollte der Bevölkerung an den kostbaren kultischen Geräten auch gezeigt werden, wie reich die Kirche sei. Die kultischen Gewänder waren zum Teil mit Edelsteinen geschmückt. Die Einbanddeckel der Evangelienbücher hatten wunderschöne Verzierungen aus Silber. Die kostbaren Bücher, meinten die Soldaten, sollte ich später in meiner Wohnung als originelle Dekoration verwenden.


    Ich habe mich natürlich sehr gefreut und bedankt. Dann aber bat ich um eine große leere Munitionskiste, um die kirchlichen Geräte darin zu verstauen und sie bei passender Gelegenheit einer Kirchengemeinde in Rußland zu übergeben, denn Bücher mit biblischen Texten seien zum Lesen da und nicht zur Dekoration.

    Im Frühjahr 1943, also ein dreiviertel Jahr später, kam die Gelegenheit, den Inhalt der Kiste zur rechten Verwendung zu bringen.



    Die Division wurde damals nach den schweren Rückzugskämpfen des Winters 1942/43 zur Auffrischung abgelöst und lag an der Miusfront in Reserve.

    In einem Dorf fanden wir eine kleine russische Kirche mit einem Priester. Es war der einzige amtierende orthodoxe Priester, den ich in Rußland getroffen habe. Er hatte sich in der Zeit der Kulakenverfolgung, die mit der Verfolgung der Priester verbunden war, in dem Dorf Latanowo verstecken können bis zum Einmarsch der Deutschen in die Ukraine 1941.

    Er war untergetaucht, indem er Dorfbriefträger geworden war. In dieser Eigenschaft hatte er ständig guten Kontakt mit seinen Gemeindemitgliedern."


    (Evangelisches Kirchenamt für die Bundeswehr Bonn (Hrsg.), Das Volk, das im finstern wandelt. Dietrich Baedeker. Stationen eines Militärpfarrers 1938-1946, Hannover 1987, S. 56-57.)




    Zum Abschluß noch ein Link zur sowjetischen "Gottlosenbewegung", die auch das "Gottlosenmuseum" in Woronesch eingerichtet hatte.

    Mir ist z.B. noch die Kathedrale von Smolensk in Erinnerung, die bis zur deutschen Eroberung als weiteres "Gottlosenmuseum" mit den Bildern Lenins und Stalins dekoriert worden war. Davon gibt es auch Fotos deutscher Soldaten. Es gab wohl viele weitere Standorte der kämpfenden Gottlosen in Russland:


    "Der Verband der kämpfenden Gottlosen (rus. Сою́з вои́нствующих безбо́жников) war ein von 1929 bis 1947 in der Sowjetunion existierender atheistischer Verein. Er war auf Grundlage des seit 1925 in Moskau existierenden Verbandes der Gottlosen gegründet worden, der seinerseits ging aus der Gesellschaft der Freunde der Zeitung „Besboschnik“ hervor. Die Organisation stand der sowjetischen kommunistischen Partei nahe. Ihr Anführer war Jemeljan Jaroslawski."

    https://de.wikipedia.org/wiki/…k%C3%A4mpfenden_Gottlosen


    Unten noch ein Plakat aus Wikipedia als Beispiel für die staatlich geförderte Gottlosenbewegung in der Sowjetunion.

    "Plakat des Verbandes 1929: Im Zeitalter der Industrialisierung gehört Jesus auf den Müll."


    Diese staatliche Förderung der "Gottlosenbewegung" ging übrigens bis 1990 kurz vor Ende der UdSSR weiter, nur unter anderen Namen.

    Dazu ein Fundstück aus dem WWW:

    "An dem 1961 beschlossenen Programm zur »Atheistischen Erziehung« der Bevölkerung (besonders der Kinder und Jugendlichen), das seinen Ausdruck in der staatlich organisierten »Verbreitung der wissenschaftlich-materialistischen Weltanschauung« fand, hielt die KPdSU in modifizierter Form (»ohne die Gefühle der Gläubigen zu verletzen«) auch nach dem Amtsantritt M. S. Gorbatschows als Generalsekretär fest. Erst 1990 stellte die sowjetische Gesetzgebung die Kirchen und Religionsgemeinschaften mit den atheistischen Organisationen rechtlich gleich und untersagte die staatliche Finanzierung der atheistischen Propaganda (Religionsgesetz der UdSSR vom 1. 10. 1990)."


    Grüße,

    Bodo

  • Hallo Bodo,


    in Ergänzung zu Deinen ausführlichen Anmerkungen möchte ich auf folgendes Büchlein hinweisen:


    Beese, Dieter: Seelsorger in Uniform. Evangelische Militärseelsorge im Zweiten Weltkrieg; Aufgabe - Leitung -Predigt. Luthersches Verlagshaus 1995 (s. Bild)


    Im ersten Teil werden allgemeine Richtlinien der Militärseelsorge im Krieg dargestellt und erläutert. Interessant hier das "Merkblatt über Feldseelsorge" und der Bezug zur preußischen Soldatenfrömmigkeit. Unter speziell diesem Aspekt ist die ausführliche Behandlung der Leitung der evangelischen Militärseelsorge im zweiten Teil, namentlich Franz Dohrmann, ev. Feldbischof der Deutschen Wehrmacht, interessant.


    Ein reichhaltiges Quellenverzeichnis (überwiegend aus Beständen des Freiburger Militär-/Bundesarchivs) sowie ein Anhang mit fünf ausführlichen Interviews mit Hermann Kunst, Albrecht Goes, Hans-Rudolf Müller Schwefe, Hans-Dietrich Wendland sowie Eberhard Müller runden dieses informative und doch überschaubare Werk ab.


    LG Justus

  • Hallo Rudolf,

    langsam stelle ich mir die Frage, warum Du diesen Thread eröffnet hast,

    wenn er offensichtlich doch nur dazu dienen soll, Deine (bereits gefestigte)

    Meinung zu bestätigen und Du abweichende Meinungsäußerungen nicht

    gelten lässt bzw. tw. sogar "abbügelst" ?!?


    sogar die aktuelle Militärseelsorge der Bundeswehr teilt Bodos Meinung und duldet da kein Abwiegeln und Beschwichtigen.

    Schau mal in deren monatliche Zeitschrift (Kompass. Soldat in Welt und Kirche), fast jede Ausgabe mit dem Gedenken an einen Feldgeistlichen der Wehrmacht, welcher seine Einsicht und seinen Mut mit dem Leben bezahlen musste.

    Man kann zu Recht behaupten, die meisten wussten, was ihnen und dem Land bei einem Sieg blühen wird.


    Quelle



    MfG

    Tac

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