Wie kam die Stasi an Personalunterlagen der Wehrmacht/ Waffen-SS

  • Hallo,


    eine Frage, die sich mir beim Lesen von Unterlagen immer wieder stellt, auf die ich aber keine vernünftige Antwort finde:


    Woher bezog das Ministerium für Staatssicherheit der DDR Informationen über Dienstzeiten in Wehrmacht oder Waffen-SS?


    Was ich weiß: Verantwortlich für die "Erfassung, Archivierung, politisch-operative Auswertung und Nutzbarmachung aller im Ministerium für Staatssicherheit vorhandenen Materialien aus der Zeit des Faschismus bis 1945" war die Hauptabteilung IX/11..


    Die Unterlagen der WASt lagen ja in West-Berlin und waren damit dem MfS nicht offiziell zugänglich, woher kamen also diese in der Regel detaillierten Informationen zu militärischen Werdegängen?


    Evtl. sind diese Unterlagen auch für Recherchen heute interessant.



    Grüße
    Thilo

    Suche alles zur Lehrtruppe Fallingbostel und zum Einsatz des NSKK in der Ukraine 1941

  • Hallo Thilo,


    gleich vonrweg, ich kann die Frage leider auch nicht beantworten.
    Trotzdem sprichst Du etwas an, was ich auch neulich erst erfahren habe.


    Auf der Suche nach Daten zu einem vermeindlichen SS Mitglied hatte ich Kontakt mit einem Recherchedienst in Berlin. Der Herr wirkte nicht nur kompetent und freundlich, sondern war auch recht gesprächig. Er hatte scheinbar gerade etwas Zeit.. Obwohl klar war, dass ich keinen Auftrag erteilen werde, hat er mir dringenst ans Herz gelegt, bei meiner weiteren Suche unbedingt auch die möglicherweise vorhandenen Stasi Unterlagen der gesuchten Person zu berücksichtigen.


    Ich glaube diese Quelle für Informationen ist gar nicht allen Leuten bekannt und wird entsprechend zu wenig genutzt.


    Gruß
    Jörg


    Edit: Ich habe die email-Adresse des genannten Herrn. Per PN kann ich dir sicher die Kontaktdaten weitergeben. Vielleicht weiß er ja eine Antwort. Er ist promovierter Historiker und es scheint sein tägliches Geschäft zu sein.

    Meinen herzlichen Gruß,
    Jörg


    Ich suche Informationen zu: Landesschützen-Bataillon 681 - Infanterie-Regiment 538 - Grenadier-Regiment 537 - Füsilier-Bataillon 258 -
    le Flak-Abteilung 81 - Transportgruppe Todt - Transport-Korps Speer

    Edited once, last by Chinanski ().

  • Obwohl klar war, dass ich keinen Auftrag erteilen werde, hat er mir dringenst ans Herz gelegt, bei meiner weiteren Suche unbedingt auch die möglicherweise vorhandenen Stasi Unterlagen der gesuchten Person zu berücksichtigen.


    Ich glaube diese Quelle für Informationen ist gar nicht allen Leuten bekannt und wird entsprechend zu wenig genutzt.


    Hallo Jörg,


    die Quelle an sich ist schon bekannt, bisher wurden aber zwei schriftliche Anfragen von mir zu Stasi-Unterlagen (inkl. Wehrmachtsvergangenheit) eines Onkels von der BStU abgeschmettert - jedesmal sehr barsch und unfreundlich mit dem Hinweis auf Datenschutz (für den bereits seit 1988 verstorbenen Onkel) und einer meinerseits nicht ausreichend dargelegten Begründung zur Einsichtnahme in evtl. vorhandene Stasi-Akten. Man sollte grundsätzlich darauf verzichten, im Rahmen einer Anfrage bei der BStU den Begriff "Familienforschung" zu verwenden - dass scheint dort ein Reizwort zu sein.


    Gruß, J.H.

    Nett kann ich auch - bringt nur nix!

  • Servus Thilo,
    meine Erfahrung ist :
    - Akten wurden aus den Gemeinden nach Berlin geschafft (Akten aus der Verwaltung, NSDAP-Organisation etc.)
    - Informationen nach 1945 aus Befragungen und Verhören
    - "Beute-Akten" durch die sowjetischen Streitkräfte
    - gedruckte Sachen wie Dienstalterlisten, Anschriftenverzeichnisse
    Der SSO-und RuSHA-Bestand waren meines Wissens für die Staatssicherheit unzugänglich.

    Gruß, westermann

  • Hallo,


    Die Unterlagen der WASt lagen ja in West-Berlin und waren damit dem MfS nicht offiziell zugänglich, woher kamen also diese in der Regel detaillierten Informationen zu militärischen Werdegängen?


    Ich stelle mir das nicht sooo schwierig vor,
    denn für den Geheimdienst des Ostens existierte diese Grenze ja praktisch nicht. Deren Leute konnten mit der S-Bahn nach Belieben zwischen den zwei Welten wechseln. Fingierte Anfragen konnten somit aus dem gesamten Bundesgebiet und dem Ausland gestellt werden.. (Antragsteller Daten waren ja bekannt) Man musste nur seelenruhig die Antworten an einer geeigneten Adresse abwarten. Die WAST verwaltet ja keine Staatsgeheimnisse, so dass damals der auch Datenschutz und der Geheimnisschutz auf niederem Niveau angesiedelt waren Und, Informanten des Apparates saßen ja sogar einmal im Bundeskanzleramt!!!
    Weiterhin sind auch ganz offizielle Anfragen über die Gerichte denkbar.
    Vermutlich hatte auch die Stasi nicht Informationen über jeden beliebigen Wehrmachtsangehörigen, also ganze Karteien, sondern wurde nur im "Bedarfsfall" aktiv - das war aber häufig genug.


    MfG Ludwig

    Never let go!

    Edited once, last by Ludwig11 ().

  • Hallo,


    meine Erfahrung aus 2012 deckt sich mit denen von Johann Heinrich. Ich habe eine recht barsche Absage zu einer Anfrage nach meinem Großvater erhalten, mit Hinweis auf das Stasi-Unterlagen-Gesetz und dem Hinweis: "Ein allgemein bekundetes Interesse an den zur verstorbenen oder vermissten Person vorhandenen Unterlagen reicht nicht aus. Auch Anträge, die ausschließlich der Klärung vermögensrechtlicher Ansprüche oder sonstiger familiärer Beziehungen (z.B. Aufklärung der eigenen Abstammung) dienen, sind nicht zulässig."
    Wenn man sich eine Argumentationskette zurechtlegt, die irgendwie in das StUG passt, könnte es möglicherweise klappen, wobei ein berechtigtes Interesse bestehen muß und dieses Interesse "in Bezug zum Aufarbeitungszweck des StUG stehen, d.h. die der Aufarbeitung und Auseinandersetzung mit den Folgen von im Zusammenhang mit dem DDR-Regime stehenden Ereignissen oder staatlichen Maßnahmen dienen" muß.


    So viel dazu.
    Gruß
    Udo

    Infos willkommen zu: SS-Unterführer Schule Laibach (1945) , Inf. Rgt. 469 / 269. Inf. Div.,
    Pz. Art. Rgt. 13 / 13. Pz. Div , Lw.Baukp. 62/XI u. 1. Kp Lw-Baubataillon 15/IV

  • Hallo,


    falls mit der DDR kein Sonderabkommen oder eine Auskunftsperre bestand, geh ich davon aus, dass Anfragen über ein Rechtshilfeersuchen von und durch die Justiz genau so beantwortet wurden wie bei anderen Staaten auch.


    Gruß Karl


    Nachtrag als Beleg :
    Da müsste/Könnte etwas zu finden sein:
    https://books.google.de/books?…J#v=onepage&q=rechtshilfe BRD - DDR&f=false


    Rechtshilfeverträge und - vereinbarungen
    1952-1990
    DP 3/64
    Bd. 1
    Enthält u.a.:
    Ermittlung und Verfolgung von NS- und Kriegsverbrechen
    Analyse der Rechtsbeziehungen DDR-BRD, 1961

  • Hallo Karl,


    Dein Hinweis auf das Abkommen für Rechtshilfeersuchen und die Aufklärung der NS_Vergangenheit ist natürlich richtig. Diese bedingen aber ursächlich immer einen Zusammenhang mit einer Strafsache, denn zu diesem Zweck entstand dieses Abkommen.
    Ich bezweifle, dass die Stasi genau diesen Zusammenhang, in ihrer zügellosen Sammelwut gegen Jedermann auch immer herstellen konnte. Zum andern geriet bei einem offiziellen Antrag die Zielperson automatisch in den öffentlichen Fokus.
    Genau das wollte man aber meistens vermeiden. Die Stärke und Effektivität dieses Apparates lag ja gerade in der konspirativen Arbeit !


    MfG Ludwig

    Never let go!

  • Hallo,
    wurde nicht nach der Wiedervereinigung ein Depot entdeckt in dem die Personalunterlagen der Wehrmachtsangehörigen vorhanden waren?
    Gruss
    Rainer

    Suum cuique

  • Hallo,


    ich bin etwas weiter gekommen:


    Das MfS verfügte über rund 5000m lfd. Akten, darunter Personalunterlagen des RSHA, verschiedener Ministerien, der Polizei und Wehrmacht, der Waffen- und Allgemeinen SS, der SA und NSDAP, die in den 1950ern aus Moskau zurück gegeben wurden. Außerdem sammelte das MfS eigene Informationen z.B: durch Aussagen.


    Diese Bestände werden vom Bundesarchiv verwaltet, der Zugriff erfolgt aber nur über die beim BStU vorhandenen Karteimittel. Wenn Daten aus dem sog. NS-Archiv des MfS genutzt werden sollen, ist es nicht erforderlich, sich neben dem Bundesarchiv auch noch an den BStU zu wenden, da der BStU die Recherche in den Karteimittel für das Bundesarchiv als Amtshilfe vornimmt. Umgekehrt verweist bei Anfragen an den BStU dieser unter Hinweis auf die ermittelten Signaturen an das BA. Bei Personen der Jahrgänge bis 1926/27 sind häufig Unterlagen im NS-Archiv vorhanden.


    Hat jemand Erfahrungen mit der Nutzung des im BA vorhandenen Archivs der HA IX/11? Ist es sinnvoll, bei Rechercheanfragen ans BA gezielt auch auf dieses Archiv hinzuweisen?


    Grüße
    Thilo

    Suche alles zur Lehrtruppe Fallingbostel und zum Einsatz des NSKK in der Ukraine 1941

  • Hallo Ludwig,


    telweise suchten sie sogar die Öffentlichkeit, denn sonst hätte Julius Mader das Buch " Hitlers Spionagegenerale sagen aus" wahrscheinlich nicht veröffentlichen dürfen. ( Manche Inhalte darin sind m. E. gelinde gesagt sehr umstritten und zweifelhaft).


    Gruß Karl

  • Hallo,


    gestern gab es beim TV-Sender phoenix in der Sendereihe "Geheimnisvolle Orte" eine Dokumentation zur Dienststelle und den Einrichtungen der Staatssicherheit der DDR in Hohenschönhausen. Darin wurde unter anderem auch das dortige Wehrmachts- und NS-Archiv der Stasi genannt, in dem sich u.a. 1,3 Millionen Akten von ehemaligen Wehrmachtsangehörigen befunden haben sollen, die von der Stasi für ihre Zwecke ausgewertet und verwendet wurden.
    http://www.phoenix.de/content/…e/751354?datum=2017-05-30


    Gruß, J.H.

    Nett kann ich auch - bringt nur nix!

  • Hallo alle miteinander
    sehr interessantes Thema, hatten wir in einem anderen Post aber schon mal, so ähnlich. Ich glaube mich zu erinnern ???. Denkt bitte an die Personalunterlagen, Personalbögen usw. In der DDR wurde der militärische Werdegang dort abgefragt. Da die Stasi in den Betrieben ja ein und aus ging kein Problem um an Informationen zu kommen. Die verantwortlichen Kaderleiter hätten die Unterlagen nie und nimmer zur Verfügung stellen dürfen, aber wo kein Kläger auch kein Richter. Aber mit der Staatsmacht legte sich keiner an.Die Fäden (Berichte) liefen aus den Bezirksverwaltungen bei der HA (Hauptabteilung) IX/11 zusammen und dann gab es ja noch den sowjetischen Geheimdienst, intern als "Freunde" bezeichnet bzw. die mehr als 3000 Im's in den alten Bundesländern, in besonders sensiblen Bereichen.


    Info zur HA IX/11
    Eigentlich die Untersuchungsabteilung des MfS (IX), mit Dienstsitz in Berlin - Hohenschönhausen, Freienwalder Straße. Der Personalbestand 1989 gesamt etwa 484 Mitarbeiter in diversen Abteilungen. Davon in der Abteilung 11 , 4 Referate mit etwa 50 Mitarbeitern. Lief unter der Aufklärung von Nazi- und Kriegsverbrechen. U.a. mit einem eigenen Informationsspeichers.
    MfG
    Dietrich

  • Hallo, Euch,


    nur rein informativ anliegend ein Schreiben der Nationalen Volksarmee - Militärarchiv der Deutschen Demokratischen Republik.
    Geschrieben wurde es 2 Tage vor der Maueröffnung.


    Gruß - Margarete

    Files

    • Brief NVA.jpg

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  • Geschrieben wurde es 2 Tage vor der Maueröffnung


    Hallo Margarete,


    das ist ja mal ein sehr interessantes Dokument! Kam die Anfrage nach den Unterlagen aus dem Westen? Es würde mich überhaupt nicht wundern, wenn die Stasi Kopien aus ihrem NS-Archiv gegen harte Devisen in den Westen verschachert hätte um den maroden Staatshaushalt der DDR aufzubessern...


    Gruß, J.H.

    Nett kann ich auch - bringt nur nix!

    Edited once, last by Johann Heinrich ().

  • Hallo J.H.,


    die Währungsangabe lautet DM statt M, daher dürfte der Brief in den Westen gegangen sein.


    Grüße
    Thilo

    Suche alles zur Lehrtruppe Fallingbostel und zum Einsatz des NSKK in der Ukraine 1941

  • Hallo und guten Tag an die Disskutanten dieses interessanten Themas,


    wenn es um Akten geht, die möglicherweise auch in der DDR der Staatssicherheit als Quelle dienten ist zu empfehlen sich auch ausführlich mit den Quelleninventaren des ehemalige Bundesarchivars Heinz Boberach zu befassen. Diese Inventare wurden als Reihe publiziert. Man kann sich hierbei vor allem einen Überblick zur Überliefrungspraxis verschaffen. Auch ostdeutsche Überlieferungen sind nach dem Mauerfall in diese Reihe eingeflossen.

    Gernauer: Texte und Materialien zur Zeitgeschichte Teil 2: Inventar archivalischer Quellen des NS-Staates- Regionale Behörden u. wissenschaftliche Hochschulen für die fünf ostdeutschen Länder, die ehemaligen preußischen Ostprovinzen u. eingegliederte Gebiete in Polen, Österreich u. d. Tschechischen Republik

    Beste Grüße


    OB

  • Hallo, Johann Heinrich u.a.a.

    Quote from Johann Heinrich


    Kam die Anfrage nach den Unterlagen aus dem Westen?


    Ja!


    L G Margarete

    Edited once, last by Margarete ().