Notstandsarbeit nach 1945

  • Tag allerseits,


    neben diesen klassischen Notstandsarbeiten gab es auch den gezielten Einsatz von ehemaligen Mitgliedern der NSDAP, die im öffentlichen Dienst entlassen worden waren.


    Es war damals nichts Ungewöhnliches, dass ein ehemaliger Stadtrechtsrat einer süddeutschen Großstadt einige Jahre als Hilfsarbeiter einer Kommune mit gärtnerischen Arbeiten betraut war. Amtsleiter und Chefärzte wurden z.B. buchstäblich über Nacht zu Hilfsarbeitern in süddeutschen kommunalen Gaswerken eingesetzt. Und diese "Arbeitsverhältnisse" dauerten meist bis 1948/49. Manche "Ersatzkräfte" in leitender Fuktion im öffentlichen Dienst erwiesen sich nicht in allen Fällen als wirkungsvoll. Zu dieser
    Überzeugung kamen auch die damaligen Militärregierungen und so wurden die entlassen Führungskräfte (fast) vollständig mit ihren ursprünglichen Aufgaben wieder betraut.


    Gruß
    Bert

  • Hallo zusammen,


    Quote

    vielleicht interessant zu wissen, daß es auch nach 1945 arbeitsdienstähnlche Beschäftigungsformen gab.


    Was aber dann doch keinen Vergleich statthaft macht ist die fehlende zentrale Struktur.

    Wer Arbeitslos war konnte zu diesen Notstandsarbeiten herangezogen werden, wie ich aus Erzählungen weiss, waren die Arbeiten sehr unbeliebt da schlecht Bezahlt und wenig attraktive Arbeit.
    Wenn Notstandsarbeit angeordnet angeordnet wurde versuchten die Betroffenen schnell einen "normals" Job zu bekommen.
    Neben der schieren Notwendigkeit das die Arbeiten erledigt werden mussten war das auch ein Vorbeugen gegen alte Strukturen,Seilschaften und entwurzelte Soldaten, die das Vakuum
    für dubiose Aktivitäten nutzen wollten.


    Quote

    neben diesen klassischen Notstandsarbeiten gab es auch den gezielten Einsatz von ehemaligen
    Mitgliedern der NSDAP, die im öffentlichen Dienst entlassen worden waren.


    Das war auch eine Disziplinierung der Verwaltungsstrukturen war um zu zeigen das der Wind aus einer anderen Richtung weht und man hatte sie unter Kontrolle.

    Gruss Dieter

  • Tag Dieter,


    in Sachen "Disziplinierung" kann man zu den damaligen Verhältnissen sicher zustimmen. Im öffentlichen Dienst - vor allem in gehobenen Positionen - war die Mitgliedschaft bei der NSDAP bis 1945 schon fast obligatorisch. Und die Entlassungsquoten waren 1945 gewaltig. Wer davon profitierte, das waren teilweise Verfolgte des NS-Regimes, aber vor allem Berufssoldaten und Schwerkriegsbeschädigte, die nach Kriegsende vom öffentlichen Dienst angeworben wurden. Die damaligen Vergütungen im öffentlichen Dienst waren ausgesprochen dürftig. Neu eingestellte Kräfte bei den Gemeindepolizeien verdienten 1945/46 nicht einmal 200 RM!


    Gruß
    Bert

    Edited 2 times, last by Jahrgang39 ().

  • Hallo,


    in Bielefeld wurde die Bevölkerung zu Aufräumarbeiten herangezogen.


    Der erste - frei gewählte - Oberbürgermeister Ladebeck, ging mit gutem Beispiel voran.


    Inwieweit die herangezogene Bevölkerung höhere Lebensmittelzulagen erhielten, entzieht sich meinen Kenntnissen.
    In anderen Städten war dies der Fall.


    Übrigens: u.a in Berlin, wurden die Frauen zu Aufräumarbeiten herangezogen (den Ausdruck "gezwungen" möchte ich vermeiden).
    Daraus entstand später die Legende der Trümmerfrauen.


    Das Foto zeigt eine Trümmerfrau in Bielefeld.


    Quelle: StA. Bielefeld

  • Tag allerseits,


    und in München rief der damalige OB Thomas Wimmer zu gemeinschaftlichen Aufräumarbeiten auf. Sein Motto: "Rama dama!"
    Leider wird das ein Norddeutscher kaum verstehen, aber ich verstehe auch kein Platt!


    Und dieser Thomas Wimmer werkelte damals im Trachtenjanker eifrig mit bei der Trümmerbeseitigung.


    Siehe hierzu:


    http://images.google.de/imgres…gUKAkwCQ&bih=866&biw=1745


    Gruß
    Bert

    Edited 2 times, last by Jahrgang39 ().

  • Hallo,


    hier muß man die besondere Situation hier bei uns sehen: Die Einheimischen waren überwiegend in der Landwirtschaft beschäftigt oder selbständige Handwerker.
    Hier profitierte kaum einer unmittelbar vom Aufschwung nach der Währungsreform, im Gegenteil, durch die zunehmende Mechanisierung in der Landwirtschaft wurden besonders ungelernte Arbeitskräfte freigesetzt, hinzu kamen die Flüchtlinge.
    Viele zuvor in der Landwirtschaft beschäftigte Männer gingen als Bauarbeiter ins Rhein.Main-Gebiet, die meisten Gewerbebetriebe siedelten sich erst in den 60er-70er Jahren an.


    Grüße
    Thilo

    Suche alles zur Lehrtruppe Fallingbostel und zum Einsatz des NSKK in der Ukraine 1941

  • Tag allerseits,


    es ging damals nicht nur um die Trümmerbeseitigung, sondern auch um die Trümmerverwertung. Ein wichtiges Produkt dieser Zeit vor der Währungsreform waren die Ziegelsplittsteine, die beim Wiederaufbau der Städte vermehrt Verwendung fanden.
    Daneben wurden auch gesäuberte Ziegelsteine (meist in dem damaligen "Reichsform-Format"), die aus Trümmergrundstücken stammten, beim Bau von Wohn- und gewerblichen Bauten verwendet.


    Von Bedeutung ist natürlich auch, dass diese aus der Not geborenen Ziegelsplittsteine heute noch ein gängiges Produkt der Bauwirtschaft sind.


    Siehe hierzu auch:


    http://gussbau.de/unternehmen_historie.php4


    Gruß
    Bert

  • Hallo,


    im Anhang ein Pressebild, dass einen Lagerplatz mit Gebäudetrümmern in der Innenstadt von London zeigt, die zum Wiederaufbau verwendet werden sollen.
    Quelle: Weltpresse Nr. 255 vom 5.November 1946, Seite 2


    Gruß, J.H.

  • Tag allerseits,


    nur eine kleine Ergänzung zu den damaligen Notstandsarbeiten:


    Nach Kriegsende wurden u.a. Beamte und Angestellte des öffentlichen Dienstes, die NSDAP- Mitglieder waren, entlassen und auch zu Notstandsarbeiten eingeteilt. Da musste damals beispielsweise ein Stadtrechtsrat einer Großstadt neben einem Oberarzt einer Klinik solche für sie ungewohnte Arbeiten verrichten. Noch 1947 war der Einsatz solcher "ehemaliger Führungskräfte" für schwere Arbeiten dieser Art keine Seltenheit.


    Gruß
    Bert

  • Hallo Gerd,


    Daraus entstand später die Legende der Trümmerfrauen.


    Ich möchte das nicht als Legende bezeichnen, denn wer sollte denn aufräumen und aufbauen, wenn die Soldaten tot, in Gefangenschaft oder teilweise schwer verletzt waren?
    Den Frauen kommt ohne Zweifel ein großer Anteil am Wiederaufbau zu, meinst nicht auch?


    Hallo zusammen,


    Mein Vater musste als ehemaliger Offz. Gräben für die Bodenseewasserleitung ausheben.


    Gruß Karl

  • Tag allerseits,


    die Trümmerfrauen gab es in der Tat, da handelt es sich wahrlich um keine Legende.


    Die damaligen Frauen waren körperlich schwere Arbeiten durchaus gewohnt. Bereits während des Krieges verrichteten Frauen in manchen Männerberufen richtige Schwerstarbeit.
    Noch im Jahre 1944 wurden in Stadtrandgemeinden des südlichen Bayerns fleißig Luftschutzbunker gebaut. Da gab es nur wenig ausgeprägten Maschineneinsatz und so war meine
    Mutter mit Spaten und Schaufel beim Erdaushub des Bunkers beteiligt.


    Gruß
    Bert

  • Hallo Zusammen,


    es gibt eine Rezension zum Thema "Mythos Trümmerfrauen"
    Leonie Treber hat dieses Buch geschrieben.


    In allen vier Besatzungszonen wurden Frauen, die in nationalsozialstischen Organisationen tätig waren,
    zur Trümmerräumung herangezogen ( also praktisch gezwungen).

    Gruß
    Gerd (der aus Bielefeld)

  • Tag allerseits,


    es waren Frauen freiwillig bei diesen Einsätzen beschäftigt, daneben waren weibliche Mitglieder der NSDAP auch zwangsweise eingesetzt.
    In Berlin sollen bis zu 60.000 Frauen bei der Trümmerbeseitigung tätig gewesen sein - und zwar aus allen Bevölkerungsschichten. Als Trümmerfrau hatte man eine Lebensmittelzuteilung, die über dem der Normalverbraucher lag.


    Siehe


    http://www.planet-wissen.de/ge…wietruemmerfrauen100.html


    Gruß
    Bert

  • Hallo,


    Frauen arbeiteten freiwillig bei der Trümmerbeseitigung, ok;
    aber, es waren nicht so Viele, wie immer angenommen.


    Ausserdem begann die Trümmerbeseitigung noch während des Krieges
    und zwar mit Kriegsgefangenen und KZ Häftlingen (z.B. nach der "Operation Gomorrah" 1943 in Hamburg)
    Nach Kriegsende, begannen die Siegermächte damit, die wichtigsten Straßen mit schwerem Gerät zu räumen.


    Der Begriff "Notstandsarbeit" stammt aus der Weimarer Republik.
    Ab 1923 wollten die Arbeitsämter mit Notstandsarbeiten den vielen Arbeitslosen Heer werden.


    Dazu wieder ein Beispiel aus Bielefeld: im Rahmen von Notstandsarbeiten wurden die drei Stauteiche,
    ein Grüngürtel entlang der Lutter, sowie der jetzige Bürgerpark angelegt.

    Gruß
    Gerd (der aus Bielefeld)

  • Tag allerseits,


    wer die Nachkriegszeit erlebte, sah sie überall, die "Trümmerfrauen." Dass nur WENIGE freiwillig arbeiteten, ist anzuzweifeln. In der Hungerjahren 1945/46/47 war man froh, mehr Lebensmittel zu erhalten, als die üblichen Normalverbraucher. Es ging damals nicht nur um die Räumung der wichtigsten Straßen mit "schwerem Gerät", sondern um die Wiedergewinnung von Baumaterial aus den Ruinen. Und so klopften Frauen aller Bevölkerungsschichten und Halbwüchsige Ziegelsteine (meist im damalige "Reichsformat") wieder auf Form, denn für den Wiederaufbau in den ersten Jahren nach 1945 baute man vielfach mit dem "Recycling" aus den Ruinen.


    Der damalige Oberbürgermeister im kriegszerstörten München (Thomas Wimmer) rief die Bevölkerung zum "rama dama" auf. Das werden natürlich Nordgermanen nicht verstehen. Das wäre auch nicht schlimm.
    Dennoch, dieser Thomas Wimmer ging auch selbst zum "rama dama", mit dem Erfolg, dass viele Freiwillige (Männer, Frauen und Halbwüchsige) ihm folgten und bei der Trümmerbeseitigung mithalfen.


    https://www.merkur.de/lokales/…ste-rama-dama-513397.html


    Grüße
    Bert

    Edited 3 times, last by Jahrgang39 ().

  • Hallo Bert,


    da kann ich Dir voll zustimmen.
    Natürlich wurde schon während des Krieges auch mit Hilfe von KZ Häftlingen, Fremdarbeitern und Kgf. aufgeräumt. Vor allem die Straßen mussten frei sein, damit das Leben und die Produktion wieder an - oder weiter lief. Diese mussten auch den Feuerwerkern zur Seite stehen.


    Aber nach dem Krieg war lange nichts von schwerem Gerät zu sehen. Zunächst waren unsere späteren Verbündeten die Sieger und erst so langsam kam die Hilfe in Gang. Beschleunigt hat dieses die Blockbildung Ost - West und der "Kalte Krieg" der heute vergessen zu sein scheint. Man brauchte wieder Soldaten und es begann bei uns mit dem BGS.
    Schweres Gerät wurde erst später in den Ruinen gesehen. Übrigens, noch in meiner frühen Jugend konnte ich die querfeldein Manöver der US - Army auf den dürftigen Feldern der Bauern sehen. Damals noch ohne Entschädigung!
    Eines ist mir als Faszination in Erinnerung geblieben: In der Nähe unseres Wohnortes war eine größere gepflasterte Straße mit einer Kurve. Dort fuhren die US - Panzer mit Karacho hinein, dass nur so die Pflastersteine flogen und die Randsteine abgeschliffen wurden.


    Un die 11 Mio. Flüchtlinge haben sich oft aus den Trümmern Baracken oder Unterschlupfe gemacht, sofern diese keine Nissenhütten oder andere Unterkünfte bekommen konnten.
    Also nein, die Freundschaften begannen viel später, mit denen die Fraternisierung anheim ging.
    Vor allem die farbigen US - Soldaten waren sehr kinderfreundlich und warfen Süssigkeiten. Auch deshalb waren wir Kinder bei den US - Soldaten vor Ort.
    In späteren Jahren habe ich beruflich öfter, manchmal täglich mit der US - Army und Air Force zu tun gehabt und überwiegend sehr gute Erfahrungen gemacht, bin also keineswegs der Meinung die Hilfe der Alliierten nach dem Krieg herunter spielen zu müssen.
    Aber wie geschrieben, zunächst war man Sieger, allerdings in der US - Zone sehr gemäßigt.
    Heute kann man natürlich leicht über gewisse Themenbereiche schreiben, da die Zeitzeugen,Trümmerfrauen in diesem Falle, immer weniger werden oder über diese schwere Zeit schweigen.
    Vielleicht sollten man, so zumindest meine Überlegung, den Terminus: "Trümmerfrau/en" durch Frauen die Aufräum - und Aufbauarbeit leisteten" ersetzen, wenn dieser tatsächlich und gewissermaßen "regional begrenzt" war.( Berlin, Ostzon etc.


    Gruß Karl

  • Grüß Dich Karl,


    Du schilderst die damaligen Verhältnisse treffend. Die Amis waren in den ersten beiden Jahren nach Kriegsende recht zurückhaltend den Deutschen gegenüber. Nur die Kinder wurden mitunter aus Mitleid von den GIs beschenkt. Die US-Army war in Süddeutschland oftmals mit ihren schweren Panzern auch in Städten unterwegs. Wenn sie mit Karacho mit ihren Panzern Straßenkurven nahmen, dann flogen die Pflastersteine davon und man sah als kleiner Junge die US-Soldaten dann breit grinsend aus der Panzerkuppel schauend. Schweres US-Gerät beim Räumen des Trümmerschutts war eher die Seltenheit. Manche süddeutsche Stadt legte provisorisch Schienen (Schmalspur) und brachte mit kleinen Dampfloks und Kippwagen den Schutt aus der Innenstadt.


    Grüße
    Bert

  • Hallo zusammen!


    Mein Vater war Kraftfahrer bei der Kriegsmarine und bis Anfang August 1945 im Raum Kiel von den Engländern interniert.
    Im Februar 1946 wirde er - wie er es ausdrückte - zur "Strafarbeit" auf der US Army Airforce Base "Herzo-Base" als Feuerwehrmann dienstverpflichtet.
    Er war Mitglied im NSKK und NSDAP - Pareianwärter, also eigentlich ein kleines Licht in der NS-Hierarchie.
    Er muste dort mehrere Monate Dienst ableisten, ehe er wieder in das Zivilleben zurückkehren konnte.


    Gruß!


    Noricus

  • Tag allerseits,


    die Mitglieder der NSDAP, die bei Kommunen oder staatlichen Behörden tätig waren, bekamen ziemlich schnell die "blauen Briefe" mit der ausgesprochenen Entlassung. Das nun tätige Führungspersonal im öffentlichen Dienst, das von den Militärbehörden eingesetzt wurde, bestand vielfach aus kommunistischen Widerstandskämpfern und Linkssozialisten. Diese neue Führungsschicht, die später teilweise wegen tatsächlicher Unfähigkeit von der Militärregierung von ihren Posten entfernt wurde, tobte sich damals richtig aus. Leitende Beamte, die kurz vor der Pensionierung standen und leitende Chirurgen aus kommunalen Krankenhäusern landeten zum Kohleschippen in einem Gaswerk einer süddeutschen Stadt. Als man 1947 den besagten leitenden Chirurgen wieder ins Krankenhaus holte, war er anfangs nicht in der Lage, selbst zu operieren, so zerschunden waren seine Hände und so schlecht war sein Gesundheitszustand.


    Wohlgemerkt: Mit Notstandsarbeit hatte das Ganze nichts zu tun, das war reine Zwangsarbeit für (gewesene) Nazis, mitunter vielleicht sogar vergleichbar mit den "Arbeitsverhältnissen" in sowjetischen Lagern.


    Grüße
    Bert