Entnazifizierungsakte

  • hallo ins Forum,


    nachdem ich im November letzten Jahres Post von der WAST über die militärische Vergangenheit meines Großvaters erhalten hatte (Wartezeit 15 Monate), beschäftigte ich mich in Folge mit den jeweiligen Einheiten die in der WAST Auskunft genannt waren. Weitere Recherchen in Berlin und Freiburg waren nicht sehr ergiebig.
    Das ganze hätte ich mir wesentlich erleichtern können, wenn ich direkt Einsicht in die Entnazifizierungsakte genommen hätte. Für NRW sind diese Unterlagen zentral im Landesarchiv in Duisburg gelagert. Innerhalb von 2 Tagen hatte ich von dort eine Antwort auf meine Mail (mit Angabe des Aktenzeichens).
    Akteneinsicht gibt es nur vor Ort. Die Kosten für die Kopien sind gering. (werden nach ca. 2-4 Wochen zugesandt) Parken unmittelbar vor Ort/ kostenlos!
    Die Akte war sehr aufschlussreich und füllt alle Lücken (Daten Beförderungen/ Versetzungen/ Funktionen) aus der Zeit von 1933- 45. Dabei gab es sogar abweichende Details. 1948 wurde die Akte geschlossen
    Und zusätzlich ein paar persönliche Informationen meines Opas. (handgeschriebener Lebenslauf)



    Die Vorgehensweise kann ich nur jedem empfehlen. Ich habe den Besuch im Archiv mit Recherchen zur Familienchronik verbunden- da lohnt der Aufwand der Anreise allemal.


    Gruß


    Bernd

  • Hallo,


    meinst du Spruchkammerakten? Hatte das jeder Soldat? Weil mein Opa am Lastenausgleichsamt in Nürnberg als "B" Flüchtling regestriert wurde nach dem Krieg wahrscheinlich direkt nach der gefangenschaft ist er in Mittelfranken unter gekommen. Allerdings habe ich die damaligen Verwaltungsbehörde alle angeschrieben alles negativ... Wie gesagt nur die Flüchtlingsakte ist da aber auch nur noch eine Karteikarte einreiseort und datum verwandten etc.


    DRK kannst noch anfragen!?


    MFG BRANDY

  • Hallo zusammen,


    zu den Entnazifizierungen und Spruchkammerakten:


    JEDER erwachsene Deutsche musste den Fragebogen mit seinen 133 Punkten ausfüllen, sofern er sich bis 1950 auf dem Gebiet der späteren Bundesrepublik aufhielt.
    Auch für Gefallene / Vermisste / Kriegsgefangene wurde der Bogen ausgefüllt, falls Leistungen wie Familienunterstützung beantragt wurden. Man wollte ja keine Kinder und Frauen von Hauptkriegsverbrechern unterstützen.


    Das heißt:
    - Leute, die erst 1951 aus Kriegsgefangenschaft zurück kamen, wurden meist nicht mehr erfasst
    - es finden sich Akten über Tote (!), wenn auch stark vereinfachte Bearbeitung
    - durch die "Persilscheine" sieht man, mit wem die Leute zu tun hatten,
    - man hat detaillierte Angaben über Wohnort und Einheiten / Dienststellen, die einen weiter bringen.


    Allerdings muss man beachten:
    - es wurde z.T. gelogen, dass sich die Balken bogen, in ganz Deutschland fanden sich nur "aktive Widerstandskämpfer", die zusammen mindestens ca. 200 Millionen Juden und Kommunisten gerettet haben
    - Schuld waren nur die Anderen, deren Namen man nicht wusste, oder von denen bekannt war, dass sie tot waren
    - die Sprüche der Spruchkammern sind z.T. nicht nachvollziehbar, sprich, das Ergebnis ob Gruppe I - V darf man nicht zu ernst nehmen, SS-Obergruppenführer und Höhere SS- und Polizeiführer als "Mitläufer Gruppe IV" sind nicht ungewöhnlich.


    Resümee:
    ja, Spruchkammerakten können sehr hilfreich sein, um Familienforschung zu betreiben. Man sieht Wohnorte und Arbeitsstellen, wobei ich mich schon auf letzteres nicht zu sehr verlassen würde. Es gibt Leute, die "immer nur Polizei München " waren, und bei denen Abordnungen zum auswärtigen Einsatz (sprich das Wichtigste) verschwiegen wurden. Wenn sie nicht gefragt wurden.....
    Die Unterlagen befinden sich zumeist bei dem Archiv, das für den Wohnort zum Zeitpunkt der Entnazifizierung zuständig war, man sollte also wissen, wo die Leute 1947 - 1949 gewohnt haben.


    Gruß aus München
    Marcus

    Suche ALLES zu Polizei-Bataillonen aus dem Wehrkreis VII und dem Einsatz in Slowenien sowie zur PV. Litzmannstadt
    "Wer die Freiheit aufgibt um Sicherheit zu gewinnen, wird am Ende beides verlieren." (Benjamin Franklin)

  • Hallo zusammen,


    den Anmerkungen von Marcus kann man in Gänze zustimmen.
    "Persilscheine" waren für viele NS Hochkaräter schon fast "der Normalfall". Und viele von denen haben ab 1949 Karriere gemacht- egal ob Politik oder Wirtschaft.


    Trotzdem gab es unzählige "Mitläufer" die in der SS und ab 39/40 dann in der Waffen SS gedient haben. Und bei meinem Großvater gab es bei der WAST Auskunft sehr viele Lücken, die
    durch die Angaben aus der Entnazifizierungsakte geschlossen wurden. (ich stelle sie hier ein- Dauer ca. 2-4 Wochen lt. Auskunft Landesarchiv)


    Anfrage beim DRK läuft- evt. gibt es dort Auskunft über die Entlassung aus russischer Gefangenschaft


    MfG Bernd

  • Allerdings muss man beachten:
    - es wurde z.T. gelogen, dass sich die Balken bogen, in ganz Deutschland fanden sich nur "aktive Widerstandskämpfer",


    Hallo Marcus,


    dem kann ich nur zustimmen! Im Osten mussten nicht alle irgendwelche Bögen ausfüllen, und diejenigen, die aus russischen Kriegsgefangenschaft kamen, galten auch schon als geprüft. Die Unterlagen der Entnazifizierungs-Kommissionen liegen zum Teil in den Kommunal- zum Teil in den Landesarchiven.


    Beim lesen dieser Akten ist mir aufgefallen, dass bis auf 1-2 Ausnahmen alle anderen waren prinzipiell gegen NS-Ideologie und Staat. Der Eintritt in die Partei und ihre Gliederungen wurde mit der Notwendigkeit Berufsstand zu wahren und Existenz zu retten begründet. Niemand hatte irgendwo einen Schuss abgegeben und niemanden was getan.

    Gruß Viktor

  • Hallo an alle,
    in Ba-Wü sind wohl einige Sachen online einzusehen (von Personen, die vor mehr als 110 Jahren geboren wurden), wenn man auf den Begriff "Findbuch mit Digitalisaten" trifft, kann man unter "Bildexplorer" die Digitalisate sehen.
    Ziemlich kompliziert, da durchzublicken ...
    https://www2.landesarchiv-bw.d…2.04.009.004.%&endKlassi=


    Grüße
    Toni


    "Beispiel" (man muss vorher links einen Rahmen um das Digitalisat ziehen) unter
    https://www2.landesarchiv-bw.d…eite=1366&screenhoehe=728

  • Guten Abend allseits,
    guten Abend Toni,


    ganz herzlichen Dank für diesen Fund, der alles oben gesagte, wie ich finde,
    bestätigt: da wird, wie hier sehr schön nachzulesen, aus einem Eintritt, der
    freiwillig war, doch letztlich ein ganz unfreiwilliger, der notwendig war, weil
    man so schlimmeres verhindern könne und natürlich auch wollte ...
    So etwas dreistes, unverblümtes habe ich lange nicht gelesen.
    Verzeihung, wenn ich das Ko... kriege.


    Natürlich ist es leicht, aus heutiger Sicht sich über unsere Vorfahren zu
    "erheben" - wie konntet ihr nur; und natürlich sind es die Großväter,
    Väter, Onkel, Brüder der anderen ...


    Nehme mich da nicht aus, selbst wenn es bei mir in der Familie doch
    meist die "von der anderen Seite" waren.


    Grüße, Kordula

  • Hallo,


    das kann nur ein Teil der Akten sein. Üblicherweise wurden auch noch Fingerabdrücke zu Identifizierungszwecken genommen.
    Außerdem wurden Befragungen von Nachbarn, Bekannten usw. durchgeführt. Es fehlt auch der Spruch der Spruchkammer und die Begründung dazu. Möglicherweise war auch hier ein Entlastungsschreiben ( Persilschein) dabei.
    Vielleicht wurden diese Aktenteile auch nicht archiviert/gespeichert.


    Nach § 4 des "Gesetzes zur Befreiung von Nationlsozialismus und Militarismus (Gesetz Nr. 104) vom 5. März 1946"
    gab es nach Art. 4 folgende Abstufungen:


    1. Hauptbeschuldigte
    2. Belastete ( Wie in vorliegendem Beispiel)
    3. Minderbelastete (Aktivisten, Militaristen, Nutznießer)
    4. Entlastete


    Gemäß Artikel 16 erfolgten die o. a. "Sühnemaßnahmen" ( Nicht Strafen genannt), hier z.B. gem. Art 16 Ziffer 1. - 2 1/2 Jahre Arbeitslager (Politische Haft nach dem 8. Mai 1945 kann angerechnet werden) und gem Artikel 16. Ziffer 3 "Einziehung 20 % des Vermögens zur Wiedergutmachung" ( Auszug)
    Daneben zog das üblicherweise ein ganzes Bündel von Maßnahmen nach sich, wie z. B.:
    Keine öffentl. Ämter, Verlust Wahlrecht, 5 Jahe Berufsverbot, keine Unternehmensführung, Wohnungs - und Aufenthaltsbeschänkungen, Verlust Rechtsanspruch auf öffentl. Mittel, kein Kraftwagenbesitz.


    Gruß Karl

  • Hallo an alle,
    wer sich dafür interessiert: die über 140 Seiten von Christa Schroeder, Hitler's Sekretärin.
    Trick: um nicht ständig ein "Rechteck" ziehen zu müssen: oben, rechts neben "Ausschnitt - frei wählbar" auf das rote Kreuzchen klicken, dann Zoom einstellen, dann kann man sich Seite für Seite weiter klicken.


    Grüße
    Toni


    https://www2.landesarchiv-bw.d…019&zeigebild=2-1845914-1

  • Hallo zusammen,
    gerade bin ich auf diesen Thread hier aufmerksam geworden.
    Zur Zeit habe ich ein kleines "Problem" mit dem Landesarchiv Niedersachsen.
    Mein Großvater stammt gebürtig aus Schleswig-Holstein und ich hatte zunächst dort nach der Akte angefragt.
    Leider eine negative Antwort, weil es ihn sehr schnell nach der Kriegsgefangenschaft nach Niedersachsen verschlagen hat.
    In Hannover ist man fündig geworden.
    Allerdings gibt es dort zwei Entnazifizierungsakten.
    Selber Name, beide stammen aus Holstein.
    Konnte es durchaus passieren, dass man zweimal diesen Fragebogen beantworten musste?
    Ich bin für jeden Hinweis dankbar.


    Gruß
    Christian

  • Allerdings gibt es dort zwei Entnazifizierungsakten.
    Selber Name, beide stammen aus Holstein.
    Konnte es durchaus passieren, dass man zweimal diesen Fragebogen beantworten musste?


    Hallo Christian,


    die Antwort findest Du, wenn Du Akteneinsicht beantragst. Es können durchaus Akten verschiedener Provenienzen sein.

    Gruß Viktor

  • Hallo!


    ...
    Konnte es durchaus passieren, dass man zweimal diesen Fragebogen beantworten musste? ...


    ... durchaus ist dies möglich, jedoch eher unwahrscheinlich. Mein Großvater zum Beispiel stammte aus dem Gebiet des heutigen Rheinland-Pfalz, wurde in Bayern durch amerik.Truppen gefangen genommen, kam nach Diez ins Gefangenlager (Rheinland-Pfalz), wurde im Anschluss an die französischen Besatzungsmacht übergeben und hatte zum größten Teil die diversen Formulare nur einmal ausgefüllt, zumindest so nach der Entnazifierungsakte.


    Nichtsdestotrotz wurden für meinen Großvater bis 1962 insgesamt drei Aktenbände mit je knapp 250 Seiten voll angelegt in Form von Befragungen, Vernhemungen, Selbstauskünften, Anhörung von Mitgliedern anderer Partein, pers. Akte, Gerichtsurteilen, Widersprüchen, etc. ...


    @ jonny3/141: Stimmt das Gebuturtsdatum von den o.g. Personen aus den beiden Akten denn überein oder nicht? Sonst frag da mal nach, vielleicht handeln sogar beide Akten von deinem Großvater?!? Daher wie oben von Viktor bereits erwähnt, dürfte nur die Akteneinsicht und ggf. die telefonische oder persönliche Nachfrage weiterhelfen. Viel Erfolg!


    Grüße
    Sven

  • Hallo zusammen,
    ich hatte schon mit dem Sachbearbeiter telefoniert.
    Er klang auch etwas irritiert.
    Die Geburtsdaten sind unterschiedlich, aber es sind wohl gewisse Ähnlichkeiten in den Akten zu finden.
    Ich hatte ihm noch weitere Einzelheiten bezüglich militärischer Einheiten meines Großvaters genannt und bin nun auf eine Antwort gespannt.
    Vielleicht gehören wirklich beide Akten zu meinem Großvater, was natürlich die Frage nach den unterschiedlichen Geburtsdaten aufwerfen würde.


    Gruß
    Christian


    P.S.: Es handelt sich um die britische Besatzungszone.

  • Guten Abend allerseits,


    Wenn jemand 1945 unter anderem Namen untergetaucht war, sich dann aber nach 1953 gestellt hat, wurde man dann noch entnazifiziert oder erhielt man dann eine andere Bestrafung? Möglicherweise spielte hierbei das Bundesland eine Rolle?
    Und gibt es dann noch eine Spruchkammerakte?


    Grüße Heidy