• Hallo zusammen,

    seit geraumer Zeit beschäftige ich mich mit dem Thema der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse und habe gerade das Buch "Der Nürnberger Prozeß" von Joe J. Heydecker / Johannes Leeb gelesen, Ausgabe von 1958. Das Buch gilt als Standardwerk über die Nürnberger Prozesse. Wer in dieses Thema einsteigen will, bekommt mit diesem Buch fundierte, umfassende und sehr gut strukturierte Einblicke in den Ablauf der Verhandlungen gegen die Hauptkriegsverbrecher. Der Autor Joe Heydecker hat den Prozess als einer der wenigen zugelassenen deutschen Berichterstatter selbst begleitet und konnte damit aus erster Quelle direkt berichten.

    Ich kann das Buch nur empfehlen. Es zieht Bilanz über die 12 Jahre Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten und macht einmal mehr deutlich, mit welch krimineller Energie die Nationalsozialisten von Anfang an am Werke waren.

    Einige Punkte im Buch fand ich für mich besonders bemerkenswert:

    • Die Ermordung des österreichischen Kanzlers Dollfuß im Zuge eines von Deutschland aus betriebenen SS-Putsch-Versuchs, der bereits im Jahr 1934 stattfand. In meiner Erinnerung, im wesentlichen auf Schulwissen basierend, verband ich mit dem "Anschluß" Österreichs lediglich das Jahr 1938. Dass die Nationalsozialisten Österreich bereits 1934 anschließen wollten, war mir so nicht mehr geläufig.
    • Das Thema Katyn war zum Zeitpunkt der Buchschreibung (1958) noch nicht geklärt. Die sowjetische Anklage wollte diesen Punkt als Kriegsverbrechen der deutschen Besatzungsmacht verhandeln, wurde aber vom Einspruch der westalliierten Seite gebremst. Die Sowjetunion hat sich bekanntlich ja erst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs zu diesem Verbrechen bekannt.
    • Die Legende vom Pistolenschuss eines russischen Anklägers auf Göring wird im Buch auch kurz erwähnt und geklärt. Dass es diese Legende tatsächlich gab, kann ich selbst bestätigen, da sie mir von einem Kriegsgefangenschaftskameraden meines Vaters mit leuchtenden Augen erzählt wurde. Die Legende besagt, dass im Laufe einer hitzigen Auseinandersetzung zwischen einem russischen Ankläger (vermutlich Rudenko) und Göring der Ankläger eine Pistole gezogen und auf Göring geschossen habe. Als er nicht traf, soll Göring gesagt haben: "Wenn das einem deutschen Gefreiten passiert wäre...". Das Buch klärt hierüber auf. Es gab eine hitzige Auseinandersetzung zwischen dem amerikanischen Chefankläger Jackson und Göring, wobei Jackson entnervt den Kopfhörer auf den Pult knallte und die Verhandlung daraufhin unterbrochen wurde. Aus diesem Vorfall soll sich die Geschichte mit dem Schuß entwickelt haben. Einen Schuß gab es nach Heydecker jedenfalls nicht.

    Viele Grüße,

    Ulrich

  • Hallo zusammen,

    habe vor kurzem das Buch "Nürnberger Tagebuch" von G.M. Gilbert fertig gelesen, welches ich sehr empfehlen kann.

    Gilbert war Gerichtspsychologe beim Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher und hatte in dieser Zeit die Angeklagten psychologisch zu betreuen. In seinem Tagebuch beschreibt Gilbert seine Gespräche mit den Hauptangeklagten, die noch vor Verlesen der Anklageschrift begannen und bis zur Vollstreckung der Urteile reichten. Eine sehr interessante, psychologische Studie, die sehr spannend zu lesen ist. Gilbert hatte es geschafft, das Vertrauen der Angeklagten zu gewinnen und konnte so viele offene Gespräche führen, die tiefe Einblicke in die Psyche und Denkweise der Angeklagten erlauben. In seinem Buch beschreibt Gilbert auch einige Gespräche, die er mit namhaften Zeugen führen konnte, so jenes berühmte Gespräch mit Rudolf Höß, dem Kommandanten von Auschwitz-Birkenau. Gilbert hatte Höß mitgeteilt, dass Göring Zweifel an der technischen Durchführbarkeit des industriellen Massenmordes habe, worauf Höß eine Erklärung über den Vernichtungsvorgang handschriftlich verfasste. Diese ist im Buch ebenso abgedruckt.

    Gilbert's Tagebuch ist eine sehr gute Ergänzung und Folgelektüre zu Heydecker's Buch "Der Nürnberger Prozess". Falls sich die Wahl stellt empfehle ich, zuerst Heydecker und danach Gilbert zu lesen. Ohne die Kenntnis von Heydecker's Buch dürften einige Zusammenhänge in Gilbert's Tagebuch nicht ohne weiteres verständlich sein.

    Viele Grüße,

    Ulrich

  • Hallo Ulrich,


    mich habe mir vor kurzem ein Hörbuch zugelegt, welches „Göring im Kreuzverhör“ versprach. Die Original-Tondokumente waren zwar interessant, aber ich hatte mir irgendwie mehr davon versprochen. Anscheinend hatten die Ankläger auch noch nicht wirklich das Ausmaß des Verbrechens erfassen können.


    Im Bergen-Belsen-Prozess lief das etwas zielstrebiger. Die Aufzeichnungen davon sind veröffentlicht.

    Für Deine Buchempfehlung bin ich Dir sehr dankbar. Sie haben mich neugierig gemacht.


    Beste Grüße,

    Justus

  • Hallo Justus,

    vielen Dank für Deine Rückmeldung, freut mich, wenn ich Dich da neugierig machen konnte. Ja, ich denke, da gibt es sehr viele wirklich interessante Bücher zu diesem Themenkomplex, die es zu lesen lohnt.

    Viele Grüße,

    Ulrich

  • Hallo,

    wer einen Gesamtüberblick über die Hauptkriegsverbrecher haben möchte, dem empfehle ich die 12 Bände:

    " Der Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vom 14. November 1945 bis 1. Oktober 1946"

    Es ist der amtliche Text in deutscher Sprache und beinhaltet die Verhandlungsniederschriften.

    Da kann ich natürlich nicht schreiben: Ich lese gerade, denn die habe ich nach und nach gelesen und zwar nach dem jeweiligen Interesse an einer bestimmten Person.

    Natürlich ist das nicht so spannend wie das " Nürnberger Tagebuch" von Gilbert. Was mich daran besonders fasziniert hat war der Umstand, dass Gilbert tatsächlich sehr viel Zeit in seine Forschungsarbeit investiert hat um die Wahrnehmung und das Denken der Kriegsverbrecher zu beobachten und zu analysieren, wobei es eher bei einem Tagebuch als einer reinen Forschungsarbeit blieb - zumindest diese Veröffentlichung betreffend. Er dürfte fast kein Privatleben mehr gehabt haben.

    Gruß Karl

    Edited once, last by Karl Grohmann (March 30, 2021 at 3:34 PM).

  • Guten Abend zusammen,

    vor kurzem las ich von Marlo Morgan den Roman „Traumfänger“. Es handelt von Aborigines, die eine weiße Frau einladen zu einem Walkabout. Ein sehr interessantes Buch, das einem eine andere Sicht vieler Dinge aufzeigt. Ich weiß sehr wohl um den Hintergrund dieses Romans. Nichtsdestotrotz schadet es keinem, es zu lesen. Sehr spannend!

    Darin wird auch über Krieg gesprochen. Ein Weiser sagt dazu Folgendes:

    "Es gibt keine Rechtfertigung für den Krieg, er ist immer unmoralisch. In euren Kriegen werden in wenigen Minuten Tausende von Menschen umgebracht. Vielleicht solltet ihr euren Anführern einfach vorschlagen, dass beide Parteien nicht länger als fünf Minuten gegeneinander kämpfen dürfen. Dann sollen die Eltern auf das Schlachtfeld gerufen werden, um die Überreste ihrer Kinder einzusammeln. Sie sollen sie mit nach Hause nehmen, sie beweinen und begraben. Wenn das alles geschehen ist, kann man sich nötigenfalls auf fünf weitere Kampfminuten einigen. Es ist schwer, in der Sinnlosigkeit einen Sinn zu erkennen."

    Allen einen gemütlichen Sonntagabend und einen guten Start in die Woche.

    Grüße

    Wolf

  • Hallo.

    Ich bin an Geschichte interessiert. Und noch viel mehr mit Geschichte, die ich mit irgendetwas verbinde.

    Aktuell hab ich grad "Marienburg 1945" von Gustav Fieguth fertig gelesen und nun beiseite gelegt. Wie ich drauf gekommen bin? Keine Ahnung. Ich hatte etwas recherchiert zur Marienburg und deren Verteidigung 1945, da ich ja erst vor "kurzem" dieses tolle Bauwerk besucht hatte. Bei der Recherche wurde das Buch genannt.

    Kurze Suche beim weltgrößten Buchhändler. Nur 1 Exemplar gebraucht verfügbar.

    Also sofort bestellt und drei Tage später durfte ich es in den Händen halten.

    Im Buch beschrieben wird anhand von Augenzeugenberichten (meist per Brief an den Autor) die unterschiedlichen Wege nach Marienburg, der Beginn der Verteidigung und die folgenden Phasen bis zum Rückzug. Und dann die verbliebene Zeit bis Kriegsende und teilweise Gefangenschaft der Protagonisten.

    Für mich persönlich ein sehr gutes Buch, da Berichte aus erster Hand.

    Und als Bonus sozusagen dazu: da das Buch gebraucht war, gab es einige wenige persönliche bleistiftgeschriebene Notizen (z.B. Anmerkung an einer Karte... hier verbrachte ich den 08.05.1945 bis 24 Uhr)

    mfG Bernd

  • Guten Abend Bernd,

    Vielen Dank für deinen Beitrag. Ich habe mir das Buch sofort bestellt, weil du mich gleich neugierig darauf gemacht hast. Freue mich schon.

    Herzliche Grüße

    Heidy

  • Hallo zusammen!

    Ich las gerade “The First Day on the Eastern Front: Germany Invades the Soviet Union, June 22, 1941” von Craig Luther.

    Der deutsch-sowjetische Krieg zählt zu den zentralsten Ereignissen der Weltgeschichte. Nicht nur in seinen Dimensionen und Folgen war er beispiellos, auch seinem Charakter nach. Die Ostfront wurde zum Schauplatz eines Existenzkampfes, der so ungeheuerlich, so erbarmungslos und so hemmungslos geführt wurde, dass das Schlusswort in der Debatte auch heute noch nicht gefallen ist.

    Wenig überraschend also, dass über kaum einen Abschnitt des Zweiten Weltkrieges mehr geschrieben wurde, als über die Eröffnung des deutschen Feldzugs gegen die Sowjetunion, das Unternehmen “Barbarossa”. In bislang unerreichter Tiefe schildert der Autor nun die ersten 21 Stunden dieses Ringens.

    Die Arbeit selbst beschränkt sich dabei jedoch nicht ausschließlich auf den ersten Tag des deutschen Überfalls, sondern beleuchtet auch seine Vorgeschichte. Obwohl dies lediglich kursorisch geschieht und der Autor der mittlerweile umfassend erforschten Planungsphase des Feldzugs nichts substanzielles hinzufügen kann, sind seine Ausführungen über den deutschen Aufmarsch, die sowjetischen Erkenntnisse darüber, sowie die Darstellung der politischen Vorgänge in den Hauptstädten beider Kontrahenten kurz vor Angriffsbeginn eine willkommene Ergänzung bestehender Forschungsergebnisse.

    Der Hauptteil befasst sich schließlich mit der minutiösen Beschreibung der Kampfhandlungen und führt dem Leser dabei die Monumentalität der Ereignisse vor Augen: Am 22. Juni 1941 trat die größte Invasionsstreitmacht der Geschichte zu einem Feldzug an, der keinen Vergleich in der Militärgeschichte kennt.

    Nach deutschen Heeresgruppen und den ihnen unterstellten Armeen gegliedert, verbindet der Autor die strategischen Zielsetzungen mit den operativen und taktischen Aspekten ihrer Umsetzung. Immer wieder führt Luther den Leser dabei in die vorderste Linie, lässt ihn etwa den Angriff der Sturmpioniere im Abschnitt der 299. Infanteriedivision auf die Bunkerlinie bei Molnikow begleiten oder am Handstreich einer Kampfgruppe der 8. Panzerdivision gegen die Autobahnbrücke bei Ariogala teilnehmen. Die gelungene Einbeziehung von Zeitzeugenberichten lockert die Ausführungen spürbar auf und verleiht dem Geschehen Lebendigkeit.

    Zu bemängeln ist hingegen das Kartenwerk, das weder in seinem Umfang noch in seiner Qualität dem Niveau der Arbeit gerecht wird. Und auch mit der Eingrenzung des Themas durch den Autor bin ich nicht einverstanden. Warum Luther die Aktivitäten des Heeres und der Luftwaffe beleuchtet, die der Kriegsmarine jedoch nicht, bleibt für mich genauso unverständlich, wie seine Entscheidung, die Vorgänge in Lappland nicht zu berücksichtigen obwohl er auf den ebenfalls ruhigen Südabschnitt der Ostfront durchaus eingeht. Hier vergibt Luther die einmalige Gelegenheit, eine umfassende Darstellung der Ereignisse vorzulegen.

    In seinen Einschätzungen schließt sich Luther der jüngsten englischsprachigen Forschung zum Thema an. Autoren wie David Stahel, Alexander Hill und Jeff Rutherford haben unser Verständnis über die militärischen Vorgänge an der Ostfront des Jahres 1941 wesentlich vorangetrieben und mit großer Akribie und Nähe zu den Quellen gerade auch tradierte Vorstellungen im deutschen Sprachraum zurechtgerückt. Tatsächlich führte die Wehrmacht im Osten einen Kampf, den sie nicht gewinnen konnte.

    In den ersten neun Tagen des Feldzugs werden die deutschen Truppen 100.000 Mann an militärischen Verlusten erleiden, mehr als in den ersten acht Monaten des Zweiten Weltkrieges zusammengenommen. Die schon in den ersten Stunden äußerst erbittert geführten Kämpfe um Tauroggen, gegen die sowjetischen Feldbefestigungen von Akmenynai oder um die Festung Brest-Litowsk blieben somit keine Ausnahmen, sondern waren Vorboten eines Gemetzels, dessen Blutzoll das Deutsche Reich nicht begleichen konnte.

    MfG

    Whoever saves one life, saves the world entire.
    Talmud Jeruschalmi

    Edited once, last by Rote-Kapelle (November 23, 2021 at 6:04 PM).

  • Hallo zusammen!

    Heute möchte ich gerne meine Gedanken zu "Hitler's Fatal Miscalculation. Why Germany Declared War on the United States" mit euch teilen.

    Über die Hintergründe der deutschen Kriegserklärung an die USA im Zweiten Weltkrieg wird seit Jahrzehnten in Historikerkreisen kontrovers diskutiert. Doch so unterschiedlich die Erklärungsansätze auch ausfallen, in einem war man sich bislang weitgehend einig: Die Entscheidung zur Ausweitung des Krieges ist ein weiterer Beleg für die irrationale Herrschaftsausübung des deutschen Diktators.

    Ein Urteil, das zunächst auch durchaus naheliegt. Der deutsche Machtbereich war zur Jahreswende 1941/42 nicht nur militärisch in Bedrängnis geraten, sondern auch wirtschaftlich. Der eklatante Rohstoff- und Personalmangel ließ ernste Zweifel aufkommen, ob das notwendige Material zur erfolgreichen Fortführung des Krieges künftig noch bereitzustellen war. Vor diesem Hintergrund also gerade jenem Land den Krieg zu erklären, das schon einmal mitentscheidend eine Niederlage Deutschlands besiegelte, erscheint mindestens fragwürdig.

    Was bewog Hitler also zu diesem Schritt?

    Klaus Schmider hat sich mit dem Thema am bislang ausführlichsten befasst und dabei einen interessanten Zugang gewählt. Im Gegensatz zur bisherigen Forschung will sich Schmider auf diejenigen Informationen konzentrieren, die den Diktator im Laufe des Jahres 1941 nachweislich erreicht haben. So soll der Bezugsrahmen sichtbar werden, in dem Hitler seine folgenschwere Entscheidung traf.

    Doch so vielversprechend der Ansatz auch ist, schon in der Einleitung zeigt sich, wie schwer dem Autor die Einhaltung der eigenen Vorgaben fällt. Sichtbar wird das etwa am Umgang Schmiders mit einem für die Fragestellung durchaus zentralen Ereignis:

    Am 29. November 1941 kam es in Berlin zu einer Besprechung zwischen dem Reichskanzler, dem Reichsminister für Bewaffnung und Munition Fritz Todt und dem mächtigen Wirtschaftsfunktionär Walter Rohland. Im Zuge dieses Gesprächs soll Todt nicht weniger als die Beendigung des Krieges gefordert haben, zu einem Zeitpunkt wohlgemerkt, als sich das Deutsche Reich noch gar nicht in einer militärischen Auseinandersetzung mit den Vereinigten Staaten befand. Rohland selbst will hingegen zumindest vor einer Ausweitung des Krieges gewarnt haben, da ein Kriegseintritt der USA die Niederlage Deutschlands zur Folge haben würde.

    Doch hat es sich so zugetragen? Wir wissen es nicht!

    Die einzige Überlieferung des Gesprächsinhalts findet sich in Rohlands Memoiren. Unabhängig davon, dass auch seine Angaben mit Vorsicht zu genießen sind (vgl. Feyer, 2018, 645), eignen sich verschriftlichte Nachkriegserinnerungen denkbar schlecht um einen Sachverhalt nachweislich zu belegen - insbesondere dann, wenn sie seine einzige Grundlage bilden. Vor allem aber steht die Berücksichtigung dieser Quelle in einem sichtbaren Gegensatz zur engen Abgrenzung des Quellenkorpus durch den Autor selbst. Rohlands Memoiren sind keine amtlichen Akten, keine Protokolle, finden sich in keinem behördlichen Archiv, ja sie sind nicht einmal zeitgenössische Tagebuchaufzeichnungen. Dieses Ereignis ist also - dem Konzept des Autors zufolge - zur Rekonstruktion des Bezugsrahmens denkbar ungeeignet – und findet dennoch Eingang.

    Ein Vorgehen, das im Laufe der Arbeit immer wieder dort beobachtbar ist, wo Schmider der Enge des Quellenkorsetts zu entfliehen versucht. Besonders sichtbar wird das im Kapitel über die kriegswirtschaftliche Bedeutung der Gummi- und Kautschukversorgung. Dort wirft er seine Maßstäbe endgültig über Bord, wenn er unumwunden zugibt, über keinerlei Dokumente zu verfügen, die seinen Quellenkriterien entsprechen würden und belegen könnten, dass Hitler mit der Materie vertraut war. Da jedoch der Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Walter Hewel, über Expertise auf diesem Gebiet verfügt hätte und zum engsten Führungszirkel Hitlers gehörte, sei es unvorstellbar, dass Hitler darüber nicht unterrichtet wurde. Hier versucht sich Schmider an der Quadratur des Kreises und das ist schon deshalb schade, weil es ohne Not geschieht. Das Kapitel an sich ist durchaus lesenswert, da es sich jedoch an den Vorgaben der Selbstbeschränkung messen lassen muss, öffnet es der Kritik Tür und Tor.

    Dass die Studie, aller Unzulänglichkeiten zum Trotz, lesenswert bleibt, hat im Wesentlichen zwei Gründe:

    Einerseits widmet sich der Autor dem Thema auf beachtlicher Breite. Mit Akribie und unter großem Quelleneinsatz befasst sich Schmider mit den militärischen, wirtschaftlichen, politischen, diplomatischen und strategischen Aspekten der Fragestellung. Damit eröffnet sich dem Leser ein weiter Einblick in die Materie.

    Und andererseits kann Schmider die Entscheidung Hitlers rationalisieren. Nicht, wie beabsichtigt, durch die Skizzierung seines Bezugsrahmens, sondern durch die ausführliche Rekonstruktion der zeitgenössischen Perzeption. Nicht immer gelingt dem Autor hierbei eine nachvollziehbare Verknüpfung der behandelten Themenaspekte mit dem damaligen Beurteilungsmaßstab, in Summe aber lässt sich ein Bild zeichnen, das aufschlußreiche Rückschlüsse auf die zeitgenössische Wahrnehmung und darauf fußende Entscheidungsprozesse erlaubt.

    Ratlos lässt mich hingegen der Entschluss Schmiders zurück, auf eine ausgewogene Deutung der Ergebnisse zu verzichten. Obwohl zu erwarten war, dass der Autor die Frage nach Hitlers Beweggründen nicht abschließend würde beantworten können, ist die fehlende Diskussion der erarbeiteten Erkenntnisse eine herbe Enttäuschung. Klar scheint - und hier liegt der eigentliche Wert der Arbeit - dass die Entscheidung aus zeitgenössischem Blicke keineswegs so irrational zu bewerten ist, wie dies häufig kolportiert wurde. Hier kann Schmider deutlich nachvollziehbarer, als es etwa Ian Kershaw in "Fateful choices" gelingt, die rationale Irrationalität in Hitlers Handeln erklären.

    Ganz anders verhält es sich hingegen mit der titelgebenden Beurteilung dieses Entschlusses.

    Wenngleich nicht infrage steht, dass die deutsche Kriegserklärung im Dunstkreis zahlreicher Fehleinschätzungen entstand, bleibt unklar, ob sie selbst auch eine war. Schon Zeitgenossen haben vermutet, es habe sich hierbei womöglich um reine Symbolpolitik gehandelt. Hitler wollte dem erwarteten amerikanischen Kriegseintritt schlicht zuvorkommen. Im Zentrum derartiger Überlegungen stehen somit die amerikanischen Absichten, deren Analyse sich geradezu aufgedrängt hätte. Leider vergibt Schmider an dieser Stelle die Gelegenheit, der bisherigen Forschung substanzielles hinzuzufügen. Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang jedoch seine Empfehlung, die Arbeit von Evan Mawdsley (December 1941) begleitend zu lesen. Letzterer argumentiert, dass ein Kriegseintritt der USA nicht mehr abzuwenden war und konterkariert damit potenziell die vage formulierte Einschätzung Schmiders, Hitler habe sich schlicht verrechnet. Hier bedürfte es freilich weiterer Untersuchungen, um die Chancen und den Zeitrahmen einer proaktiven amerikanischen Kriegsbeteiligung klarer einschätzen zu können, wenngleich eine letztgültige Antwort auf diese Frage natürlich nicht zu finden ist.


    Summa summarum legt der Autor eine Studie vor, deren Ambivalenz eine Beurteilung schwierig macht.

    Den eigenen Ansprüchen nicht gerecht werdend, ergänzt die Arbeit den Forschungsstand in Teilbereichen durch die Akzentuierung bislang wenig beleuchteter Aspekte. Von der im Vorwort reichlich optimistisch formulierten Ambition, mit diesem Werk einen “definitive account” - also eine endgültige Fassung der Ereignisse - vorzulegen, ist man jedoch in jedem Falle weit entfernt.  


    Literatur:

    Feyer, Sven: Die MAN im Dritten Reich: Ein Maschinenbauunternehmen zwischen Weltwirtschaftskrise und Währungsreform, Baden-Baden 2018

    Kershaw, Ian: Ten Decisions that Changed the World 1940–1941. London 2007

    Mawdsley, Evan: December 1941: Twelve Days That Began a World War, 2011

    MfG

    Whoever saves one life, saves the world entire.
    Talmud Jeruschalmi

  • Hallo Rote-Kapelle, vielen Dank für die sehr beeindruckenden und umfassenden Rezensionen. Craig Luther‘s Buch zum Unternehmen Barbarossa werde ich mir bei Gelegenheit zu Gemüte führen.

    Viele Grüße, Ulrich