Ich lese gerade...

  • hallo in 2020!


    Die Problematik, die Du ansprichst, ist hochaktuell uns sollte meines Erachtens einen eigenen Platz hier bekommen.

    Ich würde mich freuen, wenn Du einen Thread „Kriegskinder“ eröffnen würdes

    Justus, das hatte ich geplant und wird noch heute gemacht;sonst ist dieses Thema hier ein bisschen versteckt..

    Grüße aus Frankreich

    Jean-Marie


    Wer ein Krieg überlebte, kann vielleicht auch einer Pandemie überleben! :)

  • Hallo zusammen


    Ich lese gerade "Das Vermächtnis der Besatzung" Deutsch-griechischen Beziehungen seit 1940 von Katerina Kárlová

    Ein gut geschriebenes Buch mit Informationen die ich noch nie gehört habe!

    Ein paar Infos davon werde ich ins Forum stellen!


    Gruß Arnd

  • Guten Abend liebes Forum,


    ich lese gerade:


    "Nach Auschwitz ins Wochenende" von Bernhard Schulz. Dieses Buch gibt es nur bei Amazon; der ursprüngliche Verlag gibt es nicht mehr.


    Es beinhaltet die wirklichen Erlebnisse des Autors 1941 und 1942 als einfacher Soldat in der Gegend um Smolensk. Das Buch ist großartige Erzählkunst. Der Inhalt aber gewichtig; ich musste nach jeder Erzählung eine Pause einlegen.


    Hauptsächlich las ich es wegen "Die Krähen von Maklaki". Diese Erzählung war früher in Russland sehr bekannt. Auch die Geschichten von "Serafims guter Tod", "Nach Auschwitz ins Wochenende" und "Stiefel für Maruschka" sind enthalten.


    Der Autor hat auch eine eigene Internetseite: Bernhard Schulz: Die Krähen von Maklaki


    Auf dieser Seite kann man sich richtig festlesen. Die Erzählungen und Fotos um seine Kriegserlebnisse hauptsächlich in Russland sind so fesselnd, dass man sich kaum davon lösen kann. Auch kann man dort seine Bücher beziehen.


    Wer also im Zeitraum 1941 und 1942 etwas sucht über die Gegend um Smolensk, der kann hier einiges über die Verhältnisse vor Ort finden. Folgende Orte sind erwähnt: Maklaki, Schirokowka, Suchinitschi, Duminitschi, Shisdra, Kaminka, Popkowo.


    Ich wünsche allen einen schönen 1.Mai Feiertagsabend.


    Wolf

  • Hallo zusammen!


    Habe gerade angefangen zu lesen, und ich weiß gar nicht, ob ich Lust habe, es zu Ende zu lesen. Das Buch "Lügendetektor" von Saul. K. Padover (war ein Geschenk, weil man um mein Interesse bzgl. Zweiter Weltkrieg weiß) beinhaltet Vernehmungen und Interviews im besiegten Deutschland 1944/45. Es zeichnet das Bild einer deutschen Bevölkerung aus allen Schichten, die im Großen und Ganzen aus Ja-Sagern, Mitläufern, Nichtwissern etc. besteht, die sich den amerikanischen Besatzern gegenüber, insbesondere dem Vernehmer, anbiedern und rechtfertigen. Voll des Jammers und des Selbstmitleids zeigen sie keinerlei Mitgefühl gegenüber den Opfern des Naziterrors.

    Ob dies vor allem der Wahrnehmung des Autors oder der damaligen Wirklichkeit entspricht, will ich hier nicht beurteilen, wie auch? Allerdings ist mir diese Darstellung zu einseitig. Und würden nicht viele Menschen nach diesen unsäglichen Kriegsjahren mit allen Verlusten und Entbehrungen nur allzu gerne bereit sein, zu erzählen was man hören will. Oder waren Rechtfertigung und auch ein gewisses Maß an Selbstmitleid Mittel und Versuche, die unfassbaren Erlebnisse, die schmerzlichen Verluste und die Niederlage zu bewältigen?

    Diese Fragen sind für mich sehr aufwühlend! Wie sehr stumpfen Menschen in Kriegs-(Krisen-)Zeiten ab, wenn es vorrangig um das eigene Überleben geht? Ist oder war das ein deutsches Phänomen?


    Nachdenklichen Gruß,

    Cristiane

    "Feigheit ist die Mutter der Grausamkeit" Montaigne


    Suche Einsatzorte 3./schwere Artillerie Abt. 848 ab Juni 1943


  • Hallo,

    habe die Lektüre des Buches "Aktion 1005" Spurenbeseitigung von NS-Massenverbrechen 1942 - 1945 von Andrej Angrick (2 Bände, Wallstein Verlag, Göttingen 2018) abgeschlossen. Knapp 1300 Seiten (inkl. rd. 80 S. Anhang).


    Bis zur Vorlage dieses Werkes 2018 hatte sich noch kein Autor umfassend an das Thema Enderdung, Aktion 1005 heran gewagt. Und wenn man Angricks Buch liest, dann wird einem bald klar warum. Verbirgt sich doch hinter diesem Thema eines der grauenvollsten Kapitel des 2. WKs und der Shoah. Im Verhältnis zum Grauen ist die Quellenlage jedoch eher dürftig.


    Die als geheime Reichsache deklarierte Aktion 1005 wurde zu Beginn des Jahres 1942 von Himmler und Heydrich auf den Weg gebracht und wird von Angrick als direkter Ausfluss der Wannsee-Konferenz zur "Endlösung" im Januar 1942 gesehen. Himmler und Heydrich ging es darum, die inzwischen auf die Million überschreitende Zahl der Ermordeten (nicht nur, aber hauptsächlich Juden) gänzlich zu beseitigen. Denn immer häufiger wurden weltweit die Verbrechen Deutschlands bekannt, Spuren und Zeugen durfte es darum nicht mehr geben.


    Zunächst wurden systematische Versuche unternommen, um die beste und nachhaltigste Methode der Leichenbeseitigung zu finden. Diese wurde in Form der Verbrennung gefunden, wobei zwei Verfahren hervorstechen, das Kremieren in Verbrennungsöfen und die Verbrennung auf Scheiterhaufen. Während die erstgenannte Methode bald in den stationären Vernichtungslagern zur Anwendung kam, wurde die Methode der Scheiterhaufen immer dort zur Anwendung gebracht, wo Massengräber als Zeugen aufzulösen waren.


    Begonnen wurde zunächst Versuchsweise, aber bereits im großen Stil im KL Kulmhof / Chelmno im Frühsommer 1942. Die dort gemachten Erfahrungen wurden bald auf alle Vernichtungslager im GG (Birkenau, Belzec, Sobibor, Treblinka) übertragen.

    Ab Herbst 1942 gerieten Massengräber weiter östlich, in den rückwärtigen Heeresgebieten und den Reichskommissariaten Ostland (Baltikum, Weißrussland) und Ukraine ins Visier. Besonders nach Stalingrad wurde für Himmler absehbar, dass bei einem weiteren Rückzug der Wehrmacht die Rote Armee in die Regionen der Massaker und Massengräber zurück gelangen würde. Die Aktion 1005 begann nun systematisch die Massengräber zu lokalisieren (was nicht immer glückte) die Leichen auszugraben und zu verbrennen.

    Angrick schildert für viele Orte minutiös die Vorgehensweise der SD-Sonderkommandos. Einem relativ kleinem SD-Kommando, welches die Führung inne hat, wird ein größeres Polizeikontingent beigestell, das die Bewachungs- und Absperrmaßnahmen durchführt. Die eigentlichen Ausgrabungen und Verbrennungen werden durch ein Kommando von Gefangenen ausgeführt, zunächst Juden, später Kriegsgefangene und "Kriminelle" die nach getaner Arbeit als Geheimnisträger ermordet und verbrannt wurden.


    Das meiste Personal der Aktion 1005 wird ab Herbst 1944 aus den östlichen Gebieten abgezogen und nach Kärnten / Slowenien versetzt zur Bandenbekämpfung.


    Eine Besonderheit des Buches ist, dass der Autor immer wieder einzelne Biographien von Opfern und Tätern nachzeichnet. Besonders interessant ist die Beschäftigung mit Katyn und der Wechselwirkung bei der propagandistischen Nutzung.


    Angrick schildert sehr sachlich, aber so detailliert und eindringlich die Geschehnisse, dass ich manchmal für Tage mit dem Lesen aussetzen musste, um mich von den Bildern zu lösen. Das Buch ist sicherlich kein leichter Stoff.


    Hauptquellen für seine Schilderungen sind die Protokolle der Staatsanwaltschaften und Gerichte aus den Verfahren gegen verschiedene Täter aus dem Komplex 1005 in den 1960iger und 1970iger Jahren. Sie wurden akribisch ausgewertet und in die Gesamtschau eingearbeitet. Die Einordnung der eher spröden Protokolle glückt und wird lesbar, weil der Autor ein hervorragender Kenner der Gesamtmaterie ist.


    Angrick hat über die Thematik ein umfassendes, detailreiches und glänzend recherchiertes Werk vorgelegt, das den zukünftigen Standard setzt.



    Beste Grüße


    Paul


    G-W-G'

    Edited 2 times, last by Paul Spohn ().

  • Guten Abend allerseits,


    ich lese gerade "Iwan, das Panjepferd" von Heinz Buchholz, erschienen im WWA-Verlag.


    Heinz Buchholz beschreibt aus der Sicht des 13-jährigen Jungen seine Flucht vom elterlichen Gut aus Ostpreußen, an der Grenze zu Litauen gelegen. Ohne sein Zutun kommt er zu einem Panjepferd, Iwan. Dieser kleine liebe Kerl warnt ihn ständig vor Gefahren und sagt ihm, wann es Zeit ist zu gehen. Zwischen den Fluchterlebnissen über das zugefrorene Frische Haff beschreibt er immer wieder das ländliche Leben und Arbeiten auf dem Gut mit den Jahreszeiten. Das ist sehr interessant, denn vieles vom bäuerlichen Leben damals wissen wir heute gar nicht mehr.


    Diese Auflockerungen sind auch dringend nötig. Denn das, was er erzählt, ist so unglaublich brutal, dass ich oft längere Pausen brauchte, um das zu verarbeiten. Was er und seine Mutter, gleich mit den vielen Tausenden, ja Millionen anderer Flüchtlinge mit ansehen und auszustehen hatte, kann keine Seele verkraften. Seine Welt sind die Pferde, und so ist Iwan auch sein treuer Seelendoktor. Nach einer langen Zeit als Zwangsarbeiter in Polen gelingt ihm die Ausreise mit seiner Familie nach Westdeutschland, bis nach Itzehoe. Er gründet eine Familie und später auch einen Betrieb.


    Nach seiner Zurruhesetzung begegnet er in einem Urlaub einer Reiterin auf einem kleinen braunen struppigen Pferdchen. Ein Schock! Alle Erinnerungen brechen wieder auf und er bekommt massive gesundheitliche Probleme. Dann beginnt er seine Erinnerungen aufzuschreiben. Sein Erzählstil ist mitreißend, spannend, er schreibt unglaublich gut. Nach dem Lesen dieses Buches war ich einige Tage wie betäubt. Inzwischen kommt es mir so vor, je länger ich mich mit diesem unsäglichen Krieg befasse, desto stärker wird er.


    Nachdenkliche Grüße


    Wolf

  • Hallo Wolf,


    ein sehr schöner und ausführlicher Bericht über das Buch, der zum Lesen anregt.


    Vorab aber eine Frage:

    Was wird aus Iwan dem kleinen Pferdchen?


    Viele Grüße

    Nicco

  • Hallo Nicco,


    Dankeschön für Deine netten Worte.


    Zu Deiner Frage: wir wissen es nicht...


    Grüße


    Wolf

  • Hallo zusammen,


    eine Buchempfehlung von mir... "Die verdammte Generation" von Christian Hardinghaus. Es werden die Kriegserfahrungen von Veteranen der Jahrgänge 1920 - 1930 geschildert.


    Grüße aus MV


    Stefan

    Suche sämtliches Bildmaterial der 8.Infanterie- / Jägerdivision.

  • Hallo,

    ich lese gerade Jean-Jacques Fontaine: Le Cahier de Mulsanne. Ich bin gerade auf Seite 95. Zu Mulsanne gibt es wenig bis null Information. Einen grossen Teil des Buches scheint die Arbeit des CICR zu beschreiben, nicht nur in Mulsanne, sondern auch später in anderen Ländern. Zu Mulsanne wird nur kurz auf Dépôt 401 nach dem 01.02.1946 eingegangen. 402 und 403 fehlen total.

    Ich bin ziemlich entäuscht.

    Gruss

    Rainer

    Suum cuique

  • Ich habe gerade gelesen: "Ernst von Salomon - Die Geächteten" als Nachdruck der Ausgabe von 1930. E.v.S. kannte ich bisher nur von seinen Büchern "Der Fragebogen", zweifelsohne sein bekanntestes, und "Das Buch vom deutschen Freikorpskämpfer". Da der Ort an dem Matthias Erzberger durch Angehörige der Organisation Consul ermordet wurde und auch Albert Leo Schlageters letzte Ruhestätte nicht allzu weit weg von hier sind, interessiert mich auch die Zwischenkriegszeit, denn es waren nicht nur "Goldenen Zwanziger", eher im Gegenteil, mit Kapp-Putsch, Roter Armee im Ruhrgebiet, Separationspolitik im Rheingau, Münchener Räterepublik, Ruhrgebietsbesetzung durch die Franzosen, die Ohnmacht der deutschen Regierungen und nicht zuletzt 9. Nov. 1923 in München und vieles andere mehr. Darauf gekommen bin ich durch ein Gespräch zwischen Götz Kubischek (Antaios Verlag) und Erik Lehnert (Institut für Staatspolitik) im "Kanal Schnellroda" auf Youtube über Ernst von Salomon.


    Das Buch ist zwar ein "Roman über die Freikorpskämpfe und die Organisation Consul 1918-1923" aber es ist sehr stark autobiographisch geprägt. Es ist nicht ganz leicht zu lesen ob der etwas blumig ausschweifenden langatmigen Sprache. Aber es vermittelt doch sehr schön etwas über die Gedankenwelt der Akteure. Es hat mich auch sehr an die RAF der 70er Jahre erinnert. Es hat etwas von der gleichen sturen Überzeugtheit des eigenen richtigen Tuns, ohne zu erkennen, daß man mit seinem Wollen und dem für sich als "richtig" Erkannten allein auf weiter Flur steht. Das man letztlich nicht in der Lage ist durch sein Morden und sein revolutionäres Gehabe die Massen für eine Revolution zu begeistern. E.v.S. hat auch dieses Scheitern durch Selbstüberschätzung erfahren müssen nachdem er zu 5 Jahre Zuchthaus wegen seiner Beteiligung am Walter Rathenau-Mord verurteilt wurde.


    Es ist auch interessant bei E.v.S. die Läuterung und die Reflexion der eigenen Handlungen im Vergleich von "Die Geächteten" zu "Der Fragebogen" (der ja 20 Jahre später, Anfang der 1951 geschrieben wurde) zu lesen, besonders wo es in beiden Büchern um den gleichen Sachverhalt geht, z.B. der Mord an Walther Rathenau.


    Alles in Allem – ein sehr interessantes Buch für den, der sich auch für die Zeit zwischen den Weltkriegen interessiert.


    Gruß
    Arno

  • Hallo Forumsmitglieder,


    ich bin soeben mit folgender Neuerscheinung fertig geworden:


    Titel.jpg

    Thomas Sandkühler, Das Fußvolk der Endlösung - Nichtdeutsche Täter und die europäische Dimension des Völkermords

    wbg (Wissenschaftliche Buchgeselschaft), Darmstadt 2020

    431 Seiten

    Neupreis: 40,00 €


    Das Inhaltsverzeichnis bzw. eine Leseprobe findet ihr u.a. hier: https://www.wbg-wissenverbinde…s-fussvolk-der-endloesung


    Das Fachbuch liest sich relativ flüssig und ist trotz des schwierigen Themas auch für Laien leicht verständlich. Persönlich bin ich ein wenig enttäuscht, denn ich habe mir viel mehr von dem Buch versprochen bzw. auch erhofft. Besonders ärgerlich fand ich, dass sich gerade mal nur die Hälfte des Buches (subjektiv meinerseits ) direkt mit den sogenannten "Trawnikis" auseinandersetzt. Der Schwerpunkt des Buches liegt generell eher beim Einsatz der Trawniki-Männer in der "Aktion Reinhardt". Was fehlt? Der Einsatz der Trawnikis ausserhalb des Judenmords, z.B. bei der Gendarmerie, der Ernteerfassung, Sicherungssaufgaben (Wachdienst), dem Partisanenkampf, die Verteilung der Trawnikis auf andere Einheiten (Schuma) etc. Vielleicht sollte ich noch erwähnen, dass ich vorher auch schon das Buch von Angelika Benz, Handlanger der SS - Die Rolle der Trawniki-Männer im Holocaust (erschien 2015), gelesen hatte. Auch der Beitrag von Peter Black war mir bereits bekannt. Kurz gesagt, insgesamt nicht viel neues zum Thema, Sandkühler vertieft punktuell ein wenig mehr. Für Einsteiger zur Thematik mag das Buch von Sandkühler durchaus empfehlenswert sein, für Leute die sich schon länger mit dem Thema auseinandersetzen vermutlich eher nicht. Trotz meiner Kritik ist es zweifellos ein gutes Buch, nur mich persönlich hat es eben nicht weiter gebracht.


    Viele Grüße

    Daniel

    "Weil die Menschen schwach sind. Weil Neid und Feigheit ihr Fluch sind. Weil sie von der Wahrheit träumen, um dann doch wieder zu lügen. So leben sie im ewigen Zwiespalt. Warum müssen die Menschen immer wieder zweifeln?" Judas Ischariot auf die Frage, warum Jesus von Nazareth von ihm verraten wurde.

  • Hallo zusammen!

    Passend zum fünfjährigen Jubiläum des Threads möchte ich mich gerne bei allen Mitgliedern bedanken, die hier ihren Lesestoff vorgestellt haben! Bei der beachtlichen Themenvielfalt war sicherlich für so machen Leser ein Buchtipp dabei.


    Ich las gerade "The Japanese Merchant Marine in World War II" von Mark Parillo.


    Wenn sich die Marinegeschichte dem Pazifikkrieg zuwendet, dann für gewöhnlich den großen See- und Luftschlachten des Kriegsschauplatzes. Parillo aber beleuchtet die weitgehend unbeachtet gebliebene Handelsschifffahrt des japanischen Kaiserreichs. Auf den ersten Blick mag der Materie die Faszination bedeutender militärischer Auseinandersetzungen fehlen, doch das Thema entpuppt sich nicht nur als äußerst facettenreich, sondern für ein besseres Verständnis des pazifischen Krieges auch als unabdingbar, denn Aufstieg und Fall Japans hingen untrennbar mit seinen Lebensadern - den zahlreichen Seewegen - zusammen.


    Dem Autor gelingt das beachtliche Kunststück, auf gerade einmal 235 Textseiten, durchaus erschöpfend der Frage nachzugehen, weshalb die drittgrößte und gleichzeitig effizienteste Handelsmarine der damaligen Welt in nur dreieinhalb Kriegsjahren ihrem Untergang entgegen ging. Sicherlich tragen die zahlreichen - mitunter durchaus umfangreichen - Tabellen und das lehrreiche Kartenmaterial ihren Teil dazu bei, dennoch ist es selten, dass ich ein Themengebiet so befriedigt verlasse, wie nach Parillos kenntnisreicher Auseinandersetzung mit der Thematik. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass ich mir an mancher Stelle mehr Sorgfalt im Umgang mit Daten gewünscht hätte. Auf S.105 liest man z.B., dass der Geleitträger Shinyo bereits auf seiner ersten Geleitzugfahrt versenkt worden wäre, obwohl das offensichtlich unzutreffend ist (vgl. TROM).


    Die Darstellung selbst fußt auf den Ergebnissen einer zehnjährigen Forschungstätigkeit, die den Autor auch in japanische Archive führte. Letzteres grenzte im westlichen Sprachraum - zum Erscheinungszeitpunkt dieser Darstellung - noch an eine Sensation. Alleine der Rückgriff auf die offizielle japanische Kriegsgeschichte (Senshi Sōsho) macht das Werk lesenswert.


    Parillo ging allerdings nicht nur beim Thema neue Wege. Lange begnügte sich die Forschung zum Pazifikkrieg damit, die japanische Niederlage mit einem Hinweis auf das einseitige Kräfteverhältnis zu erklären. Obwohl das Argument faktisch nicht von der Hand zu weisen ist, verstellt dieser monokausale Zugang die Sicht auf Aspekte, die die Kriegsniederlage unabhängig personeller und materieller Zwänge erklärbar machen.


    Die dem Buch zugrundeliegende Theorie, wonach das kaiserliche Japan Opfer einer Modernisierungskrise wurde, wird heute weitgehend akzeptiert. Insbesondere die Tradierung archaischer Einstellungen - etwa der Kriegerkaste - sollten sich für die Restrukturierung des Landes als folgenreich erweisen. Während der japanischen Gesellschaft die Abkehr von vorindustriellen Strukturen gelang, hielt sie in grundlegenden Lebensbereichen an vormodernen Denkmustern fest. Diese Entwicklungsdefizite führten zu allerlei Ambivalenz im japanischen Handeln: Während man z.B. durch eine kluge staatliche Subventionspolitik im Schiffbausektor sogar den Branchenprimus Großbritannien im umkämpften Markt des kommerziellen Seehandels herausfordern konnte, ergriff man keinerlei administrativen, doktrinalen, technischen oder anderweitig zum Schutze dieses Schiffsraums geeigneten Maßnahmen. Getreu dem Motto der Samurai suchte man sein Glück in der Offensive, da kamen Mahan und die von ihm propagierte Entscheidungsschlacht gerade recht. Die marinehistorischen Schriften des Amerikaners sollten das japanische Denken zur See beherrschen – mit fatalen Konsequenzen. So rechnet Parillo z.B. vor, dass für ein Schlachtschiff der Yamato-Klasse 235 Küstenwachboote hätten gebaut werden können (oder um 65 mehr als die Japaner während des gesamten Krieges fertigten). Tatsächlich waren die Rüstungsprogramme derart auf die Herstellung von offensiv einsetzbaren Kriegsschiffen getrimmt, dass zu Beginn der Feindseligkeiten überhaupt keine geeigneten Schiffe zum Schutz der vitalen Seewege zur Verfügung standen. Freilich schlug sich diese Einstellung auch in anderen Bereichen nieder, darunter in organisatorischen Fragen. Noch Ende 1942 existierte etwa in der japanischen Marine lediglich eine Vollzeitstelle, die sich mit Konvoi-Fragen befasste. Die gesamte Tragweite der japanischen Überforderung offenbart jedoch die paradoxe Tatsache, dass die japanische Handelsschifffahrt in den ersten Kriegsjahren vor allem vom falschen Ansatz der amerikanischen U-Bootwaffe profitierte.


    Die Conclusio ist so eindeutig wie einleuchtend, Japan hätte den Krieg schon aufgrund seiner sträflich vernachlässigten Seewege verloren. Bar aller Voraussetzungen stürzte sich das partiell modernisierte Japan in einen Weltkrieg, der das Land vor unlösbare Herausforderungen stellte.


    MfG

    Whoever saves one life, saves the world entire.
    Talmud Jeruschalmi

    Edited 6 times, last by Rote-Kapelle ().

  • Guten Abend zusammen!


    Eben fertig gelesen habe ich das Buch "Kinderseele im Bombenhagel" von Edda Peter.

    Die Autorin beschreibt in dem schmalen Band ihre Kindheitserinnerungen in Wien während der Bombenkriegs. Ausgebombt, notdürftig untergebracht in einem fremden Haushalt, noch dazu vom geliebten Vater getrennt, der sie, ihre Mutter und ihre Schwester wegen einer anderen Frau verlässt, durchlebt das kleine Mädchen eine schreckliche Zeit voller Angst und Entbehrungen.


    Bei einer Familie in Belgien, wohin Kriegskinder verschickt werden, erlebt sie glückliche Tage, bekommt gut und reichlich zu essen und freut sich z, B, über den schön gedeckten Tisch dort und das feine Geschirr; alles Dinge, die ihre Familie verloren hat.


    Man erfährt viel über den harten Alltag während des Krieges aus der Sicht eines feinfühligen Kindes, das selbst in Hunger- und Mangelzeiten nicht alles essen konnte oder die improvisierten Kleidungsstücke nur widerwillig angezogen hat.


    Das Buch werde ich bestimmt nochmal lesen und es dann an meine beiden Enkeltöchter (14 und 11 Jahre alt) weitergeben; vielleicht wird es ihnen zeigen, dass nichts im Leben selbstverständlich ist.


    Edda Peter; Kinderseele im Bombenhagel; ISBN 9781980655640


    Gruß Cristiane

    "Feigheit ist die Mutter der Grausamkeit" Montaigne


    Suche Einsatzorte 3./schwere Artillerie Abt. 848 ab Juni 1943


  • Hallo zusammen,


    ich habe soeben das Buch "Der unsichtbare Pilot" von Mirko Zuleger ausgelesen. (ISBN 9798636735175)... absolute Kaufempfehlung für 340 Seiten für lediglich 12,70€. Hier bringt der Enkelsohn die erlebten Geschichten seines Großvaters Kurt Eismann zu Papier. Sehr gut zu lesendes Buch, welches den Piloten Kurt (Jahrgang 1920) durch sein ganzes Leben bis zum bitteren Ende begleitet. Eingesetzt u.a. in Afrika, als Sanitätsflieger an der Ostfront ist das Buch wirklich gut und fesselnd geschrieben. Klarer Lesetipp.


    Grüße aus MV


    Stefan

    Suche sämtliches Bildmaterial der 8.Infanterie- / Jägerdivision.

  • Hallo zusammen!


    Ich lese gerade “Die Italiener an der Ostfront 1942/43” von Thomas Schlemmer.


    Treffend konstatiert der Autor, dass über den italienischen Feldzug gegen die Sowjetunion – die Campagna di Russia – zwar viel geschrieben, jedoch nur wenig geforscht wurde. Die Parallelen zur deutschen Vergangenheitsbewältigung - insbesondere in der Nachkriegszeit – sind hier unübersehbar. Auch in Italien wurde das Geschichtsbild zunächst durch die Memoirenliteratur geprägt, die sich zügig daran machte, eine italienische Variante der deutschen Wehrmachtslegende zu schaffen. Die Rollenverteilung fiel dabei so eindeutig wie vorhersehbar aus: Der anständig, fernab nationalsozialistischer Vernichtungslogik tapfer kämpfende Italiener wurde vom grausamen Deutschen benutzt und verraten. Eine Vorstellung, die sich - mangels kritischer Auseinandersetzung mit dem Thema - lange im kollektiven Gedächtnis der italienischen Öffentlichkeit halten konnte und einmal mehr zeigt, wie schädlich eine auf Selbstzeugnissen beruhende Geschichtsschreibung mitunter sein kann.


    Angesichts dieser Zerrbilder ist es wenig überraschend, dass Schlemmer schon auf wenigen Seiten ein deutlich differenzierteres Bild über den italienischen Kriegsbeitrag in Russland zeichnen kann. Der Autor räumt dabei mit zahlreichen, zuweilen auch im deutschen Sprachraum, tief verankerten Legenden auf, darunter zur Ausrüstung des italienischen Heeres, der Tapferkeit seiner Soldaten, der italienischen Besatzungspolitik und natürlich auch zur deutschen Verantwortung an der Niederlage der Armata Italiana in Russia. Gerne hätte ich mehr dazu gelesen. Die kenntnisreichen Ausführungen des Autors beschränken sich jedoch auf die umfangreiche thematische Einleitung, denn im Zentrum der Darstellung steht die ausgewogene Edition unveröffentlichter Quellen deutscher und italienischer Provenienz zum Kampf und Untergang des königlich-italienischen Heeres in der Sowjetunion. Die sorgfältig ausgewählten Dokumente ermöglichen dem Leser auch tiefe Einblicke in das deutsch-italienische Verhältnis jener Tage. Die Ereignisse des Winters 1942/43 am Südabschnitt der Ostfront sollten sich nicht nur zu einem militärischen Desaster für die Achsenmächte entwickeln, sondern auch über Generationen hinweg das jeweilige Bild über den einstigen Bündnispartner bestimmen.


    Die abgedruckten Quellen werden von einem hilfreichen Anmerkungsapparat begleitet, der die Kontextualisierung der geschilderten Vorgänge und Teilnehmer maßgeblich erleichtert. Zu bemängeln ist allerdings das Kartenwerk. Obwohl es die einleitenden Bemerkungen des Autors sinnvoll unterstützen kann, werden die in den Gefechtsberichten geschilderten Verläufe taktischer Kampfhandlungen nicht abgebildet. So lassen sich diese Vorgänge bestenfalls rudimentär verorten.


    Ungeachtet dessen hat Schlemmer - über alle Sprachgrenzen hinweg - wichtige Impulse für die künftige Forschung zum italienischen Wirken an der Ostfront gesetzt. Und da das Beste bekanntlich zuletzt kommt, an dieser Stelle noch der Hinweis, dass der Verlag das Buch mittlerweile nicht nur digitalisiert, sondern auch zum kostenlosen Abruf zur Verfügung gestellt hat. Wer sich selbst ein Bild machen möchte, kann das hier tun: https://www.degruyter.com/view/title/306515


    MfG



    Whoever saves one life, saves the world entire.
    Talmud Jeruschalmi

  • Hallo RK,


    nun habe ich wieder interessanten Lesestoff und das dank Dir umsonst.

    Eine Thematik, die auch mich seither nur rudimentär beschäftigt hat.


    Gruß Karl

  • Guten Tag,

    ein hoch interessantes Buch, zudem auch, wenn man mit anderen Quellen vergleicht, ( NARA T 501 327 und 328) Fach und Sachgerecht

    soweit es die Lagen und das nicht mehr vorhandenen KTB des XXIV Pz. Korps zulassen. Es wird deutlich wie sich Wehrmachtsangehörige oftmals gegen über

    den Verbündeten verhalten haben. Der gemeine Soldat verstand sowieso nicht warum der Duce ihn in das kalte Russland geschickt hat.

    Vieles war der unterschiedlichen Mentalität geschuldet.

    Der Tot der beiden Generäle Eibl und Jahr konnten hier aber auch nicht gänzlich aufgeklärt werden.

    Mit anderen Worten für User die HG Süd pp. beackern, lesenswert.

    Gruß Paule