"Im Frühling sterben"

  • Hallo Peter


    habe Deinen Post in das Ursprungsthema "Im Frühling sterben" verschoben.


    ... wo keiner die Frage beantwortet. Mich hätte interessiert, was Forenteilnehmer sagen, die sich speziell mit der Waffen-SS auseinandersetzen. Für mich ist die Glaubwürdigkeit eines Romans eines der wichtigsten Grundelemente seiner Qualität.
    Freundliche Grüße aus der Ferne
    Peter

  • Hallo Peter,


    Deine Frage wird man auch nur schwer pauschal beantworten können. Ein kluger Kommandeur wird wohl kaum ein Erschießungskommando aus den Stubenkameraden des Delinquenten gebildet haben - wenn er keine Meuterei anzetteln wollte. Erschießungskommandos hat es aber gegeben - das wird kaum der Kern Deiner Frage sein. Dass Soldaten nicht gezwungen wurden, an einem Erschießungskommando teilzunehmen, ist meines Wissens zu den Einsätzen der Ersatzpolizeibataillone im Zusammenhang mit der Ermordung von Juden überliefert. Ich glaube dagegen kaum, dass es besonders ratsam war, etwa bei der Erschießung der Aufständischen des 20. Juli 1944, bei der Erschießung der Verteidiger der Brücke von Remagen oder bei der Erschießung von echten oder vermeintlichen Deserteuren die Mitwirkung zu verweigern - die Folgen eines solchen Verhaltens dürften absehbar sein.


    Horrido,
    Marcus

    Inter arma enim silent leges (Unter den Waffen schweigen nämlich die Gesetze) Cicero
    - suche alles zur 353. I.D., insb. zum PiBtl 353 und zur KG 353 I.D. "Böhm" -

  • Hallo Marcus,


    ich sehe es so wie du. Was mir bei der Recherche ins Auge gesprungen ist, war, dass gerade die SS von zwei sehr widersprüchlichen Dingen geprägt war: Rücksichtslosigkeit gegen sich und den Gegner UND Fürsorge und Kameradschaft untereinander. Zu so hoch politischen Aktionen wird man für die Hinrichtung "spezielles" Personal gehabt haben. Die Erschießung wie Im Frühling sterben durch unmittelbare Kameraden oder gar Freunde zu befehlen wäre meines Erachtens auch bei der Wehrmacht unwahrscheinlich gewesen, bei der Waffen-SS, wo Offiziere mit an der Front gekämpft haben ... es hätte so eine Art Selbstmordwunsch des Offiziers dargestellt. So manch einem Leuteschinder hat eine Kugel der eigenen Leute getroffen.
    Wenn wir die Vergangenheit verstehen wollen, hat es meines Erachtens wenig Sinn immer nur den Fokus auf die Opfer zu legen und selbst diese Soldaten noch zu Opfern zu machen. Wir müssen versuchen, diese Menschen, die unsere Väter waren, zu verstehen. Das tun wir nicht, indem wir ihre Geschichte, ihr Denken und Fühlen ausklammern. Wer weiß, wie wir gehandelt hätten????


    Dir noch eine schöne Vor-Silvesterzeit
    Peter

  • Der Autor erzählt in dem Roman die Geschichte seines Vaters, der mit 17 Jahren in den letzten Kriegsmonaten aus ländlicher Idylle
    an die Front geworfen wird. Am Anfang des Buches zitiert R. den Propheten Ezechiel: "Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden."


    ein schönes und passendes Zitat hat er da vorangestellt.
    Vielleicht ist seine neue Veröffentlichung etwas für dich? Das Kriegsende aus der Sicht eines 12-jährigen Mädchens


    Der Gott jenes Sommers, Ralf Rothmann
    http://www.spiegel.de/kultur/l…sses-elend-a-1205945.html




    ich habe den Roman gelesen ... und für unglaubwürdig gehalten. Wieso eigentlich sind in solchen Romanen die Protagonisten immer - aber auch IMMER - die Opfer des Naziregimes?


    Dieser "unglaubwürdige" Roman wurde immerhin in fünfundzwanzig(!) Sprachen übersetzt. Kann es sein, dass du das Wesen eines historischen Romans nicht verstanden hast?
    dieser darf frei erfundene Bestandteile besitzen. Was letztendlich zählt, ist die die erschütternde Geschichte des Protagonisten in einer erbarmungslosen Naziwelt.
    Was du veröffentlicht hast, würde ich als "pädagogische Doku-Fiction" betiteln. Stilistisch aufgehübscht erfolgt ein rasender Marathon durch alle Klischees und Meilensteine der Waffen-SS,
    als Höhepunkt wandelt der Protagonist gar auf der Schmugglerroute von hochkarätigen Nazis. Das ist mehr oder weniger wild zusammengewürfelte Täter-Geschichtsschreibung für den Schulunterricht,
    aber nichts, was einen Leser eindringlich fesselt und fordert. Zu flach und oberflächlich die Charaktere und das verworrene, unrealistische Geschehen.


    Immer nur Opfer in Romanen, das stimmt so nicht. Aber außer dir würde wohl niemand diesen 17-jährigen Jungen der Waffen-SS gnadenlos als Täter zurecht biegen wollen,
    weil es ja rein theoretisch so gewesen sein könnte.



    Gruß
    Rüdiger