"Im Frühling sterben"

  • Hallo zusammen!


    Hat schon jemand von Euch von dem neu erschienenen Buch "Im Frühling sterben" von Ralf Rothmann gehört? Da ich hierzu einen Fernsehbeitrag mit Interview des Autoren gesehen und auch schon einige Rezensionen darüber gelesen habe, wollte ich fragen, ob es evtl. schon jemand gelesen hat? Der Autor erzählt in dem Roman die Geschichte seines Vaters, der mit 17 Jahren in den letzten Kriegsmonaten aus ländlicher Idylle an die Front geworfen wird. Am Anfang des Buches zitiert R. den Propheten Ezechiel: "Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden."


    Gruß Cristiane

    "Feigheit ist die Mutter der Grausamkeit" Montaigne


    Suche Einsatzorte 3./schwere Artillerie Abt. 848 ab Juni 1943


  • Hallo Christian, Servus Eumex!


    Rezensionen zum Roman habe ich schon einige gelesen, auch Interviews mit dem Autor. Mir wäre halt die Meinung der Forumsmitglieder wichtig, wo das Thema des Buches sozusagen von Grundinteresse ist. Danke für Eure Antworten und einen schönen Abend!


    Gruß Cristiane

    "Feigheit ist die Mutter der Grausamkeit" Montaigne


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  • Hallo Christiane,


    von dem Werk und dem "Lobesgesang" habe ich ebenfalls gehört, werde es aber auf keinen Fall lesen.
    Es gibt hunderte ähnliche Werke von "echten" Kriegsteilnehmern, auch von Kindersoldaten, die gleiches
    erlebt haben, aber keinen "kontruierten Krimi" nur um eine Verurteilung niederschreiben.
    Da sind mir reale Begebenheiten aus dem Leben dann doch lieber


    Gruß
    Udo

  • Hallo Udo!


    Danke für Deine Antwort mit Deiner Meinung zum Buch. In einem Interview hat der Autor betont, dass es ihm im Buch nicht darum geht, wie es wirklich war, sondern wie es gewesen sein könnte. Er verarbeitet im Roman die Geschichte seines Vaters sowie die einer Begegnung mit einem Mann, der tatsächlich seinen Freund erschießen musste; ob er dabei verurteilen möchte, weiß ich nicht, glaube eher nicht. Trotzdem hat mich Deine Antwort überzeugt, das Buch nicht zu lesen. Es läuft bei mir schon genug "Kopfkino" ab bezüglich meiner eigenen Familiengeschichte.


    Danke nochmals für Deine Meinung und einen schönen Tag!
    Gruß Cristiane

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  • Hallo Christiane,


    eine Empfehlung zum letzten Kriegsjahr hätte ich für die kommenden Herbsttage.


    Der Ernstfall: Innenansichten des Krieges von: Wellershoff, Dieter


    Das wäre dann der autobiographische Roman eines "echten" Kriegsteilnehmers, ohne Dramatisierung mit Standgericht und
    Todesmärschen. Mit einem unglaublichen Erinnerungsvermögen ausgestattet, berichtet er über das letzte Kriegsjahr im Osten.
    Eine absolute Empfehlung, schon für den Preis einer Zigarettenschachtel zu erwerben...


    Gruß
    Udo

  • Hallo Udo!


    Danke Dir für diesen Hinweis; hierzu habe ich eben ein Interview des "Spiegel" vom 8. Mai 1995 mit dem Autor gelesen, sehr aufschlussreich.


    Gruß Cristiane

    "Feigheit ist die Mutter der Grausamkeit" Montaigne


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  • Hallo Christiane,


    der Autor Ralf Rothmann liest z. Bsp. am 23. September 2015 in der transfer Buchhandlung in Dortmund Hörde aus seinem neuen Buch - da kann man sich einen direkten Eindruck vom Autor und vom Buch verschaffen und im Anschluß sicherlich auch Fragen stellen bzw. diskutieren. Sicherlich gibt es noch weitere Lesetermine, die vielleicht etwas näher an Deinem Wohnort liegen. So völlig überzeichnet wie oben angesprochen erscheint mir die Story auf den ersten Eindruck hin nicht, so dass sich das Lesen des Buches durchaus lohnen könnte. Standgerichte hat es 1945 zu Hauf gegeben und man mußte noch nicht einmal desertieren, um vor ein solches gestellt zu werden (man denke bspw. an die Verteidiger der Brücke von Remagen, die selbst nach damaligen Verhältnissen auf unzulässiger Grundlage abgeurteilt und erschossen wurden).


    Horrido,
    Marcus

    Inter arma enim silent leges (Unter den Waffen schweigen nämlich die Gesetze) Cicero
    - suche alles zur 353. I.D., insb. zum PiBtl 353 und zur KG 353 I.D. "Böhm" -

  • Hallo Marcus!


    Danke für diese Information bezüglich der Lesung von Ralf Rothmann. Würde mich sehr interessieren, nur leider, wie Du schon bemerktest, ist Dortmund weit weg, schade. Ob der Autor auch in anderen Regionen liest, lässt sich sicher herausfinden. Nochmals danke!


    Gruß Cristiane

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  • Hallo Cristiane,


    ich habe den Roman gelesen ... und für unglaubwürdig gehalten. Wieso eigentlich sind in solchen Romanen die Protagonisten immer - aber auch IMMER - die Opfer des Naziregimes? Dass die Waffen-SS tatsächlich junge Männer auf die beschriebene Art rekrutiert hat, wer wollte dies bezweifeln? Aber was vergessen wird ist der Zusammenhalt dieser Truppe. Und dieser Zusammenhalt hat auch sehr, sehr viel mit Fürsorge für die Soldaten innerhalb der Truppe zu tun . Denke daran, wenn du den Roman liest :) Ich will hier keinen Spoiler veröffentlichen. Hat jemals der Autor mit ehemaligen Angehörigen der Waffen-SS gesprochen? Ich glaube nicht. Warum hat G. Grass geschwiegen? Warum hat H. Tappert bis in die 70er die Insignien seiner Zugehörigkeit zu dieser Einheit aufbewahrt, bevor er sie an einen alten Kameraden weitergab? Unsere Väter (ich bin 1948 geboren) waren Täter, sie waren nicht die Opfer. Zumindest nicht die Mehrheit von ihnen. Wann endlich ist es soweit, dass wir uns auch in der Literatur dieser Tatsache stellen können? Rothmann tut dies nicht. Seine Protagonisten sind nur die Opfer, nie Täter. Mich - und das bitte verzeihe mir - ärgert dies. Ich habe über das gleiche Thema einen Roman geschrieben. Der hat nicht den Funken einer Chance im Spiegel oder der Zeit besprochen zu werden. OK, OK, du hast recht, das ist der pure Neid. Seufz. :S Vielleicht sollte ich auch etwas politisch Korrektes schreiben, das so völlig an der Realität vorbeigeigt.

  • Hallo Peter und alle anderen!


    Danke Peter für Deine Meinung.
    Unglaubwürdig oder - wie von vielen Kritikern - hochgelobt, ich habe mich entschlossen diesen Roman nicht zu lesen, auch keine weiteren mit diesen Inhalten. Wie ich schon geschrieben habe, ist für mich die Beschäftigung mit der Realität dieser Zeit schon schmerzlich genug.
    Die Mehrheit unserer (Soldaten-)Väter in der Täterrolle zu sehen, das war lange Zeit auch meine Meinung; und es war genau diese teils arrogante und überhebliche Sichtweise von mir und unserer Generation, die einen Dialog mit meinem Vater (mit unseren Vätern) verhindert hat. "Was habt Ihr gewusst?", war für mich die Frage und nicht "Wie ist es euch ergangen?" Heute sehe ich zwar manches anders, weiß aber auch, dass vieles für immer im Dunkeln bleibt...
    Übrigens fällt es mir schwer, 17-jährige Jungen nur als Täter sehen, setzt eine Täterschaft doch auch immer ein Unrechtsbewusstsein voraus.


    Schönen Tag!
    Gruß Cristiane

    "Feigheit ist die Mutter der Grausamkeit" Montaigne


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  • Hallo Cristiane,
    ich kann dich gut verstehen - wie du weißt bin ich 67 und mein Vater hat .... geschwiegen. Heute ist mir klarer als zu der Zeit als er noch lebte, warum. Auf den Punkt gebracht: Scham, Vergessen-Wollen des Grauslichen, Unerklärliches kann nicht erklärt werden. Wenn ich etwas zu deiner schmerzhaften Auseinandersetzung mit unseren Vätern sagen darf: WIR, die Töchter und Söhne, haben weder die Pflicht noch das Recht zu verurteilen. Hannah Arendt sagt so schön, dass das Verzeihen die Tür zur Zukunft öffnet. Wir haben noch nicht einmal etwas zu verzeihen. Worum wir uns aber bemühen müssen - MÜSSEN - das ist das Verstehen. Denn wir haben unsere Väter noch gekannt, wir haben sie geliebt und deshalb: Wir können sie verstehen, ohne sie verurteilen zu müssen. Dass sie häufigst Täter waren, das ist kaum zu leugnen. Aber müssen WIR uns deshalb das Büßerhemd anziehen? Unsinn, eine solche Haltung wäre zutiefst rassistisch. Ich denke, jedes Volk sollte seine Schuld suchen und sich bewusst mit seiner Vergangenheit auseinandersetzen, ohne irgendetwas mit dem "Gegner" aufrechnen zu wollen. Denn genau das tun die Rechten bei uns und ist Mainstream in GB und den USA, die so z. B. das Kriegsverbrechen in Dresden oder Pforzheim rechtfertigen.
    Zum Schluss noch eine Leseempfehlung: Eine Erklärung für das Schweigen findest du in Gert Ledigs "Die Stalinorgel" und "Vergeltung". Keine leichte Bettlektüre! Hochspannend, um die Gefühlslage unserer Eltern zu verstehen und dieses Buch kann ich dir nur wärmstens empfehlen: "Warum folgten sie Hitler?" von Stephan Marks. Bitte, bitte lies es. Das Buch ist super!
    Dir noch eine schöne Wochenmitte.
    Viele Grüße aus dem fernen Pfinztal
    Peter

  • Guten Tag,


    ich empfand es als etwas irreführend, was der Autor manchmal mit seinen Andeutungen bezwecken wollte. Mal abgesehen von diesen halberotischen Momenten zwischen dem Hauptprotagonisten und seiner großen Liebe oder seinen Feldpostbriefen (ich sage da nur dieses blöde "eins, zwei, drei" am Ende).


    Mich störte es, dass er es offen ließ, ob die Kettenhunde wirklich Spione waren (wegen dem Funkgerät, den Zigaretten, dem Motorrad), da Sie ja kurz darauf von einem Jabo bombardiert wurden, aber auch, dass er die Situation in diesem russischen Dorf in der Etappe als feuchtfröhliches homoerotisches Abschiedsfest darstellte, in der es die junge willige Luftwaffenhelferin gibt, die den Hauptprotagonisten als Fluchthilfe hat aber Sie nicht wahrnimmt.


    Mir hat das Buch nicht gefallen, mit der Ausnahme was ich wirklich ergreifend fand war die Stelle, an der sich die Verurteilung von Fiete abzeichnet und er standrechtlich erschossen wurde.

    Mit freundlichen Grüßen


    Spreewaldgurke

  • Guten Morgen zusammen,
    guten Morgen Peter.


    Ich sitze hier, lese immer und immer wieder diesen, deinen Satz:


    Quote

    Aber müssen WIR uns deshalb das Büßerhemd anziehen? Unsinn, eine solche Haltung wäre zutiefst rassistisch. Ich denke, jedes Volk sollte seine Schuld suchen und sich bewusst mit seiner Vergangenheit auseinandersetzen, ohne irgendetwas mit dem "Gegner" aufrechnen zu wollen. Denn genau das tun die Rechten bei uns und ist Mainstream in GB und den USA, die so z. B. das Kriegsverbrechen in Dresden oder Pforzheim rechtfertigen.


    Vorab:
    Thema Kriegsverbrechen Dresden, es gibt gefühlte hunderttausend Threads in der Forenwelt dazu, keiner ging gut aus, mit solchen Bemerkungen öffnest du die Büchse der Pandora, nicht gut.


    Kein Büßerhemd, soweit klar, aber warum dann

    Quote

    jedes Volk sollte seine Schuld suchen


    ich bin "Volk", soll ich also doch nach Schuld suchen?
    Nicht wirklich, ich habe "nur" mit den Folgen der Katastrophe zu tun.


    Quote

    Wir können sie verstehen, ohne sie verurteilen zu müssen. Dass sie häufigst Täter waren, das ist kaum zu leugnen.


    In die Zeit geboren, Täter geworden, wie auch immer, muss man sowas verstehen?
    Warum keine Verurteilung?
    Warum muss ich das jemandem durchgehen lassen, war es so schwer Mensch zu bleiben, war es so schwer nicht zum Täter zu werden?
    Oder war die Möglichkeit dazu "optimal", das System wollte es ja so, also mal das "Menschliche" hurtig ausgeblendet?


    Alles überspitzt, aber bitte, ich kenne die Mechanismen damals, Mitläufer, Täter, und ja, auch Menschen, die sicht nichts zu Schulden haben kommen lassen.


    Welch ein Thema...


    Grüße Thomas

    Alle sagten immer das geht nicht, dann kam jemand, der das nicht wusste, und hat es einfach gemacht!

  • Hallo zusammen,


    das angesprochene Buch habe ich nicht gelesen. Was mich bisher davon abhielt, war ein Vorurteil, welches ich gegenüber "konstruierten Zufällen" habe. Hier wird "zufällig" und fast unglaubwürdig eine Person gezwungen, ihren Freund zu erschießen ...
    Auf diese Situation kulminiert anscheinend der gesamte Roman. Wenn damit gezeigt werden sollte, dass der NS-Staat solche Opfer von seinen Insassen verlangen konnte, wenn diese sogar bereit waren, dieses Opfer als Prüfung ihrer Stärke zu betrachten, dann sagt dieses natürlich sehr viel und auch Entscheidendes über die Besitzergreifung eines totalitären Systems aus.


    Zur o. a. "Täterschaft": Ich sehe mich nicht als "Täter" oder verantwortlich für "Taten". Jedoch sollte man als Nachgeborener "Verantwortung" in dem Sinne spüren, dass man bereit ist, sich unbequeme "Fragen" zu stellen bzw. stellen zu lassen, die man zu ver- oder beantworten hat. Auch unter einem europäischen Dach ist man zunächst mal Person X, dann "Oldenburger", "Bayer", "Sachse", "Kohlenpottler", etc., dann vielleicht noch "Borussia München"-Fan und schließlich auch mal noch "Deutscher". Und damit kommen dann die Fragen, die man so oder so beantworten kann. Wer aber kein Wissen hat, kann auch keine Fragen stellen? Wer kein moralisches Empfinden hat, wird sich bestimmte(n) Fragen nicht stellen.


    Leichter hat man es gewiss, wenn man sich wenige oder keine Fragen stellt. Dann lebt sich´s völlig ungeniert. Dann zieht man auch schon mal sturzbesoffen und "Erika"-singend durch die Altstadt von Prag oder Warschau ...


    Ich sehe "unsere Väter" keinesfalls ausschließlich als Täter - es waren überwiegend Opfer. Neben den wirklichen Tätern wurden einige dieser Opfer auch zu Tätern, da sie charakterlich schwach bzw. "normal" waren. Viele sind dem Machtgefühl erlegen, viele sahen die "Anfangserfolge" und glaubten der NS-Propaganda. Viele waren schwach, wie Du und ich, und führten die ihnen erteilten Befehle aus, welche nicht selten gegen christliches und moralisches Empfinden verstießen. Und viele handelten in der Gemeinschaft der Truppe anders als sie es als Individuen getan hätten.


    Und abschließend noch die Frage: Wie hätte man sich entschieden, wenn man damals "dabei gewesen wäre? Natürlich eine eher sinnlose Frage - aber vielleicht gibt es eine Antwort - und damit auch "Verantwortung"?



    Gruß,


    Joseph

    Suche Informationen zum Füs.Bat. 170 im Zeitraum Juli 1944 und zur 269.I.D im Zeitraum Januar bis März 1945 (Festung Breslau)

    Edited once, last by Joseph O. ().

  • Hallo zusammen!


    Nochmal zurück zum Ausgangspunkt: Nach einem Fernsehbeitrag in einer Literatursendung über das Buch wollte ich Eure Meinung dazu hören und hilfreiche Antworten bekommen. Dafür nochmals danke an alle!
    Bemerkenswert fand ich vor allem die traurige Biographie des Vaters, der wohl nach seinen Kriegserlebnissen und schwerer Arbeit unter Tage gebrochen und alkoholkrank relativ früh verstarb. Der Autor hat wohl auch nicht den üblichen Background eines Schriftstellers, sondern kam nach mehreren verschiedenen Jobs und ohne studiert zu haben zum Schreiben. Er hatte wohl zu Lebzeiten seines Vaters nicht mit ihm über dessen Kriegserlebnisse sprechen können und in dem Roman versucht, auch ein Stück der Vergangenheit und die Wirkung bis in die Gegenwart zu bewältigen. Die eingeflochtene Geschichte vom Jungen, der seinen Freund erschießen musste, um nicht selbst zu sterben, wurde ihm wohl ähnlich von einer Zufallsbekanntschaft erzählt.
    Zum Thema Schuld: Warum sollte sich ein nach dem Krieg Geborener schuldig fühlen? Welche Konsequenzen hätte das Gefühl der Schuld?
    Dieses Gefühl habe ich nie gehabt, aber ein anderes, nämlich das Gefühl der Trauer. Trauer um all die verlorenen, ungelebten Leben.


    Gruß Cristiane

    "Feigheit ist die Mutter der Grausamkeit" Montaigne


    Suche Einsatzorte 3./schwere Artillerie Abt. 848 ab Juni 1943


  • Hallo zusammen, hallo Huba,


    ich denke, ich habe etwas zu flapsig geschrieben. Das Büßerhemd - wir Nachgeborene werden im Ausland leider immer wieder auf "unsere" Schuld angesprochen. Wäre ich alleine für mein Deutschsein schuldig, so müsste ich das Büßerhemd anziehen. Da aber dann die Herkunft für die Schuld entscheidend wäre, wäre das zutiefst rassistisch. Dennoch ist hier in Deutschland Schreckliches geschehen, getan von Menschen, mit denen wir groß geworden sind. Als Mensch, der auch durch unsere gemeinsame Vergangenheit zu dem wurde, was ich bin, was wir alle sind, identifiziere ich mich schon mit der Schuld. Doch dies ist keine persönliche Schuld, es hat etwas mit der Identifizierung mit meinen Vorfahren zu tun und dazu stehe ich.

    Einen Thread über Dresden aufmachen?`UM GOTTESWILLEN! Gerade das nicht. Das wäre eben das, was man Aufrechnen nennen könnte. Das ist Sache der Briten. Wenn die das nicht aufarbeiten - tun aber viele - dann sollten sie sich schämen. Unser Job ist das mitnichten!
    Zur Frage der Schuld. Sie entsteht nach meinem Bewusstsein, wenn der Mensch Handlungsmöglichkeiten hat. Wer im Schützengraben liegt und auf ihn laufen Soldaten mit aufgepflanzten Bajonetten zu, der hat keine Wahlmöglichkeit. Als ich bezog mich nicht auf das "Soldatsein". Nur gab es wesentlich mehr Freiheit, sich nicht für den Nationalsozialismus zu entscheiden, als wir uns vorstellen. Viele - mein Vater eingeschlossen - haben sich zumindest etwas vom Regime versprochen, in seinem Fall den sozialen Aufstieg. Das System der Nazis war ausgeklügelt bis in die Details. Aber: Jeder hätte wissen können, was passiert ist. Die Mehrheit wollte das nicht und hat das Regime gestützt - bis zum Ende. Interessante Lektüre: "Die Deutschen und der Holocaust" von Bernward Dörner, erschienen im Propyläen. Und da bin ich bei der Frage, warum nicht verurteilen? Es ist nicht meine Aufgabe zu verurteilen. Richte nicht, auf dass du nicht gerichtet wirst. Weiß ich, wie ich in einer solchen Umgebung, mit einer solchen Sozialisierung reagiert hätte? Ich habe diesbezüglich schlimme Befürchtungen. Aber das hat nichts mit Strafverfolgung zu tun. Solange noch ein einziger Angehöriger der Opfer lebt, darf man die Täter nicht in Ruhe lassen.
    Wir sollten versuchen zu verstehen und uns dennoch vor Verständnis hüten, denn dann wäre es zum Ent-schuldigen nicht weit. Ver-zeihen (Trennstrich absichtlich) heißt nur, nicht mehr anklagen und nach vorne sehen. Leider hat das die Generation unserer Eltern nicht gekonnt, nämlich das eigene Verhalten zu verstehen, und sich zu verzeihen, denn sonst hätten sie mit uns geredet.
    Ich darf kurz Knopp zitieren, der unsere Aufgabe hervorragend definiert hat: "Wir, die nach dem Krieg Geborenen sind für Hitler nicht verantwortlich zu machen. Doch wir sind verantwortlich für das Erinnern ebenso wie für das Vergessen und Verdrängen - und für das Leugnen. Das ist keine Kollektivschuld, aber Kollektiv-Verantwortung für Auschwitz und für Hitler" (Guido Knopp, Klappentext zu "Hitler - Eine Bilanz", Siedler-Verlag. Und wer könnte diese Aufgabe besser schultern als wir, die immer noch schaudern wenn eine Sirene aufheult und die sich noch gut an die Alten erinnern?


    Viele Grüße aus Pfinztal
    Peter

  • Hallo,
    ich habe den Roman "Im Frühling sterben" gelesen. Darin werden die Kameraden einer Stube gezwungen, einen der ihren zu erschießen, weil er desertiert war. Bei meiner Lektüre über die Waffen-SS (ich habe für meinen eigenen Roman viel gelesen) habe ich erfahren, dass ein Grund für den Zusammenhalt bei der Waffen-SS war, dass auch die Fürsorge der Vorgesetzten für ihre Untergebenen die Soldaten zusammengeschweißt hat.. An anderer Stelle habe ich gelesen, dass niemand zu einem Erschießungskommando gezwungen wurde.
    Leider weiß ich nicht mehr, wo ich das alles gefunden habe. Es würde mich sehr interessieren, ob die Erschießungsszene in "Im Frühling sterben" realistisch ist oder nicht.


    Vielen Dank jetzt schon.
    Peterjoachim

  • Hallo Peter


    habe Deinen Post in das Ursprungsthema "Im Frühling sterben" verschoben.

    mit freundlichen Grüssen


    Uli