Leserunde zu "Nur der Tod vergisst"

  • Hallo Peter !!


    Ich kann mich da nur Justus anschließen, ein interessantes Buch und eine ungewöhnliche Art, die Diskussion anzustoßen.
    Es war eine kleine Runde und der Meinungsaustausch verlief recht sachlich.
    Wenn du mal wieder so etwas vorhast ... ! ;)


    Gruß Gregor

  • Hallo zusammen,
    da ich sehe, dass der Thread noch hin und wieder geöffnet wird, hier noch einige Anmerkungen zu historischen Dingen, die ich in den Roman eingebunden habe:

    • Fritz ist frustriert von den Nazi-Bonzen: Tatsächlich waren viele ideologisch motivierte SS-Männer von der Führung enttäuscht, die sich bestens mit Luxusgütern versorgt haben, während die Kameraden im Feld schlecht versorgt waren. Es gab wohl die Parole, nach dem Krieg mit den Bonzen aufzuräumen. Hätte es bei einem Sieg einen Bürgerkrieg mit Säuberungen gegeben?
    • Die Nazis haben mit Hilfe von Friedrich Schwend ( = Schlemm) Falschgeld gedruckt. Wieviel davon in Umlauf gebracht wurde – wer weiß das schon? Er hatte auch viele Juden, die in seinen Diensten standen. Ohne ihn wären viele Fluchtvorhaben nach 45 nicht zu finanzieren gewesen. 1944 war sein Standort in Meran. Viele halten ihn für den Kopf der „Odessa“. Ob es die Odessa überhaupt gab, ist nicht sicher. Ich glaube nicht, dass – falls es die Odessa gab –der Schwend mehr als der Geldgeber war.
    • Hans ist der Typus des Mitläufers. Er war für mich angezogen davon, dass die Waffen-SS es verstanden hat, sich um ihre Leute zu kümmern, ihm so eine Art „große Familie“ zu bieten. Diese Fürsorge wird heute in Berichten über die SS kaum noch widergegeben, war aber neben der Kameradschaft, der Ideologie und der besseren Ausstattung sicher einer der Gründe für ihren Erfolg als kämpfende Einheit.
    • Dass in Südtirol fliehende Juden und Nazis auf engstem Raum zusammengetroffen sind, habe ich bereits erwähnt. Dass über allen begründeten Hass der Juden auf ihre Peiniger Verzeihung möglich war, ist für mich ein Phänomen des menschlichen Geistes und Anlass für Hoffnung. Bei einem Besuch in Guyaquil /Ekuador an der deutschen Schule hat mir der dortige Schulleiter erzählt, dass die Schule von drei Säulen getragen wurde: den Technikern, die jetzt für deutsche Firmen dort tätig sind, den deutschen Juden, die vor den Nazis UND den alten Nazis, die vor den Alliierten geflohen sind. Die drei Gruppierungen hätten ohne Probleme zusammengearbeitet. Unglaublich, oder?

    Euch noch ein schönes 2015
    Viele Grüße aus dem Südwesten
    Peter

  • Hallo Ihr da,
    es ist manchmal seltsam und hat schon etwas Schicksalhaftes. Neulich war ich mit meiner Frau in einem Vortrag über Schande. Dabei hat der Referent über einen Roman berichtet, den ihr, falls ihr ihn noch nicht kennt, unbedingt lesen müsst. "Vergeltung" von Gert Ledig. Ich habe oft davon geschrieben, dass unsere Väter geschwiegen haben. Ich habe das halbe Buch durch und weiß jetzt warum. Es handelt sich dabei um eine Stunde, in der eine deutsche Stadt bombardiert wird und eine arme Sau einer Bomberbesatzung die Wut der Opfer zu spüren bekommt. Aber Vorsicht: Der Roman ist an Grausamkeit kaum zu überbieten. Er wurde 1956 veröffentlicht und der Autor, Jahrgang 1921, in Leipzig geboren, in Wien aufgewachsen, meldete sich freiwillig zur Wehrmacht, wurde vor Leningrad mehrfach verletzt bevor er nach Süddeutschland zurückkehrte. Der Mann weiß, wovon er spricht und er urteilt mit keiner Silbe - weder über die Einen noch über die Anderen.
    Für mich ist der Roman so gut wie "Im Westen nichts Neues".
    Wofür ich mich jetzt interessieren werde ist, wie Angehörige der Sieger über den Krieg erzählt haben. Durch unseren Haustausch kenne ich einige Engländer und Amerikaner. Wenn ich von denen etwas erfahren habe, schreibe ich auf jeden Fall wieder.
    Euch noch ein schönes Wochenende
    Viele Grüße
    Peter

  • Moin Peter,
    Danke für den Tipp! Ich habe von Gert Ledig "Die Stalinorgel" gelesen und kann die düstere Stimmung, die Du in seinem o. g. Buch vorfindest, dort ebenfalls erkennen. Ein beeindruckender Roman, Schonungslos. Hoffnungs-los.
    LG Justus

  • Hallo Justus,
    auf deine Empfehlung und nachdem ich Vergeltung gelesen habe, habe ich mir jetzt auch die Stalinorgel von Ledig bestellt. Vergeltung war direkt nach dem Krieg offensichtlich für die Leser zu direkt. Das wollten die Überlebenden vergessen. Vor allem weil das Buch keinerlei positive Botschaft enthält und nur die Sinn- und Wahllosigkeit des Sterbens dokumentiert.
    Danke nochmals für den Hinweis auf die Stalinorgel. Ich bin sehr gespannt.
    Viele Grüße
    Peter

  • Hallo zusammen,
    durch die Empfehlung von Justus habe ich jetzt den Roman "Stalinorgel" von Ledig in Händen und lese ihn. Wenn ihn noch jemand gerade liest, könnten wir uns gerne auch darüber unterhalten. Fände ich spannend.
    Viele Grüße
    Peter


    P.S.: Heute vor 70 Jahren wurde Pforzheim von britischen Bombern zerstört. Wenn ihr mal nach Pforzheim kommt und es noch nicht kennt, geht auf den Hügel neben der Autobahn. Dort ist eine Gedenkstätte für die Toten dieses Tages. Der Hügel wurde nur von den Trümmern der Stadt aufgeschichtet. Ich bekomme immer Gänsehaut, wenn ich dort oben bin. Hier der Link: http://de.wikipedia.org/wiki/Pforzheim#Mahnmal_Wallberg

  • Moin Peter,
    Danke für den Tipp! Ich habe von Gert Ledig "Die Stalinorgel" gelesen und kann die düstere Stimmung, die Du in seinem o. g. Buch vorfindest, dort ebenfalls erkennen. Ein beeindruckender Roman, Schonungslos. Hoffnungs-los.
    LG Justus


    Hallo Justus, hallo Peter,
    ich habe mir die "Vergeltung" bestellt, aber in der kommentierten Taschenbuchausgabe von
    Suhrkamp. War das günstigste Angebot !
    Die Kommentierung erscheint mir fast genauso interessant wie der Roman selbst:
    Das Buch war ja seit seinem Erscheinen 1956 mehrere Jahrzehnte quasi "totgeschwiegen"
    wie die gesamte Thematik. Erst in den 90er-Jahren war die Zeit dann wohl "reif" für eine
    (wenn auch nur ansatzweise) Aufarbeitung.
    Der Kommentator schreibt sehr ausgewogen und stellt das Problem sehr differenziert dar
    (z.B. Annahme des Themas im Westen und im Osten). Sehr interessant erscheint mir
    seine These, dass ohne das (systematische) Totschweigen der Thematik das Wirtschafts-
    wunder nicht möglich gewesen wäre.
    Erst der bewusste oder unbewusste Drang, das Geschehen zu vergessen oder wenigstens zu
    verdrängen, setzte jene immensen Energien frei, die dem Wiederaufbau zugute kamen.


    Danke für den Tipp !
    Rudolf (KINZINGER)

  • Hallo Rudolf,
    das kann ich mir auch vorstellen - dass das Verdrängen wichtig für den Neubeginn war. Nachdem ich die Vergeltung gelesen habe, muss ich sagen, habe ich zum ersten Mal meinen Vater verstanden. Warum sollte er als ehemaliger Fallschirmjäger mich mit der ganzen Sch... belasten? War es nicht besser, alles zu vergessen? Erst dadurch wurden die Energien frei für das Zupacken.
    Allerdings bleibt mir immer noch unverständlich, wie sie einen Bundespräsidenten zulassen konnten, der SA-Mitglied war, und einen Globke, Filbinger, Kiesinger usw. in führende STAATLICHE Funktionen hieven. So weit hätte die Verdrängung nicht gehen dürfen, diese Männer zu den Repräsentanten unseres Staates zu machen. Das war meines Erachtens zumindest aus Respekt für die vielen Opfer auf beiden Seiten absolut schrecklich.
    Heute war ich auf der Gedenkveranstaltung zur Bombardierung Pforzheims. Da kam aber andererseits die große Leistung Europas zur Sprache: Heute stehen sich die ehemaligen Gegner nicht mehr als Feinde gegenüber! Das finde ich großartig. Angst machen mir nur die van der Leyen, unser Präsident und die gegenwärtige Politik. Aber das ist ein anderes Thema.
    Viele Grüße aus Pfinztal
    Peter

  • Hallo,


    ich zitiere Rudolf: "Erst der bewusste oder unbewusste Drang, das Geschehen zu vergessen oder wenigstens zu
    verdrängen, setzte jene immensen Energien frei, die dem Wiederaufbau zugute kamen."


    Vor kurzen lass ich ein Interview mit einer Überlebenden der Shoa, die kurz nach dem Krieg nach Israel auswanderte und dort gemeinsam mit ihrem Mann (ebenfalls Shoa-Überlebender) eine Familie gründete, mehrere Kinder groß zog und sich über Jahrzehnte dem Aufbau ihres Landes widmete.
    Erst im hohen Alter begann sie für sich das in der Shoa Erlebte aufzuarbeiten und musste sich von ihren Kindern und Enkelkindern Vorhaltungen machen lassen, warum sie nicht früher darüber gesprochen hat.
    Ihre Antwort war: damals wollte ich einfach vergessen, mich dem neuen schöneren, besseren Leben, meinen Kindern und dem Aufbau meines Landes widmen, ich wollte die Vergangenheit zurück lassen, die war vorbei, hatte in meinem neuen Leben nichts zu suchen.


    Ich bin der Überzeugung, dass die Kunst des Verdrängens von bösen Erlebnissen in der eigenen Vergangenheit, über die meiste Zeit der Menschheit der probateste Weg war, sein Leben, dem erlebten Bösen zum Trotz, noch in den Griff zu bekommen. Die heute weit verbreitete und bevorzugte die psychologische Aufarbeitung ist historisch gesehen eine ziemlich neue Erscheinung und ob sie sich umfassend durchsetzt, wird man der Zukunft überlassen müssen.


    Etwas anderes ist die rationale Aufarbeitung der historischen Geschehnisse und die schonungslose Prüfung ob die vormals eingeschlagenen Politiken für die weitere Entwicklung tauglich sind oder nicht.


    Gute Nacht


    Paul


    G-W-G'

    Edited once, last by Paul Spohn ().

  • Hallo,
    Paul schreibt: "Etwas anderes ist die rationale Aufarbeitung der historischen Geschehnisse und die schonungslose Prüfung ob die vormals eingeschlagenen Politiken für die weitere Entwicklung tauglich sind oder nicht." Das sehe ich ganz genauso. Und im Grund ist das die Aufgabe der Nachkriegsgeneration, weil wir die Kriegsgeneration noch gekannt haben und die geschwiegen hat,, vielleicht auch schweigen musste. Ganz hervorragend in diesem Zusammenhang finde ich die Sachbücher: "Die Deutschen und der Holocaust" (Bernward Dörner) und "Der Brand" (Jörg Friedrich). Die Historiker setzen sich ohne anzuklagen mit dem Geschehen auseinander.
    Euch noch einen schönen Tag.
    Viele Grüße
    Peter


  • ...
    Das Buch war ja seit seinem Erscheinen 1956 mehrere Jahrzehnte quasi "totgeschwiegen"
    wie die gesamte Thematik. Erst in den 90er-Jahren war die Zeit dann wohl "reif" für eine
    (wenn auch nur ansatzweise) Aufarbeitung.
    ...


    Hallo,


    die seinerzeitige Auseinandersetzung mit dem Roman und Ledig ist hochinteressant.
    Für die "Stalinorgel" ist Gerd Ledig allgemein gelobt - teilweise sogar gefeiert - worden, ob seiner drastischen und realistischen Darstellung. Auch und besonders was physische und psychische Gewalt betrifft, welche die Soldaten erfahren haben.
    Bei "Vergeltung" hat sich Ledig kaum einer anderen Darstellungsweise bedient. Aber das hier Zivilisten verbrennen, zerquetscht werden, ersticken und von Splittern zerrissen werden, war dem Nachkriegsgemüt dann doch zuviel. Es ist interessant, zeitgenössische Rezensionen zu lesen. Man ging teilweise so weit, Ledig "Perversion" zu unterstellen. Zu beschreiben wie es an der Front zuging war eine Sache - zu beschreiben wie es an der "Heimatfront" zuging eine andere.


    Übrigens ist auch Ledigs dritter Roman, "Faustrecht", zu empfehlen. Er ist zwar schwächer als "Stalinorgel" und "Vergeltung", beschreibt aber trotztdem sehr eindrücklich Problematiken junger Heimkehrer in der frühen Nachkriegszeit. Alle Romane sind für wenig Geld zu haben und wirklich zu empfehlen.


    Viele Grüße,
    Christian

    Edited once, last by ChristianB ().

  • Hallo zusammen,



    ich habe gerade die Lektüre der "Stalinorgel" abgeschlossen.


    Zunächst mal bin ich denjenigen dankbar, welche dieses Werk hier empfohlen haben.

    Aus meiner Sicht ist es wirklich ein hervorragend geschriebener Roman, den ich weit oben in die Reihe der besten mir bekannten Kriegsschilderungen einordnen möchte.


    Angesichts der in Europa wieder ausgebrochenen "Räuber und Gendarm-Spiel-Mentalität" bestimmter "Nationalismen" kann die Darstellung von Krieg gar nicht "schonungslos" genug sein. Wer soll denn im Übrigen hier "geschont" werden?


    Das Buch zeigt die ganze Fratze des Kriegs und seiner Akteure, die gnadenlosen Apparate der Wehrmacht und der Roten Armee - und als Kontrast hierzu eine Menschlichkeit, die vor diesem düsteren Hintergrund hervorsticht und ein wenig Hoffnung zulässt.


    Solche Bücher sollte man all denen "verordnen", welche Krieg noch als eine Option, nämlich als "Fortsetzung von Politik mit anderen Mitteln" betrachten. Krieg ist das Symptom des Versagens von Politik - von Politikern!



    Gruß,


    Joseph

    Suche Informationen zum Füs.Bat. 170 im Zeitraum Juli 1944 und zur 269.I.D im Zeitraum Januar bis März 1945 (Festung Breslau)

  • Hallo zusammen,


    Solche Bücher sollte man all denen "verordnen", welche Krieg noch ....


    hat man ja mehrfach versucht, durch Übersetzung ins Amerikanische (The Naked Hill : 1956, The Stalin Organ : 2004, The Stalin Front : 2005).
    Fruchtet aber nicht, wenn Kriege eh nur immer in sicherer Entfernung zur eigenen Heimat stattfinden...



    Man sollte auch bedenken, wie groß die Konkurrenz gerade in den Jahren 54 - 58 im Romanbereich war. Da war Ledig nur einer von vielen
    mit einer merkwürdigen sarkastischen Schreibe.
    Auch die hochgefeierten Werke Charles Bukowskis mit seiner ständigen brutalen Gewalt und Obszönität sind sicherlich nichts für die breite Masse


    Gruß
    Udo

  • Hallo Ihr da,
    ich habe gerade den Roman "Im Frühling sterben" von Rothmann gelesen. Darin werden zwei junge Burschen in den letzten Kriegsmonaten zur Waffen-SS gepresst. Falls jemand von euch den Roman auch gelesen hat, würde mich die Meinung darüber interessieren.
    Euch noch eine nicht zu heiße Zeit.
    Viele Grüße aus dem jetzt schon zu warmen Pfinztal
    Peter

  • Hallo ihr da,
    ich melde mich noch einmal, da ich einen Blog aufgemacht habe, in dem ich den Roman und meine Gedanken dazu zur Diskussion stelle. Wer mag, kann sich das ja ansehen.
    Euch noch eine gute Zeit.
    Viele Grüße aus dem immer noch brühwarmen Pfinztal
    Peter


    http://pejoachim.blogspot.de/