Zerstörung einer Deutschordenskirche Schöneberg a.d. Weichsel / Großes Werder

  • Schönen guten Nachmittag,
    liebe Forum-Freunde,


    ich lebe seit meinem vor ein paar Jahren erfolgten Vorruhestand in östlich der Strom-Weichsel gelegenen Alten Binnennehrung (früherer Kreis Danziger Werder). Ich bin an der Geschichte dieser Landschaft -Vorfahren meiner Eltern lassen sich hier rund 400 Jahre zurückverfolgen- sehr interessiert.


    In einem Nachbardorf, in Schöneberg an der Weichsel (polnisch: Ostaszewo), steht die Ruine einer Deutschordenskirche. Nach einer hier in dieser Gegend kursierenden Überlieferung wurde sie am 05.04.1945 von der SS niedergebrannt. Auf dem der Kirche umgebenden Friedhof befindet sich das Grab eines unbekannten deutschen Soldaten. Es wird gesagt, er sei von seinen Kameraden erschossen worden nachdem er sich weigerte, dieses Kulturdenkmal niederzubrennen. Ein zweiter Kamerad, der sich ebenso weigerte, sei ebenfalls niedergeschossen worden. Ein dritter Soldat, der dem Befehl nachkam, sei durch Unvorsichtigkeit in der von ihm angezündeten Kirche umgekommen. Es existieren zu diesen Vorkommnissen keine belastbaren Aussagen, Dokumente oder anderweitigen Belege.


    Zu diesem Thema findet bereits eine Diskussion statt unter http://http://forum.danzig.de/forumdisplay.php?120-Sch%F6neberg-Ostaszewo


    Bisher konnte unter dem vorgenannten Link keine Klärung geschaffen werden. Mir geht es auch um die Frage, ob sich diese Ereignisse so zugetragen haben können.


    Hat vielleicht jemand von Euch Antworten auf folgende Fragen?


    - Gab es Anfang April 1945 noch kämpfende Verbände / versprengte Einheiten/Gruppen, evtl. auch der Waffen-SS, im Kreis Großes Werder. also im Dreieck Weichsel - Elbinger Weichsel - Nogat?
    - kam es vor, dass Wehrmacht oder Waffen-SS Kulturdenkmäler auf deutschem Boden ohne militärische bzw. strategische Notwendig zerstörten?
    - kam es vor, dass Wehrmacht oder Waffen-SS Kameraden hinrichtete, die sich weigerten, eine Kirche zu brandschatzen (in diesem Fall eine 600 Jahre alte Deutschordenskirche) für deren Zerstörung es ganz offensichtlich keine Notwenigkeit gab?
    - sind russische Artilerie- oder Fliegerangriffe auf Schöneberg an der Weichsel im April oder Mai 1945 bekannt?
    - hat vielleicht irgend jemand von Euch eine Idee wo man nähere Informationen erfahren kann?


    Viele Grüße aus dem Danziger Werder
    Wolfgang

  • Hallo Wolfgang,


    herzlich willkommen hier im Forum!
    Hier gibt es eine Lagekarte vom 08. April 1945, auf der der Frontverlauf eingezeichnet ist:
    http://www.gutenberg-e.org/esk01/maps/LageOst8Apr45_lg.jpg


    Hier
    https://files.secureserver.net/4fk5ECyLyP2grF
    müsste man sogar die Lagekarte der Armeegruppe Weichsel vom 05. April 1945 herunterladen können. Dauert aber wohl, da sehr detailliert, ziemlich lang.
    Für uns ist Teil 2 zutreffend.


    Viele Grüße in den Großen Werder!
    Bernhard

  • Hallo Bernhard,


    vielen Dank für den Hinweis auf die Karte!


    Die Front verlief hier im Werder sehr uneinheitlich. Sobald russische Verbände einen Ort eingenommen haben, konnten sie nicht mehr zurückgedrückt werden. Sie kamen von Süden nach Einnahme Dirschaus über die Weichsel und auch von Osten über die Nogat.


    Am 07.03.1945 drangen Russen in die rund 10km von Schöneberg entfernte Kreisstadt Tiegenhof (Nowy Dwór Gdański) ein. Da das Werder nach Durchstechen der Weichseldeiche (u.a. am 25.02.1945 bei Schöneberg) überflutet war, gestaltete sich der weitere Vormarsch außerordentlich schwierig. Die im Bereich der russischen Artillerie liegenden Dörfer wurden regelmäßig beschossen. Durch sie wurde auch eine alte Kirche in Tiegenort (Tujsk) zerstört.


    In einem alten Fluchtbericht ("Flucht aus der Heimat" von Irmgard Ewald), veröffentlicht in "Unser Danzig", 1959, Ausgaben 06-10, schreibt die Autorin unter Angabe des 21.03.1945: "Der Russe stand in Schöneberg, Dirschau und gegen Danzig bei Praust". Wenn dem so war, ist es sehr fraglich, ob sich noch am 05.04.1945 eine SS- oder Wehrmachtskompanie in Schöneberg befand.

    Viele Grüße aus dem Werder
    Wolfgang

  • Hallo Wolfgang,


    laut der Karten waren in dem Abschnitt nur die 23. Infanterie-Division und Teile der 7. Infanterie-Division im Einsatz. SS-Verbände habe ich nicht entdeckt.


    Hier Informationen zu den beiden Divisionen:
    http://www.lexikon-der-wehrmac…nteriedivisionen/23ID.htm
    http://www.lexikon-der-wehrmac…anteriedivisionen/7ID.htm
    Am Ende der Texte findet sich jeweils eine Literatursammlung.
    Vielleicht lässt sich in diesen Büchern über diese Verbände oder in deren Kriegstagebüchern (KTB) etwas zu den Vorgängen finden.


    Es gibt wohl auch einen Film: "Die Geschichte der 23. Infanterie-Division" (Regissseur Karl Höffkes)


    Viele Grüße
    Bernhard

  • Hallo Bernhard,


    danke für Deine Hinweise denen ich nachgehen werde. Ich vermute jedoch fast ein bisschen, dass sich April/Mai '45 im Kreis Großes Werder, also in diesem Dreieck zwischen Weichsel, Elbinger Weichsel und Nogat, keine regulären deutschen Einheiten mehr befunden haben. Vielleicht noch versprengte Truppenteile, einzelne Soldaten, aber ganze kämpfende Kompanien kaum mehr. Jedenfalls geht das aus bisher gelesenen Fluchtberichten der dortigen Bevölkerung nicht mehr hervor.


    Viele Grüße aus dem Werder
    Wolfgang

  • Hallo Uli,


    danke für die Lagekarte die mir als Laien aber ein bisschen unverständlich ist.


    Stellen die blau eingetragenen Einheitenbezeichnungen die deutschen Truppen dar, die roten die russischen? Verlief entlang der blauen unterbrochenen Linie von Gemlitz über die Weichsel bis hin zum Frischen Haff die Front? Haben sich entlang der Front Truppen gegenüber gestanden oder bezeichnet das lediglich das Gebiet bis zu dem die Russen bereits vorgedrungen sind und die Kontrolle erlangt haben? Lässt sich anhand der Karte sagen, wo sich tatsächlich noch deutsche Truppen physisch befunden haben?


    Was heißt "Tle 7."? Ist das auch eine Truppenbezeichnung?


    Ich weiß, eine Menge Fragen... - aber vielleicht lässt sich doch noch ein Rätsel klären. Auf jeden Fall möchte ich mich bei all Jenen von Euch ganz herzlich bedanken, die sich darüber Gedanken machen und zu helfen versuchen!


    Viele Grüße aus dem Werder
    Wolfgang

  • Hallo Wolfgang


    Die blauen Einheiten sind die,der deutschen Wehrmacht. Rot sind die russischen Truppen.
    Die blaue Linie markiert die Hauptkampflinie. Die Truppen liegen/stehen sich gegenüber.
    Normalerweise gibt es bessere Karten in den Kriegstagebüchern der Divisionen oder übergeordneten Einheiten.
    Leider ist aus der Zeit nicht viel überliefert.
    Die Karten der Heeresgruppe Weichsel sind nicht sehr gut.


    Tle.7. heißt ,daß dort Teile der 7.ID waren.

    mit freundlichen Grüssen


    Uli

  • Hallo Wolfgang,


    ich habe folgenden Bericht eines Kompanieführers der sogenannten „SS-Kampfgruppe Trittin“


    „… Im letzten Wehrmachtsbericht vom 9. Mai 1945 heißt es in der Abschluss Meldung u.a. wörtlich „In Ostpreußen haben deutsche Divisionen noch gestern die Weichselmündung und den Westteil der Frischen Nehrung tapfer verteidigt…“
    Zu diesen Verteidigern gehörte auch unsere kleine Kampfgruppe Trittin, in Stärke eines Bataillons, die im Rahmen der 23. Infanteriedivision (Armee Ostpreußen) eingesetzt war.
    Wir lagen seit März 1945 bis zur Kapitulation am 9. Mai 1945 im Danziger Werder. Anfangs zwischen dem Weichseldamm bei Stüblau und dem Ort Kriefkohl. Kurz vor der Kapitulation wurde die Front noch etwas zurückgenommen, da der Brückenkopf abgebaut werden sollte….
    Ende März 1945 wurden wir dann bis zur Kapitulation in alter Zusammensetzung als Bataillon der 23. Infanteriedivision unterstellt. In unserem Gefechtsabschnitt herrschte verhältnismäßige Ruhe, da das Gelände für Panzerangriffe denkbar ungeeignet war (Wassergräben). Dafür nahm das Artillerie-, Werfer- und Scharfschützenfeuer immer mehr zu. Wir hatten dadurch einige Ausfälle zu verzeichnen. Leider wurde auch die wunderschöne Kirche in Stüblau, die aus der Ordensritterzeit stammte, sehr stark beschädigt.
    Der Raum beim Nachbarregiment wurde zunehmend zum Brennpunkt. Am 7. April 1945 griff der Feind den rechten Flügel der 23. Infanteriedivision nach starker Artillerievorbereitung mit Panzern an. Der eingebrochene Feind konnte im Gegenangriff wieder zurückgeworfen werden.
    Durch das Ausharren in unseren Stellungen konnten noch viele Flüchtlinge, Verwundete und auch Soldaten gerettet werden….“


    Die Vorgänge in „Schöneberg“ kann ich aber nicht zuordnen… ?(



    Herzliche Grüße Roland

    Das Leben ist wie eine Pralinenschachtel - man weiss nie, was man bekommt. Forrest Gump

    Edited once, last by RolandP ().

  • Hallo Uli, hallo Roland,


    vielen Dank für Eure Ausführungen! Es sind viele Mosaiksteinchen, die letztendlich hoffentlich dazu führen, dass ein Gesamtbild um die Geschehnisse zusammengefügt werden kann.


    Der Bericht des Kompanieführers der "SS-Kampfgruppe Trittin" gibt einen in meinen Augen exemplarischen Eindruck dessen wider was die Einheiten dachten wenn Kulturdenkmäler bzw. Kirchen durch Kampfhandlungen beschädigt oder zerstört wurden: Zitat "Leider wurde auch die wunderschöne Kirche in Stüblau, die aus der Ordensritterzeit stammte, sehr stark beschädigt." Und da soll eine altehrwürdige Kirche aus Deutschordenszeiten ohne Grund von einer deutschen Einheit abgefackelt worden sein? Und die, die sich angeblich weigerten, dies zu tun, wurden von ihren Kameraden erschossen?


    Die Kampfgruppe Trittin befand sich westlich der Weichsel, Schöneberg liegt östlich von ihr. Nach zivilen Zeitzeugenberichten -die bisher jedoch nicht mit Sicherheit verifiziert werden können- lagen nach der Sprengung der östlichen Weichseldeiche keine deutschen Truppen mehr im Überschwemmungsgebiet.


    Viele Grüße aus dem Werder
    Wolfgang

  • Hallo Wolfgang und Alle,


    vielleicht gab es für die Zerstörung der Kirche eine militärisch durchaus notwendige und übliche Ursache.
    Wenn man sich vorstellt, dass in einem wohl überwiegend flachen Gelände ein Kirchturm, Fabrikschornstein, oder ähnlich hohes Bauwerk
    im Bereich der eigenen Stellung aufragt, wird es zwingend notwendig sein diese Geländemarke zu beseitigen.


    Andernfalls werden gegnerischen Ari-Beobachter diese als Richtpunkt für die Geschützausrichtung und Feuerüberwachung nutzen.
    Wenn die eigenen Stellung also längere Zeit im Umfeld solcher "Zielmarken" liegt, war und ist es üblich diese Punkte einzuebnen.
    Sinnvoll wäre wohl eine Sprengung. Möglicherweise wurde diese Kirche jedoch mangels ausreichender Sprengmittel abgebrannt.


    Ob die Befehlsverweigerung und nachfolgende Erschiessung von SS - Angehörigen damit zusammenhängt konnte ja bisher nicht
    bewiesen werden. Ich persönlich kann daran nicht so ganz glauben.
    Ebenso kann ich mir nicht vorstellen, dass Wehrmacht oder SS nur mal so, ohne jede militärische Notwendigkeit eine, wohlgemerkt,
    deutsche Kirche abfackelt. Ich denke die Männer hatten damals ganz andere Probleme und Sorgen.


    Viele Grüße


    Frank

  • Hallo Frank,


    es scheint keine militärische Notwendigkeit für die Zerstörung der Kirche gegeben zu haben. Die Kirche hatte einen hölzernen Turm, der Brand wurde jedoch angeblich im massiven Innenraum der Kirche gelegt. Für russische Artilleriebeobachter bzw. -einweiser wäre der in der Nähe stehende höhere Kirchturm der evangelischen Kirche -der unbeschädigt blieb- möglicherweise sehr viel interessanter gewesen. Dass aus militärischen Gründen durchaus markante höhere Gebäude gesprengt wurden, ist mir bekannt. Dies beweisen die Kirchtumsprengungen in Tiegenhagen / Großes Werder (Cyganek), Bohnsack / Danziger Werder (Sobieszewo) sowie die Sprengung der Windmühle auf dem Damm der Elbinger Weichsel in Fürstenwerder (Żuławki). Bei diesen mir bekannten Kirchturmsprengungen wurde aber alles versucht, die Kirchen zu retten - was auch erfolgreich war.
    ,
    Auch wenn das nun nicht unbedingt deckungsgleich ist mit den auf den Lageplänen verzeichneten Frontverläufen: Nach Auswertung zweier weiterer übereinstimmender Berichte dort ehemals lebender Zeitzeugen soll es Anfang April 1945 in diesem Gebiet fast keine Zivilbevölkerung und keine deutschen militärischen Einheiten mehr gegeben haben. Diese hätten sich aus dem überfluteten Gebiet -das auch von den Russen nicht mehr passiert werden konnte- auf die Westseite der Stromweichsel und die westliche/nordliche Seite der Elbinger Weichsel zurückgezogen. Dort seien dann hinter den Deichen neue Verteidigungsstellungen bezogen worden.


    Viele Grüße aus dem Werder
    Wolfgang

  • Hallo Wolfgang und Alle,


    da es den Orden auch heute noch gibt, habe ich per Mail dort angefragt, ob evtl. Informationen zur Zerstörung der Ordenskirche vorliegen.
    Der Leiter des Zentralarchiv des Deutschordens hat mir heute per Mail geantwortet. Ich möchte Euch diese Antwort nicht vorenthalten.
    Sie lautet:


    Sehr geehrter Herr Lehmann,

    der Herr Prior hat mir Ihr Mail weitergeleitet. Leider haben wir über die von Ihnen angesprochene Zeit keinerlei Informationen in unserem Archiv was die ehemaligen Besitzungen des Ordens in Polen betrifft. Selbst mittelalterliche Überlieferungen zu diesem Gebiet befinden sich eher im Geheimen Staatsarchiv in Berlin denn in unserem Archiv in Wien. Möglicherweise könnte eine direkte Anfrage in Schöneberg hilfreich sein, da sich möglicherweise ein Lokalhistoriker mit der Materie befasst hat.

    Mit freundlichen Grüßen

    P. Frank Bayard
    Dipl. Bw. MMag. MBA

    Geschäftsführender Leiter
    Deutschordens-Zentralarchiv


    Ich war sehr erfreut, dass man sich mit meiner Anfrage überhaupt beschäftigt hat, auch wenn sich für uns daraus
    keine neuen Informationen ergeben. Wir werden in dieser Frage wohl ohne einen - nachweislich - Augenzeugen wohl
    keine weiteren Klärungsmöglichkeiten haben.


    Viele Grüße


    Askanier (Frank)

  • Schönen guten Abend,
    hallo Frank,


    danke für Deine Bemühungen! Auch ich habe mittlerweile in verschiedenen Richtungen recherchiert, bisher jedoch noch ohne Erfolg. Es gibt scheinbar kaum mehr zivile und militärische Zeitzeugen, und wenn doch, dann erreichen wir sie nicht bzw. sie erfahren nicht von diesem Klärungsversuch.


    Sollte ich noch Näheres erfahren, werde ich dies hier berichten.


    Viele Grüße aus dem Danziger Werder
    Wolfgang

  • Hallo Wolfgang,


    schön, dass du hier nochmal vorbei geschaut hast.


    Ja , noch lebende Augenzeugen werden wir wohl kaum ermitteln können.
    Dennoch wünsche ich dir viel Erfolg bei deiner weiteren Forschung.
    Wenn es was Neues gibt, würde ich mich freuen von dir hier zu hören.


    Viele Grüße


    Askanier (Frank)

  • Hallo zusammen


    Quote

    Mein Name ist abgekürzt AFW. Geboren bin ich 1936 in Berlin und war zu dieser Zeit in Schöneberg an der Weichsel. Ich habe gesehen wie die Kirche gebrannt hat und es stimmt, diese wurde von Deutschen angesteckt. Eine Notwendigkeit war damals für die Bewohner nicht ersichtlich. Es gibt ein Foto, wie deutsches Militär einen erschossenen Soldaten wegschleppen. Mein Großvater ist in seinem Tagebuch darauf eingegangen. Auf Wunsch bin ich gerne bereit, weitere Einzelheiten mit Fotos zu belegen.
    Mit freundlichen Grüßen
    AFW


    Dies ist gestern als Moderation geschrieben worden.
    Wir empfehlen dem Schreiber sich im Forum.Danzig anzumelden. siehe hier: http://forum.danzig.de/index.php
    Dann auf Registrieren
    Die Informationen könnten dem Autor weiterhelfen.

    mit freundlichen Grüssen


    Uli