Verhältnis der Wehrmacht/SS/Polizei zur Landbevölkerung an der Ostfront

  • Hallo,


    ich habe eine grundsätzliche Frage zum Umgang des deutschen Militärs mit den Zivilisten an der Ostfront.
    Im Buch "Mir selber seltsam fremd" erzählt ein einfacher Soldat an der Ostfront, über eine schlechte Behandlung der Zivilisten, es werden Nahrungsmittel gestohlen, Häuser abgebrannt, Zivilisten willkürlich erschossen usw. Das Buch erzählt den Krieg aus einer sehr subjektiven Sicht. Nun las ich die ersten Seiten von "Ostfront 1944" von Rolf Hinze, dass genaue Gegenteil.
    Ich zitiere von Seite 17, "Soweit die Truppe unter Versorgungsmängeln litt und sich aus den Ortschaften versorgen mußte, zeigte sich die Bevölkerung sowohl in Litauen als auch in Weißrußland in jeder Weise hilfsbereit. Vielfach lehnte sie angebotene Geldzahlungen ab, weil sie mit dem ihr zunächst unbekannten damaligen Besatzungsgeld noch nichts anfangen konnte. Außerdem begrüßten sie die deutschen Truppen als Befreier vom kommunistischen Joch, in den baltischen Staaten als Befreier von sowjetischer Fremdherrschaft. Das der Truppe entgegenströmende Wohlwollen wurde von der kämpfenden Truppe auch später nicht enttäuscht."
    "[...] Außerdem wurde jede Leistung für die deutsche Truppe entgolten, meistens in Brot. Das wußte die einheimische Bevölkerung durchaus zu schätzen."
    Weiter steht dort, die Truppe bekam z.B. während des Rückzugs 1943 Unterkünfte und Essen. Die Bevölkerung warf jedoch oft das Geld zurück in die vorbeifahrenden Wagen, weil sie von den vorstoßenden Russen Repressalien, aufgrund der Zusammenarbeit mit den deutschen Besatzern befürchteten.


    Seite 19
    "Den deutschen Soldaten hielt man nach dem Kriege in Presseorganen vor, die Führung der NS-Organe habe die sowjetische Bevölkerung als >Untermenschen< abqualifiziert. Diese NS-Propaganda erreichte die Soldaten an der Front vielfach nicht, weil diese nur selten Zeitungen erhielten.
    [...]. Man gewann ein eigenes Bild über Litauer, Juden, Weißrussen, Ukrainer und andere Völkerschaften, erkannte auch deren oft eindeutige antikommunistische und (oder) antimoskowitische Einstellung und richtete das eigene Verhalten gegenüber der Bevölkerung danach aus."


    Seite 20
    "Nicht erklären konnte man sich allerdings, daß die wehrdienstpflichtigen Söhne und Väter dieser Zivilpersonen auf sowjetischer Seite kämpfend, teilweise deutsche Kriegsgefangene außerordentlich sadistisch behandelten und so zu Tode brachten.
    [...]. Die deutsche Truppe ließ sich in ihrer Haltung zur Zivilbevölkerung durch solche Ausartungen keinesfalls beeinträchtigen. Auch der schon im Sommer 1942 erteilte Befehl Stalins, alle deutschen Soldaten, wo die Möglichkeit sich dazu biete, zu töten, veränderte die Haltung der deutschen Truppe nicht, gab jedoch Anlaß zu Überlegungen, wie sich die Frömmigkeit der Bevölkerung, zumindest auf dem Lande, und die erwiesene Gastfeundlichkeit, einerseits, mit sadistischen Massenmorden an wehrlosen Kriegsgefangene andererseits vereinabren lasse."


    Das was hier beschrieben wird, steht immerhin im sehr deutlichen Gegensatz, zu dem was in vielen anderen Büchern zu lesen ist.


    Darum die Frage, wie genau diese Beschreibungen von Rolf Hinze auf die Realität übertragbar sind?


    Gruß,
    Hank

    Suche Infos zum I.R. 82; A.R. 376; I.R. 487; Division-Füsilier-Bataillon 57; Divisions-Nachschub-Führer 176; I.R. 203; 76. I.D. Ende Dezember 41; 57. I.D. Ende Juni, Anfang Juli 44; 267. I.D. Raum Moshajsk, Dezember 41; 376. I.D. Ende August 44

    Edited once, last by My_name_is_Hank ().

  • Hallo,


    diese schon von mir in einem anderen Thread gepostete sehr interessante Dissertation von Sebastion Stopper geht dieser Frage anhand eines recht großen Besatzungsgebietes sehr gründlich nach. Punkt 7 "Die Ernährungsfrage" widmet sich speziell auch dem Thema des Zusammenlebens der WH mit der Zivilbevölkerung angesichts der schwierigen Situation, daß sich die WH einerseits aus dem Lande ernähren und andererseits gleichzeitig die Zivilbevölkerung für sich gewinnen bzw. befrieden sollte.


    Das Brjansker Gebiet unter der Besatzungsherrschaft der Wehrmacht 1941 bis 1943

    http://edoc.hu-berlin.de/disse…012-07-09/PDF/stopper.pdf


    Gruß Bernd

    Edited once, last by Hoth ().

  • Hallo Hank,


    es werden Nahrungsmittel gestohlen, Häuser abgebrannt, Zivilisten willkürlich erschossen usw. Das Buch erzählt den Krieg aus einer sehr subjektiven Sicht.


    Bei Reeses Buch sollte man ggfls. immer berücksichtigen, dass diese Aufzeichnungen von ihm bereits dramaturgisch
    überarbeitet wurden und dort ein nicht unerheblicher Teil an Übertreibung und Phantasie enthalten sein wird. Das soll
    keinesfalls eine Kritik an seiner erschreckend guten Gesamtarbeit sein.


    Was Rolf Hinze angeht, hat sich dieser wohl das Recht der "Rosinenpickerei" herausgenommen.
    Selbstverständlich wurde die Wehrmacht von Juni bis Oktober 41 vielerorts begeistert mit Brot und Salz empfangen.
    Und auch genügend Wehrmachtssoldaten gaben ihren letzten Schokoriegel für die Kinderschar in den Dörfern her.


    Die vielen Jahre der Besatzung und Ausbeutung inklusive der harten Winter mit fehlender Verpflegung
    sind dann ein anderes Thema, welches ganze Bände füllt. Eine gute Dissertation hat Bernd dazu ja schon genannt.


    Gruß
    Udo

  • Hallo zusammen,


    angesichts der schwierigen Situation, daß sich die WH einerseits aus dem Lande ernähren und andererseits gleichzeitig die Zivilbevölkerung für sich gewinnen bzw. befrieden sollte.


    ...Diesen Spagat hat man in den seltensten Fällen geschafft. Wie die Nahrungsbeschaffung aussah, hat Reese sehr gut dargestellt. Man war gezwungen, den russ. Einwohnern deren Ernährungsbasis, häufig die einzige Kuh, zu nehmen, da die deutsche Führung auch in der Logistik nur für einen kurzen Feldzug geplant hatte. Es war zudem von der "Führung" vorgesehen, dass die deutschen Soldaten durch umfangreiche Liebesgaben an die Heimat für eine weitere Ausplünderung sorgten. Dieses ist in folgendem Artikel sehr präzise dargestellt worden - u. a. wurden hier Feldpostbriefe des Schriftstellers Heinrich Böll ausgewertet:


    http://www.zeit.de/2003/20/Feldpostp_8ackchen


    Was Rolf Hinze angeht, hat sich dieser wohl das Recht der "Rosinenpickerei" herausgenommen.


    Herr Hinze´s o. a. Werk ist mir während meiner Recherchen zum Wilna-Thema ebenfalls unangenehm aufgefallen. Er neigt, wie Udo schon oben erwähnt hat, tatsächlich zur "Rosinenpickerei" in Bezug auf die Darstellung der WH im Ostfeldzug. In der Nachkriegszeit entwickelte sich nach der Rückkehr der letzten Kriegsgefangenen und dem beginnenden "Wirtschaftswunder" auch ein Markt für "Kriegsbücher". Findige Autoren, u. a. Hinze, stellten auf der Basis vor allem der offiziellen Kriegstagebücher der Einheiten ihre Werke vor, welche sie nicht selten in akribischer Archivarbeit erstellt hatten. Manche Publikationen scheinen jedoch noch den Ungeist jener Zeit zu atmen, wenn man die Diktion und die Bildauswahl einer sensiblen Betrachtung unterzieht.
    Da zeigt man eine Bildseite mit rauchenden Trümmern (nur Kamine stehen noch!) eines weißruss. Dorfes und durchziehende deutsche Soldaten. Dazu noch ein Bild mit verbliebenen, recht archaisch anmutenden Küchenutensilien und einen verhärmten alten weißrussischen Bauern. Es wird kein Wort darüber verloren, dass dieses Dorf von deutschen Truppen angezündet wurde, auch, wenn man es nur der Partisanenunterstützung verdächtigte. Was mit der Bevölkerung in aller Regel geschah, wurde ebenfalls schamhaft verschwiegen. Der abwertende Hinweis auf vermutlich primitive Lebensbedingungen und auf alte, ungepflegte Dorfbewohner könnte bei zynischer Auslegung mit einem NS-Propaganda-Pamphlet in Verbindung gebracht werden.


    Zu den jubelnden Balten:


    "... Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 traf wiederum zunächst Litauen, welches die Verbände der deutschen H.Gr. Nord anfangs überwiegend als Befreier vom stalinistischen Joch betrachtete und daher recht freundlich empfing - zumindest aber die deutschen Besatzer als das kleinere Übel empfand. Gleichwohl muss man das Bild der auch heute noch immer wieder gezeigten Wochenschauausschnitte korrigieren, wo jubelnde Menschen den deutschen Soldaten Blumensträuße zuwerfen und die WH mit Brot und Salz in den Städten und Dörfern empfangen werden. Die NS-Planung sah für Litauen kaum eine privilegierte Rolle vor: So wurden zum Beispiel im Dorf Ablinga (Bezirk Kretinga, 4 km nördlich von Endriejavas.) bereits in der ersten Phase des "Barbarossa"-Feldzugs 42 Personen (Männer, Frauen und Kinder) erschossen und alle Häuser niedergebrannt, weil dort eine deutsche Einheit von versprengten Rotarmisten beschossen worden war" ... (Auszug aus meiner kurz vor dem Abschluss stehenden Dokumentation zu "Wilna 1944")

    Natürlich kooperierten bzw. kollaborierten Teile der baltischen Bevölkerung mit den Deutschen. Jedoch nicht aus Sympathie, sondern weil sie sich naiverweise politische Zugeständnisse erhofften. Und leider kam es auch beim Massenmord an den Juden zu einer sehr problematischen Zusammen"arbeit" mit einigen baltischen paramilitärischen Verbänden ... .


    Kurz: Reese beschreibt den Kampf des einfachen Soldaten im Osten - nahezu lyrisch und damit sehr betroffen machend. Hinze hat Fleissarbeiten angefertigt, ohne auf bestimmte WH-kritische Aspekte einzugehen.


    Resultat: "Mein Hinze" wird nun bei a..... verkauft - "Reese" darf bleiben! ;)



    Gruß,


    Joseph

    Suche Informationen zum Füs.Bat. 170 im Zeitraum Juli 1944 und zur 269.I.D im Zeitraum Januar bis März 1945 (Festung Breslau)

  • Hallo Hank, hallo zusammen!
    Erst gestern hatte ich wieder Gelegenheit mit "meinem Veteranen" (93) zu sprechen, einem damaligen Ostfrontkämper. Der alte Herr hat wieder, wie schon in den meisten unserer vorangegangen Gesprächen, ausdrücklich die guten Beziehungen zur russischen Zivilbevölkerung erwähnt. Er hat wohl zeitweise mit seinen Kameraden mit ihr zusammen in ihren Panjes(?) gewohnt. Da er wie mein Vater in Rshew gekämpft hat, habe ich ihn auf die Versorgung mit Nahrung angesprochen. Diese sei gut gewesen sagte er mir, teilweise sei auch die russische Zivilbevölkerung durch die WH-Feldküche mitversorgt worden.
    Gruß Cristiane

    "Feigheit ist die Mutter der Grausamkeit" Montaigne


    Suche Einsatzorte 3./schwere Artillerie Abt. 848 ab Juni 1943


  • Hallo Christiane,


    es gibt Panjepferde, -wagen und -schlitten. Das sind die unverwüstlichen und anspruchslosen Pferde der osteuropäischen Landbevölkerung bzw. die dazugehörigen Transportmittel. Für die Häuser der Bevölkerung ist mir kein derartiger Begriff bekannt.



    Gruß


    Ulf

  • Hallo zusammen,


    Panjehütte und Panjehaus waren durchaus gängige Bezeichnungen in Liedertexten, Postkartenmotiven,
    Tagebüchern/Feldpost und Publikationen der damaligen Zeit.
    Dürfte damit nicht die Behausung der russischen Bauern gemeint sein, abseits der Dörfer ?


    Gruß
    Udo
    .

  • Hallo,


    Panje war ja so eine ältere Bezeichnung für den Bauern, somit wohl auch für seine Hütte bzw. Haus. Mir war/ist die Bezeichnung seiner Behausung nicht so geläufig, im Gegensatz zu Pferd, Schlitten und Wagen.



    Gruß


    Ulf

  • Hallo !


    In folgendem fragmentarischen "Tagebuch" der Aufklärungs-Abteilung der 106. ID fällt am 15.9.41 sowie am 2.12.41 der Begriff "Panjebude":
    http://www.lexikon-der-wehrmac…DEinheiten106-R.htm#Aufkl


    Mit freundlichen Grüßen


    PS: Zum Thema "gutes Verhältnis, zusammen gewohnt": Als Russe hat man da wohl kaum die Wahl gehabt und ist dann lieber freundlich gewesen...

    Edited once, last by cabron ().

  • Hallo Cabron, hallo zusammen!
    Wir Menschen neigen ja dazu, Erlebtes im Nachhinein oft zu beschönigen oder zu beschwichtigen. Die Erzählungen der Veteranen nach so vielen Jahren von menschlichen Begegnungen mit dem Feind oder der Zivilbevölkerung dürfen nicht vergessen lassen, dass im Osten ein Vernichtungskrieg - und eben auch gegen Zivilisten - geführt wurde.
    Gruß Cristiane

    "Feigheit ist die Mutter der Grausamkeit" Montaigne


    Suche Einsatzorte 3./schwere Artillerie Abt. 848 ab Juni 1943


  • Hallo Cristiane, hallo Cabron,


    ich zitiere mal aus dem o. a. Tagebuch:

    "8. Dezember 1941:


    Der Rückzugsbefehl kommt raus. Das in der Sicherungslinie links der A.A. eingesetzte Bataillon, Oberleutnant Neuendorf, I.R. 241, wird von einem heftigen russischen Angriff zurückgeworfen und der Russe droht der A.A. in die linke Flanke zu fallen. Die Reserve der A.A., der Pionierzug unter Führung von Oberleutnant Küper wird an die gefährdete Stelle geworfen. Um 18.00 Uhr soll die Abteilung unter Niederbrennen jedlicher Unterkünfte den Rückmarsch antreten. Schon bei eintretender Dunkelheit um 16.30 Uhr ist rundherum der tiefschwarze Schneehimmel blutrot erleuchtet durch frühzeitiges Anstecken der Häuser der benachbarten Einheiten. Die Abteilung hält sich noch bis 18.00. Dann übernimmt ein Pionier-Kommando das Sprengen der Brücke über einen vorgelagerten Bachabschnitt und das Anzünden der Häuser. Gleichzeitig tritt die Abteilung ihren Marsch nach Wereskowo an. Abteilung geht bis Wereschkowo zurück, Spreng- und Brandkommandos."



    Gewiss hat man den früheren Bewohnern der Häuser "anheimelnde Ausweichquartiere im Winterwald" angeboten - mit üppiger Vollpension ... .


    Es gab gewiss nicht wenige menschlich agierende WH-Angehörige (Michael Smolko berichtet davon, dass seine Mutter durch Lebensmittelspenden eines deutschen Soldaten (dessen Schicksal er gerne geklärt hätte) gerettet wurde) - die Regel war das jedoch nicht. Meist war es so "geregelt", wie oben im Tagebuch beschrieben ... .



    Gruß,


    Joseph

    Suche Informationen zum Füs.Bat. 170 im Zeitraum Juli 1944 und zur 269.I.D im Zeitraum Januar bis März 1945 (Festung Breslau)

    Edited once, last by Joseph O. ().

  • Hallo,


    soweit mir bekannt wird/wurde der Bauer "Pan" genannt.
    Pannjebude = Unterstellmöglichkeit für Panjewagen/Scheune/Stall


    Quellen: Veteranenaussagen


    Gruß Karl

  • Hallo zusammen,


    ich kann keine einheitliche Handhabe zur Benennung erkennen.
    Das Internet liefert die Definition Panje = Herrchen abgeleitet von pan = Herr, Edelpanje=Adliger.


    Für manche muß ein Panjehaus immer aus Lehm und Strohdach bestanden haben.
    Militärische Postkarten mit der Bezeichnung Panjehaus aus beiden Weltkriegen zeigen edle große Häuser,
    z. Teil sogar Fachwerkhäuser.


    Ist der Panje dann kein Bauer, sondern eher der gehobenere Bürger, oder gar jeder Bürger ?


    Auch eine zeitgenössische Divisionsschrift mit 24 Seiten, die sich über das Leben der Dorfbewohner lustig macht,
    liefert keine weiteren Hinweise.



    Gewiss hat man den früheren Bewohnern der Häuser "anheimelnde Ausweichquartiere im Winterwald" angeboten - mit üppiger Vollpension ...


    @Joseph O.
    meinst Du damit etwa das Niederbrennen von Ortschaften durch Stalins eigenen "Fackelmänner-Befehl"?
    Schlimm, was man seiner eigenen Bevölkerung antut...



    Gruß
    Udo

  • Hallo,


    mal ein bißchen Sprachkunde:


    Pan = Herr und zugleich auch die "Sie" Form der Anrede
    Panje = eine Deklination von Pan


    "Panjehaus" = somit eine Verballhornung für etwas, was nicht richtig begriffen wurde und womit der Kulturunterschied deutlich gemacht werden sollte. Alle Beschreibungen des 1. und 2. WK über Land und Leute zeigen tiefstes Unverständnis über eine, dem Westen nicht bekannte, Lebensweise. Der Bevölkerung wird etwas angelastet, wofür sie nichts können und auch nicht verantwortlich waren. Sie mussten sich den Bedingungen anpassen.


    Grüße
    Günther

    Suche zu Kriegslazarett 2/609 und 4/609 ab Juli 44 bis Januar 45.

  • Hallo Günther,


    Alle Beschreibungen des 1. und 2. WK über Land und Leute zeigen tiefstes Unverständnis über eine, dem Westen nicht bekannte, Lebensweise. Der Bevölkerung wird etwas angelastet, wofür sie nichts können und auch nicht verantwortlich waren. Sie mussten sich den Bedingungen anpassen.


    ich glaube aus meinen vielen Gesprächen mit Veteranen niemals Unverständnis herausgehört zu haben, vielmehr wurde denen klar, das "die Leute arm wie die Kirchenmäuse sind". Der Bauer war ein Herr im Unterschied zum "Knecht".
    Es war - soweit ich das in Kürze beantworten kann - nur die Überraschung der Lebensumstände und Gewohnheiten, die die Landser überraschend traf. Der Lehmofen, auf dem man schlief und der später auch von den Landsern geschätzt wurde das Zusammenleben mit den Haustieren usw.
    Man war nicht so aufgeklärt und weitgereist wie heute. Auf die Propaganda gehe ich hier bewusst nicht ein.


    Gruß Karl

  • Hallo Karl,


    Danke für Dinen Beitrag. Ich möchte aber keine "zwei Mann" Diskussion daraus machen.
    Mit Veteranen konnte ich nicht sprechen - da ich schlichtweg kein kannte. In der DDR gab es keine und nach 89 hatte ich andere Sorgen. Somit kann ich nur das Gelesene verarbeiten. Ich brauche für mein "Hobby" Regionalgeschichte 1.WK im Kreis Gostynin und Umfeld eine Menge Literatur, da 1914/15 eine ganze Reihe von Einheiten hier teils gekämpft teils nur durchgezogen ist. Die Reaktion ist eindeutig. Dabei bei den Ost- und Westpreussischen Einheiten naturgemäß anders als bei denen, die von Frankreich und Belgien hierher verlegt wurden. Die Schilderungen des Polen Feldzuges lassen da keine großen Unterschiede erkennen. Von 39 bis 41 war schon eine gewisse Ahnung vorhanden und anschließend blieb einfach nichts anderes übrig als sich mit dem zufrieden zu geben, was da war. Es war bei - 20 Grad bestimmt angenehmer auf einem Lehmofen ein paar Stunden Ruhe zu haben als im Schnee verwehtem Graben oder Ein Mann Loch.
    Ich möchte auch keine Zitate bringen, weil es sehr schwer ist erlebte Schilderung und Propaganda auseinander zu halten. Man kann auch mit einem Bild oftmals mehr sagen als zehn Seiten geschriebenes.
    Ich denke, dass sich unsere Gedanken nur geringfügig unterscheiden.
    Wünsche Gesundheit
    Günther

    Suche zu Kriegslazarett 2/609 und 4/609 ab Juli 44 bis Januar 45.

  • Hallo Udo, hallo zusammen,


    meinst Du damit etwa das Niederbrennen von Ortschaften durch Stalins eigenen "Fackelmänner-Befehl"?
    Schlimm, was man seiner eigenen Bevölkerung antut...


    ... ja - die meinte ich natürlich auch. Möglicherweise haben die "Fackelmänner" den Opfern jedoch ein "Absetzen" in den eigenen Bereich ermöglicht - die WH wird wohl nur wenige "Brauchbare" mitgenommen haben ... .


    Man sieht, mit welcher Menschenverachtung beide totalitären Seiten zu Wege gingen.


    Aber da wir hier im Forum der "Wehrmacht" aktiv sind und ich primär auf die Eingangsfrage eingehen wollte, muss man zunächst vor der eigenen Tür kehren!



    Gruß,


    Joseph

    Suche Informationen zum Füs.Bat. 170 im Zeitraum Juli 1944 und zur 269.I.D im Zeitraum Januar bis März 1945 (Festung Breslau)

    Edited once, last by Joseph O. ().

  • Hallo Leute,


    ich möchte gern noch einmal auf die von Hank zitierten Sätze - speziell die Seite 19 - von Hinze eingehen.
    In Hanks Zitat meint Hinze, die Soldaten an der Front hätte die abschätzige NS-Propaganda hinsichtlich der Zivilbevölkerung im Osten nicht erreicht. Da stellt sich die Frage, wie alt diese Propagandabilder denn sind? Kamen sie denn erst mit Beginn des Russlandfeldzuges 1941 auf? Oder gab es nicht schon vorher klare, zumindest ns-rassetheoretisch "begründete", Vorstellungen von der Bevölkerung im Osten? Ein Mensch, welcher im Nationalsozialismus aufgewachsen und sozialisiert wurde, wird kaum an diesen vorbeigekommen sein, und sei es "nur" in der Schule.
    Ein Ausdruck dafür, dass es Soldaten gab, welche im Osten auf genau das trafen, was sie erwartet hatten, bzw. was ihnen in Aussicht gestellt wurde, sind meiner Meinung nach die Unmengen an Fotos, welche noch heute vorliegen. Diese zeigen oft genug nicht die Lebensbedingungen und äußerlichen Zustände der Bevölkerung im dokumentarischen Sinn, sondern sind klare voyeuristische Werke, welche durch Inszenierung, Motivwahl oder ganz deutlich durch die Beschriftung ein Überlegenheitsgefühl des Fotographierenden aufzeigen.
    Das Hinze auch noch anführt, dass die Soldaten sich ihr eigenes Bild von u.a. von Juden gemacht hätten, verschlägt einem ja beinahe die Sprache und führt zur Frage, wie dieses Bild denn ausgesehen haben mag, wenn im Laufe des Krieges Verbrechen an Juden eben auch von der Wehrmacht begangen wurden.
    Dass es allerdings auch freundschafltlichen, respektvollen Umgang zwischen Besatzungsmacht und Zivilbevölkerung im Osten gab, dafür gibt es ebenso, bspw. fotographische, Belege.
    Generalisieren kann man nicht, aber genau das hat Hinze mit der erwähnten "Rosinenpickerei" getan.
    In meinen Gesprächen mit Veteranen wurde nie ein schlechtes Wort über die Bevölkerung im Osten gesagt. Zumindest ein einziges Mal hieß es aber sinngemäß, man hätte sich gut mit der Bevölkerung verstanden und ihren Haus und Hof respektiert. Wenn dann aber der Winter oder der Rückzug kam, dann hatte man selbst und der Kamerad die Priorität, wenn es um die Versorung oder Unterkunft ging.
    Wirklich schlecht geredet wurde in diesen Interviews interessanterweise nur von der französischen oder italienischen Bevölkerung. Die Bevölkerung im Osten hatte nach meinem Eindruck bei den Veteranen immer die Rolle eines Opfers - der Wehrmacht, SS, der Roten Armee und des Krieges allgemein.


    Viele Grüße,
    Christian

  • Guten Tag zusammen,


    Günther, eine Aussage verstehe ich nicht wirklich:

    Quote

    Mit Veteranen konnte ich nicht sprechen - da ich schlichtweg kein kannte. In der DDR gab es keine ....


    Es gab in der damaligen "DDR" keine Veteranen?
    Schwer zu glauben...


    Grüße Thomas

    Alle sagten immer das geht nicht, dann kam jemand, der das nicht wusste, und hat es einfach gemacht!

  • Hallo Thomas,


    Günther wird es so gemeint haben, dass es offenbar schwer war, zu DDR-Zeiten mit Veteranen über den Krieg ins Gespräch zu kommen. Habe ich auch schon öfter gehört.


    Viele Grüße,
    Christian