Luftangriff auf Wismar 14. April 1945

  • Hallo, in meiner Heimatstadt gibt es kontroverse Meinungen zum letzten Angriff auf die Stadt, der zwar schwere Schäden an der historischen Bausubstanz aber (zum Glück) kaum Verluste unter der Bevölkerung kostete. Unstrittig ist, dass Wismar am späten Abend gegen 22 Uhr von einigen RAF-Flugzeugen angeflogen wurde, woraus sich die erste Frage ergibt:


    * Ist es denkbar, dass es sich um Bomber handeln könnte, die am selben Abend den schweren Luftangriff auf Potsdam fliegen sollten?


    Dafür spricht, dass ausschließlich Luftminen geworfen wurden, was die Ursache einer Verspätung bei der Ankunft über dem primären Zielgebiet (Potsdams Innenstadt) sein könnte. Laut J. Friedrich waren die Anflüge mit verschiedener Bombenladung zu jener Zeit minutiös festgelegt. Das impliziert die zweite Frage:


    * Ob und nach welchen Gesichtspunkten wurden "secondary targets" bei Großangriffen festgelegt?


    Nun gibt es hier folgende Diskussionsthematik: Der Angriff galt gezielt den Kirchen oder man verwechselte die sakralen Gebäude mit Speichern im Hafengebiet. Dazu:


    * Gab es im April 45 einen expliziten Befehl, markante Baudenkmäler anzugreifen, um die Moral des Feindes zu schwächen?


    Die letzte Frage ist technischer Natur: Man sagt, dass zwei Luftminen im Inneren einer Großkirche detonierten, was das Dach abdeckte. das kann ich mir nicht vorstellen. Selbst wenn es die "leichten" Varianten mit 4000 lbs (1800 kg) waren, dann müsste es doch die gesamte Bausubstanz von innen her zerstört haben.


    * Wurden die Luftminen gegen Ende des Krieges an Fallschirmen mit Zeitzünder abgesetzt oder hatten sie Aufschlagzünder?


    Das sind Dinge, die mich sehr beschäftigen, vielleicht kann der eine oder andere seine Kenntnisse beitragen.


    Viele Grüße
    Herman


  • Hallo.
    Das ist eine schwer direkt zu beantwortende Frage. Markante Bauten eigenen sich sehr wohl als sog. Zielpunkte. Das heißt aber konkret nur, daß diese Bauten oder Strukturen von Bombern zum zielen verwandt wurden. Es liegt aber in der Natur der Sache (Bombenangriff bei Nacht), daß solche Angriffe nicht sehr genau sind/ waren. Ein Überschiessen, verfehlen, ausweiten kam immer vor, bzw. war systembedingt die Regel. Gerade die RAF "pflegte" diese bewusst unpräzise geflogenen Angriffe. Es war wohl eine Art Vergeltung für die 1940/ 41 geflogenen deutschen Bombenangriffe. Es gab aber durchaus auch "bewußte Angriffe" auf Ziele ohne direkte strategische Bedeutung, insbesondere 1945, als es keine "echten Ziele" mehr zu geben schien (s. z.B. die sog. "Fish list") und die Bomberflotte arbeitslos zu werden drohte. Hildesheim (April 1945, gesamte historische Altstadt zerstört, im einzigen Großangriff des Krieges auf die Stadt) kommt mir dazu in den Sinn, als Vergleich zu Wismar. Industrie und militärische Anlagen wurden dort kaum oder gar nicht angegriffen.


    Zur Luftmine:
    Sie wurden immer am Fallschirm abgelassen. Der Fallschirm hat die Aufgabe den Flug zu kontrollieren, nicht (nennenswert) zu verlangsamen. Eine Luftmine soll ein vorgeschädigtes! Gebäude zeitversetzt zerstören. Durch ihr Gewicht dringt sie tief in die Struktur ein. Daher hat sie immer einen (oder mehrere) Zeitzünder.

    Gruß
    Christian M. Aguilar

    Edited once, last by ChrisMAg2 ().

  • Hallo Christian,


    Quote

    Zur Luftmine: Sie wurden immer am Fallschirm abgelassen. Der Fallschirm hat die Aufgabe den Flug zu kontrollieren, nicht (nennenswert) zu verlangsamen. Eine Luftmine soll ein vorgeschädigtes! Gebäude zeitversetzt zerstören. Durch ihr Gewicht dringt sie tief in die Struktur ein. Daher hat sie immer einen (oder mehrere) Zeitzünder.


    da muß ich wiedersprechen.


    Um bei Hermans brit. 4000 lbs / 1800 kg-Minenbombe (korrekte dt. Bezeichnung!) zu bleiben:


    -Abwurf erfolgt immer mit o.V.-Zünder (Aufschlagzünder ohne Verzögerung)


    -die 1800 kg Minenbombe hat einen Bremsring, keinen Fallschirm.


    -dringt nicht tief in Ziel ein, bildet nur flache Trichter


    -ohne nennenswerte Splitterwirung


    -Zerstörung oder Beschädigung von Mauerwerk im Umkreis von 50-100m


    -Lungenrisse bei Personen treten in Gebäuden im Umkreis von 50m, im Freien bis etwa 200m auf.


    -Türen und Fenster werden im freien Gelände bis zu 2000m herausgerissen, bei dichter Bebauung in der Regel bis zur zweiten Parrallelstraße. In diesem Bereich auch Verletzungsgefahr durch herumfliegende Glassplitter.


    -in Großstädten mit hohen Häusern ist die Reichweite der Detonationswirkung gering, wenn die Minenbombe auf den Erdboden aufschlägt. Trifft die Bombe auf ein Dach, werden Dächer im Umkreis von mehreren hundert Metern Entfernung abgedeckt, die übrigen Luftdruckzerstörungen wirken dann wie im freien Gelände.


    Quelle: Lu. 69a Ziffer 117 herg. 15.3.42


    Grüße


    Thilo

    Suche alles zur Lehrtruppe Fallingbostel und zum Einsatz des NSKK in der Ukraine 1941

  • Hallo Thilo.
    Danke für die Korrektur, bezügl. der Luftmine. Das war mir so nicht bewußt.

    Gruß
    Christian M. Aguilar

    Edited 2 times, last by ChrisMAg2 ().

  • Hallo Christian,


    da lese ich ja schon wieder "Luftmine"! :evil:


    "Luftmine" und "Lufttorpedo" waren britische Propagandaausdrücke. Leider hat sich speziell die "Luftmine" so eingebürgert, daß es heute sogar in vieler Fachliteratur und im unfehlbaren Wikipedia falsch steht.


    Dünnwandige Sprengbomben mit hohem Sprengstoffanteil, egal ob mit Bremsschirm oder ohne, heißen Minenbomben.
    (Von Flugzeugen abgesetzte Seeminen oder Torpedos heißen "Flugzeugmine" bzw. "Flugzeugtorpedo".)


    Grüße


    Thilo

    Suche alles zur Lehrtruppe Fallingbostel und zum Einsatz des NSKK in der Ukraine 1941

  • "Luftmine" ist durch "Minenbombe" zu ersetzen. Ich versuche, das zu beherzigen...

    Gruß
    Christian M. Aguilar

  • Hallo


    Der Angriff auf Wismar war als Ablenkungsangriff geplant und wurde mit 10 Mosquito-Bombern durchgeführt. Die RAF-Einheit und die Bombenbeladung sind mir unbekannt. Die Mosquito konnte mit der HC 4000Ib beladen werden.


    Rene

  • Guten Tag, Herman,



    von mir auch noch ein paar Anmerkungen dazu
    Die Mosquitos, die Wismar angegriffen haben, gehörten definitiv zu den Angriffsverbänden, die Potsdam als Ziel hatten.


    Secondary Targets, Ablenkungsangriffe und anderes wurden erst in den letzten Einsatzbefehlen festgelegt. Das hing vom Wetter, von der Einsatzbereitschaft der in Frage kommenden Verbände, von nachrichtendienstlichen Erkenntnissen über möglich deutsche Jägereinsätze und einigen anderen Faktoren ab, z. B. von der "Dienstgeilheit" eines Kommandeurs, der unbedingt seine Squadron einsetzen wollte.


    Bombenzuladung: Die Zusammensetzung aus Minenbomben (HC), Sprengbomben (GP) und Brandbomben wurde mit einem Stichwort , z. B. "sear usual" vor jedem Einsatz befohlen.


    Es gab weder 1945 noch vorher Befehle, besondere Baudenkmäler anzugreifen, um die Moral der Deutschen zu erschüttern - die immer wiederkehrende Behauptung, dass es so einen Befehl gegeben habe, gehört zu den vielen Luftkriegslegenden, bzw. liegt daran, dass Laien etwas unerklärliches erklären wollten.
    Der übliche Befehl war "to achieve a Maximum of damage" - also ein Maximum an Schäden im Zielegebiet zu erzielen.
    Dazu war der Abwurf von 10 HC-Bomben im Stadtzentrum bestens geeignet, da konnte man größere Gebäude "umblasen" und damit Durchgangsstraßen blockieren.
    So was hat die RAf am 2.3.1945 in Köln versucht, die Abwurf einiger Dutzend HC-Bomben den Dom auf die Zufahrt zur Hohenzollernbrücke zu kippen - Auftrag: to block the last Access to the Rhine". Nur haben die Engländer nicht mit der Statik einer gotischen Kirche gerechnet. Der Dom hat sich mal geschüttelt, alle Fenster wurden durchgeblasen, aber er stand. Ein wenig weiter, Groß St. Martin, romanisch, meterdicke Mauern: die hielten der Druck- und Sogwirkung nicht stand, die stürzte fast völlig ein.


    Markante Bauwerke als Orientierungshilfe: Auch so ne Story. 1940 kam das noch gelegentlich vor.
    Die Target Infomation Maps, die vor Einsätzen den Piloten und Navigatoren ausgehändigt wurden, damit die sich Skizzen und Notizen machen konnten (die Karten durften nicht mit zum Einsatz mitgenommen werden!), ziegen als Orientierungshilfen Umrisse bebauter und unbebauter Gebiete, v vor allem aber Wasserläufe, Seen, große Teiche, große Straßen, Bahnlinien - das war es nämlich, was man bei Nacht aus einigen tausend Metern sehen konnte, nicht eine große Kirche, ein Schloss oder ähnliches.


    Wenn Sie genaueres über diesen Angriff aus britischen Quellen ersehen wollen, dann mal auf die Homepage des britischen Nationalarchivs in Kew gehen und mal sehen, ob das was in den Operation Record books (meines Wissens Aktenbestand AIR 17) zu finden ist.


    Beste Grüße
    Gebhard Aders

  • Erstmal herzlichen Dank für eure Beiträge. Es ist schon wichtig, solch Dinge unter sachlichen Aspekten zu betrachten. Zum Beispiel die Sache mit gezieltem Angriff auf markante Kirchen. Stimmt, die Küstenlinie war viel leichter zu erkennen. Da hat man wahrscheinlich einfach auf den vermuteten Stadtkern gezielt. Gut getroffen haben sie ja. Dazu noch eine Frage: Ist bekannt, in welcher Höhe zum Kriegsende hin die Mosquitoverbände ihre Last ausgeklingt haben?


    Des Weiteren werd ich mich mal, wie vorgeschlagen, ans britische Archiv wenden. Sollt es dort greifbare Erkenntnisse ergeben, werde ich das Forum informieren.


    Viele Grüße
    Herman

  • Hallo Herman,


    Thilo u. a. haben Dir ja schon einige Antworten geliefert.
    Wenn Du noch mehr Infos zu der Wirkung von Bomben benötigst, empfehle ich Dir die "Field Manual (FM) 9 -16" des "Department of the Army,Titel:
    Explosive Ordnance Reconnaissannce".
    Müsste heut zu Tage im Netz zu finden sein.


    Gruß Karl