Scheindorf in Velbert

  • Hallo Miteinander !


    Vor einiger Zeit gab es den Tag des offenen Denkmals. Aus diesem Anlass
    konnte ganz in der Nähe meines Wohnortes ein ehemaliger Befehlsbunker
    der Wehrmacht besichtigt werden.
    Na ja, viel war nicht mehr drin, aber der Zweck dieses Bunkers war sehr interessant.
    Er war die Steuerzentrale eines sog. "Nachtscheindorfes", das südlich von Essen in der Nähe von Velbert aufgebaut war. Dieses Nachtscheindorfe war der originale Nachbau der Kruppschen Gußstahlfabrik. Mit einfachsten Mitteln wie Sperrholz , Pappe und Draht hat man hier dieses Werk nachgebaut. Mit Werkshallen ( hier wurde auch Dampf erzeugt) Häuserzeilen, Straßen usw ja selbst eine Werksbahn fuhr in einer Endlosschleife herum.
    Vom Befehlsbunker wurde alles gesteuert, Straßenbeleuchtung eventuelle Bombeneinschläge, Brände, eben alles was zu einem Bombenangriff gehörte,
    Diese Scheindorf hat seinen Zweck voll erfüllt, solange es Nachtangriffe gab.
    Als später die Amerikaner Tagangriffe flogen und Luftaufnahmen machten flog dieser Schwindel auf und Krupp wurde bombadiert. Aber bis 1943 hat das
    Scheindorf seinen Zweck erfüllt.
    Herr Lohbeck, der an Ort und Stelle alles erklärte, hat ein Buch über dieses Scheindorf geschrieben. Dieses Buch liegt mir nun vor.
    Sollt jemand eine Frage zu diesem Thema haben, die ich anhand dieses Buches beantworten kann, bin ich gerne bereit dazu


    Frdl. Gruß
    Dieter (W)

  • Hallo,
    mit dem VW Werk Wolfsburg hat man das gleiche gemacht.In Dannen-
    büttel LK Gifhorn hat man die Hallen vom Werk aus Holz und Planen nach gebaut.


    Gruss
    Klaus-Dieter

  • Hallo Miteinander !


    Nach Aussagen des Autors des o.a. Buches gab es nach seinen Recherchen zur damaligen Zeit ca. 200 solcher Schein-Anlagen in Deutschland.


    Frdl. Gruß
    Dieter (W)

  • Hallo,


    hier was zu S-Anlagen im Raum Frankfurt:


    http://www.historische-eschbor…einanlagen_luftwaffe.html


    Einen gewissen Überblick über die S-Anlagen 1944 bietet auch die Übersichtskarte Bodenorganisation Großraumnachtjagd Luftflotte Reich, in der die Scheinanlagen einzeichnet sind, an denen sog. SSR-Duchstoßsschiessen durchgeführt wurde, d.h. die Leuchtzeichen allierter Bomberverbände imitiert wurden:


    http://milgeolw.vexilli.net/Al…ossr-Nachtj_1944_33MB.jpg


    Grüße


    Thilo

    Suche alles zur Lehrtruppe Fallingbostel und zum Einsatz des NSKK in der Ukraine 1941

  • Hallo,


    Quote

    Original von Klaus-Dieter
    Hallo,
    mit dem VW Werk Wolfsburg hat man das gleiche gemacht.In Dannen-
    büttel LK Gifhorn hat man die Hallen vom Werk aus Holz und Planen nach gebaut.


    Gruss
    Klaus-Dieter


    gibt es dazu mehr Infos und/oder Quellen?


    Gruß
    Tobias

    "Die Furcht trennt die, die folgen, von denen, welche selber führen."
    Kristian Eivind Espedal

  • Hallo Tobias,
    es gab mal einen Artikel in der Wolfsburger Allg. Zeitung darüber.Ist aber schon eine ganze weile her.



    Gruss
    Klaus-Dieter

  • Hallo,


    eine weitere "Scheinanlage" wurde für die Erdölraffinerie Hemmingstedt / Heide im heutigen Krs. Dithmarschen errichtet. Sie befand sich etwa 6km östlich von der Raffinerie im Fieler Moor (s. dazu Anlage).


    Die Raffinerie verarbeitete die lokalen Erdölvorkommen, und belieferte hauptsächlich die Marine. Ihre Bedeutung läßt sich an folgendem Zitat erkennen: "Das „Erdölfeld Heide” erreichte Ende 1940 eine Spitzenförderung von 231 349 Tonnen Rohöl und wurde damit zum drittgrößten
    genutzten Vorkommen Deutschlands". (Michael Plata Die Erdölwerke in Hemmingstedt, S. 167ff; nachzulesen unter:
    http://www.beirat-fuer-geschic…nd_21/08_Hemmingstedt.pdf ).


    Erst im Sommer 1944 wurde die echte Raffinerie schwer bombardiert. Der Volksmund will wissen, dass die Engländer zuvor eine hölzerne Bombenattrappe abwarfen, worauf sie mitteilten, dass sie den Schummel mit der Scheinanlage durchschaut hätten.


    Ob die Scheinanlage tatsächlich bombadiert wurde, vermag ich nicht zu sagen.
    Selber gesehen habe ich noch in den frühen 1970iger Jahren in den Randbereichen des Moores mit Wasser gefüllte Bombenkrater.



    Gruß


    Paul

  • Hallo zusammen,


    ich hoffe ich habe annähernd das richtige Unterforum für meinen Beitrag gewählt, aber ich denke, dass es "Scheinanlage" zumindest im weitesten Sinne trifft.


    In dem Klassiker über britische Luftbildaufklärung und -auswertung von Constance Babington Smith "Air Spy - The story of photo intelligence in World War II" (Harpers & Brothers New York 1957) geht Babington Smith, die selbst Luftbildauswerterin war, auf den Seiten 105 - 106 auf die Entdeckung einer deutschen Scheinanlage ein. Dazu sei angemerkt, dass die RAF zu Beginn ihrer Bombenkampagne große Schwierigkeiten hatte, die richtigen Ziele anzusteuern und zielgenau zu bekämpfen. Oft war es die Luftbildaufklärung und -auswertung die nachher belegte (battle damage assessment), dass der Einsatz trotz hoher Verluste nicht wirklich erfolgreich war. Zumindest scheint es, dass die Entdeckung des sog. "Soest decoy" für die RAF damals etwas wegweisendes war und daraufhin eine spezielle Einheit innerhalb der Luftbildauswertung aufgebaut wurde, die sich nur mit Scheinanlagen (decoys) befasste.


    Originaltext:
    (Douglas) Kendall was silent over his stereoscope, much intrigued by something he had just found. He was looking at some open fields near the German town of Soest, which lies just east of the Ruhr. After a bit he got up, thought for a minute, glanced round the room, and then went over to a desk where an interpreter called Geoffrey Dimbley was bent low over some photographs.
    "I expect you are frightfully busy, aren't you?" asked Kendall.
    " Well no, not if you want me to do something else."
    "Have a look at this and see if you know what it is", said Kendall, giving him a pair of photographs.
    Dimbleby had a look, and saw the neat regular pattern of narrow German fields, with scattered over them the disfiguring splodges of Bombay craters, dozens and dozens of them -- perhaps about a hundred.
    "One of the Ruhr raids gone wrong, isn't it?"
    "Yes, I know", said Kendall, "but I mean this". He pointed to some strange objects, the size of foundations for three large barns. They looked rather like three gigantisch dominoes, laid close together.
    " What on earth. . .?"
    "I tell you what I'm pretty sure it is", said Kendall. "A decoy. A fire site to draw off the bombers. I've been on the lookout for something like this; but this is the first one I've actually seen. Would you like to try and find out how it works?
    Dimbleby set to work to analyze the giant dominoes. The three rectangles had walls only five feet high -- he could measure this from the shadows -- and there were gaps in the walls, and no roofs of any kind. Then within the enclosures were bundles of stuff that looked like strase, set up ablaze there would be a mass of flame inside the rectangles, and seen from a bomber far above it would strongly suggest a group of burning buildings. The report on the Soest decoy was received with some disfavor at Bomber Command. Really! What would the interpreters come up with next? It was all very well if the crews were sharp enough to recognize decoy fires and avoid them, but the interpreters seemed to spend their whole time in cutting away the ground from unser your feet. They'd probably soon be proving that all attacks had been aimed at decoy.
    Dimbleby's report on Soest was, in fact, the first of many and soon he was running a specialist Decoy Section. There was plenty to keep him busy, for the German decoy system was already widespread, and it became more and more elaborate as time went on.



    Deutsche Übersetzung der Einfachheit halber per Google:

    Kendall schwieg über seinem Stereoskop, sehr fasziniert von etwas, das er gerade gefunden hatte. Er blickte auf offene Felder in der Nähe der deutschen Stadt Soest, die östlich des Ruhrgebiets liegt. Nach einer Weile stand er auf, dachte eine Minute nach, sah sich im Zimmer um und ging dann zu einem Schreibtisch hinüber, wo ein Dolmetscher namens Geoffrey Dimbley tief über ein paar Fotos gebeugt saß.

    "Ich nehme an, Sie sind furchtbar beschäftigt, nicht wahr?" fragte Kendall.

    "Nun nein, nicht wenn du willst, dass ich etwas anderes tue."

    "Schauen Sie sich das an und sehen Sie, ob Sie wissen, was es ist", sagte Kendall und gab ihm ein Paar Fotos.

    Dimbleby warf einen Blick darauf und sah das ordentliche, regelmäßige Muster schmaler deutscher Felder, über die verstreut die verunstaltenden Kleckse der Krater von Bombay lagen, Dutzende und Aberdutzende von ihnen – vielleicht etwa hundert.

    "Einer der Ruhrangriffe ist schiefgegangen, nicht wahr?"

    "Ja, ich weiß", sagte Kendall, "aber ich meine das so". Er zeigte auf einige seltsame Objekte, die die Größe von Fundamenten für drei große Scheunen hatten. Sie sahen eher aus wie drei gigantisch dicht aneinander gelegte Dominosteine.

    " Was in aller Welt. . .?"

    "Ich sage Ihnen, was ich ziemlich sicher bin", sagte Kendall. „Ein Köder. Eine Feuerstelle, um die Bomber abzulenken. Ich habe nach so etwas Ausschau gehalten, aber das ist das erste, das ich tatsächlich gesehen habe. Möchten Sie versuchen, herauszufinden, wie es funktioniert?

    Dimbleby machte sich an die Arbeit, um die riesigen Dominosteine zu analysieren. Die drei Rechtecke hatten Wände, die nur fünf Fuß hoch waren – das konnte er anhand der Schatten messen –, und es gab Lücken in den Wänden und keinerlei Dächer. Dann befanden sich innerhalb der Umzäunung Bündel von Zeug, das wie Strase aussah, in Brand gesetzt, würde eine Flammenmasse innerhalb der Rechtecke sein, und von einem weit darüber liegenden Bomber aus gesehen würde es stark auf eine Gruppe brennender Gebäude hindeuten. Der Bericht über den Lockvogel Soest wurde beim Bomberkommando mit einigem Missfallen aufgenommen. Wirklich! Was würden sich die Dolmetscher als nächstes einfallen lassen? Es war schön und gut, wenn die Mannschaften schlau genug waren, Lockfeuer zu erkennen und ihnen auszuweichen, aber die Dolmetscher schienen ihre ganze Zeit damit zu verbringen, Ihnen den Boden von den Füßen wegzuschneiden. Wahrscheinlich würden sie bald beweisen, dass alle Angriffe auf Köder abzielten.

    Dimblebys Bericht über Soest war in der Tat der erste von vielen, und bald leitete er eine spezialisierte Köderabteilung. Er hatte genug zu tun, denn das deutsche Lockvogelsystem war bereits weit verbreitet und wurde im Laufe der Zeit immer ausgefeilter.



    Dieser Sachverhalt Soest betreffend findet sich auch in anderen britischen Büchern zur Thematik Luftbildaufklärung und-auswertung wieder, scheint er ja doch sehr wichtig für diesen Zweig der RAF und letztlich auch das Bomber Command gewesen zu sein.



    Mit besten Grüßen

    Robert