Opa Arno auf der Spur - meine Reise nach Rußland

  • Hallo Justus,,


    lese diese Beiträge immer mit Spannung!
    Besonders die Bilder ,,Abenteuer Wildnis''bewegen mich!
    Ich glaube,es war schon ein erhabenes Gefühl,dort zu stehen,wo dein Opa vor 70 Jahren war!!!


    mfg Eumex


    P.S. Dein Opa ist auf,
    www.ww2awards.com
    gelistet,vielleicht könntest Du mal den Betreiber dort zu einer Aktualisierung bewegen,
    z.B. Orden.

  • Hallo Enkel-Justus,


    auch ich bin gebannt von deinen Beschreibungen und Empfindungen, die du eindringlich schilderst - aber ich frage mich, ob du nicht zuviel in deinen Großvater hinein interpretierst ......


    O.k. ...er war oder wollte ein Geistlicher werden, aber ist das eine Garantie dafür, dass er sich nicht in irgendeiner Weise vielleicht doch "schuldig" gemacht hat?


    Die Antwort ist wahrscheinlich gar nicht so wichtig .....er ist auf jeden Fall zu früh von dieser Welt gegangen ....


    Gruss Andreas

    Heine ist von den meisten anderen Dichtern verschieden, weil er alle Scheinheiligkeit verachtet ... (Elisabeth von Österreich)

  • Moin Eumex,
    moin Andreas,


    vielen Dank für Euer positives Feedback.


    Ich bin meinem Opa, über den ich bis vor ein paar Jahren gar nichts wußte, auf der Spur. Ich habe bei meiner Recherche Dokumente, Fotos und Bücher herangezogen. Ich habe meine Großtante, Arnos Schwägerin, die hochbetagt und geistig absolut fit ist, interviewt. Und ich habe offizielle Erkundigungen bei WAST, beim Roten Kreuz, Volksbund und beim Militärarchiv eingeholt.


    Quote

    aber ich frage mich, ob du nicht zuviel in deinen Großvater hinein interpretierst


    Wenn ich mich hier - bisweilen im Erzählstil - über meinen Opa äußere, ist dies in der Regel durch Belege untermauert. Natürlich bleibt Raum für Spekulation, aber dies verhält sich nach meinem Verständnis so wie bei einem Puzzle oder Mosaik, das man zusammenfügt. Es dürfen ruhig ein paar Teile fehlen, und man wird dennoch das Gesamtbild erkennen.


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    O.k. ...er war oder wollte ein Geistlicher werden, aber ist das eine Garantie dafür, dass er sich nicht in irgendeiner Weise vielleicht doch "schuldig" gemacht hat?


    Mein Opa war evangelischer Pastor, und zwar am Dom zu Lübeck. In der evangelischen Kirche gab es sog. "Deutsche Christen" und die "bekennende Kirche".


    Unabhängig davon, dass mir seine Einstellung bekannt ist, habe ich es mir nicht zur Aufgabe gemacht, ihn zu be- oder verurteilen. Er ist als Soldat und später Offizier in den Krieg gezogen, nicht als "kämpfender Pastor" (wenngleich er im Felde durchaus Gottesdienste, Andachten und auch Abendmahle durchgeführt hat - und ganz bestimmt auch Beerdigungen). Mir ist nicht bekannt, dass speziell er an Pogromen, Deportationen, Erschießungen von Zivilisten oder sonstigen Kriegsverbrechen beteiligt war. Bis zum Beweis des Gegenteils gehe ich also davon aus, dass er ein "normaler" Soldat/Offizier war.


    Er ist mein Opa und meine Recherche findet auf dieser verwandschaftlichen Ebene statt. Vor diesem Hintergrund und der momentanen Faktenlage habe ich ihn weder in Schutz zu nehmen noch zu verurteilen.


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    .....er ist auf jeden Fall zu früh von dieser Welt gegangen ...


    Ganz richtig! Wie alle, die in diesem Krieg gestorben sind, ganz gleich, welcher Herkunft sie waren und auf welcher Seite sie standen.


    Ich werde im Verlauf meines Reiseberichts von Nastja erzählen, einer jungen Russin, die uns einige Tage begleitete. Sie hat zusammen mit ihrer Familie vor einigen Jahren nach dem Grab ihres Uropas, der im zweiten Weltkrieg gefallen ist, gesucht - und gefunden. Sie konnte sich daher bestens in meine Lage versetzen und hat sich in rührender Weise um Horst und mich gekümmert. Es hat zu keinem Zeitpunkt ein Problem damit gegeben, dass unsere Opas aufeinander geschossen haben...

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  • Hallo Enkel-Justus,


    da du dir soviel Mühe gemacht hast mir zu antworten, bin ich dir wohl auch eine Antwort schuldig.


    Vielleicht war der Ausdruck "schuldig gemacht" etwas zu hart und reine Spekulation. Ich hätte auch sagen können: Du kanntest ihn ja nicht, bist du dir sicher, dass er so ein fehlerloser Mann war, wie du vielleicht denkst?


    Wir haben alle unsere Fehler und Schwächen ...oder?


    Meine Opas haben den Krieg überlebt, trotzdem habe ich nur einen Opa kennen gelernt. Über meinen einen Ur-großvater der im Krieg von den Russen getötet wurde, habe ich mir nie groß Gedanken gemacht, weil über ihn nie erzählt wurde. Ich habe kein Bild von ihm und ich habe keine Ahnung was für ein Mensch er war.
    Immerhin weiß ich wie er gestorben ist, aber wo bzw. wie er begraben wurde, weiß niemand.


    Ich werde deinen Bericht weiter interessiert verfolgen.


    Gruss Andreas

    Heine ist von den meisten anderen Dichtern verschieden, weil er alle Scheinheiligkeit verachtet ... (Elisabeth von Österreich)

  • Hallo Justus,


    danke für die bewegende Geschichte. Die beschämende Begegnung mit einer
    noch lebenden Zeitzeugin ist wirklich ein "großer Moment".


    Mit deiner Ahnenforschung hast du hier im Forum wahrhaftig einen Meilenstein
    im Gedenken an "nicht heimgekehrte Großväter" gesetzt.
    Stellvertretend für alle, denen es vergönnt ist, jemals Orte und nähere Umstände zu erfahren.




    gruss
    Udo Rudi

  • Hallo Freunde,


    seit gestern bin ich von einer Rundreise durch die baltischen Staaten zurück. Es war ein Kontrapunkt zu dem Abenteuer in Russland vor zwei Monaten mit Justus. In Lettland war ich ganz nahe der russischen Grenze und damit unserem Newel und den Iwanzewos. Klar, dass sich in meinem Kopf die unglaubliche und sehr emotionale Reise noch einmal abspielte, bis hin zu nächtlichen Träumen. Auch im Baltikum: überall Kriegsgräber, z.B. in Pärnu/Estland, mit 960 deutschen Soldaten. Sehr viele Kriegsgräber sind in der Sowjetzeit der baltischen Staaten einfach eingeebnet worden. Wer ein wenig "in die Landschaft hinein horcht", spürt, welche ungeheuren Katastrophen sich seinerzeit dort auf beiden Seiten abspielten. Immer wieder stößt man auch auf die massenhaften Erschießung der jüdischen Bevölkerung.


    Herzliche Grüße mit diesem kleinen Zwischenruf.


    Horst

  • Hallo Justus,


    Ich bin sprachlos über Deinen Bericht und die Reise dazu.
    Auch Deine geschriebenen Gedanken anlässlich des Geburtstages lassen einem warm ums Herz werden.


    Ich werde weiterhin Deinen Bericht verfolgen.

    Viele Grüße, David


    Suche alles über die die beteiligten Einheiten der Kesselschlacht von Halbe. Überwiegend 9. Armee von April - Mai '45

  • Die Suche geht weiter – nicht nur hier im Thread , sondern für mich völlig überraschend auch in der „realen Welt“. Es ist schon fast nicht mehr mit Zufall zu erklären, was mir so vor die Füße fällt. Ich werde morgen eine weitere, für mich unfassbar unerwartete und überraschende "Zeitbrücke" erleben! Aber dazu später (ich weiß heute Abend noch gar nicht, was noch so passiert…).


    Der Jäger


    Das Gespräch mit der alten Frau hatte mich sehr berührt. Diskret hatte ich es mit meiner Digitalkamera mitgeschnitten und auch wenn ich ihre Sprache nicht verstehen kann, ist dieses Tondokument ein kleiner Schatz für mich.


    Wir traten in die schwüle Hitze des frühen Nachmittags hinaus, nicht ohne unserer Gastgeberin eine Schachtel Zigaretten, ein paar Hundert Rubel und eine Tüte Gummibärchen (ich hatte mich nicht darauf eingestellt, Gastgeschenke zu machen) überreicht zu haben. Draußen wartete Ludmilla mit einer faustdicken Überraschung auf mich: Der junge Mann, der uns vorhin am Versorgungslastwagen begegnet war, stellte sich mit dem Namen Andrej vor, gab an Jäger zu sein und bot mir an, mich nach Iwanzewo zu führen!


    Dies ließ ich mir natürlich nicht zweimal sagen. Horst wollte mit Sascha und Ludmilla am Wagen warten und so stiefelten Andrej, sein Hund und ich durch das mannshohe Gestrüpp in Richtung Iwanzewo. Den Minisumpf, den Horst und ich eben noch wackelig balancierend überquert hatten, überwand Andrej mit Hilfe eines langen Brettes, das er am Wegesrand aus dem hohen Gras fischte. Seine Gummistiefel hätten das wohl auch so geschafft. Zwar hatte Andrej vor dem Aufbruch meine BW Stiefel zwar anerkennend gemustert, aber doch wohl zu Recht angenommen, dass ich in der Wildnis nicht wirklich zu Hause bin.


    Ich zeigte Andrej meine topografische Karte, die er gut deuten konnte. Er erklärte mir etwas auf russisch, und immer wenn ich irgendein Wort verstand nickte ich. Andrej stapfte los, trat größere Pflanzen mit den Stiefeln zur Seite, knickte hin und wieder einen Ast um (alter Pfadfindertrick) und hielt größere Äste zur Seite, wie wenn er eine Tür für mich aufhielt. Ab und an hielt er den Kopf hoch und orientierte sich an der Himmelsrichtung und dem Bewuchs.


    Wir marschierten durch Gras und Brennnesseln, durch flaches Sumpfland, Birkenwäldchen, einige Hügel rauf und runter. Ich fotografierte mit meiner von Mücken zerstochenen rechten Hand nahezu jeden Meter Weges. In der anderen Hand hielt ich die Folientasche mit meiner Karte (die ich in- und auswendig kannte) und dem ausgedruckten Satellitenbild, an dem ich mich überraschend gut orientieren konnte. Andrej marschierte zügig und ich hatte teilweise Mühe Schritt zu halten. Er hielt manchmal an und zeigte mir Blumen und Pflanzen, die dort wuchsen, gab mir Beeren zu essen, die er abpflückte, fand Spuren eines großen Hirsches und bedauerte, sein Gewehr nicht dabei gehabt zu haben, als wir ein paar Rebhühner aufscheuchten.


    Andrej bat mich um meine Karte, deutete auf einen kleinen Hügel vor uns und zeigte mir auf der Karte den Nachbarort Iwanzewos, Zeranowo. Vielmehr die Stelle, wo der Ort mal gewesen war. Absolut nichts war übrig geblieben, keine Ruinen, keine Wege, keine Obstbäume, kein einziges Zeichen ehemaliger Besiedlung.

  • Hallo lieber Justus,


    ich mache unsere Kommunikation wieder einmal öffentlich. Nach unserem Telefonat vor einer Woche (Du in Celle, ich in Litauen) weiß ich um die Lübecker Sensation. Ich wäre Dir sehr dankbar, wenn Du mich über die neuen Information vorab verständigen würdest.


    Ich bin im übrigen sehr dankbar, dass der Wegfall des Eisernen Vorhanges jetzt endlich die Aufarbeitung vieler Dramen auf "beiden Seiten" möglich macht. Für den Frieden der nächsten Jahrzehnte ist das sehr wichtig.


    Herzliche Grüße aus Kiel


    Horst

  • Am Ziel?


    Andrej wußte, wo Iwanzewo, das er nur unter dem auf meiner Karte von 1927 erscheinenden Namen Scheischlina kannte, lag. Er deutete mit der ausgestreckten Hand in Richtung des Ortes; ich konnte das anhand meines „Satellitenbildes“ ganz gut nachvollziehen. Nur noch durch ein Wäldchen, ein bißchen Sumpf und dann würden wir da sein.


    Während ich Andrej durch diese Wildnis folgte (er legte ein ziemliches Tempo vor), wurde mir bewusst, dass ich ihm vollständig vertraute. Nicht nur, weil mir ja nichts anderes übrig geblieben war, als hinter ihm in diese Sackgasse der Natur zu laufen, sondern weil ich es ganz einfach tat. War das blauäugig? Wegen diverser „wohlgemeinter“ Ratschläge aus Deutschland - also aus Vorsicht! - trug ich rund um die Uhr all mein Bar- und Plastikgeld sowie meine Reisedokumente in einem ziemlich ausgebeulten und mittlerweile durch die schwüle Hitze völlig durchweichten Brustbeutel mit mir herum. War ich jetzt unvorsichtig? Unvernünftig? Zu vertrauensselig? Keiner dieser Gedanken trübte diese für mich so bedeutenden Stunden hier auf diesem Boden. Natürlich vertraute ich Andrej! Die ganze Reise war ja gewissermaßen ein Ausflug ins Blaue gewesen - und jetzt zum Treffer ins Schwarze geworden!


    Zwei Kriegsenkel, ein Deutscher und ein Russe, die Vertrauen hier und Hilfsbereitschaft da ganz selbstverständlich und unkompliziert zusammenführt. Was wäre die Welt doch friedlich, wenn sie von Vertrauen und Hilfsbereitschaft regiert würde!


    Nach einer Weile kamen wir in ein ziemlich durchwuchertes Wäldchen. Andrej deutete erst auf einen, dann auf weitere Bäume, die zu fünft oder sechst in einer Reihe standen: Eine Eichenallee! Eine alte Allee, denn die Bäume waren sichtbar älter als siebzig Jahre. Wir standen auf der Dorfstraße von Iwanzewo! Ich war am Ziel!

  • Der letzte Kompaniegefechtsstand


    Ich zündete mir eine Zigarre an. Eigentlich rauche ich nicht, aber ich tat es als Reminiszenz an meinen Opa, der sich in seinen Feldpostbriefen regelmäßig für die aus der Heimat übersandten Zigarren bedankte. Ich habe auch zwei Fotos aus dem Felde, die ihn als Zigarrenraucher ausweisen. In jedem Fall war die 7-Euro-Havanna aus dem duty-free-Shop in Hamburg eine recht geeignete Mückenprophylaxe – und soweit ich das beurteilen kann, auch ihr Geld wert.


    Ungünstig war allerdings das leichte Schwindelgefühl, das ich natürlich auf die Hitze zurückführte und die Tabakfussel im Mund, die durch ein recht rustikales Anschneiden meiner Zigarre verursacht worden waren: Als ich die Zigarre aus der Hülse nahm, bot ich Andrej auch eine an. Er lehnte ab und gönnte sich lieber eine von den Marlboros, die ich ihm geschenkt hatte. Ich nahm mein noch recht unbenutztes Schweizer Messer aus der Gürteltasche und begann vorsichtig, die Zigarre an dem einen Ende einzukerben. Das hatte ich so bei meinem Vater (Arnos Sohn) oft gesehen. Andrej nahm mir mit einem verächtlichen Blick auf mein Messer die Zigarre aus der Hand, zog sein völlig verrostetes Metallklappmesser aus der Tasche und schnitt mit einer entschlossenen Handbewegung einen guten Zentimeter meiner Zigarre ab und gab sie mir mit den Worten zurück, dass sein Messer eben ein richtiges Messer sei. Ich verstand natürlich nicht alles von seinem Russisch, aber diesen Satz hätte ich in allen Sprachen der Welt verstanden!


    Die Verständigung klappte übrigens immer besser. Andrej zeigte mir die Himmelsrichtungen, aus denen damals die rote Armee gekommen war und wies nach Norden, wohin sich die Deutschen zurückgezogen hatten. Er erklärte mir den Verlauf der alten Dorfstraße und stapfte mit mir in dem kleinen Wäldchen, das anstelle des Dorfes hier gewachsen war, herum. Er rief nach mir und hob einen verrosteten Metalleimer hoch. Weitere Metallrelikte folgten, Fahrzeugteile, Töpfe und unter anderem auch ein verbogener russischer Stahlhelm und ein Teil einer Geschosshülse (8,8?). Das waren die bisher einzigen Spuren des Krieges, die ich vor die Augen bekommen hatte. Und dann ausgerechnet hier! Schon irre.


    Hier in diesem Dorf hatte mein Opa laut Bericht seines Vorgesetzten seinen letzten Kompaniegefechtsstand gehabt, bevor sich seine Spur verloren hatte. Und dann rief mich Andrej und zeigte mir zwei Steinhaufen von zirka 3 Meter Durchmesser und einem halben Meter Höhe und erklärte mir, dass dies die absolut letzten Überbleibsel der Häuser hier seien. Zwei Häuser beidseits der Dorfstraße! Also im Prinzip eine 50:50-Chance, dass Opa Arno genau in einem von beiden gewesen war. So nah war ich ihm definitiv noch nie gekommen – ich war genau auf, genau in seiner Spur…

  • Am Ende des Weges


    Ich wäre gerne noch etwas geblieben, aber die Hitze, die scheußlichen Mücken und mein Entschluss, übermorgen noch einmal, dann mit meinem Grabkreuz im Gepäck, hierher zurückzukehren, bewogen mich, Andrej das Zeichen zum Aufbruch zu geben.


    Andrej hatte mir während des ganzen Marsches immer wieder Gräser, Blumen und Beeren erklärt und freute sich, als er jetzt einen großen Birnbaum entdeckte; wohl ein Überbleibsel früherer Besiedlung. Andrej blickte mit mir über das hier etwas offenere Gelände und erklärte mir erneut, woher die Russen gekommen waren und wohin die Deutschen geflohen waren.
    Mir war klar gewesen, dass für die Kompanie meines Opas der Weg nach Süden und Osten weder eine sinnvolle Stoßrichtung noch eine günstige Rückzugsoption dargestellt haben könnte. Blieben der Norden und der Westen. Von Norden waren sie gekommen, das beschrieb mir die Originalkarte aus Delmenhorst ganz genau. Dies war auch wahrscheinlich die Richtung, in der Rettung zu finden war. Vor meinem geistigen Auge hatte ich wieder Schwarz-Weiß-Bilder aus dem November vor 70 Jahren.


    Wir verließen Iwanzewo in Richtung Westen. Nach allem, was ich heute weiß (und ich hätte niemals zu hoffen gewagt, dass mir jemand berichten würde, der vor 70 Jahren hier war), war das auch Opa Arnos Richtung.


    In den späten Abendstunden des 1.11.43 hatte die russische Armee das deutsche Bataillon umgangen, so dass die Deutschen sich in die Gegend um Iwanzewo zurückzogen. Iwanzewo liegt einige hundert Meter nördlich einer länglichen Anhöhe in Ost-West-Richtung. Die gleiche Anhöhe, die ich heute schon zweimal entlang gelaufen war und die mir sofort als strategisch bedeutsam aufgefallen war. Dies nicht etwa, weil ich ein so großer Stratege wäre, sondern, weil es wirklich ins Auge stach!


    Der 2.11.43 hatte laut Augenzeugenbericht mit einem klaren kalten Novembermorgen begonnen, sonnig und trocken. Es hatte noch nicht geschneit, auch war der Boden weder gefroren noch matschig. Mit Sonnenaufgang begann das Gefecht, wobei die Deutschen nicht damit gerechnet hatten, dass die Russen zunächst nicht wirklich die hastig eingerichteten Stellungen oben auf der Anhöhe attackierten, sondern mit Panzern und aufgesessener Infanterie parallel zur Anhöhe in Richtung Westen strebten und dabei nicht die unterhalb der Anhöhe verlaufende Straße benutzten, sondern durch die dahinter liegenden Sümpfe rollten. Die 8. Kompanie, die mein Opa befehligte, war die MG-Kompanie und hatte ein Sturmgeschütz zur Unterstützung auf der Anhöhe postiert.


    Wie mir aus mehreren Quellen bestätigt wurde, sah sich das G.R.501 einer schwer bewaffneten russischen Übermacht gegenüber. Der im Verlaufe dieses Tages als Umklammerung erfolgte Angriff vernichtete über die Hälfte dieser kampferprobten Truppe. Das kleine Sturmgeschütz konnte noch einige russische Panzer zerstören, bevor es selber unter einem Volltreffer in die Luft flog. Da der Angriff nun von Osten, Süden und Westen erfolgte, resultierte aus diesem Desaster ein heilloses Chaos, aus dem sich einzelne Versprengte erst tief in der Nacht zum Tross retten konnten.


    Wir gingen also nach Westen und somit nicht nur über ein veritables Schlachtfeld, sondern auch möglicherweise den letzten Weg meines Opas. Ich kann das derzeit noch nicht wirklich belegen, denke aber, dass er nicht nach Norden gegangen ist – sonst hätte er es wahrscheinlich geschafft. Süden und Osten kommen nicht in Frage. Außerdem galt mein Opa als tapferer Offizier und seine Kompanie war schließlich nicht zur Flucht dahin befohlen worden, sondern um den Durchbruch der Russen aufzuhalten.


    Ich horchte in mich hinein und versuchte irgendein Zeichen zu finden, irgendeine Unterschwelligkeit zu spüren. Doch mein „Opa, wo bist Du?“ blieb ebenso ungehört wie unausgesprochen. An einer Stelle in einem kleinen Birkenwäldchen war der Bewuchs auf einer Fläche von 2x3 Metern völlig anders, eine fast gepflegt wirkende Grasfläche inmitten der kleinen Bäumchen und Büsche. Etwas hielt mich hier fest und ich beschloss, mein Grabkreuz übermorgen genau hier in die Erde zu stecken.


    Nach drei Stunden erreichten wir völlig durchgeschwitzt und reichlich zerstochen unsere Freunde, die am Auto gewartet hatten. Ich verabschiedete mich von Andrej und drückte ihm zwei weitere Schachteln Zigaretten und 500 Rubel in die Hand. Er verschwand und brachte mir einen kleinen Eimer Blaubeermarmelade, über den ich mich auch deswegen freute, weil ich in dieser Geste merkte, dass Andrej verstanden hatte, wie wertvoll die drei Stunden für mich waren, die wir gerade gemeinsam verbracht hatten.

  • Napoleons Gonfanon


    Ich genoss die angenehme Kühlung aus der Klimaanlage im Auto, und auch die weichen Rücksitze waren nach der Strapaze in der Wildnis eine echte Erholung – aber mich begleitete auch ein schweres Gefühl von Wehmut, diesen Ort und meinen Opa dort zurückzulassen.


    Der morgige Freitag sollte mir nun endgültig und eindeutig klarmachen, dass an den Fund der Grablage meines Opas im Traum nicht zu denken war. Aber für heute mischte sich ein gewisser Trotz meinen Opa dennoch zu finden in den eher rationell motivierten Trost, heute ja schon unglaubliches geschafft zu haben. Ich war trotz erheblicher Schwierigkeiten in Iwanzewo gewesen, hatte die Stelle des letzten Kompaniegefechtsstandes gefunden, war die Anhöhe entlang gegangen, dessen letztlich vergebliche Verteidigung meinen Opa das Leben gekostet hatte und hatte mein eigentliches Ziel erreicht, nämlich meine Füße auf die Erde zu stellen, in der mein Opa Arno vermutlich lag!


    Viele Forumsfreunde und einige Autoren von Büchern, die ich zu diesem Thema gelesen hatte, wären ohne Frage heilfroh gewesen, überhaupt näherungsweise so weit gekommen zu sein.


    Nachdem ich meinen Freunden von meinem Erlebnis berichtet hatte und mich alle dazu beglückwünscht hatten, wurde es etwas schweigsamer im Auto. Wir waren alle müde. Daher freuten wir uns darauf, wieder in dem Restaurant von gestern einen Happen zu essen. Und so erlebten wir noch eine skurrile Begegnung mit dem Bürgermeister von Newel:


    Als wir am Tisch im Restaurant Platz genommen hatte, betrat ein großgewachsener und recht stämmiger Mann den Raum, den uns Ludmilla als Bürgermeister von Newel, mithin ihr Chef, vorstellte. Er sprach hervorragend Deutsch, denn seine (!) Schuhfabrik (ja, die mitten im Stadtzentrum!) produzierte für eine angesagte Marke, die ihre Fabrikation im Bremer Raum (!) hat. Und daher hatte er exzellente Kontakte (!) nach Deutschland. Da sich unsere Anwesenheit und wohl auch der Zweck unserer Reise in Newel herumgesprochen hatte (wir waren mittlerweile als „die Deutschen aus dem Zentrum“ bekannt), beschränkten uns auf höfliche Komplimente hinsichtlich seiner guten Deutschkenntnisse und überschwänglichere Adressen betreffs seiner Mitarbeiterin, Ludmilla. Hier zeigte sich natürlich die jahrzehntelange Erfahrung von Horst in derartigen Situationen. Als wir das Restaurant verließen, wollte Horst, ganz Profi, ihm seine Visitenkarte übergeben, fand ihn aber nicht mehr im Gastraum. Auf Nachfrage führte ihn die Wirtin in ein Hinterzimmer, in dem der Bürgermeister sich mit einigen Freunden in bester Sowjetmanier über ein Festmahl hergemacht hatte, das die Tische zum Biegen und die Hemdknöpfe über dem Wanst zur Höchstbelastung brachte. Dass an diesem Nachmittag deutlich luxuriösere Karossen in der Sonne vor dem Restaurant glänzten, sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt.


    Ludmilla brachte uns anschließend zu einer alten russisch-orthodoxen Kirche, die gerade für einen Gottesdienst geöffnet worden war. Ich war sehr angetan von der Schönheit dieses kleinen Gotteshauses, das der Zerstörungswut der jeweiligen Diktatoren entgangen war.


    Kirchen tun mir gut. Und nach dem bewegenden Tag heute war ich doppelt froh, in einer zu stehen.


    Ludmilla zeigte mir eine sehr alte im Mittelschiff der Kirche aufgestellte Fahne, ein sogenanntes Gonfanon. Dieser Banner war ihren Worten nach um 1800 in dieser Kirche aufgestellt worden und hatte somit nicht nur Lenin, Hitler und Stalin getrotzt, sondern auch 1812 Napoleon. Einige Brandlöcher zeugten insbesondere von der Begegnung mit den Männern des kleinen Korsen. Ich bestaunte ergriffen dieses wunderbare Zeugnis von Standhaftigkeit, Glauben und natürlich Geschichte.

  • Vor laufender Kamera


    Für Horst und mich war der Tag aber noch nicht vorbei. Wir hatten Ludmilla auf ihre Anfrage hin zugesagt, einem Freund von ihr, der an einem Projekt bzw. Dokumentation über den 2. Weltkrieg arbeitete, ein Interview zu geben.


    Also machten wir uns frisch und besuchten Ludmilla in ihrem lauschigen Garten. Wir hatten ihr eine Flasche guten Rotwein aus dem kleinen Laden neben dem Hotel als Mitbringsel besorgt und wurden auch heute Abend wieder köstlich bewirtet.


    Unser Interviewpartner stellte sich als sogenannter „Downshifter“ vor, sein Name war Alexej. Er sprach sehr gut Englisch, welches er in seiner Zeit als Manager einer international tätigen russischen Firma gelernt hatte. Er erzählte uns, dass er nicht mehr nach den harten Regeln dieses Geschäfts arbeiten hatte wollen und sich aufs Land zurückgezogen hatte, um dem nachzugehen, was ihn gerade interessierte – und um eben einen Gang herunter zu schalten.
    Alexej hatte einen Kameramann dabei, der sogar einige Brocken Deutsch zum Besten geben konnte und nach meinem Eindruck seine Profikamera gut zu bedienen wusste. Alexej erklärte uns, dass er natürlich neugierig sei, warum wir diese lange Reise auf uns genommen hätten und dass er an einem Filmprojekt über Kriegskinder und –enkel arbeite.


    Ich empfand – obwohl ich mein Herz gerne auf der Zunge trage und ebenso ungerne um die Wahrheit herumrede – dieses Interview als eine hochsensible Angelegenheit. Erstens weiß ich, dass man gerade Filminterviews hervorragend „zerschneiden“ kann. Zweitens war das Thema Wehrmacht hier generell sensibel. Und drittens waren wir in Ludmillas Gegenwart immer darauf bedacht gewesen, unsere Abscheu in Richtung Nationalsozialismus sehr deutlich zum Ausdruck zu bringen. Letzteres war mir noch bewusster, als ich an Alexejs Hals eine Silberkette mit Davidstern erkannte.


    Ich versuchte, meine Suche nach Opa Arno zu erklären, wobei ich so manches Mal einen warnenden Blick von Horst, der mir gegenüber saß, auffing und einmal sogar einen leichten Fußtritt einsteckte. Dafür war ich aber nicht undankbar, denn Horst ist in Sachen Interviews, Politik und dem Umgang mit Informationen eben ein absoluter Profi. Als ich gebeten wurde, Fotos von meinem Opa zu zeigen, beschränkte ich mich auf ein Foto, das ihn als Dompastor zeigt, und eines vom Offizier Arno, in einem offenen langen Uniformmantel in einem Schützengraben stehend, auf dem er recht müde und nicht sonderlich kriegsbegeistert wirkt.


    Das Interview lief alles in allem zu meiner Zufriedenheit. Mir kam entgegen, dass ich mich seit meinem Kanadaaufenthalt als Oberstufen-Schüler und durch langjährige Mitgliedschaft in einem deutsch-englischen Orchester mit der englischen Sprache ganz gut zu Fuß bin. Ich hatte auch den Eindruck, dass Alexej mit dem Interview zufrieden war. Wer weiß, wo uns diese Aufnahmen eines Tages wieder begegnen.


    Als die Kamera abgestellt wurde, leerten wir noch gemeinsam unser Mitbringsel und verabschiedeten uns, da zum einen noch das Tagesfazit bei einem kühlen Blonden im Puschkin-Park auf uns wartete und andererseits morgen frühes Aufstehen verabredet worden war, denn wir hatten uns entschlossen ein Angebot des regionalen Leiters des Volksbundes anzunehmen, nach Pskow (Pleskau) zu fahren, um uns über Umbettungsarbeiten vor Ort zu informieren.


    Ein weiteres Highlight unserer Reise in die Vergangenheit lag vor uns...

  • Habe heute meinen Reisepartner Horst besucht. Ein Besuch beim Marineehrenmal in Laboe. Wir haben auch ein paar "Pläne" für demnächst geschmiedet. Es bleibt also dynamisch...


    @ Horst: Danke für den schönen Nachmittag!


    Mit unserem Reisebericht geht es heute noch weiter ;)

  • Hallo Justus,


    ja es war ein sehr schöner Nachmittag an der Kieler Förde, danke auch Dir und den Kindern. Nicht nur das Marineehrenmal in Laboe sondern auch die U-Bootfahrer-Gedenkstätte in Heikendorf/Möltenort beeindruckten und erinnerten uns beide an die ungezählten Toten und Soldatengräber unserer Reise nach Russland.


    Ich werde in den nächsten Tagen die zwischen uns beiden abgesprochenen Aktivitäten einleiten, wir informieren das Forum zu gegebener Zeit. Sehr deutlich habe ich immer noch unseren Besuch der "Blauen Datscha" in der Nähe Newels im Kopf, hier warten noch Aufgaben auf uns... Aber wir brauchen noch ein wenig Zeit.


    LG Horst

  • Nach Rodina


    Der Freitag begann früh, denn wir hatten mit Sascha vereinbart, uns bereits um sechs Uhr am Hotel abzuholen.


    Unseren „kleinen“ Abstecher heute nach Pskow (Pleskau) hatten Horst und ich uns in den vorangegangenen Tagen sorgfältig überlegt. Voran gegangen war eine Einladung des Umbettungsleiters des Volksbundes für die Russische Föderation/Belarus, Peter Lindau, den wir einige Tage vorher telefonisch kontaktiert hatten. Er hatte uns bestätigt, dass der Soldatenfriedhof in Newel im Sommer des Vorjahres umgebettet worden war und noch weitere knapp eintausend Soldaten in Newel gefunden worden waren. Weiterhin hatte er uns angeboten, dass wir uns vor Ort in der Nähe von Pskow über Umbettungsarbeiten informieren könnten. Seine Kollegin, Frau Lemke, hatte mir den Ort der Umbettung zwar beschrieben, ich hatte es aber vorgezogen, unseren Fahrer Sascha direkt mit ihr sprechen zu lassen, um eine präzise Segelanweisung zu erhalten.


    Vor unserem Hotel wartete aber zunächst eine angekündigte und angenehme Überraschung auf uns.


    Ludmilla hatte gestern nach etlichen Telefonaten eine Studentin gefunden, die sehr gut Deutsch sprach und uns an diesem Tag nach Pskow begleiten wollte. Sie selbst hatte es vorgezogen, nicht mit uns zu fahren, was uns irgendwie auch ganz recht war. Einerseits standen wir bereits deutlich in Ludmillas Schuld, da sie sich seit unserer Ankunft ohne Pause um uns gekümmert hatte. Außerdem hatten wir auf einen professionellen Dolmetscher verzichtet und damit Ludmilla ein wenig überfallen (obwohl ihr Englisch absolut ausreichend für unsere bisherige Verständigung gewesen war). Andererseits bestand gegenüber unserer bisherigen Begleiterin nach wie vor eine gewisse Hemmung, das Schicksal deutscher Gefallener im Allgemeinen nachzuverfolgen, da wir nicht genau einschätzen konnten, in wie weit dies eine echte Belastung für Ludmilla hätte sein mögen.


    So lernten wir an diesem Freitag Morgen Nastja kennen, die wir wegen ihrer ungezwungenen und freundlichen Art sowie ihrer hervorragenden Deutschkenntnisse schnell in unsere Herzen geschlossen hatten. Nastja studierte in Pskow und war von dort erst gestern mit dem Bus angereist gekommen, freute sich aber sichtlich, uns ihre schöne Stadt zeigen zu können.


    Die ca. 300 Kilometer Autofahrt waren durch die Gespräche mit Nastja insgesamt recht kurzweilig, obwohl wir inklusive einer kleinen Frühstückspause knapp 5 Stunden benötigten. Unser Fahrer Sascha hatte bewiesen, dass seine Qualitäten auf der Langstrecke nicht hinter denen im Querfeldein zurückstanden und nach einer fast einstündigen Suche nach dem Ziel hatten wir es dann gegen viertel nach elf geschafft.


    Das von uns gesuchte Areal lag bei Rodina, wobei ich nicht sagen kann, wo genau. Denn die Suche nach dem exakten Platz der Umbettung war extrem mühselig und selbst Sascha gelang es nicht im ersten Anlauf. Wie uns später bewusst wurde, ist es natürlich sehr von Vorteil, dass solche Umbettungsarbeiten nicht gerade auf dem Präsentierteller, sondern in einer gewissen Diskretion stattfinden.


    Da unser Kommen angekündigt worden war, mußten wir keine weiteren Erklärungen abgeben, sondern wurden vom Vorarbeiter freundlich begrüßt.
    Er berichtete, dass der Kartoffelacker, auf dem wir standen, ein ehemaliger Lazarettfriedhof gewesen war. Er lag inmitten eines Dorfes und direkt neben einem großen Neubau. Die Bewohner hatten diesen Umstand ignoriert oder schlicht nicht gewusst, waren aber offenbar froh, dass die Toten aus ihrem Dorf geborgen werden sollten. Auf diesem Areal waren 1200 deutsche Soldaten bestattet worden.


    Im Auftrag des Volksbundes waren hier fünf Männer seit zwei Wochen tätig, die ihre Arbeit selbst als sehr sinnvoll und für den Frieden wichtig einschätzten. Der Vorarbeiter unterbrach seine Grabung und erklärte uns die Vorgehensweise.

  • Hallo Justus,


    eine faszinierende Geschichte, die Du da aufschreibst. Ich bewundere Deine "Forschungsenergie" und den tollen Schreibstil, geradlinig, spannend, ohne einseitige Einblendungen – für viele einfach gut zu lesen. Die Bilder belegen + beleben die Beiträge natürlich sehr. Ganz große Klasse der Geburtstagstext zum 100. von Opa Arno. Er würde sich darüber freuen.


    Dieses aktive Erinnern und Aufklärungsbestreben kann ich sehr gut verstehen, denn ich habe hier vor einiger Zeit auch Themen zum vermissten Vater und Onkel gestartet. Irgendwann entwickelt sich dabei eine Eigendynamik, die unglaublich motivierend für alles Weitere ist. So habe ich im Vater-Thema zum Tag des Kesselausbruchs begonnen, seinen Reiseweg an die Ostfront anhand von Feldpostbriefen nachzuzeichnen. Hinkommen sehr persönliche Notizen aus der Heimat und Nebenthemen, die das Bild der Zeit illustrieren. Beinahe wäre mein Vater auf dem Weg zu seiner Einheit auch im Raum Newel gelandet, aber die Umstände brachten ihn nach Wilna. Vielleicht schaust Du in einer Schreibpause dort mal vorbei.


    Als Leser bleibe ich Dir auf jeden Fall erhalten, denn das hier ist nicht nur guter Schreibstil, sondern auch tiefgründig nachgedacht und eine sympathische "Philosophie" zwischen den Zeilen.
    Besten Dank für die mühvolle Kleinarbeit.


    Viele Grüße, Wulf
    P.S. Einen Gedenkort "Blaue Datsche" würde ich bei Erfolgsaussicht ebenfalls unterstützen.

    Suche Infos zu Wilna44, zu KG-Lagern im Baltikum und im russ. Rjasan.

    Edited 2 times, last by radio4wk ().

  • Moin Wulf,


    vielen herzlichen Dank für Deine freundlichen Worte.


    Selbstverständlich habe ich mir "Deinen" Thread schon durchgelesen und bin ebenfalls fasziniert von der Dynamik und der Entwicklung Deiner Suche. Ich freue mich über die Tatsache, dass auch Andere hier im Forum oder an anderer Stelle versuchen, die Schicksale ihrer im Krieg zu Tode gekommenen Verwandten zu klären. Wie auch immer eine Suche ausgeht oder sich entwickelt mag - die Erinnerung an den Gesuchten entsteht oder verfestigt sich. Und das ist in den wohl allermeisten Fällen etwas gutes.
    Peter Struck sagte einmal, dass die Toten, wenn sie vergessen werden, ein zweites Mal sterben...


    Ich würde mir sehr wünschen, dass es meiner Generation, begünstigt durch die Öffnung der Gesellschaften der insbesondere am "Krieg im Osten" beteiligten Nationen sowie die internationale Computervernetzung, gelingt, mit der Formulierung von Fragen und der Suche nach Antworten einen Dialog zu etablieren, der zu einer gesellschaftlich (an)erkannten Größe wird und so letztlich für besseres gegenseitiges Verständnis sorgen kann.


    Es ist Aufgabe unserer Generation, die Erinnerung und den Wunsch nach Frieden und Völkerverständigung aufrecht zu erhalten und an die nachfolgenden weiter zu geben. Diesen Wunsch habe ich übrigens in sehr vielen Erinnerungen und Kriegstagebüchern von Veteranen (beider Seiten!) gefunden. Mit der Beschäftigung der unzähligen fürchterlichen Schicksale dieser Zeit wächst auch die Erkenntnis, dass der Frieden, in dem wir leben, immer wieder untermauert und gepflegt werden muss.


    Eine Reise nach Russland - und so haben wir es durchgängig empfunden - ist ein kleiner, mutmachender Schritt in diese Richtung. Ich kann sie nur jedem empfehlen - und auch deswegen macht es mir so viel Spaß, hier meine Erlebnisse aufzuschreiben.


    Herzliche Grüße,


    Justus