Der Kral bei Eutin, Gefangenen-/ Flüchtlingslager 1945

  • Liebe Forenmitglieder,


    wer weiß etwas oder hat Infos über den "Kral bei Eutin", das übergangsweise als Gefangenen- / Flüchtlingslager 1945 im Raum Schleswig-Holstein diente und von den Alliierten (Briten oder Amerikanern?) unterhalten und überwacht wurde? Google-Recherche habe ich bereits durchgeführt.


    Das Lager (es erstreckte sich fast über ein Viertel von Schleswig-Holstein) war ein Auffanglager für viele deutsche Flüchtlinge und Wehrmachtsangehörige zum Ende des Krieges (ca. 600.000) und war sozusagen die Endstation des Krieges (Überleben für ein zweites Leben oder Untergang trotz Rettung / Flucht vor der RA).


    Mein Vater war nach der Gefangenennahme durch die Amerikaner / Briten (als Flüchtling / Verwundeter aus dem Raum Uckermark / Greifswald) über Schwerin dorthin verbracht und verlebte dort die letzten Kriegswochen (oder anders die ersten Wochen der Befreiung Deutschlands von dem Nazi-Regime), unter teilweise widrigen Umständen mit Hunger, Unterernährung, Erschöpfung und dergl.


    Viele seiner Zeitgenossen starben in der Zeit an Unterernährung. Wie mein Vater erzählte, hatte er in seiner ganzen Zeit des Kriegsdienstes (an der Ostfront, Untergang der Heeresgruppe Mitte überlebt) nicht soviel Leid und Elend erlebt wie hier, es muß schon grausam gewesen sein. Zitat "wir ernährten uns, soweit wir Glück hatten, von Kartoffelschalen / Gemüseabfällen, die wir bei den umliegenden Häusern in Komposthaufen fanden, teilweise von Pilzen und Beeren im Wald, überwiegend von irgendwelchen Wurzel aus dem Boden, die wir in unserem Wehrmachtsgeschirr kochten, bis sie weich wurden. Wir bauten uns Unterstände und Erdgruben im Wald, waren Wind, Wetter und Regen ausgesetzt, hatten keinen Kontakt zu irgendwelchen Wehrmachtseinheiten (oder ähnlichen Versorgungs- / Verpflegungsorganisationen), Diebstahl bei den umliegenden Bauern war verboten und wurde unter Todesstrafe gestellt (und auch vollzogen!!!).


    Im Wald waren wir sicherer vor irgendwelchen Übergriffen / Diebstählen gleichgesinnter (jeder kämpfte um sein Übnerleben), aber deswegen auch weiter entfernt von irgendwelchen Organisationen, die den Kral organisierten. Jeden Tag versuchten wir Informationen zu bekommen, wie es weitergeht, wann wir hier rauskommen, welche Möglichkeiten wir haben, unser Dasein zu verbessern, es ging um das nackte Überleben!


    Bin interessiert an Infos, Berichten von Zeitzeugen und / oder Überlieferung von diesen sowie an Dokumenten / Fotos und dergl.


    Gruß Bernhard

  • Hallo Bernhard,


    etwa 1/3 der Flüchtlinge aus den Gebieten östl. der Oder und einige hunderttausend demobilisierte Soldaten aus Norwegen und Dänemark, aber auch aus Meck-Pom und Niedrrsachsen, hatte die Geschichte zum Kriegsende in SH angespült. Die Soldaten wurden in zwei Internierungsgebieten eingewiesen. A. in das Gebiet des heutigen Kreises Dithmarschen und B. eben in das Gebiet welches Kral genannt wurde und etwa das Gebiet des heutigen Kreises Ostholstein umfaßte. Fast alle Soldaten, die aus den West-Zonen stammten wurden bis zum Spätsommer entlassen.
    Es gibt umfangreiche Literatur dazu, sowohl populär-wissenschaftliche Erinnerungsliterstur, wie auch Fachliteratur zu dem Komplex Internierung.
    Die allgemeine Diziplinargewalt wurde entsprechend der Wehrmachtsordnung aufrecht erhalten. Größere Vergehen wurden jedoch von den Engländern verhandelt und geahndet. Die Unterbringung erfolgte vornehmlich auf und in Wehrmachtsliegenschaften, auf Bauernhöfen (Ställe, Scheunen) aber es wurde auch im Wald campiert. Die Versorgung insgesamt war eine Frage der Selbstorganisation.


    Soweit mein Kenntnisstand. Wie gesagt, Literatur gibt es ausreichend, die örtlichen Buchhandlungen im Ferienland SH führen fast alles dazu, eine Reise dorthin könnte sich also lohnen.


    Noch einen schönen Tag wünscht


    Paul


    G-W-G'

  • Hallo,


    soweit mir bekannt, wurde der Begriff" Kral" von den deutschen Kolonialtruppen als Bezeichnung für ein Eingeborenendorf, damals "Negerdorf" verwendet.


    Gruß Karl

  • Hallo,


    kommt vom lateinischen currale und bedeutete soviel wie umzäunte Rinderweide. Gelangte mit den Portugiesen nach Südafrika und wurde in der Burensprache Afrikaans zu Kraal und breitete sich so über das ganze südliche Afrika aus. Wobei seine Bedeutung erweitertert wurde auf die Ansiedlung der Einheimischen. Deren spezielle Siedlungsweise war so angelegt, dass eine Vielzahl einzelner Gehöfte, jedes jeweils mit einem Dornenzaun umgeben, einen Kreis um einen Platz bildete, auf dem in der Nacht die Rinder vor den wilden Tieren geschützt, lagerten.


    Naja, irgendwie paßt dann der Kral / Kraal in Ostholstein so gesehen schon als Bezeichnung.


    Paul


    G-W-G'

  • Hallo Bernhard,


    hier erfährst Du auch etwas zum Kral und es ergänzt/bestätigt in etwa die Erzählungen Deines Vaters.
    Mein Großvater war auch dort interniert.


    Dieses Buch habe ich gerade gelesen. Hier geht es um beide Korpsbereiche (G in/um Dithmarschen, F in/um Plön).


    Das von Andre genannte steht ganz oben auf meiner Wunschliste.

    Gruß
    Wuschel

  • Hallo an alle, die geantwortet haben,


    Bücher habe ich bisher zu diesem Thema noch keine gelesen, ich suche aber auch Erfahrungen / Berichte von Angehörigen, deren Väter / Großväter ähnliches / zur gleichen Zeit erlebt haben. Viel weis ich nicht von meinem Vater aus dieser Zeit, jedoch soviel, dass es trotz Beendigung des Krieges (das hatte sich wohl rumgesprochen im "Kral") ums nackte Überleben ging und um die Frage, wie kommen wir hier am schnellsten raus. Er berichtete, das war in der Nähe von Eutin.


    Mein Vater berichtete, das Ende Juli / Anfang August 1945 Gruppen von Wehrmachtssoldaten ausgewählt wurden, die bestimmten Berufsgruppen angehörten oder vorher in diesen beschäftigt gewesen waren - diese würden dringend benötigt für den Wiederaufbau des zerstörten Deutschlands.


    Mein Vater hörte von gleichgesinnten, die etwas korrupter waren, dass man irgendeinen Beruf angeben sollte (es wurde auch der Herkunftsort abgefragt), nach dem Motto "überprüfen kann das eh keiner, Hauptsache hier raus und irgendwo neu anfangen".


    So meldete er sich, als nach Leuten aus dem Bankgewerbe gefragt wurde. Er gab an, Bankangestellter gewesen zu sein aus dem Raum Bonn. War einfach eine intuitive Eingebung, er war weder Bankangestellter gewesen (wohl aber eine kaufmännische Ausbildung absolviert), noch stammte er aus dem Raum Bonn - er war Baltendeutscher aus Reval / Tallinn. Aber er gelangte dadurch tatsächlich nach Bonn - und sein zweites Leben begann!


    Gruß Bernhard