DRK Gutachten zur Einheitengeschichte

  • G u t a c h t e n

    über das Schicksal des Verschollenen


    Walter Freudenberg, geb. 22.11.1927


    Truppenteil: Marine-Schiffstamm-Abteilung 23

    Vermißt seit Februar 1945

    DRK-Verschollenen-Bildliste Band MB, Seite 503


    Ausgangspunkt für die Nachforschungen waren die dem Suchantrag entnommenen Angaben, die in die Verschollenen-Bildlisten aufgenommen wurden. Damit sind alle erreichbaren Heimkehrer aus Krieg und Gefangenschaft befragt worden, von denen angenommen werden konnte, daß sie mit dem Verschollenen zuletzt zusammengewesen sind. Diese Befragungen fanden sowohl in der Bundesrepublik als auch in Österreich und anderen Nachbarländern Deutschlands statt.


    Ferner sind von anderen Stellen, die Unterlagen über die Verluste im 2.Weltkrieg besitzen, Informationen eingeholt worden. In erster Linie handelt es sich hierbei um das Internationale Komitee vom Roten Kreuz in Genf, die Deutsche Dienststelle für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen deutschen Wehrmacht in Berlin und die Heimatortskarteien.


    Über diese individuellen Ermittlungen hinaus wurde die Frage geprüft, ob der Verschollene in Gefangenschaft geraten sein konnte. Dabei wurden die Kampfhandlungen, an denen er zuletzt teilgenommen hat, rekonstruiert. Als Unterlage dienten dem DRK-Suchdienst Angaben über Kameraden, die der gleichen Einheit angehört hatten und zum selben Zeitpunkt und am selben Einsatzort verschollen sind, Heimkehrerberichte, Schilderungen von Kampfhandlungen, Kriegstagebücher sowie Heeres- und Speziallandkarten.


    Das Ergebnis aller Nachforschungen führte zu dem Schluß, daß


    Walter Freudenberg


    mit hoher Wahrscheinlichkeit bei den Kämpfen, die im Februar 1945 im Raum Deutsch Krone – Schneidemühl geführt wurden, gefallen ist.


    Zur Begründung wird ausgeführt:


    Zwischen dem 12. und 15.Januar 1945 waren überlegene Truppen der Roten Armee nördlich und südlich von Warschau zur Offensive übergegangen. Bereits nach wenigen Tagen hatten sie südlich Schneidemühl die Netze erreicht. In der Nacht zum 21.Janaur wurden die Einheiten alarmiert, die zur Besetzung des sogenannten „Pommernwalls“ vorgesehen waren. Dieses behelfsmäßig ausgebaute Stellungssystem erstreckte sich von Schneidemühl über Neustettin bis zur Ostseeküste. Noch während die deutschen Truppenteile ihre Stellungen bezogen, gelang es dem Gegner, die Netze zu überqueren und in nordwestlicher Richtung weiter vorzustoßen.

    Der Besatzung der zur Festung erklärten Stadt Schneidemühl wurde neben Alarm- und Volkssturmeinheiten sowie Resten versprengter Truppenteile ab 1.Februar auch der größte Teil der Marine-Schiffstamm-Abteilung 23 und der Marine-Artillerie-Abteilung Deutsch Krone als Verstärkung zugeteilt. Die 1. Kompanie dieses Verbandes, die am 28.Januar bei Kämpfen um Deutsch Krone schwere Verluste erlitten hatte, blieb zur Verteidigung einer Siedlung in Deutsch Krone und unternahm am zusammen mit den Resten anderer Einheiten am 12.Februar einen Ausbruchsversuch in Richtung Sägemühl.

    Die in Schneidemühl kämpfenden Teile der Marine-Schiffstamm-Abteilung 23 und der Marine-Artillerie-Abteilung waren entlang der Bahnstrecke nach Neustettin und bei dem Hofgut Hammer sowie auf dem Flugplatz eingesetzt, wo vor allem die 4. Kompanie in heftige Gefechte verwickelt wurde. Nach verlustreichen Kämpfen in den Außenbezirken schloßen die sowjetischen Verbände den Einschließungsring um die Stadt immer enger; es kam zu erbitterten Straßenkämpfen. Als eine Befreiung von außen nicht mehr möglich war, brach in der Nacht zum 14.Februar die in Kampfgruppen aufgeteilte restliche Besatzung nach Nordosten in Richtung Landeck aus. Dabei kam es bei Jastrow, 30 km nördlich von Schneidemühl, nochmal zu verlustreichen Kämpfen. Kleine Gruppen, die sich vereinzelt durchzuschlagen versuchten, wurden meist von polnischen Infanterie- und sowjetischen Panzertruppen eingeschlossen und aufgerieben. Nur wenige Überlebende erreichten später über Neustettin die deutschen Stellungen im Raum Welschenburg – Tempelburg – Dramburg bzw. nördlich von Tuchel.

    Viele Soldaten der Marine-Schiffstamm-Abteilung 23 sowie der Marine-Artillerie-Abteilung Deutsch Krone, darunter auch der Verschollene, werden seit diesen Kämpfen vermißt. Für einige von ihnen liegen Heimkehreraussagen vor, daß sie gefallen sind. Viele andere aber haben in dem tiefverschneiten Waldgelände sowie bei Straßen- und Häuserkämpfen den Tod gefunden, ohne daß es von überlebenden Kameraden bemerkt werden konnte. Das Feuer von Artillerie und Panzern erreichte auch Sanitätsfahrzeuge und Verbandsplätze.


    Es gibt keinen Hinweis dafür, daß der Verschollenen in Gefangenschaft geriet. Er wurde auch später in keinem Kriegsgefangenenlager gesehen. Alle Feststellungen zwingen zu der Schlußfolgerung, daß er bei diesen Kämpfen gefallen ist.


    München, den 17.Januar 1975


    Quelle: Forumsbeitrag von nadine123/Festung Schneidemühl