Lager Kalkreisse (Erfurt)

  • Hallo, ich arbeite mich gerade durch einen Stapel( Feldpost)Briefe meiner Großmutter an meinen Vater. Der letzte datiert vom 11.2.46 , Adresse: 15 Erfurt, Lager Kalkreisse". Er erhielt den Vermerk "An Abs. zurück, unbekannt verzogen".
    Gibt es jemanden, der mir Näheres zu diesem Lager und zu dem, was dort mit den Soldaten geschah, sagen kann? Gingen die Soldaten von dort, noch 1946, in sowjetische Kriegsgefangenschaft?
    Vielen Dank im voraus!

  • Hi Yokozuna,


    ist das der einzige, an das Lager in Erfurt gerichtete Brief?
    Hast Du auch Briefe Deines Vaters an Deine Großmutter?
    Von wann sind die anderen Briefe?


    Frage das, weil viell. all Deine Fragen zu Deinem Vater in einem anderem Thema im Forum besser untergebracht wären.


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    Habe ein wenig gegoogelt.
    Erfurt gibt auf seinen Seiten keine Hinweise auf ein Lager Kalkreisse/Kalkreiße - weder in der Chronik, noch z.B. in der Denkmalliste der Stadt Erfurt.


    Es gibt (heute) ein Gewerbegebiet Kalkreiße + eine Kleingartenanlage An der Kalkreiße, jedoch keinerlei Hinweise auf ein Lager.


    Wie wär's mit einer Anfrage an das Stadtarchiv:
    Tel. 0361 655-2901
    Fax 0361 655-2909
    Stadtarchiv@Erfurt.de


    Wenn sich dort nichts findet, dann viell. über
    Archive in Thüringen: http://www.archive-in-thueringen.de
    Staatsarchive: http://www.thueringen.de/de/staatsarchive

  • Hallo Kordula, vielen Dank für Deine Hinweise! Das mit der Kleingartenanlage etc. hatte ich auch schon mal gegoogelt, aber ich wollte es erstmal im Forum versuchen.


    Leider gibt es keinen einzigen Brief meines Vaters aus dem Feld mehr, die muss er alle aus dem Nachlass seiner Mutter vernichtet haben - sie hatte sie mit Sicherheit aufgehoben.
    Der letzte Feldpostbrief meiner Großmutter an ihn datiert vom 21.3.45 und ist an die Polzeikaserne in Wuppertal adressiert, wo mein Vater offenbar auf dem Oberfähnrichlehrgang war.


    Generell muss ich sagen, dass ich das Forum und überhaupt das Lexikon der Wehrmacht ganz toll finde, schon allein deshalb, weil es offenbar ganz viele Menschen meiner Generation (Jahrgang 1949) gibt, die nun endlich mehr über die Zeit von 1933 bis zu ihrer eigenen Geburt erfahren wollen, nachdem zuhause nicht darüber gesprochen wurde und in der Schule ausschließlich der Holocaust thematisiert wurde.


    Viele Grüße aus Berlin!


    Jutta.

  • Hi Jutta,


    es gibt also ausschließlich Briefe Deiner Großmutter an Deinen Vater.
    Auch Deine Großmutter mußte, um ihm schreiben zu können, die jeweilige FPN, quasi als Adresse, angeben.


    Wieviele bzw. von wann sind diese Briefe?
    Hast Du die Umschläge noch?
    Darauf müßten die jeweiligen Feldpostnummern stehen.
    Anhand dieser FPNs können die Spezialisten hier im Forum angeben, wo Dein Vater in etwa gewesen ist.


    Was steht in den Briefen?
    Finden sich z.B. Ortsangaben, Daten, besondere Vorkommnisse usw.?


    Dein Vater selbst - so verstehe ich Dich - hat nichts erzählt.
    Und Deine Mutter? oder Deine Großmutter?


    Habe Dir eine PN geschickt.

  • Hi Kordula,


    mir ging es hier erstmal speziell um diese Situation 1946.


    Ansonsten habe ich schon viele Details durch die WASt erhalten können, die ich angeschrieben hatte.


    Danke für die Mailadresse des Stadtarchivs in Erfurt, an die ich gestern auch geschrieben habe.


    Gruß
    Jutta.

  • Hi Jutta,


    wirst Du berichten über das, was Du aus Erfurt erfährst?
    - zwecks Auffüllung der blinden Flecken.

  • Hi Kordula,
    auf jeden Fall! Sobald ich eine Antwort habe, melde ich mich wieder!


    Gruß


    Jutta.

  • Hi, Kordula, hier wie angekündigt eine Mitteilung über die Antwort vom Stadtarchiv Erfurt.
    Demnach befand sich in dem im Osten der Stadt Erfurt gelegenen Gebiet der Kalkreiße während des Krieges ein Lager für Fremdarbeiter der Reichsbahn. Es sei zu vemuten, dass dieses Lager ab 1945 durch die Sowjets weiterverwendet wurde. Näheres ist dazu nicht bekannt.


    Tja, das bringt mich jetzt nicht so richtig weiter!


    Gruß


    Jutta.

  • Hi Jutta,


    das gute ist: das Archiv hat schnell geantwortet;
    das schlechte: auch dieses Stadtarchiv weiß von nichts.


    Verzeih' den Sarkasmus - das ist meine Erfahrung mit städtischen Archiven in den Neuen Bundesländern. Möglicherweise muß man ihnen jedoch zugute halten, daß in der DDR viell. sehr früh bereits alles zu diesen hoch-kritischen Themen an zentrale Archive/Stellen abgegeben wurde/werden mußte, viell. sogar vernichtet wurde. Leider ist mir sogar ein Fall bekannt, daß Unterlagen in allerjüngster Zeit systematisch geshreddert/vernichtet wurden. (War eine vertrauliche Mitteilung - deshalb nichts Näheres dazu.)


    Das mußte ich loswerden, denn bisher ist mir nicht klar, warum in den örtlichen Archiven keine Unterlagen zu kritischen Themen vorliegen, v.a. auch die Archivare nichts, rein garnichts wissen!


    Zum Thema zurück:
    Jetzt sind Anfragen an die o.a. Archive notwendig.
    Werde selbst auch versuchen, näheres herauszufinden.

  • Hi Jutta,


    hoffe, Dich nicht verschreckt zu haben mit meinem etwas bissigen Kommentar.
    Habe selbst bisher nichts weiter finden können, bin jedoch sehr interessiert zu hören, was Du unternommen und viell. herausgefunden hast.

  • Hallo Kordula!
    Ja, Du hast mich so verschreckt, dass ich gleich erstmal in Urlaub gefahren bin...
    Nein, im Ernst, ich melde mich davon zurück und werde in den nächsten Tagen meine Archivanschreiben fortsetzen.
    Falls ich etwas Neues höre, melde ich mich auf jeden Fall wieder.


    Gruß


    Jutta.

  • Hi Jutta,


    bin sehr beruhigt =) .
    Nie weiß man, was für eine zarte Seele in einem ander'n steckt.

  • besteht denn zu diesem Lager noch Interesse??


    Hier waren nach 1945 Um- und Aussiedler vorrübergehend untergebracht.


    Das Stadtarchiv hat natürlich keinerlei Unterlagen, können sie auch nicht. Ein Stadtarchiv hat immer nur Unterlagen, der Stadtverwaltung oder aber privat übergebene. Dieser angeführte Lager war nicht unter der Hoheit der Stadt, sondern wurde vom damaligen Land Thüringen betrieben und verwaltet.



    Arthur

  • Mein Vorfahre war auch in dem Lager, Ende 45, Anfang 46. Die Archive in Weimar, Gotha und Erfurt haben aber leider keine Informationen über dieses Lager. Eventuell wird man in russischen Archiven fündig?

  • Hallo,


    evtl. lassen sich auch über das Bundesarchiv weitere Informationen zu diesem Lager finden. Das BA hat vor einigen Jahren die ehemals durch die Stiftung "Erinnerung.Verantwortung.Zukunft" (EVZ) erstellte Lager-Datenbank übernommen, eine online-Suche nach Lagern und Standorten ist hier möglich: http://www.bundesarchiv.de/zwangsarbeit/haftstaetten/


    Zu deutschen Staatsbürgern, die nach Kriegsende in Lagern und/oder Haftstätten auf dem Gebiet der ehemaligen sowjetischen Besatzungszone inhaftiert waren, kann man eine Anfrage an die Dokumentationsstelle der Stiftung Sächsische Gedenkstätten (ggf. in Kooperation mit der WASt und dem Suchdienst des DRK) stellen: http://www.dokst.de/main/conte…fte-zu-deutschen-buergern


    Gruß, J.H.

    Nett kann ich auch - bringt nur nix!

  • Hallo,


    vielleicht hilft folgender Hinweis weiter. Wenn auch nicht aus Erfurt, sondern Eisenach stammend.
    "... Eine enorme Aufgabe ergab sich für Eisenach durch die im Thüringer Raum aus dem Westen kommenden, entlassenen Kriegsgefangenen und ehemals Evakuierten, die wieder in ihre Heimat zurück wollten und die, die in umgekehrter Richtung weiterreisen wollten. Nach der Beratung mit der Kommandantur am 23.8.1945 mußten für die 3 westlichen Besatzungszonen je ein entsprechendes Durchgangslager und nach der Besprechung vom 17.10. für alle in der Stadt und den Landkreis zurückkommenden Einwohner und umgesiedelten Neubürger ein "Quarantänelager" eingerichtet werden. (9)
    Nach einem Bericht aus dem "Wallmeyerlager", einem der 4 Lager und eigentlich nur für Personen von und in die amerikanische Zone bestimmt, vom 26.10.1946, waren vom 5.11.1945 bis 30.9.1946 (also nicht einmal ein Jahr) durch dieses Lager gegangen:
    268.533 Personen von West nach Ost davon
    154.349 Kriegsgefangene und
    181.463 Personen von Ost nach West davon
    12.679 Kriegsgefangene. ..."


    (Zitiert aus: Eisenacher Schriften zur Heimatkunde , Heft 42 , Eisenach 1945-1952 , Die Herausbildung neuer örtlicher Machtorgane in der Wartburgstadt Eisenach ; 1989 ; S.22 )


    zur Quellenangabe (9) im Heft steht;
    Aus dem Kreisarchiv, Abt.Stadtarchiv Eisenach, Akten - (12-0021/6) Besprechungen mit der sowjetischen Besatzungsmacht 1945-1947


    Vielleicht war das Lager Kalkreisse in Erfurt auch ein (zeitlich begrenztes) Durchgangs- oder Quarantänelager ?


    Gruß
    Roy


    PS. Das Lager "Siebenborn" in Eisenach war als Durchgangslager (1946) für jene, die in die französisch besetzte Zone wollten.

    Suche alles zur 129.ID, insb. GrenReg.427 ab 1944 an der Ostfront, sowie zur 199.ID, insb. zum Fest.Btl. 650 1943-44 in Norwegen, sowie zur 353.ID, insb. GrenRgt. 943 Juli-Aug. 1944 in Frankreich.

  • Hi allseits,


    habe zum Lager Kalkreiße Informationen finden können in:


    Sowjetische Speziallager in Deutschland 1945 bis 1950,

    in: Studien und Berichte, Bd. 1, hg. + eingeleitet von A. von Plate,

    Akademie Verlag Berlin 1998, darin:


    Lutz Prieß, Deutsche Kriegsgefangene als Häftlinge

    in den Speziallagern des NKVD in der SBZ, S.250-263


    Daraus untenstehendes Zitat von S.257 + 258;

    zu Erfurt + dem Lager ab Absatz 3.


    Grüße, Kordula



    "3. Offiziere der deutschen Wehrmacht in den Speziallagern des NKVD


    Anfang 1946 signalisierten die amerikanischen Militärbehörden den zuständigen sowjetischen Dienststellen ebenfalls die Entlassung von mehreren tausend Offizieren der deutschen Wehrmacht aus den Kriegsgefangenenlagern in Frankreich. Es ist jedoch bisher nicht näher bekannt, welche MilitärdienststeIlen in der SBZ die nachfolgenden Maßnahmen erlassen hatten, die dazu führten, daß die aus der amerikanischen Gefangenschaft entlassenen deutschen Offiziere von sowjetischen Organen wieder in Haft genommen wurden. Auch die aus der englischen Kriegsgefangenschaft entlassenen Offiziere wurden bei Übertritt der Interzonengrenze zur SBZ in sowjetische Gefangenschaft genommen.


    Im Januar begann die Entlassung von deutschen Kriegsgefangenen aus dem CCPWE (Continental Prisoner of War Enclosure) Nr. 15 in Attichy, Frankreich.[30] Ein Transport verließ per Zug Attichy am 26. Januar 1946 und erreichte über Belgien Marburg an der Lahn in der amerikanischen Besatzungszone. In Marburg war ein zentrales Lager für deutsche Kriegsgefangene, die aus amerikanischer Gefangenschaft in den Osten Deutschlands entlassen werden wollten. Trotz der Nachrichten über Verhaftungen in der SBZ wollten die meisten im Osten beheimateten Offiziere zurück in ihre Heimat. Sie fühlten sich regulär aus der Kriegsgefangenschaft entlassen, hatten einen "Certificate of Discharge" (Entlassungsschein) in der Hand. Von Marburg ging die Eisenbahnfahrt über Bebra-Eisenach-Erfurt in die SBZ weiter. Die aus der amerikanischen Zone kommenden Offiziere wurden sowohl in Eisenach und in Erfurt von sowjetischem Militär und deutschen Polizisten in Empfang genommen.


    Einige Zeitzeugen berichteten von ersten Registrierungen durch sowjetische Militärangehörige bei Zwischenaufenthalten in Bebra bzw. Eisenach[31]. Doch die eigentliche Registrierung fand erst in einem Sammellager in Erfurt statt. Dort befand sich der zuständige "peresyl'nyi punkt" - ein Etappenort für die Verschickung von Gefangenen. Der Leiter dieses "Punktes" war ein Hauptmann Korenev.[32] Für jeden Ankommenden erfolgte eine gesonderte Registrierung. Dabei wurden Angaben zur Person, die Parteizugehörigkeit, der Dienstgrad in der Wehrmacht, das Datum und der Ort der Gefangenschaft sowie allgemeine Angaben zum Gesundheitszustand aufgenommen. Der russische Vordruck für die Registrierkarte sah als letzten Punkt das Datum und den Ort der Weiterreise vor. Hier wurde in der Regel der Heimatort oder der gegenwärtig bekannte Wohnsitz von Familienangehörigen [S.258] als Reiseziel angegeben.[33] Doch die "Zwischenstation" in Erfurt erwies sich nicht als der erhoffte letzte Halt vor der endgültigen Heimkehr in die Heimatorte oder zu den Familien.


    In Erfurt führte der Weg vom Bahnhof zunächst zur Entlausung in die Fritz-Noack-Straße. Anschließend kamen die Offiziere in ein Barackenlager am Ostrand der Stadt (Kalkreiße).[34] Dort sollten sie nach Auskunft eines deutschen Lagerleiters die in der SBZ gültigen Entlassungspapiere erhalten, ohne die keine Lebensmittelkarten erhältlich waren und keine Arbeit aufgenommen werden konnte. In diesem Lager bestand die Möglichkeit, den Angehörigen zu schreiben, vereinzelt fanden sich Verwandte aus der Umgebung zu persönlichen Begegnungen ein. Im Prinzip gab es keinerlei Auflehnung gegen den als kurzfristig angesehenen Aufenthalt im Erfurter Lager. In Erwartung der zugesagten amtlichen Papiere für das zivile Leben in der SBZ gab es nach Zeitzeugenberichten zu diesem Zeitpunkt kaum einen ernsthaften Gedanken an Flucht.


    In das Lager kamen weitere ehemalige Wehrmachtsoffiziere, die auf anderen Wegen aus der amerikanischen oder englischen Besatzungszone in die SBZ kamen. Auch sie wurden von Kontrollen an den Zonengrenzen zur "Registrierung" nach Erfurt überstellt. Aus einem Transport, der bei Duderstadt die Zonengrenze zwischen der britischen und sowjetischen Zone überquerte, meldeten sich nach Angaben von Rolf Bernstein ca. 400 ehemalige aus englischer oder amerikanischer Kriegsgefangenschaft entlassene Wehrmachtsangehörige.[35]


    Nach Auskünften von H. A.[36] wurden Mannschafts- und Unteroffiziersdienstgrade bis einschließlich Oberfeldwebel in Erfurt entlassen.[37] Die anderen "Heimkehrer" erhielten in Erfurt nicht die versprochenen Papiere. Ihnen wurde mitgeteilt, daß sie zur Quarantäne und Umschulung für drei bis vier Wochen in ein anderes Lager verlegt würden. Es wurde der Name der Stadt Oranienburg genannt.[38] Einige Transportkolonnen nächtigten vor dem Verlassen Erfurts in dem ehemaligen Fremdarbeitslager der Firma "Topf und Söhne" hinter dem Bahnhofsgelände.[39]


    Per Eisenbahntransport und unter sowjetischer Bewachung wurden die Offiziere über Magdeburg-Berlin oder Weißenfels-Halle-Berlin nach Oranienburg weitergeleitet. In Berlin nutzten einige Offiziere beim Zwischenstopp der Züge bzw. Umsteigen vom Anhalter Bahnhof auf die Berliner Stadtbahn die Gelegenheit zur Flucht, andere konnten heimlich Kassiber an Eisenbahner übergeben oder sie aus dem Zug werfen und somit ihren Angehörigen eine Information über ihre jetzige Situation zukommen lassen. (So auch später beim Transport von Sachsenhausen nach Frankfurt/Oder.[40]"


    Anmerkungen

    30 Vgl. AS, Bericht von H-D. Sch.

    31 Vgl. Ebenda; AS, Bericht von G. S.

    32 Vgl. GARF, f. 9409, op. 1, d. 356.
    33 Vgl. Registrierkarte des Übergabepunktes Erfurt (russisch), GARF, f. 9409, op. 1, d. 357.

    34 AS, Bericht von H-D. Sch.

    35 Bernstein 1996, S. 28.

    36 Initiale dieser Art bedeuten die Anfangsbuchstaben von Zeitzeugen, deren Berichte vorliegen.

    37 Bericht von H. A. Kopie im Besitz des Vf.

    38 Ebenda, S. 43.; AS, Bericht von H. S.

    39 AS, Bericht von H. S., S. 39.

    40 Ebenda.