Kriegsdienstverweigerer?

  • Hallo an die Community,


    Es geht um folgende Sache, bei der ich mal Meinungen und Sachäußerungen anderer hören möchte:


    Mein Urgroßonkel, geb. 1895, verstarb am 31.03.1944 gegen 3 Uhr nachts im Straf- und Jugendgefängnis Neumünster. Auf Ersuchen des Gerichts der 190. Division war er als Wehrmachtsgefangener dorthin am 16.03.1944 überführt worden und saß dort in Untersuchungshaft.


    Der mir vorliegende Obduktionsbericht eines Kieler Rechtsmediziners und Universitätsprofessors, der am 1. April 1944 eigens mit Leihwagen von Kiel nach Neumünster kam, schließt mit dem Gutachten:


    „I. Als Todesursache fand sich eine eitrige Bauchfellentzündung, ausgehend von einer Darmverschließung infolge Verwachsung des Querdarms unter dem Magen im Bereich eines hier bestehenden, älteren Magenkrebses.
    II. Es bestehen keine Anhaltspunkte für fremde Schuld.“


    Am Obduktionsbericht bestehen soweit keine Zweifel.
    Die Todesmeldung, die an die WASt übermittelt wurde nennt als Dienstgrad lediglich: „Wehrpflichtiger“ und als Truppenteil: „WBK Hamburg I“


    Die vorliegenden Akten enthalten leider keine klare Aussage darüber, weshalb mein Urgroßonkel in Untersuchungshaft saß. Bei der WASt liegen keine Unterlagen vor. Das Gros der Unterlagen der 190. Division wurde offensichtlich gegen Kriegsende systematisch vernichtet (laut Auskunft des Bundesarchivs-Militärarchiv Freiburg).


    Ich habe zu dem Fall die Theorie entwickelt, daß mein Urgroßonkel den Kriegsdienst verweigert haben dürfte. Leider gibt es aber aufgrund seines bald darauf erfolgten Todes in der Haft und der Aktenvernichtung keine direkten Belege mehr dafür.
    Auf indirektem Wege hängt meine Überlegung an zwei harten Fakten:
    1. Die Untersuchungshaft als Wehrmachtsgefangener.
    2. Dem Dienstgrad (Wehrpflichtiger) und Truppenteil (WBK Hamburg I)


    In Untersuchungshaft kommt man, wenn gegen einen ermittelt wurde etwa in Fällen von Urlaubsüberschreitung, unerlaubten Entfernens, Gehorsamsverweigerung, Wachvergehen. Alle diese Vergehen setzen aber natürlicherweise voraus, daß man im Dienst stehender (oder beurlaubter) Angehöriger der Wehrmacht war. Aus der Angabe „Wehrpflichtiger [im Bereich des] WBK Hamburg I“ würde ich nun schließen, daß das von ihm verübte Vergehen vor bzw. im Zusammenhang mit seiner Einberufung zur Wehrmacht stehen muß.


    Meine Fragen wäre also an dieser Stelle:
    1. Ist noch eine andere Erklärung der Angaben denkbar?
    2. Wüßtet ihr eine kompetente Person, Organisation, bzw. Literatur die Auskunft geben könnte?


    Vielen dank.

  • Guten Tag,


    die Angaben zur Todesursache und zur Todesart sind meiner Meinung nach stimmig.
    Zumal es beim Urgroßonkel keinen Grund gegeben hätte, den Totenschein zu manipulieren.
    Es scheint so, als habe der Urgroßonkel seinen Wehrdienst eigenmächtig nicht angetreten. Das führte zwar zu militärjuristischen Konsequenzen, aber zu keinen lebensbedrohlichen.
    Mit Abschluss der Musterung unterstand der Wehrpflichtige auf alle Fälle der Militärgerichtsbarkeit und ist so dann auch in die U-Haft einer Wehrmachtshaftanstalt, bzw. einer "zivilen" Justizvollzugsanstalt mit "Zugleichaufgabe" als "militärische" Haftanstalt gekommen.


    Über Wehrgerichtsbarkeit, Wehrstrafverfahren und Wehrstrafen findet man brauchbare Artikel beim "googeln".
    Eine Literaturempfehlung kann ich leider nicht geben.


    Mit freundlichen Grüßen aus Bochum


    Peter

    (PH)