Kesselausbruch Wilna ( Vilnius ) 1944

  • Guten Abend Bernhard,


    Anrede und Gruß, unabdingbar.

    Das gilt auch für Groß.-Kleinschreibung.


    Sollte demnächst klappen, oder?;)


    Grüße Thomas

    Alle sagten immer das geht nicht, dann kam jemand, der das nicht wusste, und hat es einfach gemacht!

  • Hallo Bodo, hallo zusammen,


    vielen Dank Bodo, für diese hochinteressanten Informationen. Leider vernachlässige ich von Zeit zu Zeit das FdW und so bekomme ich nicht alles mit - daher meine hoffentlich verzeihliche späte Antwort.


    Und der Standardpanzer dieser wenigen Panzerdivisionen des Ostheeres war 1944 immer noch der veraltete Panzer IV.

    Interessant in diesem Zusammenhang ist die beinahe "kindliche" Freude, die Generalfeldmarschall Reinhardt schilderte, als er den von ihm persönlich begleiteten Entsatzvorstoß zum Kessel von Lentvaris begann:


    "Ich stand schon 5 Uhr auf, fuhr mit Himmel und Koch, der das Glück hatte mitzudürfen, ich glaube, die alten Panzeroffiziere in meinem Stabe hatten, da jeder mitwollte, geknobelt, wer als 2. Begleiter mit mir fahren dürfe.

    Mit tiefer innerer Erregung gab ich nach Anhören der letzten Meldungen den Befehl zum Vormarsch. Als nun unsere neuesten Panzer anrollten, viele!, und Kolosse, die ich noch gar nicht in Natur gesehen hatte, musste ich mich abkehren […] und erst mit mir fertig werden. […]" (Wilna-Doku, S. 361)

                                                                                                                                  

    Ich werde mal Herrn Naumann anschreiben - und einen Büchertausch vorschlagen...



    Gruß,


    Joseph


    Suche Informationen zum Füs.Bat. 170 im Zeitraum Juli 1944 und zur 269.I.D im Zeitraum Januar bis März 1945 (Festung Breslau)

  • Hallo Joseph,


    nur eine marginale Anmerkung zum letzten Beitrag. Georg-Hans Reinhardt wurde nie zum Generalfeldmarschall befördert.

    Seine allerletzte Beförderung fand im März 1942 statt, als er mit Wirkung und RDA zum 1. Januar 1942 zum Generaloberst ernannt wurde.


    Beste Grüsse

    Ingo

  • Hallo Ingo,


    vielen Dank für die Korrektur.


    Ich war nicht mehr "in der Materie"...


    Gruß,


    Joseph

    Suche Informationen zum Füs.Bat. 170 im Zeitraum Juli 1944 und zur 269.I.D im Zeitraum Januar bis März 1945 (Festung Breslau)

  • Hallo zusammen,


    ich beziehe mich auf


    Kesselausbruch Wilna ( Vilnius ) 1944


    wo "Harald123" eine Anfrage zum Schicksal seines bei Rudnicki vermissten Angehörigen gestelllt hatte.


    In einer aktuellen Dokumentationsserie zu den Aktivitäten der polnischen Partisanen der "Armia Krajowa, AK", welche in einer litauischen Fachzeitschrift erschienen ist, vgl.


    http://www.voruta.lt/svetimi-didvyriai-1-dalis/

    http://www.voruta.lt/svetimi-didvyriai-ii-dalis/

    http://www.voruta.lt/antanas-v…timi-didvyriai-iii-dalis/

    http://www.voruta.lt/antanas-v…mi-didvyriai-iii-dalis-2/


    erkennt man in einigen Fotos angetretene Soldaten in deutscher Uniform.

    Es handelt sich jedoch um eine Einheit (3. Brigade AK "Wilno") der "Armia Krajowa" (AK), welche nach den Aussagen dieses Artikels von der deutschen Seite (Wehrmacht, angeblich war auch SS beteiligt) ausgestattet, bewaffnet und verpflegt wurde.


    Diese national-orientierten Partisanen der AK bekämpften in der Folge dann sowjetische und jüdische Partisanen, wobei letztere in der Regel unter Führung und Logistik der sowjet. Partisanen agierten.

    Auch das "Massaker von Konjuchy" (https://de.wikipedia.org/wiki/Massaker_von_Koniuchy) spielte sich in dieser Region ab. Es ist noch heute zwischen Polen, Israel und Litauen umstrtitten.


    Zum ersten Foto noch eine Frage:


    Einige der Uniformhosen erscheinen an der Innenseite sehr hell. Was hat das zu bedeuten - sind das evtl. Reiterhosen? Man sieht diese AK-Angehörigen auf einigen Fotos auch auf Pferden...


    Die Karte der Abb. 2 zeigt, dass die Partisanen dort im südöstl. Vorfeld Wilnas die Wälder beherrschten - und man liest auch immer wieder von Kämpfen der div. Richtungen gegeneinander. Sogar bis in die aktuelle polnische Politik haben diese Konflikte zwischen sowjet. und national orientierten Partisanen ihren Niederschlag gefunden. Die Kooperation mit WH und SS wird jedoch gerne verschwiegen.


    Vielleicht ist die Karte 2 für weitere Nachforschungen von "Harald123", sofern er das FdW noch weiter verfolgt, von einem gewissen Interesse. Weitere interessante Infos kann man den o. a. litauischen Abhandlungen mit einem "Translator" entnehmen...



    Gruß,


    Joseph

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  • Hallo Joseph


    Nach dem, was ich von Partisanen weiß, trugen diese nicht selten ein buntes Mischmasch von Uniformen und zivilen Kleidungsstücken - je nachdem was man erbeuten oder auf andere Weise erhalten konnte. Die AK erhielt ja keine geregelte Versorgung in dem Ausmaß wie teilweise die sowjetischen Partisanen auf dem Luftweg. Da wohl nicht einmal für die sowjetischen Partisanen die Versorgung für eine einheitliche Einkleidung reichte, dürften die Polen alles getragen haben, was sie bekommen konnten - Vorkriegsuniformen polnischer und litauscher Herkunft, von den Deutschen und anderen Verbänden erbeutete Uniformen, Material das durch Schwarzmarktgeschäfte beschafft wurde (sicher gab es Deutsche/mit deutscher Uniform ausgestattete lokale Kollaborateure, die mitunter Kleidungsstücke versetzten) und so weiter.

    Ausführlicher zu der Kooperation polnischer Verbände mit SS und Wehrmacht hat glaube ich

    Chiari, Bernhard: Alltag hinter der Front

    geschrieben (das Buch ist schon ein paar Jahre alt, aber nach meiner Meinung sehr lesenswert).


    Mit freundlichen Grüßen

    Marc

  • Hallo Marc,


    vielen Dank für diesen Hinweis auf das Buch von Chiari.


    Mir ist das folgende Buch des gleichen Autors bekannt: "Die polnische Heimatarmee. Geschichte und Mythos der Armia Krajowa seit dem Zweiten Weltkrieg"


    In diesem Werk berichtet er von der Kooperation der Wehrmacht und SS mit der AK, was in Polen einen gewissen "Aufruhr" auslöste, da man die "national-polnischen Partisanen" der AK nach dem Ende des kommunist. Systems aufgewertet und als reine "Patrioten" eingeordnet hatte.


    Das FdW-Mitglied Hinrich-Boy Christiansen, leider vor ein paar Jahren verstorben, ist der Sohn des damals in Wilna tätigen Abwehrschefs der Wehrmacht, Major Julius Christiansen, der diese Kontakte zur AK herstellte und betreute. Er war später auch maßgeblich an den Kapitulationsverhandlungen des Warschauer Aufstands der AK beteiligt, da seine faire Einstellung bekannt und geschätzt wurde.


    Auch der o. a. litauische Autor schildert, dass die WH und SS die Partisanen der AK ausstattete und versorgte, ihre Verwundeten in Lazaretten behandelte etc. Ich gehe also davon aus, dass die dort abgebildeten AK-Angehörigen mit regulären Uniformen der WH versorgt wurde. Sogar leichte Waffen und Munition wurde den AK-lern zur Verfügung gestellt. Als gegenleistung erwartete man den Kampf gegen die sowjet. Partisanen, was den nationalpoln. AK-lern auf Grund der neg. Erfahrungen von 1939 und auch wegen Katyn etc. ein ganz besonderes Anliegen war...


    Ansonsten sind Deine Aussagen natürlich korrekt: Auf Fotos vom Warschauer Aufstand sieht man vielfach AK-Kämpfer in deutschen Teil-Uniformen und mit Stahlhelmen, welche jedoch meist mit einer weißroten Binde kenntlich gemacht worden waren, damit man ihnen den Kombattantenstatus zugestehen konnte.

    Auch in der Wilna-1944-Doku wird von Vorfällen berichtet, wo vermeintliche "Deutsche" Einheiten der WH angegriffen haben sollen. Später wurden diese als nicht hinreichend gekennzeichnete AK-ler in deutschen Uniformen der Fallschirmjägertruppe ("Knochensäcke") identifiziert...



    Gruß,


    Joseph

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  • Einige der Uniformhosen erscheinen an der Innenseite sehr hell. Was hat das zu bedeuten - sind das evtl. Reiterhosen?

    Hallo Joseph,


    es sind Reithosen, allerdings sehr helles Leder (Ziegenleder?) und sehr weit geschnitten. Es gab Reithosen, die hatten den Besatz aus Leder nur an der Innenseite, aber vor allem die aus privaten Schneidereien der Offizierausstatter hatten den Besatz bis zur vorderen Bügelfalte.


    Gruß Karl

  • Hallo Joseph


    Mit deinem Hinweis hast du natürlich Recht, das erwähnte Buch behandelt die Geschichte der AK viel umfangreicher - in dem von mir zitierten geht es vor allem generell um das Leben in den besetzten Gebieten (für den Kontext ist es aber sehr aufschlussreich, zumindest fand ich es sehr hilfreich).

    Die Haltung der AK zu den sowjetischen Partisanen ist nach allem was ich gelesen habe eine sehr komplexe - es gab durchaus (auch bis kurz vor Besatzungsende) Ansätze von Kooperation - gegen die Deutschen wie (glaube ich) gegen litauische Nationalisten/Kollaborateure - aber auch wie du erwähnst blutige Gefechte. Ähnlich wie in den Gebieten wo die UPA aktiv warwar dies eine Konfliktlage mit mindestens vier, wenn nicht mehr Akteuren - die AK (und andere Polnische Verbände wie NSZ etc.), Sowjetische Partisanen, die Deutschen als potentiell stärkste Macht, und dann die litauischen respektive ukrainischen Nationalisten (teils mit den Deutschen verbündet, teils unabhängig), die eigene Ziele verfolgen, nicht nur gegen die sowjetischen Partisanen, sondern auch gegen die polnische Bevölkerung. Dazu kommen bewaffnete Einwohner, vermutlich kleine Gruppen die gar keiner Seite fest zugehören, die flüchtigen einheimischen Juden werden mitunter von Partisanen verschiedener Gruppen, besonders aber von den Deutschen angegriffen (Hilfe erhalten sie noch am ehesten von den sowjetischen Partisanen, seltener von den polnischen Kämpfern - doch gab es unter den Partisanen auch Antisemiten, unter den Polen wohl einiges mehr als unter den sowjetischen)...

    Die Zusammenarbeit mit den Deutschen von Seiten der Polen kam , wenn ich mich recht an Chiaris Texte erinnere nur zustande, weil deren Niederlage bereits abzusehen war. Die Deutschen waren auf dem Rückzug, die Rote Armee klar auf dem Vormarsch - aber diese Absprachen mit dem Feind waren eher die Sache lokaler Kommandeure.


    Mit freundlichen Grüßen

    Marc

  • Hallo Marc,


    "...aber diese Absprachen mit dem Feind waren eher die Sache lokaler Kommandeure...."


    Das ist wohl richtig - im Bereich Wilna eben zwischen dem Major Christiansen und dem Major der AK Krzyzanowski.

    Beide wurden dann ja auch zum Schluss von ihren Vorgesetzten zurückgepfiffen...


    Dass die AK zentral von der Londoner Exilregierung gesteuert wurde, ist dann ja auch ein Grund für das Fiasko und die grauenhaften Massaker der "Sühnemaßnahmen" beim Warschauer Aufstand geworden - zwei Wochen nach dem Wilna-Aufstand der AK.


    Aus den Erfahrungen beim Wilna-Aufstand "Burza" ("Ostra Brama") bez. einer möglichen echten Kooperation mit der Roten Armee hätte man bez. Warschau lernen können: Die Auslösung des Warschauer Aufstandes war, nach milit. Gesichtspunkten, eine Fehlleistung der AK-Führung - das sehen inzwischen auch seriöse poln. Historiker in ähnlicher Weise.


    Aber nun zurück zum Thema "Wilna 1944".


    Mir liegt inzwischen das Telefonbuch von Wilna aus dem Jahre 1944 vor. Interessenten können sich gerne bei mir per PN melden (vgl. Anhang).


    Gruß,


    Joseph

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    Suche Informationen zum Füs.Bat. 170 im Zeitraum Juli 1944 und zur 269.I.D im Zeitraum Januar bis März 1945 (Festung Breslau)

  • Hallo Joseph,

    hallo zusammen,


    recht herzlichen Dank für deinen Hinweis. Ich verfolge weiterhin das Forum und freue mich sehr, dass es nach einer Zeit des Stillstandes wieder Fahrt aufgenommen hat. Ich bin weiterhin sehr am Schicksal meines Onkels Erich Franke vom 2. Btl. Fallschirmjägerregiment 16 in Wilna interessiert. Meine eigenen Bemühungen haben leider keine neuen Erkenntnisse gebracht, aber vielleicht helfen die neuen Hinweise ja weiter.


    Herzliche Grüße

    Harald

  • Hallo zusammen,



    gerade ist mir in


    https://ww2.pl/aktion-burza-sturm-warschauer-aufstand-1944/


    das unten angehängte Bild und der folgende Begleittext aufgefallen:


    "Turgiel, 9. April 1944. Romuald Rajs, Deckname Bury, Befehlshaber der 1. Kompanie der III. Vilniuser Brigade der Heimatarmee verlässt mit seinen Soldaten die Kirche nach der Auferstehungsmesse. Die Gegend im Südosten von Vilnius war zu dieser Zeit gänzlich in der Hand von Einheiten der Heimatarmee, die hier die sogen. Turgieler Republik gegründet hatten. Die Deutschen kontrollierten nur die wichtigsten Transportwege."


    In der ebenfalls beigefügten Karte kann man erahnen, dass diese für einen Bericht zu einem Überfall auf eine deutsche LKW-Kolonne angefertigt wurde. Offensichtlich hatten sowjet. Partisanen 3 LKW der WH angegriffen - für das gleiche Datum (17.01.1944) waren auch in dem Ort Turgiel (rechts oben - rot markiert) Aktivitäten der AK vermerkt, welche ich jedoch nicht zu entziffern vermag.


    Ob damit eine Zusammenarbeit WH/AK gemeint sein kann, bleibt unklar.


    Andererseits heißt es in dem o. a. Text:


    "...Die ersten Kämpfe im Rahmen der Aktion Burza wurden bereits im Januar 1944 ausgefochten, nachdem die Rote Armee die Vorkriegsgrenze der Polens überschritten hatte. Im Juni und Juli 1944 verwandelten sich die Sabotageaktionen in lokale Aufstände...."


    Also war der Burgfriede WH/AK bereits im Januar 1944 gestört - was jedoch anderen Aussagen (Christiansen, etc.) widerspricht.


    Der hier erwähnte AK-Führer Romuald Rajs ist übrigens eine sehr zwielichtige Person: Ihm bzw. seiner Einheit werden in der Nachkriegszeit (!) Massaker in orthodoxen Dörfern in der Gegend von Hajnowka (bei Bialystok) zur Last gelegt. Dennoch gedenken polnische Rechtsradikale in jedem Jahr Anfang März dieser "Taten" in positivem Sinne: Man marschiert dort in Uniformen und mit Waffen (Attrappen?) durch diese Dörfer - vgl.


    https://www.ardmediathek.de/ar…1iZDU1LWI0MmQwYjhkNzk3Mg/ (ab etwa 13.50) ...


    Unbelehrbare also auch dort...?!



    Vielleicht hat jemand scharfe Augen, um die u. a. Handskizze zu entziffern?



    Gruß,



    Joseph

  • Hallo Joseph


    Nun, das mit den Unbelehrbaren ist kaum eine Überraschung, auch in den baltischen Staaten ist man nach meiner persönlichen Erfahrung mitunter sehr unkritisch bei der Erinnerung an die nationalistischen Kräfte. Die Rolle die sie im Umgang mit den jüdischen Einwohnern, aber (etwa in Litauen) auch gegenüber den Polen gespielt haben, wird da teilweise ignoriert (allerdings, wir haben auch Jahrzehnte gebraucht um die eigene Geschichte zumindest in großen Teilen aufzuarbeiten, das ist eben ein evolutionärer Prozess, und Unbelehrbare gibt es wie du sagst überall). Das sieht man auch andernorts, nicht umsonst wird die OUN-B/UPA bes. in der Westukraine von einigen in den Himmel gelobt (und die vermutlich über 100.000 ermordeten polnischen Zivilisten plus tausende andere Opfer ignoriert, während sich gerade die gegenwärtige polnische Regierung mit dem Eingeständnis zum Gegenterror der AK gegen Ukrainer schwertut).


    Könnte der Eintrag in der Karte auch das Datum der Feststellung sein? Die Gruppen änderten ja mitunter ihr Operationsgebiet bzw. waren nicht immer in den Ortschaften, auch zu diesem relativ späten Zeitpunkt - ev. wurden an diesem Tag Partisanen in einer der Ortschaften gemeldet - für mich hat es den Eindruck, als ob im Gebiet der AK die Ortschaften eingekreist sind. Das könnte sich darauf beziehen, dass an diesen Tagen dort Partisanen gemeldet wurden (oder sie Lebensmittel requirierten), und die Wehrmacht meldete das weiter - in anderen Fällen waren solche Meldungen Auslöser für Luftangriffe, aber hier verhinderte ev. der fragile Waffenstillstand (oder mangelndes Material) so etwas. Ein deutsch-polnisches Stillhalteabkommen (ev. informeller Art) ist denkbar, oder die Deutschen konzentrierten sich auf die aus ihrer Sicht wesentlich gefährlicheren sowjetischen Partisanen, die ja die Verkehrswege deutlich intensiver angriffen.


    Mit freundlichen Grüßen

    Marc

  • Hallo Joseph


    Nun, das mit den Unbelehrbaren ist kaum eine Überraschung, auch in den baltischen Staaten ist man nach meiner persönlichen Erfahrung mitunter sehr unkritisch bei der Erinnerung an die nationalistischen Kräfte.


    Hallo Marc und Joseph,


    man sollte sich meiner Meinung nach eingestehen, daß echte mulitperspektivische Geschichtsbetrachtungen fast überall Mangelware sind.

    Ich erinnere mich an den Seufzer eines altgedienten Didaktikprofessors für Geschichte, der in einer Vorlesung meinte, die Deutschen hätten ja nun endlich ihre Nationalgeschichte zugunsten einer europäischen Geschichtsschreibung aufgegeben, aber vergleichbare Perspektivwechsel anderer Nationen seien bislang (leider) ausgeblieben. Der Prof selber hatte u.a. an internationalen Schulbuchprojekten mitgewirkt, die ausschließlich mit deutschen Geldern finanziert wurden.


    Vor Jahren gab es anläßlich des Kriegsendes einen aufschlußreichen Artikel in der WELT über die historischen Befindlichkeiten der baltischen Länder angesichts der Konfrontation mit Rußland und den seit der Stalin-Zeit starken russischen Minderheiten im Baltikum:


    Quote

    Russlands Siegesfeier erregt im Baltikum Ärger

    Moskau erinnert an den 66. Jahrestag des Kriegsendes und verärgert damit seine Nachbarn. Denn im Baltikum haben Sowjetsoldaten auch brutal gewütet.

    [...]

    Der litauische Historiker Saulius Suziedelis sieht in der Erinnerung an den Krieg zweierlei. "Die Erfahrung der Litauer ist, dass etwa 5000 ihrer Landsleute von den Nazis umgebracht wurden, aber etwa zehnmal mehr unter den Sowjets, vor allem in den ersten Nachkriegsjahren.

    https://www.welt.de/politik/au…t-im-Baltikum-Aerger.html


    Interessant finde ich auch die neueren Forschungen des polnischen Historikers Marcin Zaremba, der u.a. herausgefunden hat, daß durch polnische Aktionen in den von Deutschland besetzten Gebieten mehr jüdische Landsleute getötet wurden als im selben Zeitraum Angehörige der deutschen Besatzungstruppen. Diese Erkenntnisse zur Holocaust-Geschichte haben laut MDR-Interview in Polen für ziemliche Aufregung gesorgt:


    Interview "Die vierte Phase des Holocausts"


    Der polnische Historiker Marcin Zaremba hat mit seinen Forschungsergebnissen im April 2017 für Aufregung gesorgt, weil sie so wenig ins bisherige Geschichtsbild der Polen passen. Er untersuchte, wie seine Landsleute im Zweiten Weltkrieg und kurz danach ihre jüdischen Nachbarn und Mitmenschen behandelten.

    [...]

    Quote

    Laut Dokumenten, die Sie veröffentlicht haben, haben die Polen während der deutschen Besatzung mehr Juden als Deutsche getötet. Um welche Zahlen handelt es sich?


    Deutsche Berichte aus dem damaligen "Generalgouvernement" belegen, dass in der Zeit zwischen Oktober 1939 und Sommer 1944 ungefähr 1.300 Deutsche getötet wurden. Dazu muss man noch 900 Mithelfer vor allem aus den Reihen der polnischen und ukrainischen Polizei rechnen. Wir reden über die Zeit nach dem Angriff im September 1939 auf Polen, bei dem es 17.000 deutsche Opfer gab – und vor August 1944, als der Aufstand im besetzten Warschau ausbrach, in dem wiederum zwischen 2.000 und 9.000 Deutsche getötet wurden. In derselben Zeit – also zwischen Oktober 1939 und Sommer 1944 - wurden mehr als 10.000 Juden an die Deutschen ausgeliefert oder von Polen ermordet.

    https://www.mdr.de/heute-im-os…en-und-holocaust-100.html


    Doch zurück zum Thema Wilna 1944.

    Ich habe in der mir zur Verfügung stehenden Literatur mehrere Auszüge gefunden, die vielleicht helfen könnten, die Hintergründe der gescheiterten Kooperation zwischen der AK und den Sowjets einerseits und der zwischen AK und deutschen Wehrmachtsstellen andererseits aufzuhellen.


    Den Ausführungen des polnischen Historikers Wlodzimierz Borodziej zufolge sollte die Eroberung Wilnas durch Einheiten der AK die Generalprobe für den Warschauer Aufstand sein. Borodziej überschreibt den Abschnitt wo Wilna behandelt wird, daher mit

    "Die Generalprobe" (für die geplante Rückeroberung Warschaus):



    Der schon von Euch erwähnte deutsche Historiker Bernhard Chiari hat in dem Buch "Alltag hinter der Front" über die vergeblichen Versuche der AK, Wilna kampflos von den Deutschen zu übernehmen, geschrieben:


    "Bis zum deutschen Rückzug blieb der Wahrheitsgehalt dieser und weiterer Berichte über lokale Bündnisse zwischen der Wehrmacht und der [polnischen] Heimatarmee sowie die tatsächliche Haltung der Londoner Exilregierung ungeklärt.

    Ideen von einem deutsch-polnischen Bündnis gegen die Sowjetunion spukten durch die Köpfe der deutschen militärischen Führung in Weißrußland.

    Noch am 3. Juli erhielt die Heeresgruppe Mitte eine Nachricht vom Militärkommandanten in Wilna, nach der das polnische Oberkommando den Deutschen ein Ultimatum gestellt habe. Die Armia Krajowa bot zum letzten Mal das Zusammengehen mit der Wehrmacht an und drohte, andernfalls die Stadt zu stürmen.


    Etwa 5 500 Soldaten der Armia Krajowa waren schließlich, beginnend mit dem 6. Juli, an den Kämpfen um Wilna beteiligt. Unter dem Kommando von Oberst Krzyzanowski unterstützten diese polnischen Brigaden die Angriffsoperationen der sowjetischen 3. belorussischen Front. [...]"

    (Bernhard Chiari, Alltag hinter der Front. Besatzung, Kollaboration und Widerstand in Weißrußland 1941-1944, Düsseldorf 1998, S. 299.)



    Aus Sicht der deutschen Besatzungstruppen stellte sich das Angebot der Armia Krajowa zur "Übernahme Wilnas" aber weniger als "Zusammengehen mit der Wehrmacht" denn als deutsche Teilkapitulation dar.

    Der Verleger, Kriegsveteran und Jurist Dr. Rolf Hinze hat in seinem Standardwerk "Das Ostfrontdrama 1944. Rückzugskämpfe der Heeresgruppe Mitte" auf das Mißtrauen der örtlichen deutschen Kommandobehörden (und Hitlers hirnverbrannte "Führerbefehle") hingewiesen:


    Quote

    „Die Sowjets bereiteten diesen Vorstoß auf ihre Art vor. Beim Kommandanten des „Festen Platzes“ Wilna erschienen eines Tages polnische Unterhändler mit dem Angebot, rings um Wilna herum liegende polnische Banden in Stärke von etwa 10 000 bis 12 000 Mann zur Verteidigung dieses Landesbereiches gegen die Sowjets einzusetzen, allerdings unter der Bedingung, daß die deutsche Führung die Stadt Wilna kampflos übergäbe. Solches widersprach jedoch bestehendem Führerbefehl, so daß die Heeresgruppe hierzu ihre Zustimmung nicht erteilen konnte.

    Später stellte sich dieser Verhandlungsversuch als - wahrscheinliches - Ergebnis sowjetischer Aufweichungsbemühungen heraus. Nach dem Infiltrationssystem hätte man dann sowjetische Banden oder Rotarmisten durch die deutsche HKL einschleusen können und Wilna kampflos gewonnen.“

    (Rolf Hinze, Das Ostfrontdrama 1944. Rückzugskämpfe der Heeresgruppe Mitte, Stuttgart 1988, S. 92.)


    Im offiziellen militärhistorischen Geschichtswerk Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Bd. 8, Die Ostfront - Der Krieg im Osten und an den Nebenfronten, München 2007, wird auf Seite 565 im Anmerkungsapparat auf Hinzes Ostfrontdrama hingewiesen:


    “Zur Sekundärliteratur vgl. Hinze, Das Ostfrontdrama 1944, S. 103 ff. und 120 f.”



    Wie wir bei Wlodzimierz Borodziej gelesen haben, war das deutsche Mißtrauen auch durchaus begründet, wie die länger andauernden und schließlich erfolgreichen Verhandlungen der AK-Führer mit den Sowjettruppen über einen gemeinsamen Vormarsch zeigen:


    "Erst Anfang Juli 1944 gelang es "Wilk", in Verhandlungen mit den Sowjets einen Waffenstillstand und eine partielle Kooperation für den kommenden Kampf gegen die Deutschen zu vereinbaren."

    (Wlodzimierz Borodziej, Der Warschauer Aufstand 1944, Frankfurt a. M. 2001, S. 84.)


    Aus den Erfahrungen beim Wilna-Aufstand "Burza" ("Ostra Brama") bez. einer möglichen echten Kooperation mit der Roten Armee hätte man bez. Warschau lernen können: Die Auslösung des Warschauer Aufstandes war, nach milit. Gesichtspunkten, eine Fehlleistung der AK-Führung - das sehen inzwischen auch seriöse poln. Historiker in ähnlicher Weise.


    Wie die "echte Kooperation mit der Roten Armee" aussah, ist doch am Beispiel Wilnas genau dargestellt worden.

    Wlodzimierz Borodziej hat doch beschrieben, wie nach dem gemeinsamen Einmarsch von AK und Roter Armee Stalins Befehle zur Zerschlagung der bewaffneten "Nationalpolnischen Gruppierungen" in Litauen wie vorher in Wolhynien durchgeführt wurden.

    Insgesamt fielen am Ende 20.000 Kämpfer der Armia Krajowa den sowjetischen Truppen zum Opfer.

    Unter Stalins Herrschaft konnte es ebensowenig andauernde Freiheit geben wie unter Hitler.


    Vgl. das Zitat aus Wikipedia:


    "Die A.K.-Angehörigen wurden am 15. Juli von NKWD-Truppen unter dem Befehl von Iwan Serow entwaffnet und ihre Offiziere einschließlich des Befehlshabers Krzyżanowski verhaftet. Einheiten der A.K., die sich dem Befehl zur Entwaffnung widersetzten, wurden von den sowjetischen Truppen zerschlagen, wobei viele A.K.-Angehörige getötet wurden."

    http://de.wikipedia.org/wiki/Operation_Bagration


    Es wurden nur noch Verbände mit kommunistischer Ausrichtung unter sowjetischer Führung geduldet.

    Schließlich hatte Stalin nach Aufdeckung einiger sowjetischer Massenmorde an polnischen Staatsbürgern 1943 bereits jegliche Beziehungen zur polnischen Exilregierung in London abgebrochen:


    Quote

    Trotz der Bitten von Roosevelt und Churchill, es nicht zu tun, erklärte Stalin am 25. April 1943 den Abbruch der Beziehungen zu Polen. Damit isolierte er Polens Exilregierung in der Anti-Hitler-Koalition und stellte die Weichen für ein kommunistisches Nachkriegspolen ohne Rücksicht auf westliche Interessen.[5]

    https://de.wikipedia.org/wiki/…In_England_(ab_Juni_1940)


    Trotzdem hatte die der polnischen Exilregierung unterstehende AK tapfer an der Seite der Roten Armee die Einnahme Wilnas unterstützt:


    Quote

    "Die AK, mittlerweile etwa 6000 Soldaten stark, kämpfte vom 7. Juli bis zur Kapitulation der Reste der deutschen Garnison am 13. Juli auf sowjetischer Seite.

    [...]

    Am 14. Juli meldete einer der Untergebenen Krzyzanowskis nach London: "Wilna erobert unter großer Beteiligung der AK, die in der Stadt ist. Große Vernichtungen und Verluste. Beziehungen zur Sowjetarmee augenblicklich korrekt. Gespräche werden geführt. Wilna hat einen sehr kurzen, aber wie erfreulichen Augenblick der Freiheit erlebt. 14 VII - das Polentum der Stadt ist augenfällig."

    Der "Augenblick der Freiheit" sollte in der Tat "sehr kurz" bleiben. [...]"

    (Wlodzimierz Borodziej, Der Warschauer Aufstand 1944, Frankfurt a. M. 2001, S. 86-87.)


    "Das Polentum der Stadt" war laut Borodziej natürlich auch deshalb augenfällig, weil im Juli 1944 fast nur noch polnische Einwohner in Wilna zurückgeblieben waren:


    "Am 3. Juli erging an die AK-Einheiten der Bezirke Wilna und Nowogródek der Befehl, für den 7. Juli kurz vor Mitternacht in Angriffsstellung vor der Stadt bereitzustehen.

    Die Operation Ostra Brama entpuppte sich allerdings als Fehlschlag.

    [...]

    Der wichtigste Grund für den Mißerfolg bestand vermutlich jedoch in den Veränderungen in der Stadt selbst. Zwar verließen bis zum 4. Juli litauische Kollaborateure, deutsche Beamte und Zivilisten beider Nationalitäten oftmals fluchtartig die Stadt; sie soll in der zweiten Juliwoche von nicht mehr als 70 000 bis 80 000 Menschen, hauptsächlich Polen, bewohnt gewesen sein."

    (Borodziej, Der Warschauer Aufstand 1944, S. 84-86.)



    Leider imaginiert Borodziej dann eine deutsche Truppenstärke von über 17 000 Soldaten in Wilna (eine typische sowjetische Übertreibung), wo doch in den maßgeblichen deutschen Darstellungen von nicht mehr als 4000 Mann Kampftruppen in der Stadt ausgegangen wird:

    "Insgesamt 4000 deutsche Soldaten saßen in der Falle.”

    (Karl-Heinz Frieser, Der Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte im Sommer 1944, in: Karl-Heinz Frieser, Klaus Schmider, Klaus Schönherr (Hrsg.),Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Bd.8, Die Ostfront - Der Krieg im Osten und an den Nebenfronten, München 2007, S. 563.)


    Selbst die 3. Panzerarmee ohne Panzer und mit wenig KfZ von Generaloberst Reinhardt verfügte in den anhaltenden Rückzugskämpfen nur noch über maximal 4000 Soldaten (anstelle von Kampfpanzern verfügte sie aber Anfang Juni 1944 über 60.000 Pferde, war also eher als

    3. Pferdearmee anzusehen (ebenda, S. 532)).


    Wo sollten da die angeblich weiteren 13.000 kampfbereiten deutschen Soldaten in Wilna hergekommen sein, wie Borodziej meint.

    Aus polnischer Sicht hört es sich so aber vermutlich besser an, als wenn wie realiter 4000 angreifende AK-Kämpfer von 4000 deutschen Soldaten schnell abgewehrt werden konnten:


    "Der Angriff der AK auf Wilna begann am 7. Juli nach Mitternacht und blieb nahezu sofort im Sperrfeuer der Verteidigung liegen. Nach wenigen Stunden zogen sich die Partisanen morgens und am Vormittag auf ihre Ausgangspositionen zurück.

    Am selben Tag erschienen die ersten sowjetischen Panzereinheiten der 3. Belorussischen Front vor der Stadt."

    (Borodziej, a.a.O.)



    Zum Abschluß möchte ich noch einmal die jüdische Partisanin Rachel Margolis zitieren, die hier früher schon erwähnt wurde. Sie berichtet über die Begegnung ihrer sowjetischen Partisanen mit einigen beim Angriff auf Wilna zurückgeschlagenen AK-Soldaten:


    "Wir stoppten junge Burschen, AK-Leute, abgerissen und schmutzig. Einer erzählte:

    "Wir haben eine Position neben dem Friedhof in Rossa eingenommen, neben einer steinernen Brücke über die Bahngleise. Wir träumten davon, in die Stadt einzudringen und das Zentrum einzunehmen.

    Schließlich ist das unsere Stadt, eine polnische Stadt! Und schließlich haben uns die Sowjets erlaubt, um sie zu kämpfen."


    Der Junge weinte und konnte nur mit Mühe weitersprechen.

    "Es war ein furchtbarer Kampf. Die Deutschen setzten Panzer und Kanonen gegen uns ein. Alle sind gefallen. Nur die, die es schafften, in Deckung zu gehen, haben überlebt. Alle sind tot! Wir haben verloren!"


    Im Wald waren sie unsere Feinde gewesen, aber jetzt taten sie mir leid. Die Unseren hatten gesiegt. Vom Flugplatz aus starteten weiter Flugzeuge, bombardierten die Stadt, und die Lautsprecher riefen fortwährend zur Kapitulation auf.

    Mitglieder unserer Partisaneneinheit kamen, um uns abzulösen. Wir konnten uns ausruhen."


    (Rachel Margolis, Als Partisanin in Wilna. Erinnerungen an den jüdischen Widerstand in Litauen, Frankfurt 2008, S. 218 f.)



    Grüße,

    Bodo

    „Was wir im deutschen Widerstand während des Krieges nicht wirklich begreifen wollten, haben wir nachträglich vollends gelernt: Daß der Krieg schließlich nicht gegen Hitler, sondern gegen Deutschland geführt wurde.“ (Eugen Gerstenmaier)

  • Hallo Karl,


    danke für Deinen Hinweis zu dem Uniform-Problem!



    Hallo Bodo,


    vielen Dank für Deine interessanten und umfangreichen Anmerkungen, denen ich auch auf Grund meiner Recherchen zu meiner Wilna-Dokumentation voll und ganz zustimmen kann.


    Im Wald waren sie unsere Feinde gewesen, aber jetzt taten sie mir leid. Die Unseren hatten gesiegt.

    Diese Bemerkung von R. Margolis, zeigt, dass die jüdischen Partisanen in der Regel mit den sowjetischen Partisanen kooperierten oder gar ihnen unterstellt waren. Daher rührt wohl auch ein gewisser latenter Antisemitismus, welcher in der AK herrschte - welcher bekanntlich in dem ZDF-Dreiteiler "Unsere Mütter, unsere Väter" thematisiert wurde und schwerste Verstimmungen mit poln. Veteranenverbänden und auch der nationalistisch orientierten PiS-Regierung bewirkte.


    Man sieht, dass die Ereignisse damals noch heute üble Spuren in der aktuellen Politik hinterlassen haben...



    Gruß,


    Joseph

    Suche Informationen zum Füs.Bat. 170 im Zeitraum Juli 1944 und zur 269.I.D im Zeitraum Januar bis März 1945 (Festung Breslau)

  • Hallo zusammen,


    ich möchte evtl. Interessenten auf ein neues Buch des Schriftstellers Arno Surminski aufmerksam machen, in welchem der den Russlandfeldzug der "Großen Armee" Napoleons thematisiert und hierbei auch Wilna als Zwischenstation dieses Unternehmens einen beträchtlichen Raum widmet. Man passierte 1812 Wilna unter noch sehr angenehmen Umständen (wie auch 1941 fast am gleichen Tag, dem 24.Juni) und hoftte auf dem chaotischen Winter-Rückzug aus Moskau wieder auf angenehmen Aufenthalt in Wilna. Dieses entwickelte sich allerdings zu einem Danteschen Inferno mit Zehntausenden Hunger- und Frosttoten in der Stadt...



    1944 war es zwar im Juli für die eingeschlossen Besatzung von Wilna witterungsmäßig erträglicher, aber gleichwohl entwickelte sich auch hier eine Hölle ...



    Die folgende Karte stammt aus https://de.wikipedia.org/wiki/Russlandfeldzug_1812:


    1920px-Spruner-Menke_Handatlas_1880_Karte_11_Nebenkarte_2_(cropped).jpg


    Ich stehe seit etlichen Jahren mit Herrn Surminski in Verbindung. Sein Erstlingswerk "Jokehnen" brachte mich vor 44 Jahren dazu, mich mit dem früheren Ostpreußen zu beschäftigen und in der "Deutsch-Poln. Gesellschaft" mitzuarbeiten. Das hatte diverse auch sehr private Auswirkungen auf mein Leben...Herr Surminski teilte mir vor kurzem mit, dass er in seinem aktuellen Werk "Der lange Weg"


    https://www.amazon.de/lange-We…emel-Moskwa/dp/3784435084


    doch die eine oder andere Anregung aus unserer "Wilna-1944"-Dokumentation entnehmen konnte. Bei der Lektüre in seiner aktuellen Neuerscheinung kann man dieses spez. beim Thema der Wilna-Etappen dieses Feldzugs spüren...

    Vor einem Jahr habe ich auch Surminskis Kontakt zu einem litauischen Verlag hergestellt, dessen Besitzer auch hier in der Wilna-1944-IG aktiv ist - und von dem z. B. auch das o. a. Telefonbuch von Wilna aus dem Jahre 1944 stammt. Derzeit wird die Übersetzung zweier Surminski-Romane ins Litauische vorbereitet (Jokehnen; Sommer 44), welche sämtlich auch litauisches Publikum ansprechen könnten. Auch die Veröffentlichung des auch hier schon besprochenen Buches von Hinrich-Boy Christiansen ("Mit Hurra gegen die Wand") in jenem Verlag lief über diese Vernetzung.


    Man sieht also, dass die Wirkungen dieses Threads und der Forschungen zur Gechichte der Vorgänge um Wilna auch gewisse aktuelle Auswirkungen haben ...


    Was nun das neue Buch von A. Surminski betrifft, so ist es in dem typischen unaufgeregten Stil aller seiner Erzählungen gehalten - die Dinge werden aus der Sicht der sog. "kleinen Leute" dargestellt. Und diese Sicht ist nicht immer oberflächlich...



    Gruß,


    Joseph

    Suche Informationen zum Füs.Bat. 170 im Zeitraum Juli 1944 und zur 269.I.D im Zeitraum Januar bis März 1945 (Festung Breslau)

    Edited once, last by Joseph O. ().

  • Lieber Joseph,


    vielen Dank für diese Buchempfehlung. Eines der ersten Bücher, die mich auf dieses Thema einstimmten, war in der Tat Arno Surminskis "Vaterland ohne Väter". Ich bin daher sehr beeindruckt, dass Du Surminski so nahe gekommen bist und wohl auch etwas inspirierst hast. Ich habe mir dieses Buch bestellt. Auch in dem von mir erwähnten Buch wurde der napoleonische Feldzug immer wieder in Bezug gebracht.


    In einer kleinen Kirche bei Newel präsentierte uns Ludmilla, die Direktorin des kleinen örtlichen Museums, eine sehr alten Standarte, "Napoleons Gonfanon"


    Ich finde die Parallelen zwischen den Feldzügen des großen kleinen Korsen und des größenwahnsinnigen "Führers" immer wieder erstaunlich.


    LG Justus

  • Hallo Joseph


    Ich denke ja, das kann man so nicht sagen. Der latente Antisemitismus bei einigen Teilen der AK (und mehr noch bei der NSZ) rührte nicht unbedingt ursächlich von der Kooperation jüdischer Flüchtlinge mit sowjetischen Partisanen her, als dass er auch ihre Ursache war. Jüdische Flüchtlinge waren immer in Gefahr wenn sie auf Bewaffnete stießen (egal welcher Nationalität und Zuordnung), doch die Chancen Hilfe zu bekommen und zumindest nicht angegriffen zu werden, war wohl bei sowjetischen Partisanen einiges geringer als bei anderen Gruppen. Es gab auch Anweisungen von der sowjetischen Führung, gegen Antisemitismus vorzugehen (mit begrenztem Erfolg, aber es gab sie), so dass sich die zunehmende Kontrolle über die Widerstandskämpfer positiv auswirkte. Es ist daher nur logisch, dass man sich eher den sowjetischen Einheiten anschloss - und damit in die wechselhaften Beziehungen zu polnischen Gruppen hineingezogen wurde.

    Einige Polen betrachteten die (zumeist aus der Not erfolgenden) Requirierungen jüdischer Gruppen einfach als Raub, weil man gegen eine Gruppe von "anderen" weniger tolerant war als gegenüber den eigenen Aktionen.


    Bei aller Abscheu gegen die gegenwärtige polnische Regierung kann ich aber auch die polnische Verstimmung über besagten Dreiteiler und die Art, wie darin die polnischen Widerstandskämpfer dargestellt werden, nachvollziehen. Wie das im Film nun mal oft so ist (vor allem, wenn man sich nicht sehr viel Mühe gibt), verkürzt das Gezeigte ein komplexes Gesamtbild radikal und lässt damit einen Fehleindruck von der Haltung der AK entstehen - es kam nämlich durchaus auch vor, dass diese mit jüdischen Flüchtlingen kooperierte bzw. ihnen half. Das war vielfach eine Frage der konkreten Situation und Abteilung. Wenn nun ein relativ negatives Bild der polnischen Widerstandsbewegung gerade von deutscher Seite als bestimmend und repräsentativ gemalt wird, ist schon verständlich, dass Polen das nicht gerade gut finden.


    Justus


    Na ja, zumindest was den Russlandfeldzug Napoleons angeht, so sind die Übereinstimmungen wohl geographischer Natur. Und das ist ja auch logisch, schließlich war die Wehrmacht an dieselbe Geographie gebunden und zu erheblichen Teilen immer noch eine marschierende/auf von Pferden gezogenen Fahrzeugen vorrückende Armee. Die taktischen Möglichkeiten und das Ausmaß der Operationen hatte sich geändert (wie auch die totalen Unterwerfungs- und Massenmordziele, die für Napoleon natürlich nicht festgestellt werden können), aber Wetter und Geographie diktierten ein ähnliches Vorgehen. Auch die russisch/sowjetischen Bevölkerungs- und Regierungszentren waren ja noch dieselben (relativ).


    Mit freundlichen Grüßen

    Marc

  • Moin Marc,


    dáccord! Genauso hatte ich es gemeint. Vielen Dank für die richtigstellende Ergänzung.

    Mein Einzeiler sollte nicht der unzulässigen Verkürzung oder Vereinfachung dienen, sondern Bezug nehmen auf literarische Besonderheiten im Werk Surminskis.


    LG Justus

  • Hallo Marc, hallo zusammen,


    in unserer Wilna-1944-Dokumentation habe ich versucht, dieses Konglomerat all jener Partisanenorganisationen im Bereich Polen und insbes. bei Wilna zu beleuchten.


    Ich stimme der Beurteilung von Marc zu, wenn er sagt, dass man Antisemitismus der AK nicht pauschal zuordnen darf - so, wie es der "UMUV"-Film des ZDF ein wenig oberflächlich gemacht zu haben scheint. Die Tatsache, dass die AK für ein Polen in den Grenzen von 1939 und die polit. Orientierung des letzten Stadiums der II. Republik (Pilsudski und seine durchaus als faschistisch zu bezeichnenden Nachfolger) stritt, legt einen zumindest durchgängig latenten Antisemitismus in der AK nahe.

    Die Vorkriegsphase der II. Poln. Republik war gekennzeichnet durch deutlich chauvinistische und auch antisemitische Aktivitäten: So unterdrückte man insbes. in Wolhynien die ukrainische Mehrheit, auch im ländlichen Litauen des Wilna-Gebiets war man wenig zimperlich mit der ansässigen Bevölkerung. Zum Antisemitismus in Polen in der Vorkreigszeit, aber auch insgesamt in Europa, kann man bei Götz Aly interessante Aspekte lesen:


    https://www.zukunft-braucht-er…egen-die-juden-goetz-aly/


    Die Unterdrückung der Ukrainer, welche bis zu ethnischen Säuberungen im Sinne von erzwungenen Umsiedlungen von Ukrainern und Neuansiedlung von poln. Bauern ging - abgesehen davon, dass man Hunderte orthodoxe Kirchen niederbrannte, führte dann 1943 unter dem deutschen Schutzschirm zu den schrecklichen Massakern der ukrainischen Bandera-Partisanen an polnische Nachbarn in Wolhynien mit mehr als Hunderttausend Opfern. Die Racheakte der AK in jener Gegend kosteten dann wiederum mehreren Zehntausend Ukrainern das Leben...


    Noch heute registriert man starke Spannungen zwischen dem jetzigen nationalistisch regierten Polen und nahezu all seinen Nachbarn. Ein Grund dafür ist die pauschale Verherrlichung aller Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime und dann in der Folge gegen das neu installierte kommunist. Regime der Nachkriegszeit.


    Manche der früheren Partisanen der AK kamen nicht mehr aus ihrer Rolle heraus und fanden nicht die Rückkehr in das gewohnte zivile Leben. So auch der aktuell sehr umstrittene "Held" der "Verfemten Soldaten" ("Żołnierze wyklęci") Romuald Rajs, dem man 80-fachen Mord an weißrussischer Dorfbevölkerung nachgewiesen hat:


    https://www.jstor.org/stable/j…etadata_info_tab_contents


    (ab etwa S. 121 unten)


    Vgl. auch:


    https://www.deutschlandfunk.de…ml?dram:article_id=411675


    Rajs war südlich Wilna in den Wäldern aktiv (vgl. frühere Beiträge) - es gab dort Gegenden, welche völlig in der Hand der Partisanen und nur die Straßen durch Patrouillen (Sicherungseinheiten) mehr oder weniger sicher waren (vgl. o. a. Kartenskizze).

    Das polnische IPN (eine Art "Gauck-Behörde") hatte Rajs vor Jahren schuldig gesprochen - vor einigen Tagen wurde er jedoch - in diesen "patriotischen Zeiten" der PiS-Regierung wieder durch die gleiche Behörde (nun durch PiS okkupiert) freigesprochen - und der ungehemmten Verehrung überantwortet.

    Und so rennen wie in jedem Jahr auch vor zwei Wochen uniformierte und bewaffnete (Attrappen?) Ultranationalisten (vgl. o. a. Video aus der ARD-Mediathek) gröhlend durch jene Dörfer, in denen Rajs vor Jahren gewütet hat.


    Aktuell wurde der polnische Botschafter in Weißrussland bez. dieser Angelegenheit ins Außenministerium einbestellt...


    http://wyborcza.pl/7,75398,24541859,bialoruski-msz.html


    (Vielleicht kann man mit einem Translator ein wenig verständlich machen...)


    Auch die Ukraine griff schon bei früheren Aktionen zu solchen Maßnahmen.


    Rajs wurde wegen dieser Anschläge und Morde vom kommunist. Nachkriegspolen zum Tode verurteilt und hingerichtet. Viele andere dieser "verfemten Soldaten" - auch von Eugen Hinnen in der "Wilna-1944"-Doku als "Waldmenschen" bzw. "Waldbrüder" bezeichnet und beschrieben, wurden von den Sicherheitsbehörden des kommunist. Regimes gefasst und nicht selten hingerichtet. Mir liegt noch ein Foto mit fünf durch die Sowjets erschossenen "Waldbrüdern" vor - darunter auch ein früherer deutscher Soldat, der sich diesen Partisanen angeschlossen hatte, um der sowjet. Gefangenschaft zu entgehen. Der Name ist dort angegeben, obwohl falsch geschrieben. Meine Recherchen ergaben, dass es in der Düsseldorfer Gegend solche Namensverwandtschaft gab. Ich werde demnächst mal bei Suchdiensten anfragen...

    Eugen Hinnen hat bei seinem ersten Besuch in Wilna 50 Jahre nach dem Ende des WW2 die (von den Litauern gepflegten) Gräber einiger seiner FJR-16-Kameraden besucht, welche sich auch diesen "Waldbrüdern" angeschlossen hatten - und - nach Jahren in den Wäldern - verraten und gefasst wurden...


    Was kann dieses aktuelle "Patriotische Theater" in manchen östlichen Nachbarländern (und auch bei uns?) lehren? Der Nationalismus wächst - "die Jugend" weiß nicht, was Krieg bedeutet (außer in PC-Ballerspielen?)... Hoffentlich gerät dieses alles nicht außer Kontrolle - zumal in der EU!



    Gruß,


    Joseph

    Suche Informationen zum Füs.Bat. 170 im Zeitraum Juli 1944 und zur 269.I.D im Zeitraum Januar bis März 1945 (Festung Breslau)

    Edited once, last by Joseph O. ().