Kesselausbruch Wilna ( Vilnius ) 1944

  • Guten Morgen,


    kein direkter Beitrag zum Thema, aber m.M.n. doch erwähnenswert:


    siehe Beweisfoto Bahnhofskommandant mit litauischer Geliebte


    Hallo Udo,


    nur eine freud'sche Fehlleistung, weil es hier im Thema um Wilna (Litauen) geht oder tatsächlich (eine erschreckend häufig festzustellende) Unkenntnis über das Baltikum?


    In Deiner Quelle steht als Bildtext:


    Quote

    ein Kommandant der Deutschen Reichsbahn mit seiner Geliebten und ihrem gemeinsamen Kind in den Straßen Rigas, Lettland


    Gruß
    Peter

  • Hallo Peter,


    mit einwenig Humor betrachtet, warum sollte es keine litauische Geliebte in Lettland geben? Udo wird sicherlich die Quelle nennen.


    Der Morgen fängt gut an.


    Paul


    G-W-G'

  • Hallo zusammen,



    "zurück nach Wilna":


    Ein "guter Geist", der Paul (Spohn) nahesteht, hat sich die Mühe gemacht, den russ. Text zu übersetzen, den Max freundlicherweise hier eingestellt hatte.


    Die Übersetzung müsste natürlich noch ein wenig "militärisch" überarbeitet werden, aber ich stelle sie mal einfach so hier ein - nicht ohne zu vergessen, Christel den Dank der "IG Vilnius" abzustatten: Dėkui!



    Hier nun der Text:



    " Als Beispiel der Einkesselung des Gegners in einer Stadt mit dessen anschließender Vernichtung dienen die Aktivitäten der 5. Armee zur Eroberung von Vilnius.


    Im Juli 1944 drangen Truppen der 3. Weißrussischen Front in das Territorium von Litauen ein. Unglaublich anstrengende Kämpfe gegen das deutsch-faschistische Heer entwickelten sich an einer Verteidigungslinie, die entlang der Flüsse Vilija und Vileika verlief und den Anmarschweg nach Vilnius und im Weiteren nach Ostpreussen sicherte.
    Die Garnison des Feindes in Vilnius bestand am Anfang der Operation aus 15.000 Soldaten und Offizieren, 270 Geschütze, ca. 60 Panzer und 50 Schützenpanzerwagen. Im Lauf der Kämpfe wurden sie durch Reserven verstärkt.


    Die Aufgabe unserer Truppen bestand darin, die starke feindliche Vilniuser Gruppe zu zerschlagen und die Stadt zu besetzen. Die Lage gestaltete sich derart, dass von Nordosten die 5. Armee zusammen mit der 3. Motorisierten Garde, und von Südosten die Truppen der 5. Panzergarde angriffen.
    Am 7. Juli gelang es 2 Brigaden (8. Brig. und 35. Brig.) der 3. Motorisierten Garde zusammen mit Pioniereinheiten der 5. Armee den Widerstand zu brechen, Zugang zur Stadt zu erlangen und in die Stadt einzumarschieren.


    Die 72. und 65. bewaffneten Einheiten – sie bildeten die erste Angriffswelle der 5 . Armee – umzingelten Vilnius von Norden und von Süden. Zusammen mit der 3. Motorisierten Garde und der aus Südosten kommenden 29. Panzereinheit der 5. Panzergarde stürmten sie am 8. Juli Vilnius.
    Unter Führung verbissener, harter Kämpfe bewegten sich unsere Truppen langsam ins Stadtzentrum und schlossen am 9. Juli mit den Kräften der 215. und 9. bewaffneten Divisionen die Front westlich der Stadt.


    Im Kessel verblieben 12-15.000 Soldaten und Offiziere des Gegners.


    Im Versuch die Stadt zu halten, und später um die eingekesselten Garnison zu retten, beorderten die faschistischen Kommandeure Reserven in die Region, es wurden starke Kontraattacken aus verschiedenen Richtungen begonnen.
    Um den Kontraattacken des Feindes zu widerstehen, errichteten unsere Truppen Barrikaden, die frühzeitig erfolgreich verhinderten, dass weitere Reserven durchkamen. Jedoch, als sich der Gegner mit 150 Panzern auf den Bezirk Maischegala konzentrierte, wurden aus den Kampfhandlungen in der Stadt motorisierte- und Panzereinheiten dorthin abgezogen, so dass in der Stadt die Kämpfe durch die bewaffneten Einheiten der 5. Armee fortgeführt wurden.
    Die Hauptkräfte der 5. Armee zusammen mit der 5. Panzergarde und der 3. Motorisierten Garde richteten sich gegen die Zerschlagung der Maischegalischen Gruppe des Gegners. Im Zeitraum vom 9. Bis 12. Juli wurde gegen diese feindliche Gruppierung gekämpft.
    Teile der 72. bewaffneten Einheiten, der 3. Motorisierten Garde und der 29. Panzereinheit wehrten alle Versuche des Gegners ab, sich nach Vilnius zurück zu bewegen, und drängten ihn nach Südosten von Maischegala ab in den Westen von Jewjje und Landvorovo. Durch die gleichzeitigen Errichtung von Barrikaden und der anschließenden Ausrichtung der Hauptkräfte auf die von Norden einfallenden Truppen blieben alle Versuche der Hitlertruppen, den Eingekesselten zu helfen, erfolglos.
    Gleichzeitig mit der Liquidierung der eingekesselten Garnison beschloss der Armeeführer die Angriffe in Richtung Kaunas auszuweiten.
    Vom 9. Bis 11. Juli wurden die in der Stadt agierenden Truppen durch Panzerabwehrkräfte verstärkt.


    Energisch und mutig handelnd fielen sie ins Stadtzentrum ein, am Ende des12. Juli teilten sie die eingeschlossene Gruppierung in zwei Teile. Am Morgen des 13. 7. unternahm der Feind einen Versuch aus der Stadt auszubrechen, jedoch erfolglos.
    Die Vilniuser Garnison war zerschlagen, ihre Überreste kapitulierten.


    (Übersetzung durch Max: Am Morgen der Feind versucht die Stadt zu verlassen, aber es gelang nicht. Die Vilniusgarnison wurde vernichtet, ihrer Resten kapitulierten (uber Bobruisker Ausbruch schreiben alle sowjetishen Quellen gleiches - Max) )


    Die Schlacht um Vilnius gilt als Beispiel wie die Kombination verschiedener Truppen die Besetzung großer Städte im ersten Anlauf ermöglicht. Durchgeführte Beispiele zeugen einmal mehr davon, wie Kämpfe zur Eroberung von Städten normalerweise gelingen, ohne dem Feind die Möglichkeit zu geben auf Kosten von eintreffenden Reserveeinheiten auszubrechen oder sich zu verteidigen, wie es in Vilnius passierte. Die Hauptkräfte der Truppe agierten zielgerichtet,mit hohem Tempo, führten große Manöver durch, wurden nicht in Frontalangriffe um die Stadt verwickelt und durch die Nutzung des Erfolgs der Pioniereinheiten umgingen die Stoßtruppen die Stadt und richteten Ihre Kräfte auf die Zerschlagung der nachrückenden Reserven des Gegners. ..."



    Es scheint sich also um einen Auszug aus einem Taktiklehrbuch der "Roten Armee" zu handeln.


    Edit: Kürzungen!



    Gruß,


    Joseph

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    Edited 5 times, last by Joseph O. ().

  • Hallo,



    Weil beide Unrecht haben und es eine ukrainische Geliebte war, siehe Text im Link! :D


    Gruß
    Tobias

    "Die Furcht trennt die, die folgen, von denen, welche selber führen."
    Kristian Eivind Espedal

  • Hallo Tobias,


    der im Text beschriebene Eisenbahner ist wieder ein anderer als auf dem Foto, ein erst Ende 1944 geborenes Mädchen wäre mit den Eltern im Mai 45 nicht mehr so spazieren gegangen und fotografiert worden Leider wird diese Doku nur alle 15 Jahre im Fernsehen gezeigt, es bleibt also offen, ob es bei höheren Eisenbahnern eine generelle Lebensweise war. Laut dem Buch "Eroberungen", R. Mühlhäuser, sind derartige Verhältnisse und Ehewünsche im Baltikum schon ab Mitte Juli 41 dokumentiert.
    Sowohl die Liebe auf dem ersten Blick, als auch mit Kalkül, um in einen riesigen Hof einzuheiraten. Wie im echten Leben, unabhängig von propagandistischen Vorgaben. Lesenswert, aber ein anderes Thema.


    Gruß
    Udo


    Peter: ja, ein echter Verwechsler, 3 unbekannte Länder nebeneinander mit ähnlich klingendem Namen laden wohl dazu ein.

  • Hallo zusammen,


    heute eine sehr traurige und nachdenklich stimmende Nachricht:



    Vorgestern, am 22.04.2015, ist Herr Dr. Fridolin Scheuerle in Mannheim verstorben.



    Herr Dr. Scheuerle war nicht unmittelbarer Zeitzeuge der Wilna-Kämpfe. Er wurde als Angehöriger des sog. "Fallschirm-Panzerkorps Hermann Göring" (angeblich gingen in diesen Verband die Reste des FJ.Rgt.16 auf) in der Nähe von Kaunas gefangengenommen.
    Er verbrachte seine anschließende sowjetische Gefangenschaft überwiegend im Wilnaer Lager 195/1, wo er und seine Leidensgenossen beim Wiederaufbau der Stadt mitzuwirken hatten.


    In dieser Zeit erfuhr er sehr große Hilfe durch polnische und litauische Bewohner Wilnas - eine von ihm zunächst ungläubig wahrgenommene Anteilnahme. Diese Unterstützung durch "einfache" Leute half ihm, diese sehr harte Zeit zu überstehen.


    Nach dem Fall des "Eisernen Vorhangs" kam Herr Dr. Scheuerle zurück nach Wilna. Er gründete dort in der Nähe des Basilius-Klosters eine litauische Dependance seines Mannheimer Unternehmens.


    Vor allem jedoch versuchte er über seine "Delta-Stiftung", etwas von der ihm zuteil gewordenen Hilfe zurückzugeben: Unter anderem vergab er an zahlreiche Studenten aus Vilnius (mit lit., poln. und russ. "Wurzeln") Stipendien für ihr Studium an deutschen bzw. anderen Universitäten.


    Wegen der Verdienste seiner Stiftung um die litauisch-deutsche Freundschaft wurde ihm am 29.05.1997 der Titel eines "Ehrensenators" der traditionsreichen Universität Vilnius verliehen - zwei Jahre danach erfuhr er die gleiche Ehrung durch die Universität Mannheim.


    In zwei kleinen im Selbstverlag herausgebrachten Schriften ("Erinnerung aus einem Totenhaus"; "Spuren im Schnee") hat Herr Dr. Scheuerle seine Erlebnisse während der Zeit seiner Gefangenschaft geschildert. Freundlicherweise stellte er mir diese Texte zur Verfügung - ein intensiver Austausch darüber schloss sich an.



    Erst vor wenigen Wochen teilte er mir seinen Wunsch mit, in diesem Jahr gemeinsam mit seinem Freund Eugen Hinnen wieder einmal das schöne Vilnius zu besuchen ...


    In unseren Gesprächen und vor allem in seinen Schriften wurde eine sehr intensive Liebe zu Vilnius und seinen Bewohnern spürbar - gewiss ein Echo der von ihm dort empfangenen Herzlichkeit und Hilfe.



    Mit Herrn Dr. Fridolin Scheuerle verliert die "Interessengemeinschaft Vilnius 1944" einen wichtigen Zeitzeugen und Motivator. Er hat sich auch bei der Erstellung der kurz vor dem Abschluss stehenden Wilna-1944-Dokumentation verdient gemacht.



    Joseph

    Suche Informationen zum Füs.Bat. 170 im Zeitraum Juli 1944 und zur 269.I.D im Zeitraum Januar bis März 1945 (Festung Breslau)

    Edited once, last by Joseph O. ().

  • Hallo zusammen,


    auch mich berührt der Tod von Dr. F. Scheuerle. Wieder verlässt uns ein Zeitzeuge, dessen Erlebnisse wir in mahnender Erinnerung behalten sollten. Seine Berichte vom Leben und den Kämpfen an der Ostfront sowie von der anschließenden Kriegsgefangenschaft im Wilnaer Lager 195/1 haben unsere Kenntnisse dazu vertieft. So oder ähnlich hatte es auch die WH-Angehörigen treffen können, die im Kessel von Wilna eingeschlossen waren.

    Ein Mitgefangener im Lager 195/1 war Willi Gehrmann, der dort mit 25 Jahren (am 9.2.1945) starb. Zu dem Fall und dem Lager wurden im folgenden Thread weitere Informationen zusammengeführt, vgl. Mein Vater - Vermisst in Wilna 1944 (vom 30.03.2013).
    An Joseph vielen Dank für die Mitteilung und die Würdigung von Dr. Scheuerle.

    Wulf

    Suche Infos zu Wilna44, zu KG-Lagern im Baltikum und im russ. Rjasan.

    Edited once, last by radio4wk ().

  • Hallo,


    die Würdigung von Herrn Scheuerle durch Joseph O. berührt auch mich. Es ist eine vorbildliche Lebensgeschichte in einer sehr schweren Zeit. Danke dafür.


    Einen guten Abend


    Horst

  • Hallo,


    ich möchte an dieser Stelle und anlässlich des Todes von Dr. Fridolin Scheuerle einen Auszug aus dem Epilog der "Wilna-1944-Dokumentation" einstellen. Ähnliche Gedanken sind gewiss so manchem Kriegsgefangenen des Lagers 195/1 in Wilna durch den Kopf gegangen ...


    "Wilna 1945 (Von Hannsferdinand Döbler[1])


    Kein Gedanke an Auschwitz, noch ist der Name weithin unbekannt. Kein Gedanke an die Millionen russischer Gefangener, die in den deutschen Lagern buchstäblich verreckt sind.
    Kein Gedanke an Stukenbrock, das Todeslager in Westfalen: das alles liegt für uns im Nebel der Vergangenheit, im Nebel der Zukunft, Sommer 1945. Wir stehen im Lager Wilna III auf dem Appellplatz zwischen den Baracken: Zählung.
    Das Ritual in allen Lagern des Kontinents, es wird gezählt, die Zahl entscheidet: Belegung, Verpflegung, Arbeitseinsatz. Alles hängt von Zahlen ab.
    Einzelne interessieren nicht mehr, falls sie nicht sozial nützlich sind. Friseure schneiden die Gefangenen kahl, der Kopfläuse wegen.
    Die Gefangenen erleben das als pure Schikane. Sie wissen noch nicht, auf welche Stufen des Elends sie selbst sinken werden.
    Und noch viel weniger erinnern sie sich, wie kaltherzig sie selber gewesen sind, als sie noch Uniform trugen und sich als Herren Europas fühlten – Macht wirft lange Schatten: Arroganz, Kälte, Brutalität.
    Und sie wissen auch nicht, welche Leiden alle die Menschen erdulden mussten, die "ins Reich" verschleppt worden sind. Als Arbeitssklaven.
    Wir stehen auf dem Appellplatz zwischen den Baracken und frieren, zum dritten Mal wird gezählt, "dawai, dawai"!
    Wir werden nicht geschlagen, nicht in den Elektrozaun gestoßen, nicht "selektiert" außer für die Heimtransporte der Entkräfteten und Kranken, wir ahnen nicht einmal, wie gut wir es haben, verglichen mit dem Russenlager Bergen-Belsen, und wie schlecht, verglichen mit Lagern in Arizona oder Cumberland.
    Wir haben nur einen Gedanken: wann werden wir entlassen, denn nach dem Völkerrecht sind Kriegsgefangene unverzüglich in ihre Heimat zu entlassen.
    Wir sind eine Masse heruntergekommener, abgemagerter, verzweifelter Männer und erleben die Gefangenschaft als ein äußerstes Elend.
    Das klingt heute wie Hohn, denkt man an die Flüchtlingslager in Asien, Afrika. Es heißt, wir werden zwanzig Jahre in Russland arbeiten müssen, um wieder aufzubauen, was wir Deutschen zerstört haben.
    Es heißt aber auch, wir würden bald entlassen. Langsam verfällt, was wir Haltung nennen, groß ist der Hunger, und das Selbstmitleid wächst.
    Ein Kriegsgefangener ist kein Tourist, er bewegt sich nur so weit, wie bewaffnete Posten ihn begleiten, zwischen dem Lager und dem Arbeitsplatz: eine Baustelle mitten in der Stadt; wir müssen die Gedimino, die Hauptstraße Wilnas, entlang marschiert sein, vorbei an der barocken Kirche, in deren Torbogen das Bild der Muttergottes thront.
    Neben mir zog einer die Fellmütze und bekreuzigte sich – ich verstand das nicht, bis er es mir erklärte und auch vom Herzen Pilsudskis sprach, das dort in einer Flöte der Orgel beigesetzt sei.
    Was gab es für Arbeitsplätze, was sah ich von Wilna? Auf dem Eis der Wilija schnitten wir Blöcke für die Kühlräume der Brauerei zurecht, transportierten sie auf Schlitten.
    An einer Brücke haben wir gebaut, die hölzernen Pfeiler mussten von Hand in den Untergrund gerammt werden. Einige aus dem Lager arbeiteten in der Universität, andere als Umzugskommandos, die Möbel durch die Stadt transportierten.
    Wir sprachen Polen, die von Deportationen berichteten, Polen seien in langen Güterzügen nach Osten verschleppt worden, jetzt nach dem Krieg.
    Wir sprachen Litauer, die von Befreiung "vom russischen Joch" träumten und über die Juden ihre Witze machten, wir sahen jüdische Menschen, woher kamen sie?
    Niemand erfuhr es, wir wussten nichts. Kein Wort übers Ghetto in Wilna, über die Mordaktionen unserer Truppen, seien sie SS- oder Wehrmachtsangehörige gewesen, Begriffe wie Holocaust oder Shoah waren noch nicht bekannt.
    Und von der uralten jüdischen Kultur des alten Wilna der Rabbi, der Talmudschulen? Kein Wort, auch nicht Bruchstücke eines Wissens; schon immer war Ignoranz die Wegbereiterin blinder Barbarei.
    Das alles liegt, während ich diese Sätze schreibe, fünfzig Jahre zurück, ein halbes Jahrhundert. Meine Erinnerungen, die ich in meinen Büchern festhalten konnte, sind verblasst bis zur Unkenntlichkeit.
    Damals, als ich in zerschlissener Uniform, eine Pelzmütze auf dem kahlgeschorenen Schädel, angetrieben von russischen Posten, durch Wilna marschiert bin, habe ich keinen Gedanken auf die Menschen verwandt, die hier seit Jahrhunderten gelebt haben müssen, und ich habe mir damals nicht träumen lassen, dass ich einmal von der polnischen, jüdischen und litauischen Dimension des Lebens in dieser Stadt erfahren würde und von der ihr eigentümlichen Kultur, die zu einem wesentlichen Teil durch uns ausgelöscht worden ist."


    [2][1] Hannsferdinand Döbler (1921–2004) ist Autor des dargestellten Epilogs. Er war vier Jahre in sowjetischer Kriegsgefangenschaft, auch im Lager 195/1 Wilna. Sein Hauptwerk als Sachbuchautor ist die zwölfbändige Kultur- und Sittengeschichte der Welt. Bekannt wurde er auch als Romanschriftsteller, wie z. B. durch sein Buch: Nie wieder Hölderlin - Roman einer Rückkehr; vgl.: http://de.wikipedia.org/wiki/Hannsferdinand_D%C3%B6bler.
    [2] Epilog aus Dunin-Horkawicz, Janusz, "Wilna – verlorene Heimat: Jugenderinnerungen eines polnischen Bibliothekars (1936–1945)", Hannover (Laurentius) 1998.



    Gruß,


    Joseph

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    Edited once, last by Joseph O. ().

  • ... und noch ein Nachtrag aus dem Erinnerungsbuch von Dr. Scheuerle "Spuren im Schnee" - auch ein Nachwort ...


    "...Im Herbst 1999 saß ich wieder einmal im Basilius-Kloster auf
    dem Baumstumpf jener alten Eiche vom 1946, am Fuße der "drei
    Hierarchen". Da fiel mein Blick am Fuß jener großen jungen litau-
    ischen Eiche auf den zartgrünen Spross einer halb zerquetschten,
    winzigen Eichel. Ich wickelte sie in ein feuchtes Taschentuch und
    sammelte noch 20 weitere dazu. Wieder daheim versuchte unsere
    Rosen-Gärtnerin Bärbel auf ihrer Blumen-Terrasse diese und die
    eine gequetschte Frucht anzupflanzen. Doch nur jene eine gedieh
    und wuchs zu einem wunderschönen jungen Bäumchen."


    Gruß,


    Joseph



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  • Hallo zusammen,


    bei einer kleinen Recherche bez. der Nachrichtenabteilungen im Bereich Wilna - der Zeitzeuge Hans L. war bekanntlich Funker beim Stadtkommandanten Stahel - stieß ich auF folgende Merkwürdigkeit:


    Es war die Rede (Quelle: NARA T313R328 Blatt 31) von der 131. I.D., welche am 08.07. angeblich bei Landwarow (heute: Lentvaris) in Ausladung begriffen war. Ein Funkkontakt sei hergestellt worden ...


    Nun habe ich bisher keinerlei Unterlagen darüber vorliegen, dass diese Division im Bereich Wilna überhaupt eingesetzt war. Wenn sie bei Landwarow ausgeladen hätte, dann müsste sie (oder Teile davon) zu den Einheiten gehören, welche später die Kampfgruppe Tolsdorff bildeten.
    Zur Zusammensetzung dieses dort später ebenfalls eingeschlossenen Verbandes gibt es lediglich die folgenden Informationen:


    Füs.Rgt.22
    Stab Fallsch.Jg.Rgt. 16 mit I. und III. Btl.
    Stab Gren.Rgt. 1068 u. 1 Sch.Kp.
    Kpf.Marsch Btl. 104
    Teile Gren.Brig. 761
    1 Pionier Kompanie
    Stab Sich.Rgt. 609
    2 Artillerie-Batterien
    1./Gren.Rgt. 1067


    Möglicherweise gehörten einige der hier gelisteten Einheiten zur 131. I.D. ...?



    Auch im LdW fand ich keinerlei Hinweis, dass die 131. I.D. in die Wilna-Kämpfe involviert war ...



    Vielleicht fällt jemandem etwas dazu ein?



    Gruß,


    Joseph

    Files

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    Edited 2 times, last by Joseph O. ().

  • Hallo zusammen,


    auch, wenn es nicht so recht zu diesem schönen Feiertag passt, möchte ich doch eine Frage an unsere Spezialisten bez. Vermisstenbildliste, etc. richten:


    Ich erhielt gerade eben aus Vilnius Unterlagen (aus russ. Archiven), die Dokumente (in russ. Sprache) und ein Foto zu einer Hinrichtung litauischer Partisanen durch den NKWD betreffen.
    Das schreckliche Dokumentations-Foto des NKWD, welches die Erschossenen zeigt, möchte ich hier nicht einstellen ...


    Unter den Toten befand sich auch ein deutscher Soldat, der mit "Buvęs Vokietijos kariuomenės karys Ugo Šliteris-Kaizeris" bezeichnet wurde. Dieser hatte sich damals nach seiner Flucht aus einem Gefangenenlager den lit. Partisanen
    angeschlossen - die Gruppe dieser sog. "Waldbrüder" wurde durch NKWD-Truppen gestellt ...


    Der Zeitzeuge E. Hinnen berichtete ebenfalls zu ähnlichen Vorfällen - er verlor etliche Kameraden auf diese Weise. Ich möchte nun prüfen, ob es sich evtl. um die von ihm angesprochene Aktion handelt. Diese Hinweise von E. Hinnen sind in früheren Beiträgen in diesem Thread bereits angesprochen worden.


    Der o. e. deutsche Soldat könnte Hugo Schlüter-Kaiser geheißen haben, wenn man die litauische Bezeichnung lautmalerisch "übersetzt". Meine Recherche im Internet ergab, dass es z. B. in Lüdinghausen derartige Namen gibt.


    Weiterhin erhielt ich heute von einem lit. "IG-Vilnius-1944"-Mitglied sehr detaillierte Pläne zu bisher noch nicht untersuchten Lagerfriedhöfen - z. B. zum KGL 195.


    Diese Unterlagen sowie auch eine pdf des letzten Version meiner Dokumentation habe ich gerade an den VDK z. Hd. Herrn Schock weitergeleitet. Dieser reagierte prompt - trotz des Feiertags (!) - und kündigte eine Reise nach Vilnius Ende Mai an. Er stellte intensivierte
    Untersuchungen vor Ort in Aussicht - der VDK wolle nun die Arbeit in Litauen generell verstärken.


    Aber aktuell wäre die Frage interessant, ob es irgendwo in den Datenbanken einen Hinweis auf Hugo Schlüter-Kaiser gibt ...


    Ich wünsche trotz dieser Thematik noch einen angenehmen Feiertag!


    Joseph

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    Edited once, last by Joseph O. ().

  • Hallo zusammen,


    ich möchte in Ergänzung zu dem voraufgegangenen Beitrag noch erwähnen, dass sich der für Mittel- und Südosteuropa zuständige VDK-Mitarbeiter, Herr Thomas Schock, derzeit in Vilnius aufhält, um die mit den neuen Dokumentenfunden und auch mit anderen Hinweisen der "IG Vilnius 1944" zusammenhängenden Fragen zu besprechen. Somit kommt nun langsam etwas Bewegung in die Nachforschungen vor Ort ... Die Zeit drängt - die letzten Augenzeugen könnten noch wertvolle Hinweise geben ...



    Bei dieser Gelegenheit möchte ich auch noch auf einen aus meiner Sicht hervorragenden mehrseitigen Bericht zur Arbeit des Umbettungsdienstes des VDK im der Zeitschrift "Der Spiegel" (17/2015, S. 48 f.) hinweisen.


    Falls Interesse daran besteht, stelle ich gerne einen Scan dieses Artikels zur Verfügung.



    Gruß,


    Joseph

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  • Hallo zusammen,


    ich bin vor einigen Tagen in den Besitz einer (sehr schlechten) deutschen Übersetzung einer Abhandlung gelangt, welche von einem wohl russ. Historiker zu den Wilna-Kämpfen erstellt wurde. Ein wenig davon habe ich in die Wilna-Doku eingebaut – hier ein paar Auszüge daraus:


    "[…] G. Suchorukovas, stellte in einer Abhandlung[1] fest, dass in Wilna gar eine deutsche Überlegenheit von 10:7 vorgelegen habe[2]. Es wurde zudem davon berichtet, dass die deutsche Führung zur Verteidigung Wilnas 11 Divisionen, darunter 6 Panzerdivisionen, aufgeboten hatte. Weiterhin habe man folgende Maßnahmen zur Verstärkung der Garnison unternommen:


    1. Kontrollen aller Straßen durch Litauen, um dort flüchtende WH-Angehörige aufzufangen.
    2. Durchsuchung aller Eisenbahntransporte nach Kampffähigen.
    3. Befreiung aller Gefängnisinsassen in Wilna und Einsatz dieser Personen bei Schanzarbeiten.
    4. Durchsuchung aller Lazarette nach Verwundeten, welche noch gerade eben ein Gewehr tragen konnten.
    5. Zwangsarbeit von Teilen der Stadtbevölkerung bei Verteidigungsvorbereitungen.
    6. Verlegung von Truppenverbänden von der Narvafront (1 Division) aus Ostpreußen (1 Brigade) und eine "Schar" aus Dresden.


    Insgesamt habe die Besatzung von Wilna eine Gesamtstärke von etwa 15000 Mann, 40 Panzern und 420 Maschinengewehren gehabt.


    Viele Klöster, Kirchen und andere Gebäude "mit dicken Mauern" seien zur "Einrichtung von Beschießungspunkten"[3] benutzt worden. Die Gebäude in der Innenstadt seien zur Verteidigung vorbereitet worden.
    Wie allein ein Blick auf die konfuse Darstellung der Personalstärken und der erwähnten militärischen Verbände zeigt, sind die Angaben hier besonders fragwürdig. Die Maßnahmen 1, 2 und 4 waren an der gesamten Front üblich und oblagen der Feldgendarmerie ("Kettenhunde") – zu Pos. 3 und 5 liegen keine offiziellen Informationen vor.


    Lediglich die Truppenverlegungen sind zutreffend und bestätigt, wenn auch die "Schar" aus Dresden nicht identifiziert werden konnte.


    Der Autor verweist noch darauf, dass die sowjetischen Truppenführer Erfahrungen im Häuserkampf besaßen: Der Kommandeur der 5. Armee, Generaloberst N. Krylov sei Stabschef der 62. Armee gewesen – jener Einheit, welche Stalingrad heldenhaft verteidigt habe.
    Die Rolle des Stadtkommandanten, General Stahel, wird sehr fragwürdig dargestellt: Er sei mit einer Gruppe von Offizieren in der Nacht zum 13.07.1944 geflohen und habe seine Soldaten in Stich gelassen. Zunächst habe er den Befehl gegeben, die Stadt unbedingt zu halten. Später, nach geglückter Flucht, sei dann von ihm befohlen worden, den Fluss zu durchqueren und aus dem Kessel auszubrechen.


    Lediglich einer kleinen Gruppe von 1000 Soldaten sei dann beim Wald von Bukčiai (Buchta)[4] doch noch über den Fluss gelangt. Als sich diese dann am Ufer der Neris zurückziehen wollten, seien sie bei den Dörfern Jaciunai[5] und Neravai durch die 271. Division der RA vernichtet worden. Es habe nur wenige Überlebende gegeben, welche sich im Wald versteckt hätten. Diesen sei es nicht gelungen, zu den schon 50 km entfernten deutschen Linien durchzukommen – sie seien später gefangengenommen worden.


    Insgesamt seien 7000 deutsche Soldaten in Wilna gefallen, 5200 seien in die Gefangenschaft gegangen …Gänzlich unseriös wird jedoch die Schrift von G. M. Sukhorukov bei der Darstellung der Rolle und des Schicksals der "AK"-Angehörigen:


    Diese von London gesteuerte Gruppe sei von deutschen Offizieren kommandiert[6] worden. Man konnte ungefähr 8000 "AK"-Kämpfer entwaffnen und viel Gerät und Munition für die Rote Armee erbeuten.


    Insgesamt erscheint die Schrift als eine Sammlung von belanglosen und verworrenen Berichtsfetzen, welche wesentliche Teile der Ereignisse vollkommen außer Acht lassen, andere völlig verfälschen.


    Eine kleine Episode daraus soll aber dennoch erwähnt werden:


    Ein gewisser Leutnant Lawrischev habe unter den deutschen Gefangenen in Wilna ein bekanntes Gesicht entdeckt. Nach einem kurzen Verhör ergab sich, dass es sich um Oberleutnant Hans Werner handelte, der Lawrischev drei Jahre zuvor im Moldau-Gebiet gefangengenommen bzw. ein Gefangenenlager geleitet habe. Lawrischev war damals die Flucht aus dem Lager mit Hilfe eines Pferdes gelungen. Werner konnte sich an dieses Ereignis erinnern … [...]"


    Man kann an diesem Beispiel erkennen, wie stark die Geschichtswissenschaft von Ideologie geprägt sein kann. Man könnte sogar so weit gehen, dem Autor das Fehlen gewisser Grundfertigkeiten eines "Historikers" vorzuwerfen …



    Gruß, Joseph



    [1] Grigoriǐ Mikhaǐlovich Sukhorukov, Vilniaus ir Kauno išvadavimas iš vokiškųjų fašistinių okupantų, 1944 metai, Leidykla Mintis, Vilnius 1964.
    [2] Unter diesen Bedingungen wäre ein erfolgreicher Angriff der RA gegen die befestigten deutschen Stellungen völlig illusorisch gewesen.
    [3] Es könnten mit dieser Formulierung evtl. Artilleriestellungen bzw. auch Artilleriebeobachtungspunkte gemeint sein.
    [4] Waldgebiet in einer Flusschleife der Neris (südwestl. Vingio-Park).
    [5] Diese Orte lassen sich im Umfeld von Vilnius nicht lokalisieren.
    [6] Trotz der sachlich falschen Darstellung möglicherweise ein Indiz für die angesprochene Kooperation zwischen WH und AK und ein möglicher und gerne wahrgenommener Vorwand für den NKWD, die "AK-Wilno" zu zerschlagen.

    Suche Informationen zum Füs.Bat. 170 im Zeitraum Juli 1944 und zur 269.I.D im Zeitraum Januar bis März 1945 (Festung Breslau)

    Edited once, last by Joseph O. ().

  • Hallo zusammen,

    nach längerer Pause möchte ich einmal wieder etwas "Flagge zeigen" und zwar aus einem bestimmten Anlass:

    Heute vor 71 Jahren, genauer in der Nacht vom 12. zum 13.07.1944, wurde der Ausbruchsversuch aus dem "Festen Platz" Wilna unternommen, welcher bekanntlich bereits in der ersten Phase (1. Neris-Durchquerung) zu einem Fiasko geriet. Am 13.07. erfolgte dann um die Mittagszeit die 2. Durchquerung ca. 20 km flussabwärts in den "rettenden Westen"- mit noch größeren Verlusten und in extremen Szenarien.

    Retten konnten sich nur ca. 2100 – 2200 von ca. 8000 Angehörigen der Wilna-Besatzung.

    Diese "Flucht" aus Wilna wurde in der Propaganda natürlich als gelungene Operation im Rahmen der Verteidigung gegen die 3. Weißrussische Front dargestellt. Letztere hatte zwar auch erhebliche Verluste, jedoch konnte das "Opfer" der in Wilna Gefallenen nichts Wesentliches hinsichtlich des Gesamtverlaufs von "Bagration" bewirken.

    Bei dieser Gelegenheit möchte ich darauf hinweisen, dass nun endlich spätestens Ende Juli die Wilna-Dokumentation abgeschlossen werden – und in Druck gehen kann. Mit dem Erscheinen kann also – höchstwahrscheinlich - im August gerechnet werden. Es wird sich um einen Band mit 530 Seiten incl. ca. 250 Abbildungen handeln. Der Erlös wird vollständig dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge zukommen.


    Der VDK wird nach jüngst eingegangenen Informationen seine Explorationen in Vilnius in enger Kooperation mit den dortigen Behörden und auch Mitgliedern der "IG-Vilnius-1944" verstärken und hierbei auch auf die Ergebnisse der Dokumentation zurückgreifen können. Die wesentlichen Informationen sind dem VDK selbstverständlich unmittelbar nach Bekanntwerden dieser Hinweise bereits vor längerer Zeit mitgeteilt worden, sodass die Arbeit in Vilnius nunmehr mit gewisser Aussicht auf Aufklärungserfolg fortgesetzt werden kann.

    Dass dieses alles möglich wurde, ist gewiss auch ein Teilerfolg des Informationsaustauschs über das und auch durch das FdW, womit dann wieder einmal die Sinnfrage eines solchen Forums positiv beantwortet wäre.

    In diesem Sinne

    nachdenkliche Grüße zum Jahrestag

    Joseph

  • Hallo zum 12. Juli,


    da ich mich hier auch an der Interpretation der Aussage von unserem erst kürzlich gefundenen Veteranen Hans L. beteiligt hatte, möchte ich heute die Aufklärung zum "Sootaga-Problem" bekannt geben. Hans L. hatte uns über sein persönliches Tagebuch und einen Einsatzbericht mitgeteilt, dass er mit seinem Funktrupp samt Fahrzeugausrüstung am 1. Juli 1944 von Sootaga zum Bahnhof Toila (bei Jöhvi) aufgebrochen war, von dort ging dann der Transport nach Wilna.


    In Estland gibt es erstaunlich viele Orte namens Sootaga. Das mag daran liegen, dass das Wort SOO - TAGA nach Auskunft eines estnischen Freundes so viel wie "hinter dem Waldmoor" bedeutet. Und davon gibt es offenbar viele in Estland. So hatten wir im Laufe der Diskussion verschiedene Orte namens Sootaga in Verdacht, die Ausgangspunkt für die Fahrt von Hans L. zum Verladebahnhof Toila gewesen sein könnten.


    So enthalten die Beiträge vom 11.12.2014 hier im Thread noch irrelevante Vermutungen und Karten. Die Recherchen und vor allem ein ausführliches Telefonat mit unserem Veteranen Hans am letzten Freitag (!) brachten dann einen eindeutigen Befund.


    Hans ist sich völlig sicher, dass seine Funkkompanie in dem Sootaga startete, welches unweit des Nurk-Sees in der Nähe des Bahnhofs Kuremäe lag. Der Funktrupp brach am 1. Juli 1944 mittags mit 2 Fahrzeugen auf, alles wurde am Bf. Toila verladen und ihr Zug fuhr pünktlich am nächsten Morgen um 2 Uhr ab.


    Damit ist die Frage beantwortet, ob der Anmarschweg von Hans eher 28 km oder 7 km lang war. Dasjenige Sootaga in der Nähe von Kuremäe liegt ca. 28 km vom Bf. Toila entfernt. Und damit ist die Vermutung zu Sootaga im Beitrag vom 12.12.2014 richtig und das später (Beitrag vom 19.12.2014) in der Heereskarte gefundene Sootaga mit nur 7 km Entfernung zu Toila der "falsche Freund".


    Zu Jöhvi und dem 3,5 km entfernten Verladebahnhof Toila könnt Ihr heute im Nachbarthema noch einige Einzelheiten und Bilder finden, s. => HIER.


    Beste Grüße
    Wulf

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  • Hallo Wulf,


    das läßt sich sehr schön auf der Heereskarte nachvollziehen, wobei der Bhf. Toila nicht eingetragen ist. Sootaga könnte das heitige Puhatu sein.


    Grüße
    Thilo

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  • Hallo Thilo und alle,


    ja, die Heereskarte ist genau richtig, aber zunächst wussten wir noch nicht genau, ob es das Sootaga von Hans L. war.
    Wenn Du noch mal in die Beiträge vom 12.12.2014 siehst => HIER und => HIER, findest Du auch schon die richtigen Karten. cabron hatte die hilfreiche Heereskarte beigesteuert.


    Auf einer Seite der => "National Geospatial-Intelligence Agency, Bethesda, MD, USA" finden sich sogar die Koordinaten dieses So(o)taga-Militärstützpunktes. Er liegt etwas unterhalb Puhatu neben der Straße Nr. 32 vom Peipus-See nach Toila, die Koordinaten lauten: 59° 11' 06" N - 27° 35' 04" E
    In Google maps wird dieser "Punkt in der Landschaft" heute auch "Jõhvi-Vasknarva" genannt, vgl. Anlage.


    Schön, wenn mal ein kl. Nebenproblem eindeutig geklärt werden kann.
    Grüße,
    Wulf

  • Hallo zusammen,


    anlässlich des Jahrestags zum Warschauer Aufstand und der Ausstrahlung eines polnischen Fernsehfilms "Warschau 44" möchte ich hier – auch im Zusammenhang mit "Wilna 1944" – eine Frage zur Uniform einiger Aufständischer stellen.
    Das Photo (vgl. Anhang), ein Symbol dieses Aufstandes, zeigt drei AK-Angehörige. Sie tragen eine eigenartige Uniform und deutsche Stahlhelme. Sie sind per Armbinde als AK-Kämpfer gekennzeichnet, tragen ihre Waffen offen und erfüllen damit formal die Vorgaben der Landkriegsordnung bez. Anerkennung als Kombattanten.

    Die Frage von meiner Seite wäre nun: Handelt es sich bei dieser Uniform um die deutscher Luftlandetruppen? Diese als "Knochensack" bezeichneten, sehr weit geschnittenen Jacken und Hosen (warum eigentlich?) sind ja typisch für die deutschen Fallschirmjäger des WW2. Offensichtlich, wenn es sich um diese Uniform handelt, haben sich AK-Kämpfer diese "besorgt"...

    Hierzu gibt es in den Aufzeichnungen des Wilna-Veterans E. Hinnen die folgenden Ausführungen:

    […] Da die 8,8 wieder abprotzte und anderen Orts wieder in Stellung ging, machten wir mit unserem sMG auch Stellungswechsel. Die Bedienungsmannschaft wurde immer wieder von Gewehrschüssen bedroht. Ich ging einmal auf Erkundung, lief den Strassengraben entlang an einer Pak vorbei, bis ich ein Maisfeld erreichte. Als ich hineinkriechen wollte, traf ich auf einen uniformierten Fallschirmjäger und fragte ihn: "Wo kommst Du her?" Er war derart erschrocken, daß er davonrannte und auf Polnisch schrie, um andere zu warnen. Nun waren meine Vermutungen richtig. Ich schoss mein Karabinermagazin durch das Gestrüpp leer und rannte zurück zu unserer Stellung. Nachdem ich an der Pak vorbei war, warnte ich unsere Mannschaft, dass dies nicht unsere sind, sondern Partisanen. Da konnte ich nun Frischmann mit Sicherheit sagen, unsere Leute waren in der Nacht überrumpelt worden.

    Wir waren von unserem Posten aus ca. 150 m vom Maisfeld entfernt. Frischmann rief: "Los, MG-Gurt rein!". Er feuerte los als MG-Schütze 1, bestreute dieses riesige Feld mit seinen Garben. Nach einer Feuerpause beobachteten wir die Wirkung. Heinz mit Feldstecher. Ich blieb ganz unten, hatte das Gefühl, daß es mir hie und da um die Ohren pfiff. Unser Stand gegenüber dem Maisfeld war praktisch ohne Deckung. PIötzlich sagte Heinz Frischmann: "Mensch, das sind ja unsere". Er stand auf und rief: "lhr schießt auf Eure eigenen Kameraden!" Ich beteuerte ihm: "Nein, Heinz, das sind Partisanen, ich habe sie gesehen". Erst als einer im Maisfeld aufstand und mit seiner MP auf ihn feuerte, begriff er die Situation. […]


    Offensichtlich trugen die AK-Angehörigen, bzw. einige der südlich von Wilna beim Flugplatz Porubanek eingesetzten Teile, diese deutschen Uniformen, welche hier anscheinend noch nicht eindeutig in eine AK-Uniform umfunktioniert" worden war. Es kam ja mehrfach zu diesen gefährlichen Verwechslungen.


    Ein Teil von Hinnens Bataillon, welche nach Wilna eingeflogen worden war, geriet während der Landephase der Ju 52 und unmittelbar danach in schwerste Kämpfe mit der RA (T 34) und auch mit der AK. Hierbei konnte sich ggf. dann die AK mit den Uniformen der FSJ versorgen (aus Täuschungsgründen?).

    Zwei Wochen nach den Wilna-Ereignissen brach dann der Warschauer Aufstand los, bei welchem dann wiederum diese eigenartigen Uniformen auftraten. Bei dem mittleren AK-ler handelt es sich um Bogdan Deczkowski (Tarnname „Laudański”), einem langjährigen Bekannten eines FdW-Mitglieds, dessen Vater ebenfalls beim Warschauer Aufstand auf Seiten der AK kämpfte.

    Es wäre nun die Frage interessant, ob es sich hier um AK-Truppen handelt, welche ihre Uniformen ggf. von der AK-Wilno bezogen haben und, ob es sich tatsächlich um Fallschirmjäger-Uniformen handelt …

    Im Übrigen war die Qualität des Films "Warschau 44" - ähnlich wie die von "UMUV" – etwas für ein Massenpublikum. Aber so muss es heute ja wohl sein. Und auch hier feierte wieder der "Zufall" wahre Urständ – alles natürlich aus dramaturgischen Gründen …



    Gruß,


    Joseph

  • Hallo,
    übrigens kann man HIER eine ZDF-Dokumentation zu "Warschau 44" sehen. Ich gebe zu, vieles davon war mir so im Detail nicht bekannt.... man spürt hautnah, wie wichtig es ist, die Erinnerung wach zu halten. Und das war knapp 3 Wochen nach dem Kesselausbruch aus Wilna, auch hier spielte Genltn. Stahel eine umstrittene Rolle...
    Grüße, Wulf

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