Kesselausbruch Wilna ( Vilnius ) 1944

  • Hallo Joseph,


    ich wäre sehr interessiert an deinen Eindrücken von deiner Sommerreise.


    Mit freundlichen Grüßen
    Günter

  • Hallo Günter,


    hier nun ein kurzer Bericht, welcher in dieser Form bereits in der lokalen Presse erschienen ist:


    " Reise in die Vergangenheit
    - Vilnius – keine Stadt zum Sterben -


    Vergangene Woche kehrte ein Team des Projekts „Wilna 1944“ (wir berichteten), von einer Zeitreise aus Litauen zurück, wo es zusammen mit weiteren Teilnehmern Vor-Ort-Recherchen anstellte und div. offizielle und private Besuche absolvierte.
    Nach Ankunft mit der Fähre in Klaipeda (Memel) besuchte man im ersten Teil der Fahrt die Kurische Nehrung und warf anschließend einen Blick auf die Luisenbrücke in Tilsit von der litauischen Seite aus. Anstelle des nicht auffindbaren Denkmals zur „Konvention von Tauroggen 1812“ begnügte man sich mit einem solchen zu Ehren der litauischen Partisanen, welche, im Westen vielfach unbekannt, bis 1953 einen opfervollen Kampf gegen das Sowjetregime und die Unterdrückung der litauischen Freiheitsbestrebungen führten.
    Über einen Abstecher in den südlichen Teil des ehemaligen Ostpreußen führte der Weg in
    die Stadt Suwalki, aus dessen damaligem Reservelazarett Franz Oevermann im Juni 1944 nach einer schweren Verwundung wieder an die Ostfront befohlen wurde, und gelangte bei immer noch bestem Sommerwetter in die „Weiße Stadt“ Vilnius (Wilna).


    Man kann Vilnius getrost als „Stadt der Kirchen“ bezeichnen – eine derartige Vielfalt auch der Baustile ist in Europa sicher nur selten anzutreffen.
    Hier traf man einen Mitstreiter am Projekt „Vilnius 1944“, den Verleger Karolis Mickevicius (Verlag „Briedis“), und seine Frau am bekannten alleinstehenden weißen Glockenturm der Kathedrale St. Stanislaus und St. Ladislaus. Herr Mickevicius ist übrigens ein Namensvetter des polnisch-litauischen Nationaldichters Adam Mickiewicz, ein Freund Goethes, der, in Weißrussland geboren, an der Universität in Vilnius studiert und gewirkt hat. Wegen seiner Mitgliedschaft in antizaristischen, konspirativen Bünden wurde Mickiewicz jedoch später des Landes verwiesen und setzte seine Arbeit im Ausland fort.
    Die litauischen Gastgeber nahmen sich die Zeit, die interessantesten Punkte dieser wunderschönen Stadt vorzustellen und auch einen Einblick in die litauische Küche zu geben.
    Hervorzuheben ist neben all den anderen Sehenswürdigkeiten das bekannte ehemalige Stadttor „Ostra Brama“ („Tor der Morgenröte“). Das dort aufbewahrte Bild der Muttergottes ist eines der bedeutendsten Heiligtümer Litauens und Polens. Seit jeher gilt das Madonnenbildnis als wundertätig und zieht jährlich zehntausende Pilger an, welche teilweise die letzten Kilometer auf Knien rutschend zurücklegen.


    Foto 3007: Ostra Brama (-)


    Pilger am „Tor der Morgenröte“


    Auf der Rückseite dieses Bauwerks befindet sich das litauische Wappen – in der Sowjetzeit der einzige staatlich geduldete Ort der Zurschaustellung dieses Nationalsymbols.
    Man erkundete noch einige Punkte der Stadt, welche auf alten Aufnahmen des bekannten polnischen Photographen Bulhak vom Juli 1944 aus dem zerstörten Wilna als Ruinen erkennbar waren und bewunderte die geleistete Aufbau- und Rekonstruktionsleistung.


    2 Fotos: alt (Vilnius_1944_hi) + neu (3003)


    Russ. berittene Truppen auf der Ausros Vartu gatve (wohl am 13.07.1944 unmittelbar nach Einnahme der Stadt; brennendes Eckgebäude)


    Der gleiche Ort heute (vgl. Pos. der Gullydeckel);
    das o. e. ausgebrannte Eckgebäude wurde nach dem Krieg abgerissen


    Nicht zuletzt dieser liebvolle Wiederaufbau der Stadt, welche man durchaus mit Krakau vergleichen kann, hat ihr im Jahre 2009 den Titel einer „Europäischen Kulturhauptstadt“ eingebracht.
    „Ostra Brama“ war jedoch auch das Codewort zur Auslösung des Angriffs der polnischen „Armia Krajowa“ (AK; Partisanengruppen) gegen die deutsche Besatzung in Wilna im Juli 1944.
    Der folgende Tag stand dann auch ganz im Zeichen der Arbeit und der Ortsbesichtigungen zum Projekt. Zunächst führte Herr Mickevicius die Gruppe an das Ufer der Neris zu einer Stelle, wo man auf Grund bestimmter Quellen den ersten Übergang der in der Nacht vom 12. auf den 13.07.1944 ausbrechenden deutschen Truppen vermutet. Der Fluss fließt an dieser Stelle zwar mit gewisser Strömung, aber doch sehr friedlich in vielfachen Schleifen durch Vilnius. Im Jahre 1944 soll jedoch der Wasserstand deutlich höher gewesen sein, da durch Wasserbaumaßnahmen in Weißrussland der Abfluss verringert worden sei.


    Foto 3922:


    Vor dem Aufbruch Studium alter Militärkarten (von l. nach r.: Seelhorst, Oevermann, Mickevicius)


    Auszug aus dem Tagebuch eines Überlebenden des AR 240 der 170. ID:



    Foto 3928
    Friedlich fließt die Neris (Wilja) heute durch ihr schönes Tal in Vilnius – an dieser Stelle fand vermutlich der nächtliche erste Übergang von der gegenüberliegenden Seite her statt


    Nach Angaben des Tagebuchautors haben nur ca. 20 % dieser Einheit (AR 240) den ersten Übergang geschafft.
    Nun folgte für die Überlebenden, darunter mehrere Hundert Verwundete, ein 12-Km-Marsch durch das hügelige Umland von Vilnius Richtung Westen. Beim Ort Kravciunai (Krawczuny) trafen die Kolonnen auf Verbände der AK und auf eine sowjetische Artilleriestellung. Nach heftigem Kampf mit beträchtlichen Verlusten auf beiden Seiten traf man bei Grigiskes (Waka Kowienska) erneut auf den Fluss.
    Alljährlich findet bei Krawczuny am 13. Juli eine Gedenkveranstaltung der AK statt, um an die Opfer der AK zur Befreiung vom Nazismus zu erinnern. In diesem Jahr soll dieses Treffen angeblich von Demonstranten gestört worden sein. Jedenfalls sah sich der eigentlich zu einem Gespräch mit der Projektgruppe bereite 89-jährige AK-Veteran Janusz Bohdanowicz nicht mehr dazu in der Lage – er war unmittelbar nach dieser Gedenkfeier tief enttäuscht aus Vilnius abgereist.


    Foto 3959: (-)


    Am Denkmal der AK bei Krawczuny


    Auch bei diesem 2. Flussübergang kann ein Auszug aus dem Tagebuch die Dramatik der Vorgänge nur annähernd wiedergeben:



    Man versuchte nun, nach langer und holpriger Fahrt am Ostufer des zweiten Übergangs Erkundigungen bei Anwohnern im Ort Bialuny einzuholen. Ein alter Mann und Zeitzeuge wies auf einige Stellen am Ufer: „Dort 1 Deutscher – dort 6 Russen!“ So wie in diesen Fällen werden entlang der Neris wohl auch heute noch Hunderte unbekannter Gräber aufzufinden sein – in absehbarer Zeit wird eine Suche zu spät sein. Ein Redakteur aus dem Verlag „Briedis“ berichtete, dass sein Vater als 15-Jähriger miterleben musste, wie zahlreiche in der Sommerhitze aufgedunsene Leichen in Höhe des ca. 15 km flussabwärts gelegenen Dorfes angetrieben worden seien.


    Foto 3953:
    Ungezählte Grablagen vor allem am Ostufer der Neris – im Bereich der Rasenfläche das angezeigte deutsche Soldatengrab


    Karte der AK zu den Ereignissen:

    Auf dem ersehnten westlichen Ufer der Neris bei Grigiskes gegenüber von Bialuny lag damals und auch heute noch das Gelände einer Papierfabrik – heute „AB Grigiskes“. Die Gruppe war durch die Geschäftsleitung eingeladen worden, das Gelände des zweiten Übergangs auch von dieser Seite in Augenschein zu nehmen. Nach einem kurzen Gespräch mit Generaldirektor Gintautas Pangonis, in dessen Verlauf auch ein Anschreiben und einige Materialien der Firma Delkeskamp aus Nortrup übergeben wurden, chauffierte man die Gäste mit einem Bus über das Betriebsgelände zu verschiedenen Punkten des Nerisufers, aber auch des Betriebsgeländes. Man hatte so auch die Gelegenheit, einen Einblick in die gelungene Sanierung und Restrukturierung dieses Werks nach der langen Phase der Planwirtschaft zu erhalten. Die Gebäude der Fabrik waren im Zuge der Kampfhandlungen 1944 nahezu vollständig zerstört worden.


    Foto 3072: (-)


    Stillgelegte Gebäudeteile (Aquädukt) aus der Kriegszeit


    So hat man dort gerade eine ökologisch sehr sinnvolle und hochmoderne Einrichtung zur Reststoffverwertung in Betrieb genommen. Die Belastung der Neris wird durch eine effektive Abwasserreinigung minimiert.


    Foto 3058: Gespräch mit der Geschäftsleitung der Papierfabrik „AB Grigiskes“


    Nicht weit von der Übergangsstelle bei Grigiskes findet man im Wald von Paneriai (Ponary) eine Gedenkstätte, wo ab 1941 ca. 100000 überwiegend jüdische Litauer von einer sog. „Einsatzgruppe“ ermordet wurden – es war der Auftakt zum planmäßigen Massenmord an den Juden.


    Nachdem man noch gemeinsam mit den Begleitern der Papierfabrik den kommunalen Friedhof in Grigiskes auf eventuell vorhandene deutsche Soldatengräber untersucht hatte – gefunden wurden ausschließlich Gräber von AK-Kämpfern, führte der Weg zurück nach Vilnius, wo man im Bereich des Stadtparks Vingio eine alternativ denkbare Stelle für den ersten Übergang prüfte und schließlich den in unmittelbarer Nähe liegenden deutschen Soldatenfriedhof besuchte.


    Zufälligerweise traf man dort auf eine Gruppe von Bundeswehrsoldaten aus Brandenburg, welche ihren Urlaub für einen freiwilligen Einsatz für den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge opferten.
    Es wurden zudem Protokollfragen für ein zwei Tage später auf dem Gelände des Friedhofs geplantes gemeinsames litauisch-deutsches Militärzeremoniell geklärt.
    Die Leiter der Gruppe waren gerne bereit, einige Fragen der Besucher zu beantworten.


    Foto 3041:


    Hauptfeldwebel Erdmann und Kolditz sowie J. Seelhorst am Ehrenmal des deutschen Soldatenfriedhofs Vingio-Park in Vilnius


    Auf den zahlreichen Stelen sind die Namen der bisher identifizierten Opfer eingemeißelt – der Name „Franz Oevermann“ fehlt … .


    Ein abendliches Essen in einer historischen Wassermühle bei Vilnius sowie letzte Absprachen zum weiteren Vorgehen beschlossen diesen kurzen, aber intensiven Besuch in Vilnius.
    Die internationale Projektgruppe aus Litauen, Polen, Russland und Deutschland wird nun ihre Arbeit in einem abgeschirmten Cloud-System des Internets fortsetzen – analog zum Wikipedia-Prinzip. Hierbei werden die Teilnehmer ihre Quellenmaterialien und Arbeitsergebnisse dort ablegen, auf welche dann alle Mitglieder das Zugriffsrecht haben. In einem finalen Stadium sollen dann die einzelnen Beiträge zu einer Dokumentation zusammengeführt und ggf. im Briedis-Verlag veröffentlicht werden. Dieser kleine aber feine Verlag hat neben dem Hauptgeschäft mit litauischen und polnischen Schulbüchern auch einen Schwerpunkt in der Kartographie, bei Reisführern (z. B. ein hervorragender Reiseführer zu Vilnius in deutscher Sprache) und der Militärhistorie. Daher ist man hinsichtlich der Endbearbeitung und Veröffentlichung hier sicherlich in den besten Händen.


    Die Reise führte nun zurück nach Klaipeda, von wo man noch einen Abstecher nach Nimmersatt – litauisch Nemirseta - unternahm. Die Ortschaft war bis 1920 als zur preußischen Provinz Ostpreußen gehörig der nördlichste Ort des Deutschen Reiches („Gruß aus Nimmersatt und Immersatt, wo das Deutsche Reich ein Ende hat“). Hier befand sich eine Grenzübergangsstelle mit Zollstation zwischen Deutschland und Russland. Heute ist Nemirseta ein westlicher Vorort des bekannten Ostseebads Palanga und besitzt ebenso wie dieses wunderschöne Badestrände.
    Auffällig war bei dieser Reise im Vergleich zu früheren der durchgängig geringere Anteil deutscher Touristen. Dieses mag mit der Vorliebe zu südlichen bzw. westlichen Urlaubszielen erklärt werden können. Möglicherweise ist die Ursache jedoch auch in einer deutlichen Abnahme des sog. „Heimwehtourismus“ zu sehen.
    Konstant geblieben jedoch ist die Zahl der Störche, welche sich seit jeher nicht für Grenzen und die kleineren und größeren Animositäten der Menschen in dieser nicht nur für Störche idealen Landschaft interessiert haben.
    Im vergangenen Jahrhundert war dieser Teil Europas vielfach Zankapfel der großen Mächte und der Schauplatz von Pogromen, was auch Gegenstand einer jüngst erschienenen Publikation von T. Snyder mit dem Titel „Bloodlands“ ist. Es bleibt zu hoffen, dass diese unseligen Abschnitte der Geschichte nun im Rahmen der europäischen Einigung endgültig der Vergangenheit angehören. Hierbei geht es nicht um ein pures Vergessen dieser Vorgänge sondern um deren Bewusstmachung vor allem hinsichtlich ihrer Ursachen.
    Unter diesem Aspekt sollte auch das angestoßene Projekt gesehen werden."


    Die erwähnten Fotos und Tagebuchauszüge sind in der Anlage (leider stark komprimiert) beigefügt und werden häppchenweise in einem Folgebeitrag ergänzt.


    Ich hoffe, dass man einen gewissen Eindruck von dem Litauen-Teil unserer Fahrt gewinnen kann.


    Gruß


    Joseph

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    Suche Informationen zum Füs.Bat. 170 im Zeitraum Juli 1944 und zur 269.I.D im Zeitraum Januar bis März 1945 (Festung Breslau)

    Edited 9 times, last by Joseph O. ().

  • Hallo Joseph,


    danke für die ausführliche Schilderung deiner Reise und Eindrücke. Ich bin schon jetzt gespannt auf die Folgebeiträge.


    Ist eigentlich der Volksbund deutscher Kriegsgräberfürsorge über die Äußerung des Redakteurs informiert? Müßte - würde er nicht alles tun die Grabstellen zu sichern und eine Überführung auf eine Gedenkstätte vornehmen?
    Oder bin ich zu naiv?


    Viele Grüße
    Günter

  • Hallo Hagen,


    ein solches Treffen (ich gehe davon aus, dass es sich primär auf die Wilna-Ereignisse beziehen soll) mit AK-Leuten und russ. Veteranen wäre natürlich sehr interessant.


    Ich hätte ggf. auch die Möglichkeit, so etwas (kostengünstig) in Bialystok zu organisieren. Tagungsort könnte ggf. eine Einrichtung des poln. Grenzschutzkommandos an der weißruss. Grenze sein (50 m vom Grenzstreifen entfernt ...).


    Wir werden sehen, wie weit diese Kontakte der Suwalki-Gruppe gediehen sind. Es ist sicher nicht so einfach, die Anreise der Veteranen zu organisieren und deren Aufenthalt zu gestalten (Kostenfrage!). Ein erster Kontakt mit ihnen war noch sehr schwierig - sie versuchten freundlicherweise auf Deutsch zu korrespondieren, was jedoch nicht ganz gelungen ist. Mir wurde aus dem Übermittelten nicht klar, welche konkreten Planungen bestanden.
    Ich hatte Ihnen nun angeboten, auf Polnisch zu kommunizieren - mal sehen, was dabei herauskommt.


    Ich hoffe, in nächster Zeit wieder aktiver mitarbeiten zu können, nachdem ich aus div. Gründen für einige Monate zurückhaltend agieren musste.
    Denkbar wäre auch eine Abfrage der Fördermöglichkeiten für ein derartiges Projekt. Auf EU-Ebene gab es früher immer gute Unterstützung für solche europ. Unternehmungen - die Mittel werden ja nun wohl nicht komplett Griechenland, Italien, ... zufließen!?


    Also - wir arbeiten daran ... !


    Gruß


    Joseph

    Suche Informationen zum Füs.Bat. 170 im Zeitraum Juli 1944 und zur 269.I.D im Zeitraum Januar bis März 1945 (Festung Breslau)

  • Hallo Joseph,
    vielleicht klappt das ja mit Suwalki und Wilna zusammen. Ja das mit den Veteranen ist so eine Sache, sind ja schließlich auch nicht mehr die Jüngsten.
    Aus Suwalki hat man den Vorschlag gemacht, die Veteranen zu befragen und auf Video aufzuzeichnen. Noch habe ich aber von dort keine Information erhalten, wie und wann sie das Treffen veranstalten wollen.
    Ich selber werde erst mal mit meiner Planung für meine Reise zur Krim beginnen, die nächstes Jahr stattfinden soll.
    Gruß Hagen

  • Hallo,


    ich bin vor kurzem auf eine weitere Karte zu den Wilna-Ereignissen gestoßen - in einem spanischen Forum:


    http://www.forosegundaguerra.c…69727&hilit=vilna#p169727


    Diese Karte (s. a. Anhang) aus seriösen Quellen wirft nun wieder neue Fragen auf:


    1. Der 1. Übergang wird hier ausschließlich aus dem westlichen Teil des Vingio-Parks in Verlängerung des Savanoriu Prospektas dargestellt. Der Bereich des Vingio-Parks sowie die nördlichen Ufer scheinen bereits in sowj. Hand gewesen zu sein. Andererseits wird hier zum Ausbruchszeitpunkt nur ein (1) Kessel skizziert - in sowj. Quellen (s. o.!) wird eine Aufspaltung in einen westlichen (Observatorium) und einen östlichen Teil (Gefängnis Lukishki) beschrieben. Die Räumung soll nur aus dem westlichen Bereich gelungen sein - der östliche wurde am 13.07. 1944 nach heftigem Bombardement zur Aufgabe gezwungen.


    2. Auch bei der Angabe des Ortes des 2. Übergangs gibt es gewisse Irritationen. Bisher war angenommen worden, dass der Bereich Grigiskes (Waka Kowienska) im Mittelpunkt gestanden hat. Die Karte weist jedoch eine Stelle ca. 500 m flussabwärts als Übergangsort aus.
    Aus Dokumenten (Tagebüchern, etc.) ist ersichtlich, dass die Flüchtenden entlang eine sicher breiten Zone am östlichen Ufer nach geeigneten Übergangsmöglichkeiten gesucht haben. Also wird der Darstellung eines (1) Übergangspunktes keine allzu große Aussagekraft beizumessen sein.


    3. Der eingetragene Weg entspricht in großen Teilen einer Skizze eines Beteiligten (Henning; s. o. !).



    Man sieht also wieder einmal, dass historische "Wahrheiten" manchmal revidiert bzw. noch stärker hinterfragt werden müssen.


    Vielleicht hat ja noch jemand im Forum "Beweis- bzw. Hinweisstücke" gefunden?!


    Gruß


    Joseph

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  • Hallo Forum,


    ich habe in der Anlage einige Dokumente beigefügt, welche Hinweise zur Marschroute der aus dem Kessel ausbrechenden Verbände geben. Es ist zweimal vom "Punkt 84,2" die Rede.


    Vielleicht gibt es hier im Forum jemanden, der sich mit der Festlegung dieser "Punkte" in Heereskarten auskennt?


    Der Punkt 84,2 scheint nach m. M. ein Streckenpunkt des Flusses Neris (hier Wilja genannt) zu sein.


    Interessant ist auch, dass "der Führer" bzw. das OKW in seinem entscheidenden, jedoch zu lange herausgezögerten Ausbruchsbefehl nicht einmal den Namen des Herrn Tolsdorff korrekt angeben kann.


    Also: Wo liegt der "Punkt 84,2" im Bereich Wilna? Das wäre dann auch die bzw. eine der Überquerungsstellen, welche ja bislang noch immer nicht eindeutig geklärt sind.


    Gruß


    Joseph



    P. S.: Die Bilder entstammen Materialien, welche unser litauischer Mitstreiter
    Karolis zur Verfügung gestellt hat.

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  • Hallo Günter,


    selbstverständlich wird der VDK dort aktiv sein - allerdings angesichts der Fülle der Aufgaben und der drängenden Zeit wohl nur "symbolisch". So erklärt sich denn auch der Vorwurf unseres Mitstreiters "Wenk" (aus Vilnius) gegenüber dem VDK, dass dieser die Suche nach Einzelgräbern eingestellt und litauischen offiziellen Helfergruppen untersagt habe. Es sollten im Augenblick ausschließlich Massengräber gesucht und erfasst werden. "Wenk" befürchtet, dass durch diese Anordnung zahlreiche Gräber nicht mehr lokalisiert werden können, da diese z. B. auch prof. "Grabräubern" zum Opfer fallen könnten.


    Die Zeit drängt wirklich. Bei unserem Besuch wurden wir von einem ca. 80 - 90-Jährigen auf etliche deutsche und sowjetische Einzelgräber hingewiesen. Andere (russisch-sprachige) Anwohner der Neris erzählten davon, dass vor Jahren auf dem deutschen Einzelgrab (vgl. Foto: Gruppe auf einer Rasenfläche) plötzlich eine brennende Kerze vorgefunden sein sollte. Keiner der Einheimischen konnte sich dieses erklären ... .


    Man sieht also: Noch gibt es Zeitzeugen- noch ließen sich durch systematische Befragungen Informationen gewinnen und das ein oder andere Schicksal klären.


    Auch das soll ein Ziel der "Vilnius-1944-Gruppe sein".


    Grüße,


    Joseph

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    Edited 2 times, last by Gast 27 ().

  • Hallo Joseph,


    Quote

    Also: Wo liegt der "Punkt 84,2" im Bereich Wilna? Das wäre dann auch die bzw. eine der Überquerungsstellen, welche ja bislang noch immer nicht eindeutig geklärt sind.



    in Deinem Dokument heißt es "84,2 in Wilja Flusz", diesen Punkt siehst Du unten auf der Karte. Die erwähnten Gleisanlagen ebenfalls.


    Plan von Wilna u.U.


    Noch ein anderer Plan:


    Stadtplan Wilna 1944


    Die Stelle ist bei Google earth gut zu finden, dort ist auch dieses Foto:


    [Blocked Image: http://mw2.google.com/mw-panoramio/photos/medium/10152045.jpg]


    Sieht doch nach Übergangsstelle aus, oder?


    Grüße


    Thilo

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    Suche alles zur Lehrtruppe Fallingbostel und zum Einsatz des NSKK in der Ukraine 1941

  • Hallo Thilo,


    vielen Dank für die Hilfe bei der kartographischen Analyse zu "84,2".


    Ja wirklich, es sieht dort heute an der Wilja (Neris) sehr idyllisch aus. Die Neris fließt so friedlich durch diese wunderschöne Stadt, aber wenn man die Aufzeichnungen (Kardel, etc.) aus jenen Stunden liest, dann kann es einen schon grausen ... .
    Im Sommer standen wir "Vilnius-1944-Forscher"exakt am anderen Ufer jener Stelle, die auf dem Goggle-Earth-Foto abgebildet ist. Unser litauischer Freund Karolis hatte bereits vor einem Jahr diesen Punkt als wahrscheinlichen Übergangsort genannt - seine Verlagsgebäude befinden sich nur ca. 200 m davon entfernt.


    Zur 2. Übergangsstelle bei Grigiskes (Waka Kowienska) ergeben sich nach den neuen Informationen auch leichte Korrekturen: Das Gros der Gruppe Stahel hat wohl nördlich der Waka-Mündung (unter Beschuss) den Fluss durchquert.
    Die Zerstörungen der Fabrikgebäude der Grigiskes AB sind wohl durch die Kämpfe gegen aus südöstlicher Richtung angreifende sowj. Truppen bewirkt worden.


    Nun sind wir wohl wieder einmal einen kleinen Schritt voran gekommen -


    Dekui (lit.) = Danke


    Joseph

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  • Hallo,


    ich wünsche allen "Wilna-Forschern", Mitlesern - insbesondere allen, die hier hilfreiche Beiträge geliefert haben, ein schönes Weihnachtsfest und alles Gute für das Neue Jahr.


    Joseph

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  • Hallo,


    ich suche nach "Schriftgelehrten, die die beiden Worte (s. Anlage!)(Altdeutsch?/Sütterlin?) aus einem interessanten Funkspruch entziffern könnten.


    Vielen Dank im voraus!


    Joseph

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  • Hallo,


    ich suche eine Topographische Karte (Militärkarte) zum Nordosten der Stadt Wilna im Maßstab 1:25000.


    Es reicht mir auch schon ein Hinweis, wo man ggf. ein Exemplar erwerben bzw. eine entsprechende Datei herunterladen könnte.


    Vielen Dank!


    Joseph

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  • Hallo Uli,


    vielen Dank für Deine Hilfe. Ich werde die beiden Karten weiterleiten - nach Vilnius. Es geht um Materialien für eine wiss. Arbeit. Konkret wird jedoch nach Heereskarten im Maßstab 1:25000 aus dem Werk "UdSSR (4cm-Karte)" gesucht.


    Gruß,


    Joseph

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  • Hallo zusammen,


    beim wiederholten Lesen der einzelnen Berichte viel mir jetzt ein Satz auf der bei mir einige Fragen auf wirft:
    Ein Heimkehrer berichtete darüber: "Nach meiner Schätzung sind bei den Flußübergängen 80% der Einheit ums Leben gekommen. Bei der Einnahme von Wilna wurden durch die Russen und Polen (Polnische Partisanenverbände der „Armia Krajowa Heimatarmee) ein Großteil der zurückgelassenen Verwundeten und Gefangenen in den Lazaretten wurden aus den Fenstern geworfen und erschossen.


    Wo waren diese Lazarette? Gibt es Namen der Zurückgelassenen?
    Eine Fage noch zum Schluß: Wie weit ist die "Vilnius-1944-Gruppe gediehen?


    Einen schönen Sontag
    Günter

  • Hallo Günter,


    schön, dass sich mal wieder etwas regt an der "Wilna-Front" (Pardon für diese milit. Floskel).


    Nun, das Wesentliche spielt sich im Augenblick in unmittelbarer Korrespondenz mit einem litauischen Verlag ab, welcher die Herausgabe einer Dokumentation zu Aspekten dieser Geschehnisse beabsichtigt. Hier bin ich momentan lediglich Zuarbeiter bestimmter Inhalte, welche mir aus deutschen Quellen in die Hände gefallen sind bzw. die in Archiven gefunden wurden.
    Es gibt im Grunde keine völlig neuen Erkenntnisse - vielleicht mit Ausnahme neuer Informationen aus KTBs bez. der Örtlichkeiten des 2. Übergangs und der betr. Zeiträume.


    Diese sehr detaillierten Materialien können hier im Forum leider nicht eingestellt werden - so eine Vereinbarung mit dem Verlag.


    Nun zur Frage der Verlust-Zahlen, welche schon früher einmal angesprochen wurde:


    Die Aussage, dass "80 % der Einheit" ums Leben gekommen ist, bezieht sich auf einen Bericht eines Angehörigen (AR 240) dieser Einheit. Allgemein sollen ja (nur) ca. 3000 der Eingeschlossenen aus dem Westkessel (Bereich um das Observatorium) den Ausbruch überlebt haben.
    Die restlichen 10 - 13 Tausend (untersch. Angaben ... ) aus dem Ostkessel sind bei den Kämpfen umgekommen, bzw. verwundet worden bzw. gefangen genommen worden.


    Ob die grausame Behandlung der zurückgelassenen Verwundeten durchgängige Praxis war, kann ich nicht beurteilen - glaube ich aber auch nicht. Es gibt z. B. auch Berichte, dass jüdische Partisanen deutsche Gefangene an einem Tor mit der Inschrift "Ave Maria" misshandelt und auch einige wohl erschossen haben sollen. Möglicherweise sind sie dabei auf Angehörige von Waffen-SS-Verbänden gestoßen, welche ja auch an den Kämpfen beteiligt waren.
    Man kann diese "Überreaktion" vielleicht "verstehen", wenn man bedenkt, dass nahezu die gesamte jüdische Bevölkerung Wilnas (ca. 100000 Personen) im Wald vor der Stadt bei Ponary (heute Paneriai) von Einsatzgruppen unter SS-Leitung erschossen wurde. Noch am Tag der Eroberung von Wilna wurden im benachbarten Kaunas über 1000 Juden exekutiert.


    Natürlich entschuldigt all dieses nicht die Racheaktionen - aber in diesen Zeiten war ein Menschenleben wohl nicht viel wert ... .


    Wo nun diese Lazarette eingerichtet waren, kann ich im Augenblick auch nicht sagen - das lässt sich jedoch wohl sehr leicht recherchieren, da die Bürokratie der Einheiten (Einträge ins KTB) bis zur letzten Patrone funktioniert hat.


    Zu den Aktivitäten der "Vilnius-1944-Gruppe" kann ich im Augenblick nur sagen, dass es die folgenden Optionen gibt:


    1. Erstellung eines e-books mit Hilfe aller Teilnehmer
    2. Unterstützung des Buch-Projekts
    3. Erstellung einer Doku unter Berücksichtigung aller Parteien (Aspekte) -
    notfalls im Alleingang


    Da die Gruppe im Augenblick ein wenig desorganisiert ist, wird es wohl auf die Pos. 2 und 3 hinauslaufen.


    Natürlich ist die Gruppe "offen" angelegt, sodass weitere Mitstreiter willkommen sind - insbesondere auch Du.


    Schöne Grüße - laba diena!


    Joseph

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  • Hallo Joseph,


    danke für die schnelle Antwort. Falls der Eindruck entstanden sein sollte, ich würde heute von hier aus, satt und vom Frieden umgeben, den moralischen Finger erheben, will ich dem gleich im Ansatz widersprechen.
    Es ging mir bei meiner Frage, weil doch die Bürokratie bis zur letzten Patrone funktionierte, um das Einordnen des Todes meines Vaters. Wenn er in einer solchen Liste der zurückgelassenen Verletzten aufgeführt sein würde, wäre er ja nicht beim Übergang der Wilna um Leben gekommen. Solange man keine Gewißheit hat grübelt man doch und alle möglichen (und unmöglichen) Szenarien gehen einem durch den Kopf.


    Wenn ich in der Gruppe einen Beitrag leisten kann, laß mich bitte wissen was ich tun kann.
    Damit ich überhaupt etwas tue, helfe ich im Augenblick bei der Erfassung der Dt. Verlustlisten des 1. Weltkriges des Vereins für Computergenalogie mit.
    http://wiki-de.genealogy.net/V…_Erster_Weltkrieg/Projekt
    Nochmals Danke
    Günter

  • Moin Günter,


    als Beinahe-Ostfriese ((Süd)-Oldenburger) erlaube ich mir heute mal Eure Grußformel, welche sich auch hier wachsender Beliebtheit erfreut.


    Was nun die Chancen betrifft, letzte Gewissheit beim Schicksal unserer Angehörigen in Wilna 1944 zu gewinnen, werde auch ich immer skeptischer.


    Auch unsere Großeltern hatten die Nachricht vom DRK erhalten, dass mein Onkel beim Durchquerungsversuch der Wilija (Neris) umgekommen ist. Ich hatte die Umschreibung der Vorgänge durch das DRK wortwörtlich identisch auch bei einem anderen als vermisst gemeldeten Soldaten gelesen. Möglicherweise verfuhr man beim DRK in den Wirren der Nachkriegszeit so, dass man standardisierte Benachrichtigungen verschickte, da man ja ohnehin nichts Genaues angeben konnte.
    Jedenfalls war kein Zeuge der Ereignisse angegeben worden.


    Die im Zuge der Eroberung von Wilna (und natürlich auch anderer Städte bzw. Einrichtungen) erwähnten Bestialitäten sind leider eine Begleiterscheinung des gesamten Kriegs - vor allem im Osten. Niemand hat das Recht auf einseitige Schuldzuweisungen. Aber während manches als Reaktion auf voraufgegangene Gräuel erklärt - aber auch nicht entschuldigt - werden kann, so muss man der deutschen bzw. nazistischen Seite einen Vorsatz in Form einer ideologischen Begründung für das Recht bzw. sogar die Pflicht zu solchen Brutalitäten gegenüber sog. Untermenschen, Bolschewisten, Juden, .... unterstellen.


    Je länger und je detaillierter man sich mit diesen Dingen beschäftigt, umso desillusionierter wird man bez. der ethischen Grundfragen. Daher trage ich mich mit dem Gedanken, die Nachforschungen allmählich ausklingen zu lassen. Das erarbeitete Material wird fragmentarisch in eine Dokumentation
    einfließen, welche in einem litauischen Verlag erscheinen wird.


    Ich bewundere Dein Engagement in Sachen "Datenbank 1. Weltkrieg". Ich wünsche Euch viel Erfolg!


    Labos nakties!


    Joseph

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