Kesselausbruch Wilna ( Vilnius ) 1944

  • ... und dann doch gleich noch eine Ergänzung,


    wie der aufmerksame Leser dem oben beigefügten Text und Kartenmaterial entnehmen kann, gibt es einen gewissen Widerspruch zwischen eben dieser Karte (Frontlinienverlauf), welche auf der Basis des KTB des Pz.A.O.K. 3 erstellt wurde und den im obigen Text genannten Zeitangaben.


    Diese Basiskarte wurde von Oberstleutnant Schneider im Auftrage von Dr. F. Scheuerle entwickelt und skizziert. Letzterer hatte zusammen mit einigen Wilna-Veteranen vor etlichen Jahren eine Dokumentation zu den Wilna-Kämpfen geplant, welche jedoch nicht realisiert wurde. ...
    Der dort für den 11.07.1944 eingetragene Frontverlauf zeigt die Kasematten und auch das Basilius-Lazarett bereits in sowjetischer Hand. Nach den Aussagen von Hans L. u. a. verließ Stahel und sein Stab die Kasematten jedoch erst am späten Abend des 11.07. und gelangte danach zu dem Basilius-Lazarett (in der Nähe des "Tores der Morgenröte").


    Eine mir vorliegende sowjet. Karte (im August 1944 angefertigt - quasi zur kartograph. Dokumentation der Wilna-Kämpfe) zeigt diesen Bereich für diesen Tag ebenfalls nicht eindeutig der einen oder anderen Seite zugeordnet - eher der sowjetischen.


    Ein Problem ist hierbei die in den Karten nicht angegebene Tageszeit. Evtl. gibt es jedoch Normen für derartige Fälle? Etwa derart, dass sich grundsätzlich (sofern nicht näher spezifiziert) die Frontlinie auf die Situation am Mittag bezieht?


    Ich gehe jedoch davon aus, dass den Angaben im Bericht von Hans L. (angefertigt ein paar Tage nach den Kämpfen) größere Relevanz zugestanden werden sollte als den Archivstudien (> 40 Jahre nach Kriegsende).


    Insofern bedeutet nun die späte "Entdeckung" des Zeitzeugen Hans L. einen enormen Zuwachs an Erkenntnisgewinn.



    Wie weit dieses nun zur Klärung anderer offener Fragen beitragen kann - etwa zum Schicksal von vermissten Angehörigen, sollte aber auch nicht überschätzt werden.


    Es sind lediglich einige weitere Puzzlestücke, deren Platz man gefunden hat. Vielleicht wird daraus noch ein aussagekräftiges Gesamtbild ... ?!




    Gruß,


    Joseph

    Suche Informationen zum Füs.Bat. 170 im Zeitraum Juli 1944 und zur 269.I.D im Zeitraum Januar bis März 1945 (Festung Breslau)

  • Lieber Joseph,


    Deine Rechercheerfolge sind beeindruckend, dank Deiner Ausdauer,
    darum auf ein Neues hier im Forum.


    Freue mich


    Gruss


    Paul

    G-W-G'

  • Hallo Justus und Paul,


    danke für die netten Worte.


    "Ich war dann mal weg" - eine kleine "Schaffenspause" war mal angesagt. Auch die Arbeit an der Doku habe ich einige Monate liegen lassen. Manchmal ist Warten ganz segensreich - man bekommt etwas Abstand und einen Blick von außen.


    Und wenn man dann noch das Glück hat, einen neuen Zeitzeugen kennen zu lernen, welcher als jugendlich wirkender 94-Jähriger


    a) hochintelligent
    b) kompetent und
    c) eine wirkliche "Quelle"


    ist, dann kann man nur noch sagen: "Dat Glück is mit de D.....!"


    Apropos "Glück": Es geht auf den Einsatz von Hagen ("Chevy") und seine Seite "ostvermisste-1944" zurück. Ein Angehöriger (und inzwischen neues FdW-Mitglied) ist auf diese Website aufmerksam geworden - erst dann begann Herr L. über die Wilna-Geschehnisse im Sommer 1944 zu sprechen ... .


    Wie ich gerade gesehen habe, hat unser Thread die magische Grenze von 100.000 Hits überschritten! ..... Schampus für alle! .....



    Gruß,


    Joseph

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  • Hallo Hagen,


    es ist schön zu lesen, dass nun weitere Schritte von Deiner Seite unternommen werden, um den VDK zu aktivieren. Es sind ja etliche Dutzend (wenn man so überhaupt von Menschenschicksalen sprechen darf) Fälle darunter, welche dem VDK noch gar nicht bekannt waren/sind.


    Damit ist ja auch ein wesentliches Ziel dieses Wilna-Threads tangiert, nämlich Angehörigen Informationen zum Verbleib und zum Schicksal Vermisster (oder bereits Vergessener?) geben zu können.


    Deine Homepage lieferte dabei - gewiss nicht zum ersten Mal - einen wichtigen Beitrag.


    In meinem (unserem) Büchlein - derzeit noch im fortgeschrittenen Rohbau mit 365 S. - wird ja im entspr. Kapitel auch noch auf andere offene Fälle im Bereich Vilnius hingewiesen. Der VDK wird sich dann hoffentlich etwas energischer der Sache "Vilnius" annehmen - zumal ihm der gesamte Erlös aus dem Verkauf der Doku zugesprochen werden soll. Es ist beabsichtigt, das Buch über createspace (amazon) zu verlegen bzw. zu vertreiben - es kommt aber wohl erst Anfang 2015 "auf den Markt".


    Gruß,


    Joseph


    P. S.: Ich sehe gerade, dass wir ein weiteres "Jubiläum" verschlafen haben: 500 Beiträge! Dann gleich noch mal: "Noch ´ne Runde!" :thumbup:

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    Edited once, last by Joseph O. ().

  • Hallo zusammen,


    ich möchte heute den ersten Teil des offiziellen Berichts (Scan des Originals vgl. Anhang) von Hans L. hier vorstellen, der sich mit dem Transport von der Front der HG Nord an die der HG Mitte (Richtung Minsk bzw. Molodetschno) befasst. Man blieb aber dann in Wilna "hängen" - immer noch mit der Hoffnung, den Befehl zur Weiterfahrt zu erhalten ... . Man ahnte bereits früh, in welche Sackgasse man sich dort begab.


    In diesem Dokument, das er als Leiter der Funkeinheit nach Beendigung der Kämpfe um Wilna anzufertigen hatte, beschrieb er den Bahntransport seiner und auch anderer Einheiten der 170. I.D. nach Wilna. Die Einheit von Franz O. wurde dort ebenfalls erwähnt – wahrscheinlich ist sie also am 05.07.1944 in Wilna eingetroffen.


    Bahntransporte von Divisionen dauerten Tage, wenn nicht gar Wochen, da das Schienennetz extrem überlastet war und häufig große Umwege erforderlich waren. Es musste mit Luftangriffen auf das Schienennetz und die Bahnhöfe gerechnet werden - auch die Partisanenaktivitäten bewirkten eine Teilblockade des Netzes.


    Im Falle von Hans L. führte der Weg von Sootaga (vgl. Anhang) in der Nähe von Tartu (Dorpat) zunächst an die Ostseeküste nach Jöhvi (bzw. Toila), dann wieder zurück mit der Bahn nach Tartu und weiter über Riga nach Wilna.


    Auch der Zeitzeuge Ferdinand Müller berichtet in seinem Buch von einer extrem verworrenen Anfahrt nach Wilna.



    Gruß,


    Joseph

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  • Hallo zusammen,


    der Bericht von Wachtmeister Hans L. über die Zeit vom 1.7.44. bis 21.7.44 sowie seine über die Wil(i)ja geretteten Tagebücher enthalten authentische Informationen über das Einsatzgeschehen. Es sind keine nachträglich aus dem Gedächtnis protokollierten Berichte. Damit kann der bisherige Wissensfundus überprüft und ggf. bestätigt werden. Joseph hat damit begonnen, das neu gewonnene Material auszuwerten und postet hier die Ergebnisse.


    Im letzten Post wurde der Weg, den Funker Hans L. bis Wilna nehmen musste, angesprochen. Da kommen Orte, wie Sootaga und Toila vor, von deren Lage man erst mal keine Ahnung hat. Der Ort Sootaga (auch Sotaga) liegt in der Nähe der Stadt Tartu – etwa 17 km entfernt. Der Ort Toila (Kreis Ida-Viru, Estland) liegt am Finnischen Meerbusen (Gulf of Finland) ca. 10 km vom Ort Jöhvi (dt. Jewe) und ca. 46 km von Narva an der estnisch-russischen Grenze entfernt.


    Die anliegenden Karten sollen die geographische Lage dieser Ort zueinander verdeutlichen. Zunächst fuhren Hans und seine Kameraden von So(o)taga nach Toila, so schreibt Hans L. Das wäre eine Entfernung von ca. 140 Autokilometern. Daran anschließend ging der Transport vom Umschlagbahnhof bei Jöhvi am 2. Juli 1944 gegen 14 Uhr in Richtung Wilna.


    Auch mein Vater muss in diesem Zug zusammen mit Hans gewesen sein. Das ergibt sich aus den Feldpostbriefen, die ich schon im Thread zu meinem Vater eingestellt habe,
    vgl. hierhttp://www.forum-der-wehrmacht…?postID=373395#post373395=>Mein Vater - Vermisst in Wilna 1944 <= (FP-Brief Nr.3 vom 2. Juli 44).


    Der Funktrupp von Hans war zu bestimmten Zeiten genau wie die II. Abt./AR 240, der mein Vater angehörte, in den Kasematten von Vilnius stationiert. Letzteres geht aus einem Gefechtsbericht dieser Abteilung hervor,
    vgl. hier => Mein Vater - Vermisst in Wilna 1944 <= (Gefechtsbericht).


    Beste Grüße
    Wulf

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    Edited 9 times, last by radio4wk ().

  • Hallo zusammen,


    heute soll hier der zweite Teil des Gefechtsberichts von Hans L. eingestellt werden, welcher die Ankunft und die Quartiernahme in Wilna schildert.


    Anfänglich bestand noch die Hoffnung, dass die Funktrupps weitertransportiert werden könnten - zur "Division". Das Gros der 170. I.D. war bis nach Molodetschno gelangt, von wo man sich dann, Wilna südlich in ca. 30 km Distanz passierend, etappenweise nach Westen bis an die deutsche Grenze zurückzog.


    Die Hoffnung, Wilna doch noch rechtzeitig verlassen zu können, bringt Hans L. in seinen privaten Tagebüchern zum Ausdruck. Diese werden hier in Kürze ebenfalls eingestellt, können aber auch bereits jetzt auf der Internetseite http://ostvermisste-1944.de/HL.htm gelesen werden.


    Bericht Teil 2:

    "Die Teile der Nachr. Abt. wurden in der Höhe der Kasematten von Wilna, in denen der Kommandant der Stadt, die inzwischen zum festen Platz erklärt worden war, seinen Gef. Stand hatte, zusammengezogen. Am 5.Juli erhielten wir durch Funkspruch von der Division nähere Anweisung über den Weitermarsch. Sie konnten aber nicht mehr ausgeführt werden, da die Einheiten bereits für die Verteidigung des festen Platzes bestimmt waren und darum festgehalten wurden. Lediglich die mot. Teile der Nachr. Abt. ausser dem Funktrupp und ein paar Fahrzeugen der l. Komp. konnten am gleichen Tage unter Führung von Herrn Lt. Schulte die Stadt verlassen und sich zur Div. in Marsch setzen. Die Funkstelle hielt für die zurückgehaltenen Teile Verbindung mit der Division und ermöglichte dadurch die Zusammenfassung aller noch später eingetroffenen Trosssteile.
    Die Abt. gab uns am 7.Juli früh den Befehl, auf dem Wege über Ib zur Div. zu marschieren. Die Funkstelle sollte sofort bei der Div.-Ib zum Einsatz kommen. Da die Strasse nach Lida, die von uns benutzt werden sollte, wegen Partisanengefahr nur noch bedingt befahrbar war, konnte sich Hptm. Beneke nicht entschliessen, noch am gleichen Tag abzufahren. Als wir uns dann am nächsten Morgen (8.Juli) zum Abmarsch bereit gemacht hatten, wurde die Genehmigung, die Stadt zu verlassen, vom Kommandanten des festen Platzes zurückgezogen."


    Wie man der Anlage, einem Einsatzbericht der II./A.R. 240, entnehmen kann, war der Gefechtsstand dieser Einheit ebenfalls in den Kasematten untergebracht.


    Diese Örtlichkeit, ein Foto des heutigen Zustands ist einem früheren Beitrag beigefügt worden, bot sich für derartige Gefechtsstände geradezu an, da große Teile der Anlagen damals tief unter der Erde lagen.


    Der Wunsch, die Stadt verlassen zu können, wurde gewiss mit jedem weiteren Aufenthaltstag größer, da man an Hand des Artilleriefeuers u. a. Informationen spürte, wie sich der Ring um die Stadt zu legen begann. Man befand sich eindeutig in einer Sackgasse ... .



    ... abschließend noch schnell eine Ergänzung oder gar Korrektur zum 1. Teil des Berichts:


    Die Ortsbezeichnung "Sootaga" wurde im Bericht von Hans L. vorgefunden. Der Ort "Sotaga", den Wulf in der obigen linken Karte markiert hat, knapp hinter der Narvafront, würde eigentlich bez. des Berichts besser passen, da dieser Ort wesentlich näher am Verladebahnhof Toila liegt. Einen derartig unsinnigen Marschbefehl von Sootaga bei Tartu an den Finn. Meerbusen nach Norden, dann die gleiche Strecke per Bahn zurück, macht auch bei einer angenommenen totalen Konfusion zu Beginn von "Bagration" keinen Sinn.


    Ich gehe also davon aus, dass es sich hier um einen kleinen Schreibfehler gehandelt hat - Hans L. wird seinen Weg nach Wilna nördlich des Peipussees bei Sotaga begonnen haben. Bestätigt wird diese Annahme durch die beiden möglichen Scheibweisen - gemäß:
    http://de.wikipedia.org/wiki/L…ichnungen_estnischer_Orte





    Gruß,


    Joseph

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    Suche Informationen zum Füs.Bat. 170 im Zeitraum Juli 1944 und zur 269.I.D im Zeitraum Januar bis März 1945 (Festung Breslau)

    Edited 4 times, last by Joseph O. ().

  • Hallo allen, hallo Joseph,


    stimmt, in der ersten Karte meines postings liegt Sotaga nördlich des Peipussees. Nach einer ersten Recherche dachte ich zunächst, dass Sootaga und Sotaga Synonyme für den gleichen Ort sind. Darauf brachte mich insbesondere die folgende Seite:
    http://de.wikipedia.org/wiki/L…ungen_estnischer_Orte#S_3


    Die Seite
    http://www.geographic.org/geog…621145&fid=1665&c=estonia
    zeigt bei Sotaga (nördlich des Peipussees) nur in den Wald, aber die Quelle (National Geospatial-Intelligence Agency des US Militärs) gibt auch weiter unten die Koordinaten an: 59° 11' 06" N - 27° 35' 04" E.


    Gibt man diese Werte in den Google Routenplaner ein, wird der Name Jöhvi-Vasknarva als Lokation genannt, nicht Sotaga. Offenbar ist es ein Punkt nahe der Straße Jöhvi-Vasknarva, die von Jöhvi bis runter zum Peipussee führt (Nr. 32). Der Punkt liegt nur 36 km von Toila entfernt, vgl. Karten.


    Vielleicht war es ein Truppenstandort außerhalb von Jöhvi in der Nähe der Narva-Front? Der Ort Sootaga dagegen ist ungefähr 140 km von Toila entfernt. Das wäre für den Zug von Jöhvi Richtung Wilna am 2. Juli 1944 (14 Uhr) in der Tat ein unwahrscheinlicher Anmarschweg gewesen. Daher schließe ich mich der Sichtweise an: Gemeint war Sotaga ca. 36 km von Toila entfernt.


    Wer Lust hat, kann sich => hier die lange grün besäumte Straße Nr. 32 (Mai 2013) ansehen.
    (Einschlafprogramm -- "https://www.youtube.com/watch?v=NMbaLcWxTOE").


    Beste Grüße
    Wulf

  • Hallo !

    ...Ich gehe also davon aus, dass es sich hier um einen kleinen Schreibfehler gehandelt hat - Hans L. wird seinen Weg nach Wilna nördlich des Peipussees bei Sotaga begonnen haben. Bestätigt wird diese Annahme durch die beiden möglichen Scheibweisen - gemäß:
    http://de.wikipedia.org/wiki/L…ichnungen_estnischer_Orte
    ...


    Hier mal das "Sootaga" ca. 25km nördlich des Peipus-Sees, jeweils mit "Doppel-O" geschrieben, jeweils knapp rechts oberhalb von 33/63:
    http://www.wwii-photos-maps.co…0/slides/O-35-32-A-c.html
    http://www.wwii-photos-maps.com/prewarmapso35-1-50000/O-35-26 to O-35-48/slides/O-35-32-A.html



    Die gleichlautende Schreibweise findet sich auch auf der "Deutschen Heerkarte U60" (ich bin aber jetzt zu faul, dort einen Ausschnitt zusammenzubasteln).


    Merke: Nicht immer zu schnell und großzügig einen Schreibfehler annehmen - der Mann macht ja selbst heute noch einen recht aufgeweckten Eindruck, ich habe mal in den Audiomitschnitt des "Interviews" reingehört ;)


    Mit freundlichen Grüßen

    Edited once, last by cabron ().

  • Hallo cabron,


    Merke: Nicht immer zu schnell und großzügig einen Schreibfehler annehmen - der Mann macht ja selbst heute noch einen recht aufgeweckten Eindruck, ich habe mal in den Audiomitschnitt des "Interviews" reingehört


    ... da hast Du recht - wir haben uns schon mit der "Wilna-Gruppe" zu seinem 100. Geburtstag angemeldet.


    Vielen Dank für Deine kartographische Unterstützung!


    Ich bin nicht von vornherein von einem Schreibfehler ausgegangen, da es diesen Ortsnamen in Estland mindestens dreimal gibt - immer mit beiden Schreibweisen. Es geht hierbei wohl um die deutsche Version - Estland war ja lange Zeit seit den Ordensrittern unter einer "deutschen" Hegemonie. Der baltendeutsche Adel ist ja noch heute ein Begriff (von Lambsdorff, von Wrangel, etc.) . In einem dieser "Sootaga" (estn. "Laiuse") , nördlich von jenem zuerst verdächtigten bei Tartu, findet man die Ruinen einer Ordensburg, bei welcher Karl XII. angeblich sein Lager während der Narva-Schlacht aufgeschlagen haben soll. Also ein geschichtsträchtiger Boden - es war also nicht die erste Narva-Schlacht damals. Diese Grenze zwischen Estland und Russland zeigt ja in der Stadt Narwa ein Spiegelbild dieser hist. Spannungen: Auf der einen Seite des Flusses Narva das Ordensschloss - auf der gegenüberliegenden russ. Seite das Schloss Iwangorod.


    wulf : Das ist ja ein interessanter Film - er zeigt möglicherweise einen Teil der Strecke, welche unsere Angehörigen und auch Hans L. auf ihrem Marsch bzw. ihrer Fahrt zum Verladebahnhof zu absolvieren hatten.



    Gruß,


    Joseph

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  • Hallo allen, hallo cabron,


    der Profi hat natürlich die "Deutsche Heereskarte", Ostland 1:25000. Super Hinweis, tolle Karten für Neulinge.
    Vielen Dank.
    Nun ist klar, dass auch der von Hans L. genannte Punkt sowohl als Sootaga, als auch als Sotaga in Karten zu finden ist. In deutschen Karten also mit Doppel-o. Der weiter oben genannte Ort Sootaga bei Tartu ist somit ein Namensdoppelgänger.


    Anliegend ein Ausschnitt aus Google Earth und entsprechend dazu der Ausschnitt aus der dt. Heereskarte. In beiden Fällen wird Sootaga = Sotaga nahe dem Nurk-See verortet. Das ist etwa in der Mitte zwischen Peipussee und Finnischem Meerbusen.
    (Anmerk.: Der Eintrag "Sotaga" in der Google-Earth-Karte unter den Koordinaten wurde nachgetragen.)


    Beste Grüße
    Wulf

  • Liebe Wilna Freunde.


    heute melde ich mich hier das erste Mal zu Wort:


    Ich bin ein Neffe von Funker Hans L. Wir treffen unseren Onkel und seine Frau ca. 2 - 3 mal im Jahr und unterhalten uns über ganz alltägliche Familiengeschichten. Es ist immer sehr nett und unterhaltsam.


    Im März 2014 nahmen die Gespräche jedoch einen ganz anderen Verlauf. Auf einmal legte Hans L. Dokumente, Fotos und Tagebücher aus dem 2. Weltkrieg auf den schön gedeckten Kaffeetisch und fing an, über seine Erlebnisse in den Jahren 1939 - 1945 zu erzählen. Wir alle wussten, dass er Soldat in der Wehrmacht war, aber dieses Thema war in der Familie stets tabu.


    Es fielen Begriffe wie „Besetzung Dänemarks“, Verladung nach Frankreich“ „Feodosia & Kertsch“ und vieles mehr. Aber besonders die Geschichten vom „Kessel von Wilna“ blieben bei mir haften.


    Einige Tage später recherchierte ich im Internet nach „Kessel von Wilna“ und landete unter anderem auf der Seite www.ostvermisste-1944.de vom FdW-Mitglied „Chevy“. Diese Web-Seite zeigte ich Hans bei unserem nächsten Besuch im September 2014 auf dem iPad meiner Frau, insbesondere die Seite „Der Weg der 170. Infanterie-Division“.


    Beim Lesen der Ereignisse konnten wir beobachten, dass die damalige Zeit Hans „gefangen nahm“. Konzentriert las er Zeile für Zeile und beendete die „Zeitreise“ mit der Bitte, Kontakt mit dem Autor aufzunehmen.


    Und so kam es zu dem schon legendären persönlichen Treffen am 23.11.2014 mit Hans L. und den FdW- Mitgliedern „Chevy“, „Joseph O“, „radio4wk“.


    Hans L. hat die in der Anlage befindlichen persönlichen Aufzeichnungen aus seinem Tagebuch, Wilna betreffend, freigegeben.

  • Hallo,


    ein bemerkenswerter erster Beitrag zum Einstand hier im Forum. Herzlich willkommen. Tage zwischen Leben und Tod in wenigen, gedrängten und unspektakulären Textzeilen in einer schönen Handschrift niedergeschrieben. Meinen Dank an Hans L..


    Gruß


    Paul


    .

    G-W-G'

  • Hallo zusammen,


    auch ich begrüße das neue Mitglied der "Wilna-Freunde".


    Diese von Wolfgang gewählte Überschrift "Wilna-Freunde" deutet ja auch an, dass wir nicht betriebsblind nur der "Beweihräucherung" der Geschichte verhaftet sind, sondern auch nach vorne blicken.


    Schließlich haben sich durch diese Forumsarbeit auch sehr interessante und freundschaftliche Kontakte nach Vilnius ergeben, welche gewisse positive synergetische Effekte nach sich gezogen haben. Vielleicht schaffen es ja die "Wilna-Freunde" doch noch einmal, eine Fahrt in den Gegenstand der Untersuchungen, ins wunderschöne Vilnius, zu unternehmen. Unser jugendlicher Hans L mit seinen 94 Lenzen wäre sicher dabei ... .


    Das Ende des zahlenmäßig interessanten Jahres 2014 (100. Jahrestag der Auslösung des Ersten WK; 75. Jahrestag des Ausbruchs des Zweiten WK und – nicht zuletzt – der 70. Jahrestag der Ereignisse in Wilna) naht – und damit die Zeit für (nicht selten vergebliche) Vorsätze und Planungen für das kommende 2015.


    Schau´n wir mal … .


    Nun etwas zu dem hervorragenden Beitrag von Wolfgang, welcher uns das private Tagebuch von Hans L. in einer gelungenen Aufbereitung präsentiert hat.



    Zunächst einmal meine Fragen als militärischer Laie:


    Was ist denn ein "O.v.Zug"? Im ersten Teil des Tagebuchs wird berichtet, dass Hans L. an einem Tage diesen Job während der Fahrt zu übernehmen hatte. Kann das "Offizier vom Zug" bedeuten – und welche Tätigkeiten hingen damit zusammen?
    Hans L. war zu diesem Zeitpunkt "Wachtmeister". Diese Bezeichnung kenne ich sonst nur von Polizei- oder Artillerie-Personal.


    Das nächste offene "Problem": Der Start des Transports nach Wilna war angeblich Toila. Dieser Ort besitzt (besaß?) jedoch keinen Bahnhof. Da dieses Dorf sich in der zaristischen Zeit sich zu einem bekannten Badeort bzw. einer "Sommerfrische" entwickelte, ist auch ein Bahnanschluss nach Petersburg denkbar … .
    Wahrscheinlich war jedoch der Verladebahnhof in Jõhvi. Von dort ging es dann westwärts bis nach Tapa (Taps) – so, wie es Wulf bereits in seinem früheren Beitrag hier für die Anfahrt seines Vaters vermutet hatte. (vgl. Anlagen!)


    Übrigens existieren sowohl in Toila an der Meeresküste als auch in Jõhvi deutsche Soldatenfriedhöfe – mit Tausenden Opfern der Kämpfe an der Narvafront.


    Hier:


    http://www.volksbund.de/kriegsgraeberstaette/toila.html
    und
    http://www.volksbund.de/kriegs…taette/joehvi-joehvi.html


    kann man einen Eindruck davon gewinnen.


    Im Falle von Hans L. führte der Weg, wie bereits o. a., von Sootaga (Region nördlich des Peipussees) im Hinterland der Narva-Front zunächst an die Ostseeküste nach Jõhvi (bzw. Toila), dann mit der Bahn nach Tartu (Dorpat) und weiter über Riga nach Wilna. Die Bahnfahrt, die nach Hans´Angaben auch durch Partisanengebiet führte – und daher sehr langsam – kann man sich evtl. so vorstellen, wie in einem Beitrag von UdoRudi im Thread


    Taktik im Bandenkampf - Materialsammlung


    beschrieben. Aber es ist ja dann doch bis Wilna noch "alles gut gegangen" … .



    Gruß, Joseph

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  • Hallo ihr "Wilna-Brüder" !

    ...Das nächste offene "Problem": Der Start des Transports nach Wilna war angeblich Toila. Dieser Ort besitzt (besaß?) jedoch keinen Bahnhof. Da dieses Dorf sich in der zaristischen Zeit sich zu einem bekannten Badeort bzw. einer "Sommerfrische" entwickelte, ist auch ein Bahnanschluss nach Petersburg denkbar … .
    Wahrscheinlich war jedoch der Verladebahnhof in Jõhvi. Von dort ging es dann westwärts bis nach Tapa (Taps)...


    Ich bin leicht entsetzt, daß ihr euch mit den Orten immer so schnell zufrieden gebt ;) (ok, zugegeben, hier ist das mal nicht allzu wichtig am Ende des Tages) - aber trotzdem folgende mögliche Variante:
    "Toila" ist wohl nicht nur ein Örtchen, sondern eine etwas größere Gegend, zu der auch das "Schloß von Oru" gehört, wo es einen Bahnhof Oru gibt, vielleicht nannte man das damals großzügig "Bahnhof Toila".
    Zu Toila, Schloß Oru usw:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Toila


    ...und hier der Bahnhof Oru bei ca. 35/84 ("Johvi" ist nur ca. 10km westlich davon, aber nicht mehr auf der Karte):
    http://www.wwii-photos-maps.com/prewarmapso35-1-50000/O-35-9 to O-35-24/slides/O-35-20-C.html


    FAZIT: Kann stimmen, muß nicht und ist auch nicht soooo wichtig, da es ja zum Glück diesmal nicht um einen Todesort oder eine Grabanlage geht.


    Mit freundlichen Grüßen (und nicht, daß ich hier gleichsam nebenbei auch noch zum Wilna-Experten werde... ;) )


    PS: Oder "Johvi" selbst hieß damals "Bahnhof Toila" - wer findet einen guten online-Übersetzer für folgenden wiki-Eintrag?!:
    http://et.wikipedia.org/wiki/Toila_raudteejaam

    Edited once, last by cabron ().

  • Hallo cabron,


    und nicht, daß ich hier gleichsam nebenbei auch noch zum Wilna-Experten werde


    ... Du bist schon auf dem richtigen Wege! Wir nehmen zwar nicht jeden, aber Deine Chancen steigen - zumal Dein kartographischer Sachverstand gelegentlich hilfreich ist.



    Ich sehe das ähnlich:


    1. Es ist eher unwichtig, ob die Fahrt nach Wilna nun von einem 8 km entfernten Bahnhof begann - oder nicht.


    2. Es handelt sich wohl um ein und denselben Bahnhof für den Badeort Toila und für Jõhvi.


    Natürlich strebt man nach einer exakten Rekonstruktion - aber nicht selten verbeißt man sich in Nebensächlichkeiten ... ,.



    Nachtgruß,


    Joseph

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    Edited once, last by Joseph O. ().

  • Hallo zusammen,



    ich möchte heute einen weiteren Teil aus dem offiz. Bericht von Hans L. einstellen - und ein wenig kommentieren.


    Das am Schluss des Auszugs angesprochene und vor allem auch in seinem privaten Tagebuch erwähnte "Verfahren" als Folge einer ihm in Panik befohlenen und von ihm durchgeführten Zerstörung der Funkausrüstung (es drohte ihm nach seinen Aussagen die standr. Erschießung) konnte Hans L. glücklicherweise schadlos überstehen.


    Hier werden nun die Kämpfe am 08.07. geschildert:


    "... Gegen Mittag dieses Tages machten wir Stellungswechsel zum Gef.Stand G.R.399, der in den Kellern des Klosters (Anm. d. Verf.: Es ist mit größter Sicherheit das Basilius-Kloster in der Nähe des "Tors der Morgenröte") untergebracht war.
    Um die gleiche Zeit war es den Russen gelungen, den Ring um die Stadt zu schliessen und an einigen Stellen in ihre Aussenbezirke einzubrechen. Damit war für alle in der Stadt befindlichen Truppenteile die Not­wendigkeit zu höchster Alarmbereitschaft und zum äussersten Einsatz für die Verteidigung des festen Platzes gegeben.


    Die Funkstelle wurde dem Kommandanten direkt unterstellt und fuhr gegen Abend zu den Kasematten zurück, wo sie unter schwierigen Verhältnissen (die Zu­führung zur Hochantenne musste 16-18 Meter unter die Erde geleitet werden) im Winkel eines Heizungsraumes aufbaute und Verbindung mit dem Pz.A.O.K.3 aufnahm.
    Es bestand ausserdem nooh eine Verbindung durch U-Kabel, sodass die Funkverbindung zunächst nur als Überlage­rung diente.
    Alle übrigen Männer der Abteilung wurden zur Verteidi­gung eines Abschnittes am Stadtrand in der Nähe des Bahnhofes einge­setzt.


    In den späten Abendstunden setzte der Russe zu einem Grossangriff an. Auch der gesamte Gef.Stand wurde alarmiert und musste die Kasematten verlassen. Die Funkgeräte mussten auf Befehl gesprengt werden. Später erwiesen sich diese Massnahmen als übereilt. Die Gef.Stände wurden wieder bezogen und es gelang zum Glück einen zweiten 100-Watt-Sender und einen Empfänger zu beschaffen, sodass die Funkverbindung wieder hergestellt werden konnte. ..."



    Die Gewölbe des Basilius-Klosters (gelegentlich in anderen Quellen auch als "Ave-Maria-Kloster" bezeichnet) und dienten auch anderen Stäben als Gefechtsstand - zum Schluss auch Abt. des A.R. 240.


    Bereits 1812, während des katastrophalen Rückzugs der Nap. Invasionsarmee aus Russland wurde das Kloster ebenfalls als Lazarett und Quartier genutzt (vgl. frühere Beiträge!).


    Die oben erwähnte Einschließung war am 08.07. noch recht locker - es operierten noch einige kleinere deutsche Gruppen im Bereich dieses porösen sowj. Einschließungskordons, welche sich dann zum Teil in den Kessel, aber auch nach Westen bewegten bzw. absetzten. Dieses ist auch in dem bereits oben erwähnten neuen Buch Liepsnojantis Vilnius" durch sehr gute Karten illustriert worden.



    Die in der Anlage beigefügten Bilder (Quelle: frdl. Überlassung von antraspasaulinis.net) zeigen die heutige und damalige Situation beim "Tor der Morgenröte" (Blick von der Bahnhofsseite) - auf der anderen Seite links der Straße liegt unmittelbar das Basiliuskloster.



    Gruß,


    Joseph

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  • Hallo zusammen,


    die Berichte von Hans L. enthalten, wie man sieht, sehr interessante und konkrete Einzelheiten zu der Situation in Wilna, sie ergänzen und festigen damit die bisherigen Recherchen sehr gut. Unser "cand. Wilna-Exp." cabron :D hat wieder einen super Hinweis auf hilfreiches Kartenmaterial geliefert.


    Die Heereskarte von 1944 "Jewe (Jöhwi) 0-35-19-D" zeigt die Bahnlinie Richtung Narwa. Im Ausschnitt findet man darin ein erstaunliches Detail:


    Zwischen dem Bahnhof (= Bf.) Sompa und dem Bf. Jewe (Jöhwi) wird noch vor dem Ort Jewe ein Waldstück (grün) dargestellt und dort steht der viel diskutierte Name "Sootaga". Wachtmeister Hans L. schreibt, dass sich sein Funkertrupp am 1. Juli 44 "von Sootaga nach Toila in Marsch setzte". Möglicherweise haben wir hier einen weiteren Standort namens "Sootaga" von dem aus Hans L. aufgebrochen sein könnte. Dieser Standort liegt nach der Heereskarte nur wenige Kilometer vom Ort Jewe (Jöhwi, Jöhvi) entfernt.


    Was bedeutet auf der Karte die im linken, rot markierten Bereich stehende Abkürzung "Brn." ? Kartenleser sind gefragt.


    Der Bf. Jewe (Jöhwi) liegt weiter östlich schon außerhalb des Ortes - im bewaldeten Gebiet. Hier könnte der Umschlag- bzw. Verladebahnhof gewesen sein, den mein Vater im FP-Brief nannte. Von hier müsste dann der Wehrmachtszug am 2. Juli um 14 Uhr Richtung Wilna abgefahren sein. Nach dem estnischen Wikipedia-Link von cabron wurde dieser Bahnhof auch "Toila raudteejaam" genannt. Da fehlt uns noch die zweifelsfreie Übersetzung….


    http://et.wikipedia.org/wiki/T…em_Toila)_raudteejaam.jpg


    Ich gebe Euch ja recht, die Frage welcher der Lagepunkte/Orte mit dem Namen "Sootaga" tatsächlich gemeint war, ist heute von zweitrangiger Bedeutung. Dennoch wäre es spannend, mehr zu wissen. Wahrscheinlich könnte uns Hans L. sagen, ob für die Distanz zwischen Sootaga und Toila (Bf. Jewe) 25 km oder eher 5 km zu marschieren waren.

    Der Bahnhof Oru, der noch einige Kilometer weiter östlich in Richtung Narwa liegt, ist - so meine Vermutung - nicht der Verlade- und Startbahnhof für den gen. Truppentransport nach Wilna gewesen.

    Beste Grüße
    Wulf

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