Die Schiffstragödie der „Lichtwark“ auf der Unterelbe

  • Hallo Forum,
    kürzlich fragte mich Jörg (der Sanitäter) per PN ob ich ihm etwas über das 1946 stattgefundene Schiffsunglück der „Lichtwark“ vor unserer Haustür berichten könne...
    Ich wollte gerne, aber konnte leider nicht...
    Als Nordlicht war mir der Name wohl schon mal untergekommen, doch etwas Genaues wusste ich nicht, es war auch nicht auf Anhieb an Informationen zu kommen. Selbst eingefleischte Seeleute, oder Kenner der geschichtlichen Ereignisse vor Ort mussten passten wenn es um Fakten ging. Die Sache machte mich ziemlich neugierig, weil auch in den Archiven nichts über das Unglück zu erfahren war. Warum? Was war geschehen?...
    Die einzigen Hinweise boten zwei Friedhöfe, die ca 30 – 35 km auseinanderliegen. Auf dem einen befindet sich eine Gedenktafel mit den Namen der vielen Opfer, auf dem anderen ein Gedenkstein der das Datum des schweren Schiffsunglücks festhielt.


    Ich möchte Euch nun von den Ergebnisse meiner Recherche zu diesem Schiffunglück erzählen. Vielleicht interessiert sich ja der ein- oder andere User dafür, was manchmal so alles hinter den Kulissen des FdW läuft:
    Die Schiffstragödie der „Lichtwark“ entpuppte sich als folgenschwerster Unfall der Nachkriegszeit auf der Elbe überhaupt.
    Am 24. Februar 1946 rund zehn Monate nach Kriegsende hatte der Hadag-Fährdampfer „Lichtwark“ von der alliierten Besatzungsmacht , der britischen Militärregierung den Befehl erhalten, 110 ehemalige Marinesoldaten von Hamburg nach Cuxhaven zu bringen.
    Es waren Männer, die sich zum Einsatz bei der GM/SA (German Mine Sweeping Association) verpflichtet hatten. Für einen geringen Lohn und gegen Verpflegung wollten sie die Wasserverkehrswege vor der Elbe räumen.
    Indes herrschten am 24. Febr. 1946 ungewöhnlich ungünstige Wetterverhältnisse für dieses kleine Ausflugsschiff . Eine meterhohe Dünung veranlasste den Kapitän der „Lichtwark“ um eine Verschiebung der Überfahrt bei den Alliierten zu bitten. Der Bitte wurde leider nicht stattgegeben und so musste sich das Schiff bei eisigem Nordwestwind mit Windstärke 9 (!) und Sturmflutgefahr auf dem Weg nach Cuxhaven machen.
    Am Oste-Riff geschah die Katastrophe. Die an Personen völlig überladene „Lichtwark“, die allenfalls für den Hafendienst tauglich war, schlug leck und lief rasch voll Wasser und kenterte.
    Die in Brunsbüttel stationierten Rettungskräfte, ein deutsches Lotsenversetzboot, sowie zwei Motorboote der Royal Navy konnten nicht wirklich rettend eingreifen und das Unglück nahm seinen Lauf.
    Von den an Bord befindlichen 110 Menschen konnten nur neun Männer lebend gerettet werden, zehn weitere Menschen konnten nur noch tot geborgen werden.
    Als die „Lichtwark“ am 10. März gehoben wurde, fand man noch einen weiteren Toten. Alle weiteren Personen hat die See nie mehr frei gegeben.
    Die Schiffskathastrophe blieb weitgehend unbekannt, weil zum Zeitpunkt des Geschehens nur wenige deutsche Zeitungen erscheinen durften.
    In der Kapelle des Cuxhavener Zentralfriedhof wird den damals umgekommenen Marineangehörigen mit folgendem Spruch gedacht:
    Ob nah, ob fern im Meer und Land,
    Sie ruhen alle in Gottes Hand
    Lichtwarck 24. Februar 1946

    In dem ca. 35 km entfernten Belum, wo das Unglück geschah erinnert ein Gedenkstein an das Datum des Unglücks. Anlässlich der 50. Wiederkehr des Untergangs der Lichtwark fand 1996 eine große Trauerfeier mit Kranzniederlegung der Marinekameradschaft Admiral Ruge und verschiedenen Politikern statt.
    Es bleibt nachzutragen, dass die gelegentlich kolportierte Meinung an der Küste, wonach die Lichtwark auf der Unterelbe durch eine detonierende Seemine vernichtet worden sei, eindeutig falsch ist.
    Gleichwohl gebe ich zu bedenken, dass bis zum heutigen Tag für den Bereich der Deutschen Bucht immer noch ein geringes Restrisiko durch Minen für die Schiffahrt besteht. So wurden beispielsweise zwischen 1993 und 1997 an der deutschen Nordseeküste immerhin noch 60 (!) Seeminen geräumt bzw. als Strandgut beseitigt.


    Die, 1928 vom Stapel gelaufene Lichtwark, (Länge: 23,55 Meter, Breite 6.50 Meter, Tiefgang 2,20 Meter max. Geschwindigkeit 9,3 Knoten) wurde am 31. Mai gehoben, repariert und später zu einem Motorschiff grundlegend umgebaut. Mit einem 14-Zylinder-Modag-Diesel und einer Leistung von 280 PS lief das Schiff bis 1977 unter dem Namen „Castello“ mit dem Heimathafen Lissabon.


    Frische Grüße vom Meer
    dieJANE

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    Edited once, last by Caprinus ().

  • Vielen Dank für diesen ausführlichen Bericht zu dem Unglück.
    Mein Vater war einer der Überlebenden.
    Ich bin sicher, er hätte sich sehr gefreut und hätte auch die Einladung angenommen, wenn man ihn 1996 zu den Feierlichkeiten eingeladen hätte.
    Den 24.Februar haben wir zeit seines Lebens als seinen zweiten Geburtstag gefeiert.

  • Hallo,


    zum Untergang der Lichtwark im Anhang noch ein kleines Fundstück und ergänzend auch noch die Werftdaten.

    Quellen: Salzburger Nachrichten Nr.48 vom 26.Februar 1946, Seite 2 u. Boie, Von der Hansekogge zum Containerschiff


    Bei der WLB ist sie (mit falschem Datum 1945) als Verlust durch Seemine verzeichnet: https://www.wlb-stuttgart.de/s…g/minen/minenverluste.htm


    Gruß, J.H.


    Schiffsname: Lichtwark

    Bauort: Hamburg

    Baudatum: 1928

    Typbezeichnung: Fahrgastdampfer

    Bauwerft: H.C. Stülcken Sohn

    Baunummer: 652

    Betreiber: HADAG Hamburg

    Gewicht: 143 BRT

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    Nett kann ich auch - bringt nur nix!

    Edited once, last by Johann Heinrich ().

  • Hallo zusammen,


    im Eintrag der Salzburger Nachrichten heißt es, die Lichtwark sei "entzweigebrochen und gesunken". Das klingt für mich, in Anbetracht des beschriebenen Hergangs (Schiff ist überladen, und bei deutlich zu starkem Wellengang unterwegs, liegt zu tief im Wasser, schlägt Leck und kentert), wenig plausibel. Sollte das Zerbrechen des Schiffskörprs schlicht dem Geist des verfassenden Journalisten entsprungen sein?


    Gruß

    Kneip

    Suche sämtliche Bilder und Schriftstücke zum Infanterie-/Grenadier-Regiment 6

  • Hallo Jane,

    eine interessante, gut recherchierte Geschichte. Kannst Du die Quellen Deiner Recherche benennen? Hattest Du Akten dazu gefunden?

    Besten Dank und Gruß!

    JR

  • ... Sollte das Zerbrechen des Schiffskörprs schlicht dem Geist des verfassenden Journalisten entsprungen sein? ...


    Hallo,


    man darf (auch aufgrund wohl oftmals fehlender Sachkenntnis der Materie und Umstände) den Journalisten und der Presse -damals wie auch heute- nicht alles abkaufen, was gedruckt wird. Wie Jane damals schon schrieb, ist die Ursache des Unterganges vermutlich eher in der völligen Überladung des zudem für diesen Einsatz wohl eher ungeeigneten Fahrgastschiffes zu suchen.

    Gerade noch mal nachgeschaut, bei Steinweg ist die Lichtwark gar nicht verzeichnet, obwohl dort durchaus mehrere Nachkriegs-Schiffsverluste auch kleinerer Einheiten im Dienst der GMSA und bei den Handelsmarinen auf Minensperren und Treibminen verzeichnet sind. Es wäre sicherlich auch mal interessant, ob es damals eine seeamtliche Verhandlung zu diesem Unglück einschließlich Klärung des Vorfalles gegeben hat? Im Staatsarchiv Hamburg gibt es anscheinend einen Aktenbestand zum Untergang, das Kommando über die Lichtwark lag zum Zeitpunkt des Unglücks demnach bei der 2.Minensuchdivision Cuxhaven.


    Gruß, J.H.

    Nett kann ich auch - bringt nur nix!

  • Hallo J.H.,

    deswegen (Seeamts-Akten) fragte ich nach den Quellen.;)

    Schöne Grüße!

    JR

  • Hallo zusammen,


    erstaunlich finde ich, dass das Schiff, 92 Jahre nach dem Stapellauf, immer noch in Betrieb ist und unter dem Namen Vista Duro in Portugal für Ausflugsfahrten genutzt wird.


    Nach der Bergung und Reparatur im März 1946 und einem größerem Umbau in Hamburg 1957/1958 wurde das Schiff 1977 in Castelo und 1989 in Vista Duro umbenannt.


    Quelle: Binnenschifferforum


    Das Schiff heute: Vista Duro


    Viele Grüße

    Nicco


    Edit: Hier noch ein Link zu dem Elbdampfer-Hamburg.de Forum mit einem Beitrag zur ex. "Lichtwark":

    https://www.elbdampfer-hamburg…ums/topic/lichtwark-1928/

    Edited once, last by Nicco ().

  • Hallo,


    die Lichtwark war Namensgeber für eine Klasse, zu der neben der Lichtwark auch die Brinckmann, Hasse und Mahler gehörten.


    Grüße

    Thilo

    Suche alles zur Lehrtruppe Fallingbostel und zum Einsatz des NSKK in der Ukraine 1941

  • Hallo zusammen,

    vor einiger Zeit habe ich für eine Bekannte über Ihren Vater recherchiert.

    Er war Besatzungsmitglied auf Z 30. Im KTB war folgendes zu lesen:

    Chronik Zerstörer Z 30

    Zusatzbemerkung > 24. Februar 1946:

    Nach Kriegsende sind 97 Kameraden bei einem

    Schiffsunglück auf der Unterelbe mit dem Aus-

    flugsdampfer „Lichtwark“ am 24.02.46 ertrunken,

    bzw. vermisst. Der von Norwegen mit Kamerad

    Burmeister (OLt.z.See) in Hamburg angekommene

    Transport sollte nach Cuxhaven zur weiteren Ver-

    wendung - Minensuchaufgaben - gebracht werden.

    Die Namensliste der verunglückten Kameraden ist

    der Marinekameradschaft Z 30 bekannt.

    Grüße sendet

    Klaus Fischer



  • ... deswegen (Seeamts-Akten) fragte ich nach den Quellen ...


    Hallo,


    leider ist Jane hier im Forum seit 2011 nicht mehr aktiv gewesen und wird deshalb die Frage wohl auch nicht mehr beantworten. Ob sie noch mitliest...?


    Gruß, J.H.

    Nett kann ich auch - bringt nur nix!